Car of the week

07. Dezember 2018 05:00; Akt: 07.12.2018 09:06 Print

Das Smartphone auf Rädern

von Michael Köckritz - Man hat es schon erlebt: innovative Vordenker vernichten vielversprechende Ansätzen, die in der Versenkung verschwinden. Mit Bytons M-Byte scheint alles anders zu werden.

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Bytons innovatives Fahrzeugkonzept, der M-Byte, ist ein beeindruckender elektro-getriebener Midsize-SUV mit einer hervorragend gestylten Silhouette und einem dynamischen Greenhouse-Profil. Schmale LED-Scheinwerfer und ein lumineszierendes Logo akzentuieren die mächtige Front. Byton plant zwei weitere Modelle in der Zukunft: den K-Byte, einen viertürigen Sedan, hauptsächlich für den asiatischen Markt, und einen Minivan – ein Marktsegment, das nach Meinung des Byton CEO Carsten Breitfeld lange Zeit vernachlässigt wurde. Der M-Byte wird in zwei Varianten angeboten. Das Basismodell hat einen Motor an der Hinterachse und verfügt über 200 kW Leistung und 400 Nm Drehmoment. Das Allrad-Modell hat je einen Motor an der Vorder- und Hinterachse mit zusammen 350 kW Leistung und 710 Nm Drehmoment. Die Reichweite wird mit 400 beziehungsweise 520 Kilometern angegeben. Den Innenraum des M-Byte beherrscht ein gewaltiger Monitor, «Shared Experience Display» genannt, der die gesamte Wagenbreite einnimmt. Die Steuerung der elektronischen Kontrollen erfolgt über ein im Lenkrad integriertes Driver Tablet, Gestik-Kontrolle und Gesichtserkennung durch drei Kameras in den Säulen. Wird der Fahrer identifiziert, entsperrt der M-Byte die Türen und koordiniert persönliche Einstellung wie Sitzposition und Klima. Holzboden, Ledersitze und kreative Farbkombinationen dominieren im Innenraum. Die Frontsitze rotieren zwölf Grad zum Innenraum und ermöglichen entspannte Kommunikation bei Autonomen Fahren. Zwei große Monitore auf den Rücksitzen sind Standard.

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Vor zwei Jahren gründete der ehemalige BMW-Mitarbeiter Dr. Carsten Breitfeld zusammen mit der chinesischen Future Mobility Corporation unter der Leitung von Ex-BMW und Infiniti-Manager Dr. Daniel Kirchert eine vielversprechende Autofirma namens Byton mit Hauptsitz im chinesischen Nanjing und Dependancen unter anderem im Silicon Valley und in München. Nach einem massiven Finanzschub der chinesischen Techno-Riesen Tencent und Foxconn holte sich Breitfeld weitere ehemalige BMW-Mitarbeiter ins Boot, und macht sich nun daran, den europäischen und amerikanischen Markt erfolgreich aufzumischen.

Nach vorsichtigen Anfangszeiten ging alles sehr schnell. Schon im vergangenen Frühjahr stellte die Firma auf der Mailand Design Week ihren ersten Prototypen in einer improvisierten, aber sehr schicken Kunstgalerie vor. Der Name des M-Byte, eines futuristisch anmutenden Mid-Size SUV, sei eine Anspielung auf die Philosophie der neuen Marke, sagte Carsten Breitfeld, und die Firmierung Byton stünde für «Bytes on Wheels». Die Namensgebung solle Byton Cars als «Smartphones auf Rädern» verorten, bei denen Vernetzung eine grössere Rolle spielt als pure Leistung. «Pferdestärken mit digitaler Stärke ersetzen», brachte Breitfeld das Konzept auf einen kurzen Nenner.

Im Cockpit prangt ein 1,25 Meter breiter und 25 Zentimeter hoher Monitor

Das ausgewählte Publikum war mehr als beeindruckt. Im Interieur des M-Byte beherrscht ein riesiger 1,25 Meter breiter und 25 Zentimeter hoher Monitor die gesamte Wagenbreite und nimmt die Funktion eines konventionellen Armaturenbretts ein. Gesteuert wird die Kommunikation mittels Gesichtserkennung und Gestik.

