E-Flitzer der Superlative

01. September 2019 18:00; Akt: 01.09.2019 18:37 Print

1224 PS und «Crash» am Steuer

von Stefan Mayr - Eine Mitfahrt im elektrischen 1-Million-Euro-Sportwagen Rimac Concept One in Kroatien wird zur Nervenprobe.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Krešimir stellt sich gleich mit seinem Spitznamen vor. «Crash». Wie bitte? Doch, doch, richtig gehört. Crash. Das habe aber nur was mit seinem Vornamen zu tun, sagt Krešimir. Und rein gar nichts mit seinem Fahrstil, beteuert er und lächelt. Das kann ja lustig werden: Eine Testfahrt mit dem elektrischen Supersportwagen Rimac Concept One – Höchstgeschwindigkeit 355, von 0 auf 100 km/h in 2,5 Sekunden – und der Chauffeur heisst «Crash». Soll man da jetzt wirklich einstiegen?

Immerhin: Es ist nicht Krešimirs erste Ausfahrt mit dem (fast) lautlosen Renner. Regelmässig pilotiert er potenzielle Käufer oder Journalisten durch das Hinterland von Zagreb. Eine eigenhändige Probefahrt am Steuer des Ein-Millionen-Euro-Flitzers? Die gibt es nur für Kunden, die eine 10-Prozent-Anzahlung leisten. Also 100 000 Euro auf den Tisch legen. Und selbst diese privilegierten Leute dürfen nur auf einer abgesperrten Strecke ans Steuer. Denn mit dem Concept One muss man echt umgehen können: Der Zweisitzer hat 1224 PS, bei Tempo 355 wird die Höchstgeschwindigkeit abgeregelt. Wegen der Reichweite und der Sicherheit.

Auch Richard Hammond crashte im Concept One schon

Eines von insgesamt nur acht Exemplaren ging bereits in Flammen auf: Der englische TV-Testpilot Richard Hammond (vormals «Top Gear», jetzt «The Grand Tour») raste bei einem TV-Dreh am Bergrennen Hemberg (SG) über eine Böschung. Bilanz nach dem Abflug und mehreren Überschlägen: Ein gebrochenes Knie und Totalschaden.

Also einsteigen. Aber wo ist der Türgriff? Man sucht vergeblich. Freundlich lächelnd zeigt Krešimir den Knopf, an der Unterseite des Aussenspiegels. Einmal drücken, dann springt die Tür auf. «Einsteigen» ist definitiv das falsche Wort. Es ist eine Mischung aus Reinklettern und Reinquetschen. Einmal drin, sitzt es sich in den Rennsitzen einigermassen komfortabel.

Im Innern des Zweisitzers fällt auf: Einen Innenrückspiegel hat er nicht. Und auch keine Fondscheibe. «Dieses Auto ist nicht zum Rückwärtsfahren gemacht», sagt Krešimir. Rückwärts Einparken ist ein Kunststück, denn die windschnittig-tropfenförmigen Aussenspiegel sind winzig, und piepsende Einparkassistenten gibt es nicht.

Concept One ist wie «Achterbahnfahren ohne Schienen»

«Crash» schafft es, den Flitzer unfallfrei aus der engen Werkstatt zu rangieren. Die Autobahn ist nicht weit von Sveta Nedelja, dem Vorort von Zagreb, in dem die acht Jahre junge Manufaktur sitzt. Auf dem Weg aus dem Gewerbegebiet zeigt der Wagen gleich: Die Federung hat bei Rimac nicht oberste Priorität. Das würde nur Gewicht bringen und die Beschleunigung hemmen. Diese Beschleunigung ist so extrem, dass schon zwischen Werksgelände und dem ersten Kreisverkehr klar ist: Wer eine Fahrt in diesem Teil geniessen will, dessen Kopf und Bauch müssen auch Achterbahnfahrten mögen.

Auf dem Beschleunigungsstreifen zur Autobahn schnurrt das Ein-Gang-Getriebe schnörkellos auf 130 hoch. Jetzt klingt das Auto wie ein aufgemotzter, aber auch schallgedämpfter Staubsauger.

