IAA Frankfurt

10. September 2019 12:00; Akt: 10.09.2019 11:11 Print

Frankfurter Automesse wird zum Krisengipfel

von Joachim Becker - Dass der Technologietransfer nach China den deutschen Autobauern zusetzt, ist längst kein Geheimnis mehr. Ob sie aber so gerüstet sind, wie sie behaupten, lässt Zweifel aufkommen.

storybild

Hoffnungsträger einer (halben) Industrie: Der rein elektrisch angetriebene VW ID.3 soll Volkswagen auch bei den E-Autos an die Spitze hieven. (Bild: VW)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Manche Dinge ändern sich nie, die IAA-Rituale etwa. Routiniert wird die Autokanzlerin die Autoschau eröffnen. Obligatorisch sind auch der Standrundgang und die Proteste der Umweltverbände. Mit der Zuverlässigkeit einer Spieluhr wird Angela Merkel von Umweltschutz sprechen. Dass die deutschen Autohersteller weit davon entfernt sind, ihre Emissionsziele in den Jahren 2020 oder 2021 in Europa zu erreichen, wird sie in Frankfurt eher nicht erwähnen.

Klimaschutz oder Riesen-SUVs, nationale Verkaufsausstellung oder internationales Technologie-Schaufenster? Wofür die Hausmesse 2019 eigentlich steht, ist ebenso unklar wie das Profil und die Zukunft der deutschen Marken selbst. Fragen in diese Richtung bügelt der IAA-Hausherr selbstbewusst ab: «Als innovativste Automobilindustrie mit den weltweit höchsten Forschungsinvestitionen stehen wir auf der Pole-Position», sagt Bernd Mattes, Chef des deutschen Autoverbands VDA: «Wir sind gerüstet für die Mobilität der Zukunft.» Wo IAA draufsteht, ist vorne. Basta. Dabei wäre es an der Zeit, die schwarz-rot-goldenen Sichtblenden ein wenig zu öffnen.

2018 über eine Million Elektroautos – in China

Denn der Leitmarkt für neue Antriebe liegt längst woanders: In China wurden 2018 über eine Million Elektroautos verkauft, künftig wird die weltweite Führungsrolle noch grösser. Davon geht jedenfalls Chinas grösster Autohersteller aus: «Die Zukunft von Volkswagen entscheidet sich hier. China ist unser wichtigster Markt – und wird es bleiben», erklärt Volkswagen-Chef Herbert Diess, der gestern den elektrischen Hoffnungsträger ID.3 enthüllte. Doch wer weiss schon, dass die Autoproduktion in China von jährlich 87'000 Fahrzeugen im Jahr 1970 auf 28 Millionen im vergangenen Jahr gestiegen ist? Und dass der Marktführer VW dort in 2018 ähnlich viele Fahrzeuge verkauft hat (4,2 Millionen) wie in West- und Osteuropa zusammen?

Der Superzyklus in Fernost hat in dieser Dekade viele Strukturprobleme der deutschen Autohersteller und Zulieferer überdeckt. 2018 kamen diese zusammen auf 5,3 Millionen Fahrzeuge in China – mehr als in ihrer Ursprungsregion Europa. Kriegt der Absatz im weltgrössten Automarkt eine Delle, ist die Krise bei unserem Nachbarn gross. Mittelfristig wird die Wachstumsstory im Reich der Mitte aber weitergehen, schätzen viele Experten. Entscheidend ist, dass die «deutschen» Autos nicht importiert, sondern fast ausnahmslos in China gefertigt und zunehmend auch dort entwickelt werden.

«Für unseren Konzern setzt China inzwischen Standards bei Produktivität und Qualität. Als Innovationstreiber gibt das Land das Tempo vor: bei Elektro-Mobilität, Digitalisierung und neuen Mobilitätskonzepten», sagt Diess und ist überzeugt, dass China auf dem Weg zur Technologieführerschaft ist. Beharrt die IAA weiterhin auf dem Primat von Maschinenbau, Lack und Leder, ist ihr Bedeutungsverlust – über 20 Marken haben für dieses Jahr abgesagt –, programmiert.

«Fähigkeiten, die wir heute noch gar nicht haben»

Diess sagt: «Der Wandel, den die Autoindustrie durchlaufen wird, ist gravierend.» Im Vergleich zur Software-Explosion im Auto sei die Elektrifizierung des Antriebs einfach gewesen. «Die nächste Transformation wird härter für uns, weil es komplett neue Fähigkeiten verlangt, die wir heute noch gar nicht haben.»

Auch Wolf Faecks, Autoanalyst bei Publicis Sapient, warnt vor dem Technologiewandel: «Wir werden die Disruption in den nächsten fünf Jahren sehen – mit einer massiven Konsolidierung unter den Autoherstellern: China hat wiederholt erklärt, dass es sich in Schlüsseltechnologien keine Vorherrschaft durch andere Länder vorstellen kann. Das gilt zum Beispiel für das autonome Fahren, das die Chinesen selbst entwickeln. Was sie jetzt brauchen, sind Marken, die weltweit etabliert sind.»

