«Auto Expo 2020»

09. Februar 2020 11:59; Akt: 08.02.2020 17:18 Print

Ein Schwellenland macht mobil

von T. Geiger - Wunsch und Wirklichkeit klaffen an der am Freitag eröffneten «Auto Expo 2020» bei Delhi zuweilen weit auseinander.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Draussen künden Plakate vom Aufbruch ins Elektrozeitalter und drinnen drehen sich neben jeder Menge neuer SUV vor allem die Akkuautos im Scheinwerferlicht. Auf den ersten Blick ist die Motorshow in Delhi eine Automesse wie jeder andere. Es findet sich zwar ausser Mercedes-Benz keine Luxusmarke in dem halben Dutzend Hallen, Motoren mit mehr als vier Zylindern sind die absolute Ausnahme und auch ein Kleinwagen wie die winzige Limousine Hyundai Aura oder der aufgebockte Renault Kwid im Format des europäischen Twingo kommen hier gross heraus.

Umfrage
Haben Sie den Auto-Salon in Genf schon besucht?

Solange man sich auf dem von einem riesigen Elefanten überragten Messegelände bewegt, passt die PS-Show ganz gut ins globale Bild. Doch schon auf dem Weg zum Parkplatz mehren sich zwischen verbeulten Kleinwagen, klapprigen Dreirädern und stinkenden Motorrollern die Zweifel. Und nach ein paar Kilometern auf den löchrigen Asphaltpisten hinaus aufs Land erkennt man, dass die Messe eine Scheinwelt ist, die mit der Realität nicht viel zu tun hat. Für die Autowelt ist Indien ein Entwicklungsland und entsprechend rückständig und vor allem lückenhaft ist der Fuhrpark.

Zehnmal die Schweiz

Zwar ist das Marktvolumen mit rund 3,4 Millionen Neuzulassungen im vergangenen Jahr mehr als zehnmal so gross wie in der Schweiz. Doch zählen die Inder bald 1,5 Milliarden Menschen und sind von der Massenmobilisierung noch entsprechend weit entfernt. Der Dauerstau in Delhi oder Mumbai darf deshalb nicht darüber hinwegtäuschen, wie wenig Autos es in dem riesigen Land eigentlich gibt: «In der Schweiz kamen 2019 auf 1000 Einwohner 551 Pw und im weltweiten Durchschnitt sind es immerhin 155, aber in Indien sind es gerade mal 25», sagt Jan Burgard vom Strategieberater Berylls in München.

Kein Wunder, dass die internationalen Hersteller seit Jahren auf den grossen Aufbruch hoffen und sich entsprechend in Position bringen – in diesem Jahr ist das vor allem der VW-Konzern, der mit einem Milliardenprogramm unter der Federführung Skodas auf fünf Prozent Marktanteil kommen und so auch das schwächelnde Wachstum in China kompensieren will. Dabei setzten die Wolfsburger laut Skoda-Chef Bernhard Maier auf eine Modelloffensive, die mit je einem SUV pro Marke beginnen soll. Noch als Studien apostrophiert, drehen sich in Delhi deshalb bei Skoda der Vision IN und bei VW der Taigun im Rampenlicht. Beide sind rund 4,20 Meter lang und werden lokal mit abgespeckter Konzerntechnik produziert. Und während die Wolfsburger sonst überall auf der Welt von ihren Elektromodellen schwärmen, setzen sie hier noch auf konventionelle Verbrenner. «Bei den alternativen Antrieben hinkt Indien mindestens zehn Jahre hinterher», räumt Vertriebschef Jürgen Stackmann ein.

Viele Kleinwagen

Wo der 1,5 Liter mit 150 PS im Skoda und der Dreizylinder mit 1,0 Litern Hubraum und 115 PS also gut nach Indien passen, ist das Format für grosse Stückzahlen zu gross. Obwohl kürzer als ein VW Golf, zählen die beiden SUV in Indien schon zur Mittelklasse, während die Musik in der Liga darunter spielt. «Autos unter vier Metern haben hier einen deutlichen Steuervorteil», liefert VW-Statthalter Gurpratap Boparai einen der Gründe für die grosse Zahl der Kleinwagen. Wichtiger aber noch ist das geringe Einkommen: In einem Land, in dem ein Industriearbeiter oft nicht mehr als 80 bis 100 Franken im Monat verdient, ist schon ein Kleinwagen für umgerechnet 3500 Franken ein Luxusgut. Kein Wunder also, dass etwa zwei Drittel der Autos in Indien laut Boparai in der Preisklasse zwischen 6500 und 13’000 Franken verkauft werden.

