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Ross Island

04. Juni 2018 13:38; Akt: 04.06.2018 13:38 Print

Gefangene mussten ihre eigenen Zellen bauen

von Meret Steiger - Die indische Gefängnisinsel Ross Island hat eine so düstere Vergangenheit, dass sie sogar mit den Konzentrationslagern der Nazis verglichen wird.

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Diesen Ausblick hatten die Insassen auf der zu Indien gehörenden Gefängnisinsel Ross Island. Hier wurden Dissidenten und Gegner der britischen Kolonialmacht, hauptsächlich aus Indien – damals, eine britische Kolonie – untergebracht. Und trotz der idyllischen Lage war das Leben auf Ross Island alles andere als paradiesisch. Die ersten 200 Gefangenen, die 1858 auf die Insel gekommen waren, mussten angekettet ihre eigenen Zellen und weitere Gebäude bauen. Die späteren Zustände im Straflager werden mit der Situation in sowjetischen Gulags oder sogar Konzentrationslagern verglichen. Die meisten Insassen litten (und starben) an diversen Krankheiten: Malaria, Ruhr und Lungenentzündungen waren die Haupttodesursachen auf der Insel. Andere starben an Folter oder Mangelernährung – oder an Begegnungen mit den wenigen Eingeborenen. Auf Ross Island wurden auch medizinische Experimente an den Insassen durchgeführt: 10'000 Gefangenen wurde Chinin verabreicht, ein damals noch unbekanntes Medikament. Auf der nur rund 31,2 Hektar grossen Insel lebten zeitweise 15'000 Gefangene. Die Anordnung, Dissidenten auf die Insel zu bringen, wurde Kala Pani genannt – was wörtlich übersetzt schwarzes Wasser bedeutet. Dieser Name sollte die Hindus in der britischen Kolonie einschüchtern und Aufstände verhindern. Bis 1941 wurden auf der Insel diverse weitere Häuser gebaut, darunter auch Geschäfte und eine Kirche. Am 26. Juni 1941 erschütterte ein Erdbeben der Stärke 7,7 die Insel und zerstörte die Mehrheit der Häuser. Danach wurde die Insel aufgegeben und 30 Jahre lang sich selbst überlassen. Heute ist sie ein beliebtes Ziel für Touristen und Historiker.

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Während mehr als 80 Jahren waren auf Ross Island Menschen eingesperrt, die sich gegen die britische Kolonialmacht gewehrt hatten. Berühmt wurde die Insel wegen der unmenschlichen Behandlung der Gefangenen. Ross Island war das britische Äquivalent zu den Straf- und Arbeitslagern der sowjetischen Gulag – und wird sogar mit den Konzentrationslagern der Nazis verglichen.

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Für Gegner der Kolonialmacht

Ross Island gehört zu den Andamanen, einer Inselgruppe im Indischen Ozean, am Golf von Bengalen. Und obwohl die Insel nur gerade 31,2 Hektar gross ist, lebten hier zeitweise über 15'000 Gefangene der britischen Krone, hauptsächlich Inder. Und das, obwohl Ross Island gut 1100 Kilometer von Indien entfernt liegt.

Das war natürlich Absicht: Gegner des Empires konnten dort ins Exil geschickt werden. Gemäss alten Hindu-Schriften sind Reisen über das Meer verboten, und wer es trotzdem tut, der verliert seine Würde und Akzeptanz in der Gesellschaft. Robert Napier, ein britischer Feldmarschall, erklärte es so: «Die Männer sollen von allem getrennt werden, von jeder Beziehung und jedem Besitz.»

Die Gefängnisinsel als Drohung

Die Anordnung, Dissidenten auf die Insel zu bringen, wurde Kala Pani genannt – was wörtlich übersetzt schwarzes Wasser bedeutet. Dieser Name sollte die Hindus in der britischen Kolonie einschüchtern, sie sollten auch Angst vor dem Verlust ihrer Rangordnung im Kastensystem haben.

1857, kurz nachdem erste Pläne für die Gefängnisse gemacht wurden, gab es einen Aufstand gegen die britische Kolonialmacht. Tausende Rebellen wurden festgenommen – und machten so die Gefängnisinsel zu einem dringenden Projekt. Als die Engländer 1858 schliesslich mit 200 Verurteilten auf der Insel ankamen, fanden sie einen fast undurchdringlichen Dschungel vor.

Die eigenen Gefängnisse gebaut

Die Aufgabe, aus diesem Urwald ein Gefängnis zu machen, fiel den Häftlingen zu: Angekettet mussten sie sich ihre eigenen Zellen, weitere Unterkünfte und Strassen bauen. In den kommenden Jahren sollte sich die Anzahl der Gefangenen auf Ross Island auf über 15'000 erhöhen.

Die meisten Insassen waren krank: Malaria, Ruhr und Lungenentzündungen waren die Haupttodesursachen auf der Insel. Andere starben an Folter oder Mangelernährung. Auf Ross Island wurden auch medizinische Experimente an den Insassen durchgeführt: 10'000 Gefangenen wurde Chinin verabreicht, ein damals noch unbekanntes Medikament. Diejenigen, die mit Aggressivität darauf reagierten, wurden gehängt.

