Faktencheck

12. November 2019 12:00; Akt: 12.11.2019 08:17 Print

Freiheit oder Sicherheit auf deutscher Autobahn

von Felix Reek - Deutschland führt seit Jahren eine umstrittene Diskussion um die Forderung eines Tempolimits auf Autobahnen. Ein Faktencheck.

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Strassenverkehrsordnung: Auch in unserem nördlichen Nachbarland ist jedes Detail vom Gesetzgeber festgelegt, es existieren Verordnungen fürs Parken, für den Abstand beim Autofahren, für die Vorfahrt. Nur ein generelles Tempolimit auf Autobahnen gibt es nicht. (Bild: Webstock)

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Seit Jahren ärgern sich die Deutschen vor allem im grenznahen Gebiet über die vielen Raser mit CH-Nummer, die mit ihren Boliden über deutsche Autobahnen brettern. Erst im September wurde ein Schweizer Raser mit 228 statt 120 km/h auf der deutschen Autobahn bei Bad Bellingen erwischt. Kein Einzelfall: Bis zu 15 Prozent aller Bussen wegen Tempoüberschreitungen beispielsweise auf der A81 Richtung Stuttgart werden in die Schweiz geschickt, meldete «20 Minuten». Auch mit illegalen Wettrennen sorgen Schweizer Raser seit Jahren für Ärger auf deutschen Autobahnen.

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Auch deshalb reisst die Diskussion um die Einführung eines Tempolimits auf deutschen Autobahnen nicht ab. Ein Faktencheck zeigt, um welche Argumente gestritten wird.

Argument 1:
Die Freiheit nicht nehmen lassen

Es ist eines der ersten Argumente, das fällt – und das emotionalste. Denn eigentlich ist «der Verkehr einer der am geregeltesten Lebensbereiche, die wir haben», sagt Psychologe Bernhard Schlag von der Uni Dresden. Jedes Detail ist vom Gesetzgeber festgelegt. Nur ein generelles Tempolimit auf Autobahnen gibt es nicht. Deswegen klammern sich viele an diese vermeintliche Freiheit, ohne zu realisieren, dass diese gar nicht existiert. Schlag: «In anderen Lebensbereichen wäre das undenkbar.»

Argument 2:
Die Demokratie hat entschieden, die meisten sind gegen ein Tempolimit

Das gilt für die Abstimmung im deutschen Bundestag vom 17. Oktober, aber nicht für die deutsche Bevölkerung. Immer wieder wurden 2019 repräsentative Umfragen zu diesem Thema erhoben. Das Ergebnis all dieser Befragungen: Eine knappe Mehrheit ist für ein Tempolimit auf Autobahnen. Nur wie hoch dieses sein soll, darüber variieren die Meinungen. Bei YouGov sprachen sich 53 Prozent für Tempo 130 aus, bei Forsa fordern 57 Prozent eine Geschwindigkeitsbegrenzung im Schnitt von 136 Stundenkilometer, in einer weiteren Umfrage des Meinungsforschungsinstituts stimmten 52 Prozent für maximal 130 km/h.

Argument 3:
Es gibt kaum noch freie Autobahnstrecken


Vielen Menschen mag es durch das steigende Verkehrsaufkommen und die gefühlt hohe Anzahl von Baustellen so vorkommen, aber für mehr als zwei Drittel aller Autobahnkilometer gibt es kein permanentes Tempolimit. Das Gesamtnetz deutscher Autobahnen umfasst 25767 Kilometer in beide Fahrtrichtungen (Stand 2017), auf 18 115 Kilometern gibt es keine Tempobegrenzung. Das entspricht 70,4 Prozent.

Argument 4:
So viele Menschen fahren gar nicht schneller als 130 km/h

Das stimmt – zumindest in Relation. Zwischen 2010 und 2014 wurden die Auswirkungen eines Tempolimits von 120 km/h auf Autobahnen untersucht. Demnach fahren 60 Prozent aller Autofahrer maximal Tempo 130. 15 Prozent pendeln sich bei 130 bis 140 Stundenkilometer ein, 25 Prozent fahren schneller als Tempo 140.

