Neues Mercedes-Flaggschiff

03. November 2019 12:00; Akt: 03.11.2019 12:05 Print

Als wäre hier soeben ein Raumschiff gelandet

von Thomas Geiger - Mercedes-Benz lädt zur Probefahrt mit dem Prototypen Vision EQS – und macht mit dieser Zeitreise erster Klasse Lust auf die Zukunft.

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Endlos lang und trotzdem ungewöhnlich flach, protzig und zugleich filigran und vor allem absolut lautlos rollt der Mercedes-Benz Vision EQS ins Blickfeld. Keine Mercedes-Studie der vergangenen Jahre war so clean und so schnörkellos wie der EQS, aus dem schon bald das elektrische Flaggschiff der Marke und die zukunftsfeste Alternative zur S-Klasse werden soll. Vorn strahlen Holografie-Linsen, die sich 2000-mal in der Minute drehen und deshalb zu schweben scheinen, im Kühlergrill glimmen fast 1000 LEDs hinter schwarzem Glas. Die Silhouette des EQS ist nicht viel mehr als ein grosser Bogen, der das gesamte Auto beschreibt und die Idee von der klassischen Stufenhecklimousine wohl endgültig ins Museum verbannen wird. Zwar kann der EQS in der Vision der Entwickler nahezu autonom fahren, doch denkt Mercedes offenbar nicht im Traum daran, ihm die Arbeit komplett zu überlassen. Dafür ist der Reiz des Fahrens und des Reisens auch auf der Electric Avenue noch viel zu gross. «Es gibt die Nachfrage nach dem Besonderen», freut sich der neue Daimler-Chef Ola Kallenius. Der Markt für Luxusgüter habe sich in den letzten 20 Jahren fast verdreifacht. Nichts als Lack und Leder stören die innere Ruhe, und selbst Instrumente sieht man im Luxusliner der Zukunft keine, weil die nur noch bei Bedarf auf die Oberflächen projiziert werden. Am Heck gibt es statt klassischer Rückleuchten 229 einzelne Mercedes-Sterne, die jeden Zweifel an der Herkunft dieses Raumschiffs ausräumen. Das kommt nicht vom Mars, sondern vom Planeten Mercedes.

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Auf den ersten Blick glaubt man, sich auf dem Set eines Science-Fiction-Movies zu befinden. Denn mitten auf einem riesigen Parkplatz in einem Fischerhafen vor den Toren von Tokio materialisiert sich plötzlich ein Mercedes, wie er futuristischer kaum sein könnte. Endlos lang und trotzdem ungewöhnlich flach, protzig und zugleich filigran und vor allem absolut lautlos rollt hier der Mercedes-Benz Vision EQS ins Blickfeld. Knapp acht Wochen nach der Weltpremiere in Frankfurt bitten die Schwaben ausgerechnet in Japan zur Zeitreise mit dem Luxusliner der Zukunft und schicken den gestylten Silberfisch auf Jungfernfahrt durch die vielleicht futuristischste Millionenmetropole der Welt.

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Dass der EQS hier wirkt wie ein Raumschiff, das auf der Milchstrasse falsch abgebogen ist, liegt nicht nur am Kontrast zwischen dem schillernden Luxus auf der einen und der grauen Tristesse auf der anderen Seite. Sondern es liegt auch am Auto selbst. Denn keine Mercedes-Studie der vergangenen Jahre war so clean und so schnörkellos wie der EQS, aus dem schon bald das elektrische Flaggschiff der Marke und die zukunftsfeste Alternative zur S-Klasse werden soll.

Konsequente Formgebung

Es ist eigentlich nicht viel mehr als ein grosser Bogen, der das gesamte Auto beschreibt und die Idee von der klassischen Stufenhecklimousine der letzten Jahrzehnte wohl endgültig ins Museum verbannt. Und die einzige wirklich gerade Linie ist die, die den silbernen Lack vom schwarzen trennt und das LED-Band, das dazwischen rund um das ganze Fahrzeug läuft und auf eine viel subtilere Art mit der Umwelt spricht als das mit Blinker und Lichthupe möglich wäre.

Überhaupt das Licht: Je dunkler es wird, desto spektakulärer erscheint der Luxusliner. Denn vorn strahlen dann Holografie-Linsen, die sich 2000-mal in der Minute drehen und deshalb zu schweben scheinen, im Kühlergrill glimmen fast 1000 LEDs hinter schwarzem Glas, von innen schimmern viele Dutzend Meter Lichtleiter in allen denkbaren Farben, und am Heck gibt es statt klassischer Rückleuchten 229 einzelne Mercedes-Sterne, die jeden Zweifel an der Herkunft dieses Raumschiffs ausräumen. Das kommt nicht vom Mars, sondern vom Planeten Mercedes.

