Ferrari der Woche

01. August 2017 05:05; Akt: 01.08.2017 15:40 Print

Wie die Zeit vergeht

Vor sieben Jahren brachte Ferrari den 599 GTO auf die Strasse – unterdessen ist er eine Million Franken wert. Wir erinnern uns an eine Ausfahrt.

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Der Ferrari 599 kam als Nachfolger des 575 im Jahr 2006 auf den Markt, doch er basiert auf dem legendären Enzo und der war zwischen 2002 und 2004 gebaut worden. Ab 2009 war der 599er als HGTE mit einem deutlich verbesserten Fahrwerk hochgerüstet worden, und auch die Rennsportversion 599XX wurde aufgelegt, 700 PS stark, damals rund eine Million Franken teuer und auf 30 Exemplare limitiert. 2010 legten die Italiener aus Maranello noch einmal eins drauf, brachten den GTO als Strassenvariante des 599XX - innert kürzester Zeit war die gesamte Produktion von genau 599 Exemplaren ausverkauft.


Die Zahlen machen so einiges deutlich. Der 6-Liter-Zwölfzylinder ist ein alter Bekannter, doch er leistet im GTO 670 PS (599: 620 PS) und kommt auf ein maximales Drehmoment von 620 Nm bei 6500/min. In nur gerade 3,35 Sekunden (599: 3,7 s) soll er von 0 auf 100 km/h beschleunigen können, die Höchstgeschwindigkeit liegt auf dem Papier bei 335 km/h. Ferrari sagt dann auch noch, dass der GTO, dieser Träger der wohl legendärsten Ferrari-Typen-Bezeichnung aller Zeiten, eine Runde auf der hauseigenen Rennstrecke in 1:24 Minuten schafft. Das hingegen beeindruckt uns nur so ein bisschen, denn der Ferrari 430 Scuderia schaffte das bereits 2007 in 1:23,9 Minuten. Und der schon erwähnte Enzo, ebenfalls für die Strasse gebaut, kam auf eine Höchstgeschwindigkeit von 355 km/h. Es ist halt so eine Sache, mit den Schnellsten, Schönsten, Besten.



Die deutlichen besseren Fahrleistungen sind das Resultat einer Abspeckkur. Über 100 Kilo konnten eingespart werden - die 1495 Kilo sind aber noch immer kein Glanzresultat. Der Porsche 911 GT2 RS kam damals mit seinen 620 PS auf ein Kampfgewicht von 1370 Kilo, der 570 PS starke Lamborghini Gallardo Superleggera auf nur 1340 Kilo. Entscheidend ist bei solchen Geschichten ja immer das Leistungsgewicht, und da schwingt der Porsche mit 2,21 kg/PS obenaus, der Ferrari kommt auf 2,23 kg/PS, der Lambo auf 2,35 kg/PS. Nur, eben: der Ferrari ist ein Zwölfzylinder, der Lamborghini hat nur 10 Zylinder, der Porsche gar nur sechs. Und da haben wir es dann, das Lied der Strasse (wie auch die unsägliche deutsche Übersetzung von «La Strada», einem von Fellini's Meisterwerken, hiess): Zwölf Zylinder sind ganz einfach die Meister-Arie unter den Motorgeräuschen, ein Boxer-Sechser klingt dagegen jämmerlich, und ein Zehnzylinder ist eh ein Konstruktionskrüppel. Für den 599 GTO haben die Ferrari-Ingenieure ihr ganzes Können ausgepackt, eine 6-in-1-Anlage für jede Zylinderbank konstruiert, diese sogar über Schallräume mit dem Innenraum verbunden, das Lärmniveau um satte 8 dB erhöht. Uns hat dann überrascht, wie wohlklingend das alles geworden ist, nicht böse oder gar aggressiv; der Sound ist unglaublich satt, aber nie nervig, ab 4500/min auf der kraftvollen Seite, aber nicht zu laut auf langen Strecken. So ganz nebenbei werden durch die neue, hydrogeformte Auspuffanlage auch noch 13 Kilo Gewicht eingespart.



