20 Minuten ist ihn gefahren

22. Dezember 2018 12:00; Akt: 22.12.2018 09:09 Print

Auf diesen Silberpfeil ist sogar Lewis Hamilton neidisch

von Thomas Geiger - Sieht so der Supersportwagen der Zukunft aus? Für Gorden Wagener schon. Dass dieser Silver Arrow nie in Serie geht, ist mir ganz recht. Dann ist meine Testfahrt um so exklusiver.

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Es ist später Abend in Dubai und damit Zeit für ein Märchen. Allerdings diesmal nicht aus 1001 Nacht, wie sie sie hier am Golf sonst so gerne erzählen, sondern aus 1001 Pferdestärken. Denn das Auto, das sich gerade in einem auch zu später Stunde noch stark belebten Einkaufsviertel materialisiert hat, sieht tatsächlich aus wie aus einem Märchen: Flach, lang, in fliessenden Formen gezeichnet, silbern lackiert und blau beleuchtet steht es zwischen den Lamborghinis und Ferraris der Scheich-Schickeria wie ein Raumschiff, dass auf der Milchstrasse eine falsche Abfahrt genommen hat – und wäre da nicht der Stern auf der endlos langen Haube, würde man es kaum als Mercedes erkennen.

«Vision EQ Silver Arrow» heisst das Schaustück, nach dem sie sich hier alle umdrehen – und das aus gutem Grund. Denn selbst in einem Land, in dem Luxuslimousinen und Supersportwagen das Strassenbild prägen, haben sie ein Auto wie dieses noch nie gesehen. Wie auch? Es wurde ja erst diesen Sommer beim Concours d’Elegance präsentiert und ist ein Unikat, das eigentlich in eine klimatisierte Sammlung in Stuttgart gehört.

Statt F1-Champion Lewis Hamilton darf ich ans Steuer

Doch weil gerade Märchenstunde ist und weil Mercedes es schon vor ein paar Tagen im Nachbar-Emirat Abu Dhabi zur Feier der Formel1-Weltmeisterschaft in der Boxengasse ausgestellt hatte, erleben die Schwaben hier und heute ein kurzes Rendezvous mit der Realität. Und statt F1-Champion Lewis Hamilton darf ich ans Steuer.

Der Zustieg über die nur kniehohe aber weit in die Mitte gerückte Brüstung ist zwar ähnlich anstrengend wie bei einem Formel-Rennwagen, nur dass ich auch noch unter dem Dach durchklettern muss, das sich mit der Fernbedienung anheben lässt wie die Kanzel eines Kampfjets.

Doch während Hamilton sich dann in eine enge Röhre quetschen muss, als würde er ein Ganzkörperkondom aus Karbon überstreifen, liege ich überraschend bequem auf einer weichen Lederschale, um mich herum edles Holz und Bedienelemente aus massivem Metall, ich fühle mich wie in einer riesigen Badewanne – ein Eindruck, der von der elektrisierend blauen Beleuchtung noch unterstrichen wird.

Noch schweigt sich Mercedes zu den exakten Fahrleistungen aus

Allerdings ist das eine Badewanne, die nicht nur Räder hat, sondern auch zwei Motoren mit zusammen 750 PS. Zwar schweigt sich Mercedes zu den exakten Fahrleistungen aus und die mitgereisten Mechaniker bekommen schon einen Herzinfarkt, wenn man nur etwas mehr als Schritttempo fährt. Doch so, wie der Silver Arrow aussieht und so wie er sich anfühlt, kann er von 0 auf 100 nicht viel mehr als drei Sekunden brauchen, und die 432,7 km/h Spitzengeschwindigkeit, mit denen Rudolf Carraciola damals in den späten 1930er seinen Weltrekord eingefahren hat, glaubt man dem Silberpfeil unbenommen.

Allerdings muss man dafür anders als Carraciola vor 80 Jahren und Hamilton vor ein paar Tagen nicht gross kämpfen. Zwar will Mercedes in dieser Studie ausnahmsweise mal nichts vom autonomen Fahren wissen, denn in diesem Auto gibt niemand das Steuer freiwillig aus der Hand. Doch hat man als virtuellen Beifahrer einen digitalen Klon von Hamiltons Teamchef Toto Wolf an Bord, der einen vom gebogenen Bildschirm aus hinter dem Lenkrad kluge Ratschläge gibt, einen auf der Ideallinie hält und einem zum Rasen motiviert. «Keep Pushing» – das ist ein Kommando, das man sich in diesem Raumschiff auf Rädern nicht zweimal sagen lässt.