Was liegt da näher, als etwa Anteile von Daimler zu kaufen? Deutsche Hersteller sind an der Börse günstig zu haben. «Das chinesische Engagement bei Daimler ist als strategisches Investment zu betrachten, um Verbindungen zu Mercedes zu knüpfen», ist sich Faecks sicher: «Es wird keine fünf Jahre dauern, bis diese Beteiligungsstrategie ausgebaut wird. Und es könnte auch eine für die Kunden sichtbare Allianz über die Marke Smart hinausgeben.»

Die Chinesen brauchen die Traditionsmarken

Geely hält 15 Prozent an den Stuttgartern. Viele Marktforscher gehen davon aus, dass dieses Investment auf eine Sperrminorität von 30 Prozent ausgebaut wird, mindestens. «Die Chinesen brauchen die Traditionsmarken und ihren Zugang zu den westlichen Luxus-Märkten und -Kunden für ihre weltweite Expansionsstrategie», so Faecks. Der Aufbau eigener Luxusmarken würde zu lange dauern.

Noch verständlicher wird das Marken-Monopoly vor dem Hintergrund der nächsten Digitalisierungswelle. Absehbar werden deutsche Hersteller bei neuen Mobilitäts- und Vernetzungsdiensten auf Partner aus der IT-Branche angewiesen sein. Allein schon deshalb, weil selbst VW unter Internet-Riesen wie Alibaba, Google und Tencent wie ein Zwerg wirkt. In der digitalen Welt geht das Zählen erst bei Kundenzahlen im zweistelligen Millionenbereich richtig los.

Software im Auto wird zehn- bis hundertmal mehr

Das könnte auch über den Erfolg beim autonomen Fahren entscheiden. Der Software-Umfang im Auto wird verzehn- bis verhundertfacht. Die extrem komplizierte Entwicklung von Roboterautos wird sich daher nur für einige Anbieter rechnen.
«Nur wenige grosse Unternehmen werden global dazu in der Lage sein, sämtliche Investitionen in die neuen Technologiefelder allein zu stemmen», prophezeit Faecks.

Statt als Vollsortimenter aufzutreten, werden sich viele Marken spezialisieren müssen. Bis zur IAA 2021 werden die deutschen Hersteller beispielsweise Autobahnpiloten auf der Strasse haben, die den Menschen hinterm Lenkrad zum (übernahmebereiten) Beifahrer machen. Ob sie auch noch den nächsten, weit schwierigeren Schritt zu fahrerlosen Autos in der Stadt (allein) beherrschen? Und wird die Frankfurter «Zukunftsmesse» dann noch die richtige Plattform für solche bahnbrechenden Innovationen sein?

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Tiziano am 10.09.2019 12:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die Welt wird explodieren

    Also es ist klipp und klar. Wenn China und Indien Jahr für Jahr 15 Mio neue PFZ verkaufen will und kann. Spielt der Klimaschutz in der alten Welt keine Rolle mehr. Ich hoffe für uns alle das individuelle Fortbewegung wie wir sie kennen in diesen Ländern nicht wirklich die Zukunft sein soll. China und Indien haben zusammen schon mehr Autos als der Rest der Welt. Noch fragen?

    einklappen einklappen
  • Andreas Schlegel am 10.09.2019 13:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ausverkauf

    Alle hofften auf das grosse Geschäft und merkten nicht das sie Die Technik verkauften. Sei es Werkzeug, Maschinen, Autos, Lokomotiven usw. Die einzigen die etwas davon haben sind die Berater .,...,,,,

  • lisa am 10.09.2019 12:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Europa hat schon lange verloren

    und verliert weiter die europäer vor allem DE verkaufen lieber SUVs fortschritt ade ales beim alten belassen aussitzen didgitalisierung autonom software robotik alles nur schlawörter armes europa war mal top

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • S. Fuchs am 10.09.2019 22:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Brennstoffzelle

    Die E-Mobilität ist nur ein Zwischenschritt (hoffe ich zumindest). Wie sollen all die Autos auf dem Laternenparkplatz aufgeladen werden? Das bessere alternative Auto ist das Wasserstoffauto. Darauf sollte die westliche Autoindustrie und die Politik setzen. Sollen doch die Chinesen auf den falschen Zug springen, wir müssen es ihnen nicht gleich tun zumal sie viel schneller sind als wir. Die Chinesen sind mittlerweile nur noch durch schlaues Handeln zu übertrumpfen.

