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Tödliches Wetter

29. Juli 2018 22:04; Akt: 30.07.2018 08:33 Print

Als der Londoner Smog 12'000 Menschen tötete

von Meret Steiger - Bei der Smog-Katastrophe 1952 in London legte sich während fünf Tagen dicker Smog über die Stadt. 12'000 Menschen starben.

Aufnahmen zeigen die extreme Luftverschmutzung im Dezember 1952 in London.

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Am Morgen des 5. Dezember 1952 erwachten die Londoner unter einem klaren Himmel. Es war kalt, der Winter hatte die englische Hauptstadt seit einigen Wochen fest im Griff. So wurden an diesem Morgen Aberhunderte von Kohleöfen in Wohnungen und Büros angefeuert, um die Kälte zu vertreiben.

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Smog zu dick zum Autofahren

Im laufe des Morgens legte sich eine dicke Schicht Nebel über die Stadt. In London, das für sein unbeständiges und dunstiges Wetter bekannt ist, war das noch nichts Aussergewöhnliches. Innert weniger Stunden mischte sich der Nebel aber mit den Tonnen von Abgasen, die aus den Kaminen der Fabriken und Häuser strömten.

Zusätzlich hatte London kurz zuvor das Tramsystem der Stadt durch Dieselbusse ersetzt, die die Problematik weiter verschärften. Bis am Abend des 5. Dezember hatte sich der Nebel in dicken, giftigen, gelben Smog verwandelt, eine Mischung aus Nebel (Fog) und Rauch (Smoke).

Ursache

Die Londoner liessen sich von diesem Smog zunächst einmal nicht beirren. Zwar betrug die Sichtweite teilweise kaum mehr als 30 Zentimeter und Autofahren war sogar dann unmöglich, wenn jemand mit einer Lampe vorausging. Kino- und Theatervorführungen wurden abgesagt, einerseits weil die Londoner nicht mehr zu den Veranstaltungsorten gefunden hätten, aber auch weil der Smog in Gebäude eindrang und die Leinwand oder Bühne nicht mehr zu sehen gewesen wäre.

Aber warum wurde der Smog so dick, so tödlich? Grund dafür war neben den Dieselbussen und dem hohen Kohleverbrauch vor allem das Wetter: Im Dezember 1952 gab es eine Hochdruckzone im Süden von London, die zu einer Inversionswetterlage wurde. Das bedeutet, dass die kalte Luft am Boden war, die Luft in höheren Lagen aber warm. Aufgrund der warmen Luft oben konnten die Schadstoffe nicht entweichen.

Zusätzlich gab es in diesen Tagen kein Wind, nicht das leiseste Lüftchen. Die Smog-Wolke lag unbewegt über London und wurde mit jedem Tag dichter – und damit auch gefährlicher.

Verkehr zusammengebrochen, Kriminalität gestiegen

In manchen Orten der Stadt soll der Smog so dicht gewesen sein, dass die Menschen ihre Füsse nicht mehr sehen konnten. Und wenn man die Arme ausstreckte, verschwanden die Hände im Nebel. Anfangs wurden Busse noch von Menschen mit Lampen durch den Nebel geführt, nach einigen Tagen kam der Verkehr auf den Strassen und der Themse komplett zum Erliegen, nur die U-Bahn fuhr noch.

Kinder sollten zu Hause bleiben – zu diesem Zeitpunkt noch nicht aus Angst vor den gesundheitlichen Schäden, sondern aus Angst, sie könnten im Smog verloren gehen. Überfälle und Diebstähle nahmen massiv zu. Sportliche Ereignisse wurden abgesagt.

Bis zu 12'000 Todesopfer

Der grosse Smog von 1952 war aber nicht nur unangenehm – er war tödlich. Besonders ältere Menschen, Kinder und Leute mit Atemwegserkrankungen sowie Raucher drohten zu ersticken. Aber erst als die Bestattungsunternehmer zusätzliche Särge bestellen mussten, realisierten die Londoner, wie gefährlich die Giftwolke über ihrer Stadt war.