Die Bedieninstrumente werden nur bei Bedarf projiziert

So sehr der Wagen von aussen funkelt, so ruhig und beruhigend ist das Design des Interieurs: Nichts als Lack und Leder stören die innere Ruhe, und sobald man sich in die überraschend tiefen Sitze gleiten lässt und die Tür fast lautlos ins Schloss surrt, sind selbst die alltägliche Hektik und der nie endende Lärm des Ameisenhaufens Tokio vorbei und vergessen. Selbst Instrumente sieht man im Luxusliner der Zukunft keine, weil die nur noch bei Bedarf auf die Oberflächen projiziert werden. Stattdessen gibt es ein Cockpit, das flacher ist als je zuvor und deshalb ungeahnte Ausblicke gewährt. Und obwohl der EQS zwei handbreit niedriger ist als eine aktuelle S-Klasse, wirkt der Innenraum deshalb umso luftiger – was zum einen natürlich auch an den stolzen 5,3 Meter Länge liegt, die der Wagen misst. Das sind noch einmal knapp 20 Zentimeter mehr als bei der S-Klasse.



Mercedes-Benz Vision EQS-Video:


Das einzige noch wirklich sichtbare Bedienelement ist ein Lenkrad, das nach oben offen ist und auch gut in einen Jet passen würde. Zwar kann der EQS in der Vision der Entwickler nahezu autonom fahren, doch denkt Mercedes offenbar nicht im Traum daran, ihm die Arbeit komplett zu überlassen. Dafür ist der Reiz des Fahrens und des Reisens auch auf der Electric Avenue noch viel zu gross. Erst recht, wenn an jeder Achse ein Elektromotor montiert ist und die Systemleistung bei 350 kW – oder in alter Währung 476 PS – liegt. Mit zusammen fast 1000 Nm soll der EQS so in weniger als fünf Sekunden von 0 auf 100 beschleunigen, mindestens 200 km/h erreichen und mit einem Akku von mehr als 100 kWh gut und gerne 700 Kilometer weit fahren.

Millionenschweres Einzelstück

Das jedenfalls ist die Theorie. In der Praxis ist der handgeschnitzte Prototyp davon natürlich noch weit entfernt. Und weil er ein millionenschweres Einzelstück ist, sterben die Mechaniker ohnehin tausend Tode, wenn man mehr als den kleinen Zeh auf das filigrane Pedal im Fussraum stellt. Auch deshalb fährt der EQS die ersten Meter in diesem Fischerdorf und nicht auf der Ginza-Einkaufsstrasse oder im coolen Akihabara-Viertel.

First-Class-Stromer bringen am ehesten Geld ein. Doch auch wenn jedes Staubkorn in den Radkästen trommelt und die imposanten 24-Zöller nahezu ungefedert und deshalb entsprechend holprig über den doch eigentlich ziemlich glatten Asphalt gleiten, fühlt man sich auf dem Weg in die Zukunft. Und es macht den Eindruck, Mercedes habe den richtigen Kurs gefunden.

Das ist auch bitter nötig. Schliesslich sind die Stuttgarter diesmal nicht die ersten, im Gegenteil. Zugegeben, ein Tesla Model S ist weit weniger filigran und hat lange nicht so viel Finesse, buhlt aber dafür schon seit über fünf Jahren erfolgreich um die Besserverdiener mit notorisch schlechtem Gewissen. Jetzt stösst der Porsche Taycan dazu und im nächsten Jahr kommt auch noch der Audi e-tron GT.

Bis der EQS dieser illustren Gesellschaft einen etwas formelleren Dreh gibt, vielleicht etwas Power rausnimmt und dafür mehr Prestige ins Spiel bringt, wird es dagegen noch mindestens 18, eher 24 Monate dauern. Denn noch ist die sogenannte EVA2-Plattform, die so flexibel werden soll wie Volkswagens modularer E-Antriebsbaukasten und deshalb eine ganze Flotte von Stromern mit Stern tragen wird, nicht fertig. Dafür aber wird sie tatsächlich eine dezidierte E-Plattform und der EQS kein Kompromiss mehr wie der aktuelle Elektro-SUV EQC, der im Grunde halt doch nur ein klug elektrisierter GLC ist.

«Es gibt die Nachfrage nach dem Besonderen»

Und es gibt noch einen Grund, warum es die Stuttgarter mit dem Luxusstromer ernst meinen: In diesem Segment lässt sich mit Elektro derzeit am ehesten Geld verdienen. Kunden, die bereit sind, einen sechsstelligen Betrag für ein Auto auszugeben, stören auch Batteriekosten wenig. Im Gegenteil: Mit dem Ökoablass wollen sie sich von Klimasünden freikaufen.

