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Jardin d'Agronomie Tropicale

22. Juli 2018 14:21; Akt: 22.07.2018 14:21 Print

Paris versteckt einen Menschen-Zoo

von Meret Steiger - Einst gab es in den Stadtwäldern von Paris einen unfassbaren Zoo. Ausgestellt wurden keine Tiere, sondern Menschen aus den Kolonien.

Zu Besuch im verlassenen Menschen-Zoo in den Stadtwäldern von Paris.

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Versteckt in einem der Pariser Stadtwälder, dem Bois de Vincennes, befinden sich die Überreste einer Ausstellung, die heute unvorstellbar ist: Während der französischen Kolonialzeit vor über 100 Jahren gab es hier eine Art Menschen-Zoo.

Orte detailgetreu nachgebaut

1907 wurden im Jardin d'Agronomie Tropicale, dem botanischen Garten in Paris, sechs verschiedene Viertel gebaut. Jedes repräsentierte eine andere französische Kolonie: Madagaskar, Sudan, Kongo, Tunesien, Marokko und Indochina. Letzteres bezeichnet dabei Gebiete der heutigen Länder Laos, Kambodscha und Vietnam, die ab 1887 als Union Indochinoise (Französisch-Indochina) dem französischen Kolonialreich eingegliedert waren.

Die Viertel wurden zur Unterhaltung der Franzosen möglichst detailgetreu nachgebaut: Häuser und Strassen sahen aus wie in den jeweiligen Ländern, es wurden einheimische Pflanzen nach Paris gebracht und eingepflanzt. Um das Bild zu vervollständigen, wurden die Häuser mit Einheimischen dieser Länder bevölkert – ein Menschenzoo.

Ein halbes Jahr geöffnet

Die menschlichen Bewohner des Zoos wurden zwischen Mai und Oktober 1907 von über einer Million neugieriger Franzosen besucht. Heute gilt der Zoo als Schandfleck in der Geschichte Frankreichs und wird hinter rostigen Toren versteckt. 2006 wurden die Tore für kurze Zeit für die Öffentlichkeit geöffnet. Ein Besucher hielt online fest: «Man spürte sofort, dass das kein Ort ist, auf den die Franzosen stolz sein können.»

Der verlassene Zoo lockt Fotografen und urbane Entdecker an, die über die verwachsenen Wege zu einsturzgefährdeten Gebäuden finden. Shows gibt es dort nicht mehr: Wo früher ganze Familien in vermeintlich traditionelle Kleider gesteckt wurden und eine Art Theater für zahlende Besucher aufführen mussten, zerfällt heute nur noch alles.

Nicht wirklich freiwillig

Zwar kamen viele der Bewohner der Fake-Dörfer freiwillig nach Paris und wurden für ihre Auftritte auch bezahlt, trotzdem wurden sie auch unterdrückt, blossgestellt und degradiert. Die Bewohner waren keine Gäste, sie waren ein Ausstellungsstück.

Es ist auch heute nicht klar, was mit den Bewohnern nach dem Ende der Ausstellung geschah – man vermutet aber, dass nur die wenigsten wieder in ihre Heimat zurückkehren konnten. Die meisten mussten sich Freakshows und Zirkustruppen anschliessen, um überleben zu können.