Während man in der Schweiz in einem VW Up oder einem Hyundai i10 am unteren Ende der der Preisskala fährt und sich kein Erwachsener freiwillig auf lange Strecken in den Fond eines Smart Forfour quetschen würde, sind Winzlinge wie der Suzuki Alto oder der Renault Kwid für Inder bereits ein grosser Fortschritt. Spätestens bei einer Fahrt über Land versteht man auch, warum: Dort sieht man genügend Familien, die zu fünft auf einem Motorroller unterwegs sind. Und in die allgegenwärtigen Tuk-Tuk-Taxi quetschen sich zu Stosszeiten auch mal acht oder zehn Mitfahrer.

Vor einem E-Boom?

Noch viel grösser als bei den Fahrzeugsegmenten ist die Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit auf der Messe in Delhi bei der Elektromobilität. Denn in den Hallen wirkt es so, als könne der Funke auch in Indien überspringen und das riesige Land könnte die Massenmobilisierung halbwegs umweltverträglich gestalten. Nicht umsonst will die Regierung in Delhi bis 2030 den Fuhrpark des Volkes zu 30 Prozent auf Akkuautos umgestellt haben. Und wer morgens vors Hotel tritt und im dicken Dunst um Atem ringt, der zweifelt nicht an der Signifikanz solcher Pläne.

Doch in der Smogglocke über Delhi und den von allgegenwärtigen Küchenfeuern gespeisten Nebelschwaden auf dem Land ist vom Aufbruch in die Elektromobilität nichts zu spüren: Selbst Rolls-Royce oder Bentley sieht man häufiger als Tesla, die Markteinführung der ersten auch nur halbwegs bezahlbaren Elektroautos von lokalen Marken wie Mahindra, Tata oder Maruti wurde auf der Motorshow gerade erst angekündigt, und von einer Infrastruktur kann noch keine Rede sein: Die vier Ladesäulen am Connaugh-Square, dem Geschäftszentrum im Herzen der Hauptstadt, sind für die Auto-Gäste auf der Messe eine Art Touristenattraktion. Und auf dem Land sieht es noch schlimmer aus: Auf einer Fläche, die mehr als 70-Mal so gross ist wie die Schweiz, ist die Rede von 2600 Ladesäulen. Und auch die werden erst zum Ende des Jahres erwartet.

«Die Inder haben einfach ganz andere Sorgen», glaubt Automobilwissenchaftler Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen mit Blick auf die oft katastrophale Versorgungslage der Bevölkerung: Viele Inder sorgen sich mehr um fliessendes Wasser oder Strom in den eigenen vier Wänden, als umweltfreundliche Energie für ihre Mobilität.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Egal ob E-Auto oder Verbrenner ! am 09.02.2020 12:13 Report Diesen Beitrag melden

    Mein nächstes Auto wir wieder eins sein

    welches ich innert 3 Minuten vollgetankt habe und danach Min. 1300 Km ohne nachzutanken fahren kann. Was anderes kommt mir nicht in die Tüte!

    einklappen einklappen
  • Traumreise m. schmutzigen Nebenwirkungen am 10.02.2020 01:22 Report Diesen Beitrag melden

    Die Weltflotte von 95.000 Schiffen

    bläst jedes Jahr unfassbare Mengen Schadstoffe in die Luft. Daran beteiligt ist die Kreuzfahrt. Ein Kreuzfahrt-Ranking des NABU bringt Erschreckendes ans Tageslicht. Die Weltflotte von 95.000 Schiffen verbrennt rund 470 Millionen Tonnen Treibstoff pro Jahr, was einer Emission von 28 Millionen Tonnen Schwefeloxid entspricht. Allein die 15 grössten Schiffe der Welt stossen pro Jahr so viele Schadstoffe aus wie 870 Millionen Autos, so der NABU (Naturschutzbund Deutschland). Diese Schiffe fahren nicht mit Diesel, sondern mit billigem, hochgiftigem Schweröl, ein Abfallprodukt der Ölindustrie!!

    einklappen einklappen
  • Thomas am 09.02.2020 14:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ist wirklich so.