Von der Gefängnisinsel zum Hauptquartier

Nach und nach breiteten sich die Engländer auf den anderen Inseln aus. Ross Island wurde zum Verwaltungssitz für die Gefängnisse. Bis 1941 wurden auf der Insel diverse weitere Häuser gebaut, darunter auch Geschäfte und eine Kirche. Am 26. Juni 1941 erschütterte ein Erdbeben der Stärke 7,7 die Insel und zerstörte die Mehrheit der Häuser.

Nach dem Erdbeben wurde Ross Island aufgegeben. 30 Jahre lang wucherten Bäume und Büsche über die Überreste der brutalen Gefängnisse, bis die indische Marine die Insel 1979 übernahm. Heute ist sie ein beliebtes Ziel für Touristen und Historiker.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Martin am 04.06.2018 14:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kuscheln

    Liebe CH Vollzugsverantwortliche. Das wäre doch etwas für uns und unsere lieben Häftlinge. Bitte mal abklären zu welchen Konditionen die Insel zu haben ist.

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  • Globi am 04.06.2018 14:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Warum nicht ein Schritt zurück?

    Tja, das waren noch Zeiten als man Kriminelle noch anfassen durfte wie sie es verdient hatten. Nicht alles war in der Vergangenheit schlechter als heute...

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  • Joint Adventure am 04.06.2018 14:39 Report Diesen Beitrag melden

    Für 10'000 Dollar

    Was alles zur Touristenattraktion wird, fehlt nur noch eine Bar mit Black Water Drinks!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Cool J am 05.06.2018 16:53 Report Diesen Beitrag melden

    Verdient haben sie es

    Tolle Sache, die haben es sich verdient

  • AlexK am 05.06.2018 15:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Strafe und Besserung

    Ich finde es schrecklich, dass Menschen sich wünschen, Gefangene würden härter angefasst. Ich finde es schrecklich, dass sich das Menschen im Kontext zu diesem Artikel wünschen. Neben Strafe gibt es noch Dinge wie: Bildung, Integration und Arbeit. Ein soziales Leben. Einsicht. Ohne Einsicht keine Besserung. Einsicht wird erschwert, wenn man alles auf harte Strafen reduziert. Die Geschichte zeigt auf, dass diese Reduktion Gesamtgesellschaftliche Konsequenzen mit sich bringt.

    • H. Manser am 05.06.2018 17:22 Report Diesen Beitrag melden

      @AlexK

      Ein Dieb ist und bleibt ein Dieb, ein Mörder ist und bleibt ein Mörder. Geschehenes kann man nicht ungeschehen machen.

    • AlexK am 05.06.2018 17:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @H. Manser

      Aber man kann einem Dieb aufzeigen, warum man nicht stehlen soll, und ihm eine zweite Chance geben.

    • Overlord44 am 05.06.2018 18:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @AlexK

      Gibst du auch einem Vergewaltiger eine zweite Chance? Würdest du auch von einer zweiten Chance sprechen wenn das Opfer deine Tochter oder deine Frau gewesen währe?

    • AlexK am 05.06.2018 19:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Overlord44

      Ich erinnere mich nicht daran, den Stravvollzug als überflüssig hingestellt zu haben! Was andere hier fordern ist ein Rückschritt ins Mittelalter!

    • Overlord44 am 05.06.2018 21:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @AlexK

      Immer noch besser Mittelalter als unsere heutige Wohlfühl-Justiz. Den linken sei dank.

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  • Typhoeus am 05.06.2018 07:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Auch der Belgisch Kongo

    war die Hölle, in der sogar Millionen umkamen; aber das verschweigt man heute.

  • Nationless am 04.06.2018 18:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es gibt andere die dorthin müssten

    Und schon kommen Wutbürger mit ihren unmenschlichen Fantasien daher. Wie traurige und gefährliche Mitmenschen haben wir denn unter uns? Was lief falsch? Ich finde diese Insel soll die Schweiz auch in Zusammenarbeit mit der EU nutzen und dort ein Sanatorium für Wutbürger aufbauen oder auch fundamentale Grünideologen und Tierethiker sollen dorthin ihr Paradies aufbauen. Wir fahren weiterhin Auto, essen Fleisch, kaufen was wir wollen, behandeln aber Häftlinge menschlich, sind zu sozial Schwächeren solidarisch und bekennen Chancengleichheit für Alle.

    • SP Wähler am 05.06.2018 15:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Nationless

      Super Kommentar. Schön zu lesen, dass es noch Sozial (Normal) denkende Menschen gibt.

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  • Marge am 04.06.2018 18:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ile de Diable

    Das französische Pendant ist die Insel vor Französisch-Guayana. Die Strafkolonie wurde erst 1953 aufgehoben und ist bekannt durch die Geschichte "Papillon". Heute kann man die Umgebung bei einem kühlen Bier auf sich wirken lassen.

    • Pappillotta am 04.06.2018 20:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Marge

      Darüber hat die gleiche Autorin auch schon geschrieben. Such mal "Das Leid ist spürbar" oder so ähnlich.

    • sonichtso am 05.06.2018 12:25 Report Diesen Beitrag melden

      @Papillotta rolgardina

      Es war ein Autor, Henri Chariere. Man muss jetzt nicht die ganze menschliche Geschichte auf Frauen umschreiben.

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