Car of the week

18. Mai 2018 05:30; Akt: 17.05.2018 22:20 Print

Eine Frage der Haltung

von Michael Köckritz - Geländegängig. Imposant. Von konservativer Eleganz: Mit dem Rolls-Royce Cullinan wurde der Öffentlichkeit nun der weltbeste SUV vorgestellt.

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Die mächtige Erscheinung des Rolls-Royce Cullinan wird unterstrichen durch den dominierenden Kühlergrill, eine sehr aufrechte Seitenlinie und riesige Räder. Angetrieben wird das Edel-SUV von BMWs V12 6,75 l TwinTurbo mit 6.75 Litern, 563 PS und 850 Nm. Eine Elektro-Variante ist fest eingeplant. «We wanted to magnify the sense of ultimate presence and capability,» sagt Rolls-Chefdesigner Giles Taylor über die dominante Linienführung des Cullinan. «This is the supremely capable bodyguard to the Phantom, but it will never overshadow Phantom.» Eine Glasscheibe trennt die Fondsitze vom Gepäck. Aus dem extrem geräumigen Gepäckraum im Heck (bis zu 600 Litern Kapazität) schwingt eine sogenannte Viewing Suite mit zwei Sitzen und einem Tischchen, auf dem zwei Single Malt Platz haben und ein Zigarrenaschenbecher. Die Zielgruppe für das SUV seien jüngere und progressivere Kunden, fügte Torsten Müller-Ötvös, Rolls-Royces CEO, bei der Vorstellung hinzu. Der Fond kann «familienfreundlich» mit durchgehender Sitzbank, oder mit luxuriösen Einzelsitzen geordert werden. Beide Varianten sind höher als die Vordersitze, was man «Pavillon View» nennt. Im Innenraum herrscht kapriziöser Luxus im traditionellen RR-Style. Das Lenkrad ist klein und fahrerfreundlich, weg von grossen, dünnen Lenkrädern im Chauffeur-Stil. Einen Rolls fürs Gelände zu designen hingegen, einen echten, der sowohl in der Wüste als auch auf der Bahnhofstrasse was hermacht, einen, der den noblen Namen nicht nur verdient, sondern die Marke mit Stolz erfüllt, so etwas braucht Zeit. Und Mut.

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Eine Handvoll Welsh Corgis müsse reinpassen, und auch der Modigliani, sollte der Rolls-Besitzer es bevorzugen, ihn selbst vom Auktionshaus abzuholen. Aber Bedingungen wie diese waren mit grosser Wahrscheinlichkeit eher leicht bei der Konzeption des neuen Rolls-Royce Cullinan zu bewerkstelligen. Einen Rolls fürs Gelände zu designen hingegen, einen echten, der sowohl in der Wüste als auch auf der Bahnhofstrasse was hermacht, einen, der den noblen Namen nicht nur verdient, sondern die Marke mit Stolz erfüllt, so etwas braucht Zeit.
Und Mut.

Ein Rolls fürs Gelände mag auf den ersten Blick etwas abwegig erscheinen. Allerdings war ein Teil der betuchten Kundschaft des traditionellen Luxusherstellers aus Goodwod schon immer nahe der Wüste zuhause. Rolls-Royce-Kunden in Shanghai oder im Silicon Valley hingegen mag Geländegängigkeit ziemlich wurscht sein, aber der Programmierer nebenan hat seit neuestem einen Bentayga, und na ja….

«Wir nahmen uns vor, nicht schüchtern zu sein,» sagt Rolls-Chefdesigner Giles Taylor, weil Untertreibung noch nie ein Verkaufsargument bei RR war. Das haben sie ganz gut hingekriegt, denn der Cullinan ist eine Klasse für sich. Die Mitbewerber werden es schwer haben, auch nur annähernd mithalten zu können. Und das nicht nur bei der Nomenklatur: Der Name Cullinan stammt von dem mit über 3100 Karat grössten jemals gefundenen Diamanten.

Fünf Jahre brauchten die Rolls-Designer, bis ihr Edel-SUV ausgereift war, und es ist eine wahrlich imposante Erscheinung geworden: Der typisch mächtige Kühlergrill dominiert mehr noch als beim Topmodell Phantom, die Laser/LED-Scheinwerfer, welche die nächsten 600 Meter vor Emily ausleuchten können, schmücken «strenge Augenbrauen.» – und mit einer Länge von 5 und einer Höhe von 1,80 Meter reduziert der Cullinan andere Luxus-SUV zu blossen Statisten.