    • Reto am 12.09.2019 17:02 Report Diesen Beitrag melden

      @S. Fuchs

      Wenn man keine Ahnung hat... Ein Brennstoffzellen-Auto ist nichts anderes als ein Elektroauto. Statt Lithium-Akku, Wasserstoff-Tank... Mann, mann mann....

    einklappen einklappen
  • Ruedi am 10.09.2019 20:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Elektro ist immer noch am Anfang

    Das Interesse an den elektrifizierten Autos ist doch eher bescheiden. Die Lösung für die Zukunft liegt wohl in anderer Technologie. In der Zwischenzeit ist immer noch Maschinenbau gefragt. Trotz Quartz - und Digitaluhren gibt es die mechanischen Uhren immer noch, genauso wird es noch lange Verbrennungsmotoren geben. CO2 hin oder her.

    • Antriebsexperte am 11.09.2019 00:36 Report Diesen Beitrag melden

      @Ruedi

      Wir glauben nicht, dass der Verbrennungsmotor eine Renaissance erleben wird, sagte Andreas Wolf, Chef der Powertrain-Sparte beim Zulieferer Continental, in einem Interview. Zwar werde es Verbrenner auch in Zukunft noch geben, aber nicht mehr mit dem Schwergewicht wie in der Vergangenheit, so der Antriebsexperte.

    • Ruedi am 11.09.2019 20:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Antriebsexperte

      Das hat die Uhrenindustrie in den 70er Jahren auch über die mechanischen Uhren gesagt, immerhin waren dies auch alles Experten.

    • PROLLTRASH am 12.09.2019 12:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Antriebsexperte

      continental meldet insolvenz an. soviel dazu.

    • Reto am 12.09.2019 17:14 Report Diesen Beitrag melden

      @Ruedi

      Uhren mit Autos vergleichen, wow, das sagt einfach Alles. Die Luft für Verbrenner-Argumente ist weg... Habe noch keine mechanische Uhr gsehen, die mit Benzin läuft. Aber wenn du ein Verbrenner Auto erfinden kannst, das durch Bewegung des Handegelenks läuft, ich investiere in dich!

    einklappen einklappen
  • Markt-Beobachter am 10.09.2019 20:15 Report Diesen Beitrag melden

    Auch interessant ist...

    ...welche grossen Markenhersteller nicht mehr mit dabei sind! ;) Die IAA verliert wohl auch immer mehr an Bedeutung!

    • kurt am 10.09.2019 23:36 Report Diesen Beitrag melden

      früher...

      ... ist man ja auch nur auf die messe gegangen um es mit den hostessen zu treiben. aber das geht in zeiten von #metoo nicht mehr, somit hat sich das auch erledigt

    • Alfred A. am 14.09.2019 19:26 Report Diesen Beitrag melden

      @Markt-Beobachter

      Kann sein, dass das Konzept Messe einfach nur ausgedient hat. Kann sein, dass wir dieser Tage einen Tiefpunkt gesehen haben und sich eine Trendwende abzeichnet. In Zeiten virtueller Realitäten und wirklich neuer Innovationen bei der Technik ist eine Prognose eher schwierig.

    einklappen einklappen
  • Sunpower am 10.09.2019 18:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geschwindigkeit

    +++ ++ Langfristig führt nach Meinung aller Fachleute kein Weg an einer emissionsfreien Mobilität vorbei. Immer mehr Grossaktionäre haben ein Interesse an der langfristigen Entwicklung von Unternehmen. Der langfristige Wert wird nicht durch den Verbrenner definiert. Alle wissen, dass es diesen Wechsel geben muss, es geht nur noch um die Geschwindigkeit. +++++

    • Schiedsrichter am 10.09.2019 18:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Sunpower

      Und wieder ist die Märchenstunde zu Ende, es geht immer viel zu schnell, findet Ihr nicht auch? Morgen muss ich dann leider in die Schule und Ihr werdet nichts von mir zu lesen bekommen. Ich danke Euch allen für Eure Aufmerksamkeit. Euer geliebter Sunpower

    • Bürger am 10.09.2019 19:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Schiedsrichter

      Ein sehr hilfloser Kommentar. Nimm ein Lavendel Bad. ;-)

    • Bürger am 10.09.2019 19:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Schiedsrichter

      Ein sehr hilfloser Kommentar ! Nimm ein Lavendel Bad, das hilft ;-)

    • Moonpower am 11.09.2019 19:31 Report Diesen Beitrag melden

      @Sunpower

      Kein Investor hat Interesse sein Geld 100 Jahre in eine Firma zu investieren bevor er Gewinn macht. Unfug. Investoren sahnen ab wenn möglich. Und am liebsten möglichst schnell. Denn dann kann man das Geld wo anders investieren und absahnen. Unfug!

    einklappen einklappen
  • Stromuald am 10.09.2019 16:23 Report Diesen Beitrag melden

    E-Turbo China

    Ich finde es bemerkenswert und erfreulich, dass die Chinesen, mit dem grössten Absatzmarkt so massiv auf e-Mobilität setzen. Das nützt der ganzen Welt.