Zusammen mit einem im Lenkrad integrierten Drive Pad übernimmt der Monitor so nicht nur die Fahrzeugkontrolle, sondern auch Byton LIFE, ein Konzept, das es dem Byton ermöglicht, unter anderem medizinische Daten, Gewicht, Puls und Blutdruck des Benutzers zu überwachen. «Wir wollen nicht innovativ sein um der Innovation zuliebe, sondern da wo es wirklich Sinn macht», erklärt Benoît Jacob, ehemaliger Chef-Designer bei BMW und heute Vice President of Design von Byton, den unkonventionellen Denkansatz.

Künstliche Intelligenz übernimmt nicht nur die Kontrolle über solch intime Daten, sondern steuert das autonome Fahren auf Level 3, wenn der M-Byte im nächsten Jahr in China – und ein Jahr später in Europa – auf den Markt kommen wird. «Work in progress», könnte man sagen, denn autonomes Level 4 ist für den Zyklus nach 2020 vorgesehen.

Dass Bytons Erstling über voll elektrischen Antrieb verfügt, ist heutzutage schon fast selbstverständlich. Mit detaillierten technischen Daten hält sich Byton, Carsten Breitfelds Vorgabe folgend, jedoch noch etwas zurück. Bekannt ist hingegen, dass zwei Modellvarianten geplant sind, ein Hinterrad-getriebenes Basismodell mit einem E-Motor und 200 kW von einer 71 kwh-Batterie und mit einer Reichweite von 400 Kilometern. Beim Allradler verrichten zwei Motoren die Arbeit, je einer pro Achse, mit 350 kW Leistung, 95 kwh-Batterie und mehr als 500 Kilometer Reichweite.

Stilistisch am BMW i3 angelehnt

So weit, so gut. Cooles Styling hingegen war für chinesische Fahrzeuge nicht immer eine Selbstverständlichkeit. Man mag einräumen, dass der vorgestellte Byton M-Byte sich stilistisch an den BMW i3 anlehnt und ein Vorbild für einen i5 hätte sein können. Das sollte nicht unbedingt überraschen. Benoît Jacob war – wie auch Carsten Breitfeld – in München massgeblich an der Entwicklung und dem Design des i3 und des i8 beteiligt, bevor der Anruf aus China kam.

Das dynamische, tief sitzende Profil und der hohe Heckabschluss des M-Byte, die muskulösen Linien und mächtige Frontpartie mit schmalen LED-Lichtbändern an der hochsitzenden Haube, geben dem M-Byte auf jeden Fall genügend Charakter, um als stilistischer Stand-Alone zu wirken. Ein markant dominierendes Heck mit minimalistischen Heckleuchten und 22-Zoll Rädern festigen den Eindruck.

Wo in anderen Fällen die Präsentation des Prototyps das Ende vom Lied bedeutete, begannen kurze Zeit nach der Mailänder Präsentation die Produktionsbänder im chinesischen Nanjing zu laufen. Bis Ende dieses Jahres will Byton dort mehr als 100 Fahrzeuge auf Rennstrecken und normalen Strassen testen, sowohl von den werkseigenen Profis, als auch von ausgewählten, potenziellen Kunden. Fernziel in Nanjing ist eine Produktionskapazität von 300'000 Fahrzeugen. Mit dem M-Byte allein sind solche Zahlen wohl kaum zu erreichen, weshalb Byton neben dem M-Byte auch den K-Byte produzieren will, einen gut aussehenden Sedan, der vor allem für den chinesischen Markt geplant ist. Mit im chinesischen Zukunft-forscht-Programm ist ein noch unbenannter Familien-Van, der laut Breitfeld eine Marktnische füllen soll, die seit Jahren brach liegt.