Argument 5:
Die Reisezeit ist kürzer, wenn man schneller fahren kann

Das lässt sich einfach nachrechnen. Ein Autofahrer, der konstant mit 130 km/h unterwegs ist, braucht für eine Strecke von 100 Kilometern 46 Minuten. Fährt er im Schnitt Tempo 160, sind es 37,5 Minuten. Eine Ersparnis von 8,5 Minuten. Die theoretische Zeitersparnis ist allerdings abhängig von vielen anderen Faktoren wie Verkehrsaufkommen Baustellen etc.

Argument 6:
Die Konzentration lässt nach, wenn man konstant 130 fährt

«Die Beanspruchung bei hohen Geschwindigkeiten ist höher. Dies führt in der Regel kurzfristig zu höherer Konzentration, um die Anforderungen angemessen bewältigen zu können», sagt Schlag. Das Problem ist: Diese lässt sich nicht konstant aufrechterhalten. «Dies wird dadurch verschärft, dass wir es bei eher monotonen Autobahnfahrten primär mit einer Überwachungsaufgabe zu tun haben – und die fällt Menschen besonders bei längerer Dauer schwer. Die Wachsamkeit als ein wesentlicher Teil der Konzentration sinkt dann.» Dies verschärft sich bei hohem Tempo. Der norwegische Verkehrsforscher Rune Elvik warnt: «Die Unterschiede in der Reaktionszeit sind in keiner Weise ausreichend, um die bei hohen Geschwindigkeiten längere zurückgelegte Strecke auszugleichen. Der Bremsweg wird immer grösser, wenn das Tempo zunimmt, egal wie erfahren der Mensch am Steuer ist.»

Argument 7:
Autobahnen sind die sichersten Strassen in Deutschland

Generell ist die Anzahl von tödlichen Unfällen über die Jahrzehnte stark gesunken – trotz steigendem Verkehrsaufkommen. Die Gründe hierfür reichen von verbesserten Fahrzeugen, niedrigeren Promillegrenzen bis hin zur Durchsetzung von Helm-, Gurt- und Kindersitzpflicht sowie Tempo 100 auf Landstrassen. Letztere sind immer noch der Spitzenreiter, wenn es um verunglückte Verkehrsteilnehmer geht. Autobahnen hingegen sind die sichersten deutschen Strassen, wenn es um die gefahrenen Kilometer geht: Obwohl dort ein Drittel aller Kraftfahrtkilometer zurückgelegt werden, starben nur 12,9 Prozent der Verkehrstoten auf Autobahnen, auf Landstrassen waren es 52,5 Prozent. Für Verkehrsforscher Schlag keine Überraschung: «Sie haben einen Teil der Probleme, die unfallträchtig sind, dort gar nicht: keine Radfahrer, keine Fussgänger, keinen Kreuzungsverkehr, kaum direkten Gegenverkehr.» Allerdings enden die Unfälle dort besonders oft tödlich: 409 Menschen starben 2017 auf Autobahnen, 44,3 Prozent (181) von ihnen wegen zu hohem Tempo.

In der einer Faktensammlung für den Deutschen Verkehrssicherheitsrat finden sich ausserdem Daten, wieviele davon auf Abschnitte mit und ohne Tempolimit entfallen: Die Anzahl der tödlich Verunglückten ist auf Strecken ohne Tempobegrenzung zwischen 2011 und 2016 deutlich höher als auf denen mit Limit (2016: 283 versus 110).

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ronny C. am 12.11.2019 12:47 Report Diesen Beitrag melden

    Wir rasen in Trainerhosen

    Eine Reisegeschwindigkeit um 160 km/h ist angemessen, sofern der Verkehr nicht zu dicht ist. Für ein modernes Auto ist das Peanuts, auch ein Grund, warum in vielen US-Staaten die Limite gegenüber früher deutlich erhöht wurde. Wer auf der deutschen Autobahn nicht klarkommt ist mit einem Bahnabo vielleicht besser bedient und eine Gefahr weniger auf den Strassen. Noch was : in den wenigsten Raserautos mit CH-Schildern sitzen Eidgenossen drin. Die Trainerhosen-tragende Leasingklientel macht Ärger auf den Autobahnen, nicht "wir", liebe Nachbarn.

