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Hameau de la Reine

07. Dezember 2019 18:00; Akt: 07.01.2020 16:25 Print

Ein ganzes Fake-Dorf für Marie Antoinette

Die letzte Königin Frankreichs liess sich im Garten von Versailles ein malerisches Dorf bauen – aber nur zur Dekoration.

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Marie Antoinette (1755–1793) war nicht besonders beliebt. Die letzte französische Königin galt als verschwenderisch, ihr dekadenter Lebensstil war den meisten Franzosen ein Dorn im Auge. Sie trug Perücken, die mit Mehl weisser gemacht wurden, in einer Zeit, in der die Bevölkerung kein Brot hatte.

Dieses Verhalten sorgte in Frankreich für Gerede, die Bevölkerung machte Marie Antoinette für die meisten (wirtschaftlichen) Probleme des Landes verantwortlich. Und die Königin? Die entschloss sich, mitten in dieser Krisensituation ein neues, extravagantes Projekt anzugehen.

Ein Fake-Dorf für Spiele, Spass und Gäste

1783, sechs Jahre vor der französischen Revolution, gab Marie Antoinette einen Weiler (Hameau, auf Französisch), ein dekoratives Dörfchen im Park von Versailles in Auftrag. Die Idee hatte sie von einem anderen Fake-Dorf: Im Garten des Château de Chantilly befand sich der Nachbau einer Farm aus der Normandie mit sieben Gebäuden, die zwar von aussen Dorfcharme verbreiteten, innen aber sehr teuer und elegant eingerichtet waren.

In diesen dekorativen Dörfern wurden Gäste empfangen, Spiele gespielt oder Theater aufgeführt. Auch Musiker spielten regelmässig in der Farm. Marie Antoinette war von dieser Idee begeistert und wollte einen eigenen Weiler: Der Hameau de la Reine (Weiler der Königin) wurde 1788 fertiggestellt.

Als Untertanen verkleidet

Im Weiler gibt es einen kleinen See mit einer Halbinsel, auf der sich ein achteckiger Aussichtspunkt mit Säulen befindet. Dazu kommen diverse Häuschen: Eine Farm, eine Molkerei, ein Taubenschlag, ein Heuschober und diverse Obstgärten. Das grösste Haus war das «Haus der Königin», allerdings immer noch im Dorf-Look.

Marie Antoinette und ihre Freundinnen verkleideten sich hier als Schafhirtinnen oder Milchmädchen und spielten im Fake-Dorf «Untertanen» – während sie immer noch von der Sicherheit und dem Luxus des Königshauses umgeben waren. Echte Bauern waren als «Dorfbewohner» angestellt und kümmerten sich um Tiere und Pflanzen.

Gastgeberin gespielt

Angeblich soll Marie Antoinette auch gern Gastgeberin gespielt haben: Sie lud wichtige französische Persönlichkeiten zu Gartenpartys ein, bei denen sie selbst Kaffee ausschenkte und «ihre» Eier und «ihre» Milch anpries.

Die Tatsache, dass der Weiler komplett eingezäunt war und nur enge Vertraute der Königin Zutritt hatten, sorgte für einige Gerüchte: So soll sich Marie Antoinette angeblich regelmässig im Weiler mit Männern getroffen haben.

Weiler existiert bis heute

Danach kam die Französische Revolution, Marie Antoinette wurde gefangen genommen, verurteilt und am 16. Oktober 1793 geköpft. Der Hameau de la Reine existiert aber mehrheitlich bis heute: Eine Molkerei wurde zerstört und der Heuschober ging kurz nach ihrem Tod in Flammen auf. Der Rest steht noch und kann besichtigt werden.

(mst)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Historikus am 07.12.2019 19:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ja, dieses Dörfchen

    ist schon sehr putzig anzusehen. Es lohnt sich auf jeden Fall, sich genügend Zeit zu nehmen, falls man Versailles besuchen möchte. Arme Maria Antonia: Sie wurde aus Gründen der Staatsraison von ihrer Mutter Maria Theresia von Österreich an Frankreich verschachert. Die Guillotine, mit der sie geköpft wurde, gibt es nicht mehr, mit Ausnahme der Klinge - diese kann heute noch besichtigt werden.

  • Markus R. am 07.12.2019 18:59 Report Diesen Beitrag melden

    Die Dimensionen des Parks

    von Schloss Versailles lässt man am besten mal persönlich vor Ort auf sich wirken. Mit mehr als 8 km2 ist er größer als manche Gemeinde in der Schweiz.

  • Fallbeil am 07.12.2019 19:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Arme Königin

    Als sie dem Scharfrichter Sanson beim Besteigen der Guillotine versehentlich auf den Fuss trat, hat sie sich vielmals entschuldigt. Schnell wurde sie auf das Brett geschnallt und die Lunette geöffnet...

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Red Pill am 10.12.2019 18:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verdientes Ende der Aristokratie

    Marie Antoinette? Das war doch die, die auf den Hinweis eines Kabinettmitglieds "das Volk hat kein Brot" gesntwortet hat: "Wenn es kein Brot hat, soll es doch Kuchen essen". Die aristokratische Dekadenz hat in der Franz. Revolution ihr verdientes Ende unter der Guillotine gefunden. Kein Mitleid meinerseits für die blutsaugende Marie Antoinette.

  • M.G. am 10.12.2019 15:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Opfer einer Gaunerei

    Kardinal Rohan war scharf auf ein Schäferstündchen mit der Königin. Der liebestolle Kirchenmann liess sich von Cagliostro und dessen Komplizin einreden das die Königen nicht abgeneigt seit sofern er ihr ein nie gekauftes Diamanthalsband schenken würde. Der Hinweis auf die Königen reichte um das Halsband auf Kredit zu kaufen. Natürlich gab es kein Treffen, die Steine verschwanden, die Juweliere verklagen den Hof und der Skandal war perfekt: Die Tugend der Königin für ein paar Edelsteine.

  • Rose de Tratscher am 08.12.2019 15:12 Report Diesen Beitrag melden

    New-Flaute?

    Okay, postrevolutionären Schandmäuler hatten so einiges an fantasievollen Gerüchten zu bieten. Muss das nun auch noch wiederkaut werden?

  • marc am 08.12.2019 11:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Grande Nation?????

    ja ja die Franzosen. Eine Grand Nation , leider damals wie heute mit unfähigen Leuten an der Spitze ( König/ Königin/ Politiker/ Gewerkschafter usw.) Frankreich ist nur noch eine Schein "Grande Nation" jeder schaut nur für sich. Ich habe selten in einem Land so viele agressive und gleichgültige Menschen gesehen.

  • Alexa am 07.12.2019 20:55 Report Diesen Beitrag melden

    Hübsches, schön gelegenes kleines Dorf

    Wirklich sehenswert, wie auch die riesigen Gartenanlagen und die beiden Trianon-Schlösser. Aufgrund der Distanzen reicht ein Tag nur knapp für die Besichtung. Das Dorf war übrigens eine Laiterie, wie sie auch bei diversen anderen Schlössern in Frankreich vorhanden und zu besichtigen ist.