Dieses Märchen hat kein Happy End

Zwar würden die 80 kWh grossen Akkus im Wagenboden locker für 400 Kilometer reichen. Doch nach ein, zwei Stunden ist der Ausflug in die Wirklichkeit auch schon wieder vorbei. Der Silver Arrow rollt an einer Seilwinde rückwärts ins Heck eines Lastwagens und so wild die Scheichs auch mit ihren Scheckbüchern wedeln, wird er da so schnell nicht wieder heraus kommen. Denn dieses Märchen hat kein Happy End und der Silberpfeil für Captain Future hat nicht den Hauch einer Serienchance. Vergessen werden sie ihn hier am Golf trotzdem nicht. Und spätestens wenn es Nacht wird in Dubai und die Märchenstunde beginnt, werden sich alle an ihn erinnern, und zwar mit den Worten: «Es war einmal....»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Markus Grob am 22.12.2018 15:34 Report Diesen Beitrag melden

    Batmobil

    Erinnert etwas ans Batmobil. Ich würds nehmen :-)

  • Peter Gertscher am 22.12.2018 18:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Cooles Teil

    Geiler Schlitten.....da muss man schon ultragrün oder meganeidisch sein, um das anders zu sehen....:)

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  • Ralle am 22.12.2018 19:56 Report Diesen Beitrag melden

    Mal so mal so

    Kommt mir jetzt irgendwie in den Sinn: Unterbodenbeleuchtung war mal der letzte Schrei aber verboten beim Fahren. Heutzutage wird man aber gebüsst wenn man kein Tagfahrlicht an hat. Hmmm !?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • G.Ott am 25.12.2018 09:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Billig

    Billige "Studie": Etwas Bling Bling Licht, grosse Schriftzüge, F1-Heck und Phantasie-PS-Zahl. Fertig.

  • Avenarius am 24.12.2018 11:13 Report Diesen Beitrag melden

    Megacoolaktisch !

    Uffff ... das nenn ich DESIGN !

  • Andi am 24.12.2018 00:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nein danke.

    Meiner Meinung nach absolut kein schönes Auto. Unpraktisch und optisch nicht ansprechend.

  • Illumination am 23.12.2018 13:08 Report Diesen Beitrag melden

    Fahrzeug von 1938 beeindruckender..

    Der Silver Arrow/2018 mit seiner Stromlinien-Karosserie erscheint mir wie eine weiterentwickelte Version des W125-Rekordwagens/1938 (cw-Wert 0,157!) - damals mit 5.6 l/V12-Kompressor und 736 PS/1000 Nm (!).. Mit diesem Fahrzeug erreichte Rudolf Carraciola 1938 auf der topfebenen Autobahn Frankfurt-Darmstadt (Teil heutiger A5) über Distanz von 1 km eine Geschwindigkeit 432,7 km/h als Durchschnitt Hin-/Rückfahrt beider Richtungen - 79 Jahre lang höchste Geschwindigkeit auf öffentlicher Strasse.. Erst 2017 gelang es Koenigsegg in Nevada mit dem Agera RS und 457,49 km/h, diesen Rekord zu knacken..

    • Autosammler am 23.12.2018 14:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Illumination

      es war auf einer geraden und gesperrten Autobahn. aber die meisten sind dabei ums leben gekommen

    • Adalbert Renault am 23.12.2018 20:07 Report Diesen Beitrag melden

      RUMANIA POWER

      Stimmt so nicht ganz... Mein DACIA Logan MCV II, inkl. Chip...schiebt noch mehr an...laut GPS: 452, 743 Km/h auf der A1, leichter Gegenwind! Mit zukleben der Falzen, wären es noch mehr... Der cw-Wert ligt bei ca. 1.31 (EV 1 und DIN 13225) Dieser Rekord, ich denke Mal...weitere 30 Jahre unantastbar!

    • Illumination am 23.12.2018 21:11 Report Diesen Beitrag melden

      @Adalbert Renault

      Gratuliere - und das mit einem Logan MCV II inkl. Paprika-Chips und Gegenverkehr auf der A1.. Aber ich wusste es schon immer - einem Dacia kann man alles zutrauen, seiner Zeit voraus und mit den Preisen hinterher.. Zum Glück muss das Rudolf Carraciola nicht mehr erleben.. ;-)

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  • altes Eisen bedauertj,jedochnicht neidig am 23.12.2018 09:09 Report Diesen Beitrag melden

    Vision EQSilver Arrow

    Warum sollte ich neidig sein auf etwas, wo ich nicht mehr einsteigen kann? Früher hätte ich mich reingeschwungen und wäre mit meinem Herzallerliebsten weggedüst. Mitgereister Mechaniker klingt gut, wie alt ist er?