Wenn «Crash» gerade nicht am Steuer sitzt, arbeitet er bei Rimac als Vertriebsleiter. Deshalb kann er nicht nur Gas geben, sondern auch Geschichten erzählen. Die digitale Tacho-Anzeige zeigt 130, da spricht Krešimir davon, dass die Beschleunigung bei Elektroautos ohne Verzögerung kommt. Dann drückte er das Pedal, der Hals knackst, der Rimac hüpft von 130 auf 230. Dass das Tempolimit auf Kroatiens Autobahnen bei 130 km/h liegt, kümmert «Crash» im Moment weniger. Der Beifahrer reibt sich noch das Genick, da betont Krešimir, heute fahre er wirklich «like a gentleman». Schliesslich sei das ein Kundenauto, das könne man nicht bis zum Anschlag treiben. 
Sein Chef, Firmengründer Mate Rimac sei da viel gnadenloser.

Der Concept Two hat 1900 PS und 412 km/h Topspeed

Das gilt auch für das nächste Modell aus dem Hause Rimac. Der Concept Two hat 1900 PS und 412 km/h Topspeed. Von 0 auf 100 beschleunigt er in 1,97 Sekunden und von 0 auf 300 in 11,8 Sekunden. Damit gilt das Concept Two als das am schnellsten beschleunigende Auto der Welt. Es lässt also auch Turboteile wie Ferraris und Bugattis hinter sich. Dieser Wahnwitz hat seinen Preis: Wer eines der 150 Exemplare haben will, muss 1,79 Millionen Euro investieren. 2020 sollen die Stromschleudern mit Flügeltüren auf die Strasse rollen. Derzeit laufen die Crashtests, die für die Zulassung nötig sind.


Der vergleichsweise lahme Concept One surrt nun runter von der Autobahn. Rauf auf eine kurvige Landstrasse. Nicht existente Federung hin und her, die Strassenlage lässt keine Wünsche übrig. Das hofft der Beifahrer jedenfalls angesichts des Tempos, mit dem «Crash» sich in die engen Kurven stürzt. Wenn jetzt ein dicker Lkw ums Eck käme, überlegt der Beifahrer. Und schon kommt ein dicker Lkw ums Eck.

Bremsen aus Carbon-Keramik

Der rechte Fuss stemmt sich reflexartig nach unten, obwohl da auf der Beifahrerseite weit und breit kein Bremspedal ist. Jetzt scheppert's. Scheppert's jetzt? Nein, der Rimac hat eben nicht nur eine Wahnsinnsbeschleunigung, sondern auch eine ebensolche Bremse mit Scheiben aus Carbon-Keramik. Dass man dabei auch noch Energie zurückgewinnt, das kümmert den Beifahrer jetzt gerade überhaupt gar nicht.

Angetrieben werden die vier Räder des Concept Two von jeweils einem flüssigkeitsgekühlten Elektromotor. Der Fahrer kann auf einem iPad-grossen Touchscreen auf der Mittelkonsole einstellen, welchen Modus er gerne hätte: Sport, Race, Custom oder Range. Range steht für Reichweite, laut Hersteller fährt der Concept One bis zu 350 Kilometer weit. Der Concept Two soll sogar 550 Kilometer Reichweite schaffen. Für beide Angaben gilt: Dazu muss der Fahrstil noch viel mehr gentleman-like sein als bei «Crash».

Auch bei Rimac heisst es künftig «automatisiertes Fahren»

Am Ende der Testfahrt parkt Krešimir den Wagen neben einem älteren Renault. Bei genauem Hinsehen sind die nachträglich montierten Kameras und Radar- und Lidar-Sensoren erkennbar. Bei Rimac basteln sie auch am Autopiloten, verrät Krešimir, der Concept Two werde bereits für (vollautomatisiertes) Level-4-Fahren vorbereitet. Die ersten ausgelieferten Modelle werden das noch nicht können, aber später soll der Autopilot dann aufgespielt werden.