Keine Spur von filigran, sondern beeindruckend und gleichzeitig beherrschend. Mit dominanten Seitenlinien und konservativer Eleganz. Es sei ein «three-box-shape,» wird geduldig erklärt, der extrem geräumige Stauraum im Heck ist durch eine Glasscheibe abgetrennt. Ursprünglich soll den Wagen sogar ein wahrhaftes Gepäckabteil am Heck geziert haben, ähnlich eines Rolls-Royce-Kofferraums aus den 30er Jahren, doch diese Idee fiel der Ästhetik zum Opfer. Dafür gibt’s im Heck zwei ausklappbare lederne Einzelsitze und einen Tisch für den wohlhabenden Naturfreund, der sein Anwesen in Ruhe betrachten will.

«Man wünscht sich zylindrische Kopfbedeckungen zurück»

Auf seine besondere Art huldigt der Neue aus Goodwood der RR-Tradition noch mehr als der Ghost oder selbst der Phantom, weil das überragende Gefühl beim Cullinan das einer aufrechten Haltung ist. Man wünscht sich zylindrische Kopfbedeckungen zurück und bedauert fast, dass die alten Kolonialzeiten vorbei sind, denn der edle SUV würde ganz toll auf die Dschungelpfade des britischen Raj passen, auf die Wüstenstrecken des Sudans oder die chinesische Seidenstrasse.

«Effortless, everywhere,» sei das konzeptuelle Motto gewesen, heisst es, ein königliches Automobil sowohl für die Auffahrt zum Anwesen als auch für die Fahrt zum Schneider in die Savile Row. Und wo andere per Drehknopf Fahrwerk und Fahrweise auf den jeweiligen Untergrund einstellen, drückt der Rolls-Royce-Fahrer auf einen Knopf mit dem Aufdruck «Everywhere.» Den Rest übernimmt der elektronische Chauffeur. Egal, was kommt.

«Wir sind keine Kompromisse eingegangen, indem wir ein Offroad-Antriebssystem für den Strassenverkehr entwickelt haben oder umgekehrt,» erklärt Caroline Krismer, Engineering Project Leader für Cullinan. «Wir bauten darauf auf, den berühmten Rolls-Royce-‘Magic Carpet Ride’ auf allen möglichen Terrains zu verwirklichen und gleichzeitig das klassenbeste Strassenverhalten im SUV-Bereich sicherzustellen.»

«Auch eine Überquerung des Dee bei Balmoral ist möglich»

Stereokameras in der Windschutzscheibe überwachen den Strassenzustand vor dem dahingleitenden Diamanten und Millionen von Rechenprozessen der Bordelektronik adjustieren das Fahrwerk in Nanosekunden, ohne dass sich der Fahrer drum kümmern müsste. Das 3D-Navi stimmt das Achtgang-Getriebe dem Untergrund entsprechend ein. Das gesamte Fahrzeug lässt sich um vier Zentimeter absenken (was, ganz nebenbei, das Einsteigen erleichtert, ebenso wie die gegenläufig öffnenden Türen.) Vortrieb leistet das bayrische V12 TwinTurbo-Aggregat mit 6.75 Litern, 563 PS und 850 Nm, das die fahrende Schrankwand 250 km/h schnell macht. Allradantrieb und Allradlenkung sind selbstverständlich. Die Gewässertiefe beträgt beeindruckende 54 Zentimeter, was eine Überquerung des Dee bei Balmoral auch abseits der B976 ermöglicht.

Natürlich gibt es bei Rolls-Royce keine Basis-Ausführung. Der Innenraum ist einem Rolls-Royce entsprechend, wird man belehrt. «Wir wussten, dass wir unseren Kunden etwas anbieten müssen, was sie derzeit auf dem SUV-Markt nicht finden können», sagt Giles Taylor. Jedes Modell wird den Wünschen der Kundschaft entsprechend modifiziert. Und ja, ein Rolls mit Heckklappe und umklappbaren Rücksitzen mag gewöhnungsbedürftig sein. Doch noch ungewohnter sind Rolls-Royce-Beschreibungen wie «Familienauto» (wenn der Cullinan mit einer durchgehenden Rückbank geliefert wird. ‘Chauffeur-orientiert’ ist die Ausführung mit zwei der edelsten individuellen Rücksitze in der Firmengeschichte) und «Stauraum» (bis zu 600 Litern).