«Schnelligkeit ist unser Hauptvorteil»

Byton plant, all das in Rekordzeit zu erreichen. Nur drei Jahre nach der Gründung will die chinesische Firma Asien und Europa bedienen. «Schnelligkeit ist unser Hauptvorteil», sagt CEO Breitfeld. «Nur weil wir sehr viel schneller sein können als etwa Audi, BMW, Mercedes oder Lexus, haben wir eine Chance, mit diesen Firmen in Wettbewerb zu treten. Wir tragen keinen Rucksack aus Tradition, Milliardeninvestitionen, hunderttausend Mitarbeitern und Kundenerwartungen mit uns herum. Wir sparen Zeit, weil Entscheidungen von einem kleinen Kreis sehr schnell getroffen werden.»

Der M-Byte soll in der 45'000-Euro-Klasse mitmischen. Das mag optimistisch klingen, denn ob die edlen Ledersitze, das prächtige Glasdach, der riesige Cinerama-Monitor und das clever ins Lenkrad integrierte Driver Tablet in dieser Preisklasse zu realisieren sind, muss sich noch zeigen. Wenn ja, wären die Karten neu gemischt.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ronny C. am 07.12.2018 06:02 Report Diesen Beitrag melden

    Die Chinesen kommen

    Die Beschreibung "Smartphone auf Rädern" haben wir schon dutzende Male gehört. Offenbar ist es für Autojournalisten in Europa noch immer unfassbar, wenn ein Auto nicht von einem ratternden Lowest-End-Stinkdiesel aus deutscher Produktion angetrieben wird. Ein billiges LCD im Innenraum ist offenbar so beeindruckend und "Neuland" wie das Internet für Deutschland. Aber gut, die Chinesen kommen und wie. Früher lachte man über Japaner, heute über Chinesen. Wenn die eurpäische Autoindustrie nicht endlich aufwacht, geht sie den Weg von Nokia....

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  • Mike am 07.12.2018 12:09 Report Diesen Beitrag melden

    Gute Chancen in Europa !

    Geht mal auf YouTube schauen (was dieses Auto kann. Es ist den Westlichen Fahrzeugen mailen weit voraus ... Technisch aber auch das Designe ist sehr fortschrittlich! Mir gefällt dieses Auto sehr gut und sollte es wirklich zu diesem Preis auf dem Markt kommen "45'000-Euro"mit diesen Technischen Daten 350 kW Leistung, 95 kwh-Batterie und mehr als 500 Kilometer Reichweite, dann gute Nacht. Diese Automarke wird den Europäischen Automobilmarkt aufmischen !

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  • lärry am 07.12.2018 09:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    sieht gut aus

    der sieht schon mal sehr gut aus und bei dem preis eine überlegung wert

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Dumby am 10.12.2018 18:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Smartphone und Auto

    Manchmal wünsche ich mir mein Smartphone UNTER die Räder..

  • Sunpower am 10.12.2018 18:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Börse

    Während die Papiere der Börsenlieblinge wie Apple oder Amazon tauchen, klettern die Aktien von Tesla weiter nach oben.

  • C.Di Caro am 09.12.2018 20:48 Report Diesen Beitrag melden

    Oft gestellte Frage

    Ich werde oft gefragt, warum das Elektroauto so viel besser sein soll? Meine Antwort: "Weil der Wirkungsgrad von Elektroautos um längen besser ist als die von Verbrenner." Und solange diese Autos nicht ohne grossen Kühler vorne auskommen können weil sie sonst überhitzen würden, wird sich da nichts mehr ändern.

  • Sunpower am 09.12.2018 07:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Erdölindustrie

    Was soll ökologisch daran sein, Erdöl aus dem Boden zu pumpen um die halbe Welt zu befördern, energieintensiv mit dreckigem Kohlestrom zu raffinieren und per Diesel-LKW an jede einzelne Tankstelle zu schippern?

  • Rock'n'Roll am 09.12.2018 06:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Selbstdenkend nichtcheckend

    Zusätzlich zu den Abogebühren auch noch Parkgebühren bezahlen? Nein, mein Smartphone bleibt in der Tasche!