    In Indien braucht ein Fahrzeug nur eine Hupe. Der Rest ist alles optional. Auch Verkehrsregeln.

Die neusten Leser-Kommentare

  • (((o))) (((o))) SONO (((o))) (((o))) am 10.02.2020 22:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Atemberaubend

    Der Sion hat atemberaubende Beschleunigungswerte, ein sportwagentypisches Durchzugsvermögen und eine souveräne, dauerhaft verfügbare Leistung". Von Null auf Hundert soll es "in deutlich weniger als 3,5 Sekunden" gehen. Das Vorserienfahrzeug hat über 440 kW (600 PS). Und kann locker ca. 26-mal hintereinander aus dem Stand von Null auf 200 km/h beschleunigen. Oder doch nicht? ;-) Braucht es auch nicht. Der Sion ist einfach ehrlich und sinnvoll. =========

    • Sunpower am 11.02.2020 05:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @(((o))) (((o))) SONO (((o))) (((o)))

      In nur einer Stunde liefert die Sonne genug Energie, um die gesamte Weltbevölkerung für ein Jahr mit Strom versorgen zu können. Dieses Potenzial müssen wir nutzen. Elektro­mobilität und Solar­technologie ebnen den Weg in eine klima­freundliche Mobilität.

    einklappen einklappen
  • Winnetou am 10.02.2020 14:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kein Freund von diesem Land

    Zum Glück muss ich nicht in Indien leben...

  • huschmie am 10.02.2020 13:16 Report Diesen Beitrag melden

    Das ist die Realität

    Das ist Realität für 80% der Erdbevölkerung. Welche Sorgen haben wir? Bevor ihr den nächsten Hype startet, euch bitte das vor Augen führen. Dann ist vieles nur noch halb so dramatisch.

  • Peter am 10.02.2020 10:41 Report Diesen Beitrag melden

    Öl = Enormer Wasserverbrauch

    Derzeit werden weltweit 17,5 Milliarden Liter Öl pro Tag verbraucht. Für die Förderung sind 46 Milliarden Liter Wasser notwendig. Mit diesem Wasser könnte man Lithium für 1,5 Millionen große Tesla-Akkus gewinnen jeden Tag. Und das Wasser für die Ölförderung verdunstet nicht, es wird häufig vergiftet. Schauen Sie sich die Bilder aus Nigeria an.

  • - Hinweis - am 10.02.2020 10:14 Report Diesen Beitrag melden

    Umweltschutz

    Die Herstellung der grossen Menge Lithium für die Akkus ist gewaltig, was die für riesige Umweltschäden anrichten ist schier unglaublich, darüber wird nichts geschrieben. Im Netz kann man das alles nachlesen. Und da wäre ja noch die Entsorgung von den gebrauchten Akkus, also das wiederspricht sich und hat überhaupt nichts mit Nachhaltigkeit und Umweltschutz zu tun. Tatsache ist, der Dieselmotor ist immer noch der umweltfreundlichste Verbrenner sofern man das ganze Konzept von A bis Z berücksichtigt.

    • Berichtigung am 10.02.2020 19:57 Report Diesen Beitrag melden

      @-Hinweis-

      Und dennoch ist es ein vielfaches Umweltfreundlicher als Öl zu fördern und raffinieren siehe Nigerdelta oder Unfälle wie Deep Water Horizon. Bei der Entsorgung ist gar nichts widersprüchlich, die Akkus werden recycelt oder als Heimspeicher noch ein paar Jahre weiterverwendet und dann recycelt. Keine Ahnung wie man das noch immer nicht geschnallt hat.

    • Weisst du was? am 12.02.2020 01:53 Report Diesen Beitrag melden

      @Berichtigung

      Ich diskutiere aus Prinzip nicht mit zurückgebliebenen.

    einklappen einklappen