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  • Ich am 12.11.2019 12:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wird nicht kommen

    Ganz gleich was man davon hält, oder welche Argumente dafür oder dagegen sprechen, Fakt ist, wer auch immer ein Tempolimit durchsetzt, hat seine politische Karriere in Deutschland verspielt.

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  • Autofahrer am 12.11.2019 12:36 Report Diesen Beitrag melden

    frei Fahrt

    eine Tempolimit in Deutschland wird nie kommen, denn die Autolobby ist die stärkste weltweit. Stellt euch vor, ein paar (grüne) Köpfe im Bundestag würden über 80 Mio. Deutsche entscheiden. Dann kauft sich keiner die leistungsstarken Premiummarken mehr. Audi, BMW, Mercedes und Porsche würden bankrott gehen. Hundertausende Arbeitsplätze würden verloren gehen. Das kann sich ein Land wie D nicht leisten.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Jangdebang am 28.11.2019 08:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Und immer wieder...

    ...sind die Raser und schwere Unfälle verursachende von sattsam bekannter Herkunft ( Südosteuropäer v.a. Kosovaren etc.) wie der neueste Horrorcrash am Bözberg einmal mehr zeigt. Wann endlich werden wir von diesen Verbrecher wirksam geschützt?

    • Jochen am 28.11.2019 08:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Jangdebang

      Also, ich möchte von keinem einzigen Verbrecher geschützt werden.

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  • sirap am 16.11.2019 01:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    nur noch e-Autos

    Wenn ab 2025 nur noch e-Autos erlaubt sind, erübrigt es sich, wie schnell man auf der Autobahn fahren kann. Es wird gemunkelt, dass europaweit 80 kmh auf Autobahnen eingeführt wird. Mal sehen, auf jedenfall wird es Greta freuen.

  • Paris am 15.11.2019 09:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geschwindigkeit

    Geschwindigkeit im Strassenverkehr ist Ausdruck von geisiger Unterlegenheit.

    • icnaib am 15.11.2019 11:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Paris

      Sie bringen es genau auf den Punkt.

    • 0 Meter am 16.11.2019 06:34 Report Diesen Beitrag melden

      Ohne Geschwindigkeit kein vorwärtskommen.

      Sagt bestimmt einer der nicht mal das Billet hat.

    • Giorgio am 02.12.2019 19:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Paris

      Deshalb sitze ich stundenlang in meinem geparkten Wagen und schaue mitleidsvoll auf all die Menschen draussen.

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  • Bianchi am 15.11.2019 09:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    alles nur Vorteile

    Richtig wäre, 80/60/30. Weniger weniger Stau, weniger co2, weniger Feinstaub durch Pneuabrieb, weniger Unfälle, weniger Verletzte, weniger Tote. Der einzige Nachteil, was machen mit den PS starken Umweltverschmutzern.

    • Eher nur Nachteile am 16.11.2019 06:39 Report Diesen Beitrag melden

      PS starken Umweltverschmutzern.

      Sie meinen Teslas mit 500 PS ? Und 2000 Kg Leergewicht. Übrigens mit 30 fährt man im 2 Gang, bedeutet deutlich mehr Feinstaub als mit 50 oder 80 Kmh in der h.

    • Cocitoni am 21.11.2019 00:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Bianchi

      Mit 80 kmh könnte Ich mit meinem Diesel nicht mal mit dem 6ten Gang Fahren. Schon nur im 5ten Gang mit 80kmh Ruckt er schon. 140-150 kmh sollte ja kein Problem sein.

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  • F. Off am 14.11.2019 03:31 Report Diesen Beitrag melden

    zu schnell geschrieben

    Guter Beitrag mit Ausnahme des letzten Abschnitts: hier müsste die Opferzahl in Relation zu den jeweiligen Strecken gesetzt sein, um die gemachte Aussage zu unterlegen. Bei 70% Strecken ohne Tempolimit müssten bei gleicher Verteilung 275 Opfer zu beklagen sein, es sind in Wahrheit aber 8 mehr, was einem Überhang von 2% entspricht. Das unterstreicht die Aussage nicht so richtig. Vermutlich ist aber die Stichprobe mit einem Jahr sowieso zu klein und es liesse sich mit bsp. 10-Jahressummen schon zeigen. Naja, die anderen Argumente für eine Temporeduktion sind ja genug tragend.