Ach ja, times are changing. Fragt man übrigens nach dem Preis des Diamanten, erhält man eine nicht allzu freigiebige Auskunft. Der Cullinan läge ziemlich genau in der Mitte zwischen Ghost und Phantom.
Also runde 300 Tausend. Ein kurzes Nicken genüge.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Car Guy am 18.05.2018 07:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bentayga

    Immer noch besser als ein Touareg.. ehh ich meine Bentayga.

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  • Bull Dog am 18.05.2018 07:31 Report Diesen Beitrag melden

    Technisch top - optisch.....naja

    Technisch und von der Ausstattung wohl sicher beeindruckend. Optisch von vorne aber aussehend wie ein aufgebockter "Normal"-Rolls und von der Seitenlinie her an den Range Rover erinnernd. Überzeugt mich von der Designsprache wenig. Aber da vom Budget her sowieso nicht in meiner Bandbreite, erübrigt sich wohl die Gretchenfrage.

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  • Leicht Gewicht am 18.05.2018 07:39 Report Diesen Beitrag melden

    Weniger ist mehr... (Spassfaktor)

    Ich wünschte mir mal wieder bezahlbare Spassmobile, welche klein und leicht sind. Für den Normalo, der ein schmales Budget hat. Die brauchen wenig Benzin, da leicht und machen aus eben diesem Grund wieder Spass. Der Alpine ist ein Schritt in diese Richtung aber zu teuer...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Bernd Meister am 19.05.2018 11:07 Report Diesen Beitrag melden

    Porsche ist und bleibt der Beste SUV

    Gegen den Porsche Cayenne Turbo hat er in kaum einer Disziplin eine Chance! Höchstens bei Kosten und Pomp. Der beste SUV ist und bleibt Porsche Cayenne - forever.

    • Steff Moser am 19.05.2018 11:30 Report Diesen Beitrag melden

      Es ist kein Porsche

      @Bernd Meister : Auch dies ist nur ein müder, alter und biederer Touareg mit uralten Motoren. Immerhin wurde endlich auf den Stinkdiesel verzichtet. Nein, der Cayenne ist weder ein Porsche noch super. Es ist ein überteuerter, aus alten VW-Teilen gebauter Wagen. Erstaunlich, dass sich Porscheliebhaber sowas andrehen lassen.

    • socom am 20.05.2018 22:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Bernd Meister

      mittlerweile wird der porsche in praktisch allen disziplinen von anderen geschlagen. hervorzuheben gilt es hier die viel günstigeren jeep trackhawk, und der stelvio QV.

    • Is So am 30.05.2018 17:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Steff Moser

      Ein Porsche ist definitiv ein VOLKSWAGEN oder Schkoda

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  • MasterMind am 19.05.2018 10:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Vierfrucht

    Einen Militärsprutz auf die Karosse und das überaus hässliche Teil kann man als Privatpanzer benutzen.

  • Brumm am 19.05.2018 10:35 Report Diesen Beitrag melden

    Augenkrebs

    Es gibt keinen SUV mehr der gut aussieht. Das Thema scheint ausgelutscht. Und wenn dann am Sonntag die Sonne scheint und jeder Goldküstler meint am See ein Glace essen zu gehen ist das Verkehrschaos perfekt.

    • Reto am 19.05.2018 10:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Brumm

      Dieser gehört sicher zu den hässlichen. Die Modelle von Jaguar, Lexus und XC60 finde ich schon noch attraktiv.

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  • Automech am 18.05.2018 19:13 Report Diesen Beitrag melden

    ... of the week?

    Car of the week? Wohl eher "Tank" (Panzer) of the week: Riesengross, tonnenschwer und für den Normalverbraucher unerschwinglich...

  • Alfons am 18.05.2018 18:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Toller Wagen

    Aussen ein Juwel. Innen ist der Bentaiga schöner.