Egal, ob mit oder ohne Autopilot: Der Concept One und der Concept Two von Rimac gehören zu jenen Autos, die die Menschheit dazu braucht, um bewundernde Blicke von Passanten einzuheimsen. Etwas Besonderes eben. Weil sie allen davonfahren und dies auch noch rein elektrisch, damit strahlen sie zusätzlich den Reiz des Neuen, Avantgardistischen aus.

Doch eines müssen die nach Aufmerksamkeit lechzenden Käufer wissen: Der Rimac fällt – im Gegensatz zu den Ferraris und Bugattis – nur dann auf, wenn er auch wirklich gesehen wird. Aufgrund des Motorengeräusches dreht sich in den Dörfern rund um Sveta Nedelja keiner um. Dazu ist er schlicht zu leise.

80 Millionen Euro aus Korea

Hyundai und Kia wollen gemeinsam mit dem kroatischen E-Sportwagenhersteller Rimac leistungsstarke Elektroautos entwickeln. Ab 2020 sollen zwei Modelle entstehen: ein batteriebetriebener Mittelmotor-Sportwagen sowie ein Brennstoffzellenfahrzeug. Die Unternehmen haben zu diesem Zweck in diesem Jahr eine strategische Partnerschaft geschlossen, die koreanischen Marken investieren dabei rund 80 Millionen Euro in das südosteuropäische Start-up.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • m.s.h. am 01.09.2019 19:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Crazy-"Crash" kurvt königlich.

    Echt CrAzY, der "Crash"! Erstaunlich, was es heutzutage alles gibt... Sehr beeindruckend -- aber braucht die Welt sowas??

    einklappen einklappen
  • E-Guru am 02.09.2019 21:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Big bounce

    ++ Der Weg geht unaufhaltsam zur batterieelektrischen Mobilität und das recht zügig. ++

  • Top Gear Team Old Staff am 01.09.2019 22:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Super

    Dann freuen wir uns auf einen ausgiebigen Test! Mal sehen ob der auch so schön brennt wie der alte ;-)

Die neusten Leser-Kommentare

  • Herr Oktan am 05.09.2019 08:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Elektroschrott

    Wieder so ein übermotorisierter Wagen den keiner braucht. Einen Benziner mit 1000Ps würde auch genügen.

  • Autoexperte am 03.09.2019 07:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Marktführer

    schon eindrücklich wie sich diese kleine Firma zzm Marktleader in der e antrieb Welt entwickelt. das sogar Porsche mit eingestiegen ist spricht für sich

  • E-Guru am 02.09.2019 21:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Big bounce

    ++ Der Weg geht unaufhaltsam zur batterieelektrischen Mobilität und das recht zügig. ++

  • Tin am 02.09.2019 16:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Startup

    Warum die Preise so hoch sind sollte jedem der etwas von Wirtschaft versteht klar sein. Ein solches Unternehmen kann nicht in Massen produzieren, deshalb nimmt man das Exklusiv-Segment. Das Unternehmen finanziert sich, indem es seine technologie mit den grossen Konzernen teilt. Ich finde die Geschichte von Mate Rimac und seinem Unternehmen sehr interessant. Weiter so, dies regt auch andere zum Nachdenken an!

  • Lobotomie am 02.09.2019 14:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zum Rückwärtsfahren dann bitte mit Lotsen

    Ah ja, ist nicht zum Rückwärtsfahren gedacht, muss man ja auch nie. Aber ein Rückwärtsgang hat er schon? Das ist mir unverständlich wie ein so exorbitant teures Fahrzeug mit einem so verbauten Heck, ohne Rückfahrkamera und Parksensoren auskommen muss. Mein billig Kleinwagen hat das ja auch schon.

    • Ein Mensch am 03.09.2019 08:41 Report Diesen Beitrag melden

      Was zum?

      Ganz ehrlich wenn man skill hat braucht man so was nicht

    einklappen einklappen