Kein Wunder also, dass der neue Daimler-Chef Ola Källenius bei der Präsentation des Vision EQS an der Internationalen Automobil-Ausstellung genauso viel von Nachhaltigkeit wie von Luxus redete. «Es gibt die Nachfrage nach dem Besonderen» so Källenius. Der Markt für Luxusgüter habe sich in den letzten 20 Jahren fast verdreifacht. Die S-Klasse sei schon immer die «Speerspitze der Innovation» gewesen, der «Mercedes unter den Mercedes». Aber gilt das auch für den EQS, für den Daimler noch nicht kommuniziert, wann eine Serienversion auf die Strasse kommen wird?

Wer nicht so lange warten will oder Angst hat vor der Zeitreise in der ersten Klasse, den lässt Mercedes-Benz allerdings nicht in der Vergangenheit zurück. Denn ein knappes Jahr vor dem lautlosen EQS rollt erst mal eine neue S-Klasse auf die Strasse.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Käpt'n Joe am 03.11.2019 17:22 Report Diesen Beitrag melden

    na ja, wieder eine Studie mehr

    Die Deutschen haben scheinbar Freude an massenhaft Designstudien und Prototypen. Während Andere (Koreaner, Japaner, Franzosen) schon lange (einigermassen) bezahlbare E-Autos liefern können...

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  • Soup Dragon am 03.11.2019 16:15 Report Diesen Beitrag melden

    Vorschlag

    Auf ALLE unnötigen Peinlichkeiten verzichten und die Karre zum halben Preis anbieten!

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  • Pingu am 03.11.2019 15:59 Report Diesen Beitrag melden

    E- Ja! Aber nicht so!

    Eine (peinliche) Protzkarre. Nein danke. Wieso nicht mal mit einem massentauglichen, bezahlbaren Modell, dass genügend Reichweite hat, ohne unnötigen Schnick-Schnack versuchen...? Da hat Mercedes gar nichts im Angebot.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Bartli am 10.11.2019 14:34 Report Diesen Beitrag melden

    Ein Trinkgeld wird das Autöli kosten

    Uiiiuiui, den kann man gleich zum Mars mitnehmen, so future wie der ausschaut. Da hebt man sich schon ab vom Normalo.

  • Peter am 09.11.2019 04:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Interessant

    Die USA wollen auf Anordnung des Präsidenten Donald zwei umstrittene Pipeline-Projekte wiederaufnehmen. Neben der Keystone-XL gibt es auch für die Dakota-Access-Pipeline grünes Licht. Dort kämpfen seit Monaten die Sioux-Indianer mit Unterstützung anderer Stämme gegen den Bau der Pipeline, weil die Öl-Leitung durch heilige Stätten auf dem Land ihrer Vorfahren verlaufen und eine Verseuchung ihres Trinkwassers durch Lecks in der Leitung verursachen könnte......

  • andi am 05.11.2019 08:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wahnsinn

    Für flottes Vorankommen im alltäglichen Verkehr reichen 100 kw völlig aus, dafür hätte ich gerne weniger Stromverbrauch.

  • Nachtschicht am 05.11.2019 01:56 Report Diesen Beitrag melden

    Es wird so nich gehn!!

    Der Klimawandel wird zum grössten Business des Jahrtausends aber retten wirds nichts nur viele Leute reicher und noch sehr viel mehr ärmer die Erde schon gar nicht.. die Büchse der Pandorra ist geöffnet und die Milliarden fliegen unter Druck nur so mehr umher! Die Lösung und Ursache des Problems ist ein Bias in der Genetik des Menschen sozusagen im Rythmus des Uberlebens unser Spezies, wir sind viel zu schnell geworden im "Verbrauch" unseres Lebens und des Kapitalismus not possible to cool down!!

    • nik am 05.11.2019 08:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Nachtschicht

      Und, wie sieht ihr Vorschlag aus? Welches Konzept verfolgen und leben sie?

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  • Bürger am 04.11.2019 23:09 Report Diesen Beitrag melden

    Kompressionszündung

    Mazda hat den ersten Diesotto Motor der Welt erfunden mit 180 PS und nur 4.7 Liter verbrauch ich denke da ist der Wirkungsgrand auch auf 60% gestiegen was will man mehr,

    • andreas am 05.11.2019 08:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Bürger

      60% das ist aber sehr optimistisch gerechnet. Zu ihrer Frage, was will man mehr: 90% wie der Elektromotor mind.

    • Hans R. am 14.11.2019 19:54 Report Diesen Beitrag melden

      Aus dem norden nix neues

      60% ist einfach nur peinlich. Technik aus dem Mittelalter. Hört endlich auf solchen technologischen Unsinn zu vermarkten. Und die Deutschen... Vorsprung durch Technik wird ad Absurdum geführt. Eine ganze Branche verlässt sich au PR Gags und politisches Loobying. Nur noch peinlich die deutsche Autoindustrie.

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