Wenn du bremst, denkst du, du fährst gegen eine Wand

Drei Kilo leichter ist die zweite Generation der Carbon-Ceramic-Bremsen, entwickelt vom italienischen Spezialisten Brembo. Doch die Bremsen sind nicht bloss leichter, sondern sollen auch standfester sein, noch gröber zupacken. Wir konnten auf den diversen Runden, die wir auf der Ferrari-eigenen Rennstrecke in Fiorano gedreht haben, keinen Unterschied und vor allem keine Schwächen ausmachen; ein heftiger Tritt auf das Bremspedal vermittelt das Gefühl, gegen eine Wand zu fahren. Der Weg des Pedals ist kurz, man muss sehr feinfühlig damit umgehen. Sonst: Insgesamt 48 Kilo Gewichtsersparnis bei den mechanischen Teilen. 31 Kilo an der Karosse. und 33 Kilo im Innenraum. Vor allem die grosszügige Verwendung von Carbon hat dabei geholfen. Nicht gerade zum Leichtbau beigetragen haben aber die unglaublich fetten Reifen, die auf dem 599 GTO montiert sind: vorne sind es 285/30 im 20-Zoll-Format, das dürfte Weltrekord sein (hinten sind es 315/35, ebenfalls als 20-Zöller). Und damit wären wir dann beim Fahrwerk, dem neben der Motorleistung wohl entscheidenden Unterschied zwischen einem 599 GTB und einem 599 GTO. 10 Millimeter tiefergelegt ist der GTO, die zweite Generation der magnetorheologischen Fahrwerk-Kontrolle (SCM2) eingebaut, die Lenkung noch direkter. Und hier merkt man am besten, dass der GTO direkt von einem Rennwagen abgeleitet worden ist: Ui, das Ding ist unglaublich nervös.



Auf der Strasse merkt man das nicht so sehr. Ja, der Einlenkwinkel am Lenkrad ist unglaublich klein, der 599 GTO reagiert schneller als jedes andere Strassenauto, der Pilot denkt etwas, und schon ist es umgesetzt. Daran muss man sich zuerst einmal gewöhnen - vor allem als Co-Pilot, egal, wer fährt, die Fahrweise wirkt immer sehr eckig. Rennmässig halt. Auf der Rennstrecke fühlt sich der Pilot innert kürzester Zeit wie der Piranha im Goldfischteich - unglaublich, diese Präzision, diese extrem kurze Reaktionszeit. Und dabei ist der Ferrari auch auf schlechten Strassen erstaunlich komfortabel; gedankt sei dies immer schneller werdenden Computern, «real time» ist heute Tatsache. Was uns als Hobby-Piloten aber erstaunt: der 599 HGTE, die letzte Entwicklungsstufe des 599er, ist bedeutend einfacher zu fahren als der GTO. Er liegt mehr wie ein Brett auf der Strasse, gibt dem Fahrer keine Rätsel auf und macht ihm auch bei schnellen Runden keine Probleme.

Der GTO dagegen ist ein extrem filigranes Teil, sehr nervös, alles andere als einfach zu fahren, auch mit allen eingeschalteten elektronischen Helferlein nicht; er ist immer eine Gratwanderung, und der Gentleman-Driver dürfte von diesem Prachtstück schnell einmal überfordert sein. Ferrari sagt: das ist der Sinn der Sache. Wir fragen uns: gibt es 599 Fahrer auf dieser Welt, die diese fantastische Maschine wirklich im Griff haben? Denn: da sind ja auch noch 670 PS. Der Ferrari geht ab wie die sprichwörtliche Pressluft. Das maximale Drehmoment liegt erst bei 6500/min an, wie eine Turbine dreht er hoch bis zum Drehzahlbegrenzer bei 8400/min: das bedeutet aber, er will Drehzahl haben. Ein echter Sportwagen halt. Gibt man dem GTO die Sporen, hat man den Mut und das Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten, dann wird man belohnt von einer groben Fuhre an Vortrieb, bei 7500/min ein flotter Griff in die Schaltpaddels, zwei Mal, drei Mal, und schon ist man weit über 200 km/h schnell. 9,8 Sekunden dauert es von 0 auf 200 km/h.

Ein absolutes Übermass an Fahrfreude



Natürlich haben die Italiener auch das Getriebe verbessert, die gesamte Untersetzung um 6 Prozent gekürzt, beim Hochschalten knallen die Gänge jetzt schon nach 65 Millisekunden rein; es ist noch nicht lange her, da galt das in der Formel 1 als ein guter Wert. Beim Runterschalten dauert es 125 Millisekunden, aber dafür kann man das linke Paddel jetzt auch gedrückt halten, dann schaltet der Ferrari zwei oder mehrere Gänge hinunter, schön angepasst an die Drehzahl. Als gerade sanft kann man die Schaltvorgänge nicht bezeichnen, aber wir wollen auch nie vergessen, dass wir in einem so ein bisschen auch strassentauglichen Rennwagen sitzen.

Und doch sind wir, selbstverständlich, begeistert. Darüber, dass es ein doch kleines Unternehmen wie Ferrari - Porsche verkauft jedes Jahr zehn Mal mehr Autos - seit ein paar Jahren immer wieder schafft, hochkarätige technologische Innovationen in Serie zu bringen. Dass diese Innovationen immer wieder zur Stärkung der Faszination eines Ferrari beitragen können. Dass diese Maschine 599 GTO ein absolutes Übermass an Fahrfreude bieten kann. Niemand braucht solche Autos - aber es ist schön, dass es sie gibt.