Die Todesfälle im Zusammenhang mit Lungenentzündungen und Bronchitis versiebenfachten sich in dieser Zeit, die Todesrate stieg um das Neunfache an. Während des Smogs starben rund 4000 Menschen an den direkten Folgen, ungefähr 8000 weitere starben in den nächsten Monaten.

Aufatmen

Nach fünf Tagen unter der höllischen Smog-Decke kam endlich Wind auf und blies den tödlichen Dunst davon. Die Regierung, die den Nebel ursprünglich ignoriert hatte, sah nun doch Handlungsbedarf. 1956 setzte das Parlament den Clean Air Act durch, der das Verbrennen von Kohle in urbanen Gebieten einschränkt und gar rauchfreie Zonen benennt.

Diese Umstellung dauerte allerdings einige Jahre und es kam immer wieder zu giftigen Smog-Ansammlungen. 1962 starben erneut 750 Menschen an den Folgen der gestauten Abgase. Ein solches Ausmass wie 1952 nahm der Smog aber nie wieder an.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • nora am 29.07.2018 22:28 Report Diesen Beitrag melden

    spannend

    Das ist mal ein sehr guter Bericht! Wusste nichts über dieses Geschehen.

  • Und heute? am 29.07.2018 22:33 Report Diesen Beitrag melden

    Mehr Info bitte

    Ich frage mich, warum Sie diesen Artikel gerade jetzt bringen? Seit die Ozonwerte nach dem Sommer 2003 stark nach oben hin angepasst wurden, hört man nicht mehr viel von dem Thema.Nur: Woher kommen dann die brennenden Augen, kurze Atem und manchmal das Kopfweh auch nach kurzem Aufenthalt in der Bruthitze?

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  • Gucker am 29.07.2018 22:19 Report Diesen Beitrag melden

    Tolles Video

    Schaue ja selten die Videos, dieses hier wär sicher interessant gewesen. Wäre: getragene Musik und schwarzer Bildschirm, toll!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Mawa am 30.07.2018 23:16 Report Diesen Beitrag melden

    Was geht mich 1952 an?

    Seit da wurde vieles verbessert! Heute ist einges besser. Trotz der doppelten Bevölkerung! Sind heutzutage nicht schon alle Grossstädte davon betroffen? Eine Stadt ist halt eine Stadt!! Sonst bitte aufs Land auswandern.

  • Kritisch am 30.07.2018 20:10 Report Diesen Beitrag melden

    abgeschrieben

    @nora Ja spannend und praktisch wortgleich bei wikipedia abgeschrieben. Sehr kreativ muss man schon sagen.

  • Dan y el am 30.07.2018 19:36 Report Diesen Beitrag melden

    Abgase verkuerzen das Leben

    .....Abgase, die meisten sterben nicht sofort, es kann auch Jahrzehnte dauern. Oder im besten Falle nur ein paar tage oder Wochen frueher als vorgesehen.

  • Heiri am 30.07.2018 14:44 Report Diesen Beitrag melden

    Gruselige Stadt

    Auch heute noch sind die langsam Lebensmüden in London gut aufgehoben, dass alles etwas schneller geht.

  • M.G. am 30.07.2018 13:29 Report Diesen Beitrag melden

    Kohle aus Wales

    1952 wurden Dampfloks und praktisch alle Wohnungen mit Steinkohle aus Wales geheizt. Diese Kohle ist stark pechhaltig weshalb Heizen mit Waliser Kohle extrem grosse Mengen an Russpartikeln freisetzt. Das führte zum berüchtigten Londoner Nebel weil die Staubteilchen Kondensationskeime sind. Nach dem grossen Smog wurde das Heizen mit Waliser Kohle nach und nach verboten. Auch das Verkoken von Waliser Kohle für die Hochöfen wurde durch Koks aus australischer Kohle ersetzt. Das allerdings führte zu einem Zechensterben und grosser Arbeitslosigkeit in Wales und England.

    • emf949 am 30.07.2018 16:42 Report Diesen Beitrag melden

      Interessant

      Beitrag sehr interessant ! Ähnliche Probleme trafen auf die Stadt Lyon, wo Kohle aus Saint-Etienne benutzt war . Damals herrschten regelmäßig dicken Nebeln im Winter.

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