317'000 Euro kostete so ein Ferrari 599 GTO vor sieben Jahren (und damit doch 35’000 Euro mehr als der neue 812 Superfast, der mit 800 PS antritt). Es war eine grossartige Investition, wenn man es sich damals leisten konnte, denn unterdessen werden für die 599 GTO bereits eine Million Euro bezahlt. Tendenz: schnell steigend.

(pru)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Benziner am 01.08.2017 09:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zukunft

    Ich freue mich schon auf all die Testberichte der E-Autos.. "das tolle Surren der E-Motoren, die unerreichte Grösse des 18' Display in der Mittelkonsole usw."

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  • Dani Jeteng am 01.08.2017 22:42 Report Diesen Beitrag melden

    Vergesst den E-Auto Hipe

    E Autos haben keine Zukunft. - hohes Gewicht - hoher Verbrauch von seltenen Erden (die vornehmlich in chinesischem Besitz sind), etc. etc. Der Wasserstoffmotor ist die Zukunft. Die Japaner machen es vor...

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  • autosammler am 01.08.2017 13:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ich liebe ihn

    ich habe einen und liebe ihn.. auch wenn er zwischen 30 und 50 liter braucht und immer mal was kaputt ist

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Die neusten Leser-Kommentare

  • robi schmid am 02.08.2017 21:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    E-Mobilität ist die Zukunft!

    Benziner und Diesler sind alter Schrott von vorgestern. Begreift das doch endlich! E-Autos sind erst in den Kinderschuhen, die kann man nicht wirklich mit den heutigen Verbrenner vergleichen. Die Entwicklung hat erst begonnen. Auch die Solartechnik kimmt erst so richtig in Gang. In 20 Jahren lachen wir über solche Diskussionen.

    • Leser am 03.08.2017 16:26 Report Diesen Beitrag melden

      E Autos sind von vor-vor gestern

      E-Autos gabs bereits vor 100 Jahren. Da ist nichts Neues daran. Die Entwicklung hat auch nicht erst begonnen, da zum Beispiel BMW einen 3er in den 80ern bereits mit E-Antrieb getestet..

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  • Francesco am 02.08.2017 16:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schön

    Endlich mal ein schönes Auto. Kann diese deutschen Autos auf unseren Strassen nicht mehr sehen.

    • Mathias am 02.08.2017 17:02 Report Diesen Beitrag melden

      Gut zu wissen:

      Der Chefdesigner von Volkswagen hiess noch bis vor einem Jahr Walter de Silva. Es war also ein Ende 90ern von Alfa Romeo abgeworbener Italiener, der das Design aller heute auf den Strassen fahrenden VW-Produkte verantwortet inkl. Töchter wie Seat, Audi, Laborghini usw. Dazu kommen die vielen Designer, die de Silva bei seinem Wechsel aus Italien "mitgebracht" hat sowie die Übernahme von Giugiaro. Mercedes wiederum entwirft seine Auto-Interieurs alle in seinem Studio in Como und hatte mit dem legendären Bruno Sacco ebenfalls schon einen Italiener als Chefdesigner. Schrecklich, diese Deutschen.

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  • Heimat am 02.08.2017 10:26 Report Diesen Beitrag melden

    Aperta

    Ah ein 599 SA Aperta das wäre ein Traum. Der Sound, das Design, einfach wunderbar.

    • kurt am 02.08.2017 13:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Heimat

      Ja .aber leider schon bei 1.5 Millionen

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  • Dani Jeteng am 01.08.2017 22:42 Report Diesen Beitrag melden

    Vergesst den E-Auto Hipe

    E Autos haben keine Zukunft. - hohes Gewicht - hoher Verbrauch von seltenen Erden (die vornehmlich in chinesischem Besitz sind), etc. etc. Der Wasserstoffmotor ist die Zukunft. Die Japaner machen es vor...

    • S.Kritischer. am 02.08.2017 08:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Dani Jeteng

      Aber diese lärmenden Kisten sollen mehr Zukunft haben. Es muss ja schön und zukunftweisend sein wenn man die Bevölkerung mit so viel Krach beschallen kann!

    • Mathias am 02.08.2017 17:14 Report Diesen Beitrag melden

      @S.Kritischer

      Ein Auto, insbesondere eines vom Kaliber eines 599 GTO hat einen Klang. Was man da zu hören bekommt ist ein Stück Kultur, wie eine Ouverture von Giachino Rossini. Und Kultur wird nie aussterben, denn sie wird immer ihre Freunde und Verfechter haben. Ausdrücke wie Lärm und Krach sind in diesem Kontext absolut unpassend.

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  • toy am 01.08.2017 21:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    schwer zu fahren in den Bergstrasse

    toller Hintern vor 2 Jahren dürfte ich damit ne runde drehen ich war total überfordert....