Elektro-Offensive

02. September 2019 14:00; Akt: 02.09.2019 14:04 Print

Höllenritt zum Himmelstor

von Thomas Geiger - In 7:38 Minuten wird der ID.R zum rasenden Werbeträger für VWs Elektro-Offensive in China.

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In nur 7,38 Minuten jagt der VW ID.R die Tianmen Shan Big Gate Road in China hinauf. (Bild: VW)

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Yang Hua kann die ganze Aufregung nicht verstehen. Mag ja sein, dass die Tianmen Shan Big Gate Road für andere Zeitgenossen zu den spektakulärsten Strassen der Welt zählt. Doch als Busfahrer am Tianmen Mountain in Zhangjiajie, 1500 Kilometer südwestlich von Peking, nimmt er die 99 Haarnadelkurven auf der elf Kilometer langen Strecke an guten Tagen mehr als ein Dutzend Mal. So oft karrt er die Touristen hinauf zu dem Plateau, von wo aus die noch einmal 999 Stufen zu jenem riesigen Durchbruch in der Felswand führen, der als «Tor zum Himmel» bei den Chinesen eine mystische Bedeutung hat.

«Wahrscheinlich könnte ich die Strecke mittlerweile blind fahren», lacht der smarte Mittdreissiger, der jetzt schliesslich schon vier Jahre am Berg arbeitet.Doch hier und heute trifft er seinen Meister. Denn ein paar Meter neben seinem grünen Kleinbus mit dem lahmen Diesel parkt der VW ID.R, aus dem gerade Romain Dumas klettert: Ein Jahr, nachdem der Franzose mit dem elektrischen Prototypen den Rekord beim Run auf den Pikes Peak pulverisiert hat und wenige Wochen nach neuerlichen Bestzeiten beim Hill Climb in Goodwood und vor allem auf der Nordschleife des Nürburgring, ist das flache Flügelmonster aus Wolfsburg umweltfreundlich per Bahn auf der Neuen Seidenstrasse nach China gekommen, um auch dort eine Fahrt für die Ewigkeit anzutreten.

«Wir kommen spät, aber wir kommen gewaltig»

Damit will sich nicht nur das Motorsportteam eine weitere Medaille an die Brust heften. Sondern vor allem geht es den Niedersachsen darum, mit dem Rekordrenner Reklame für ihre E-Offensive zu machen, mit der sie – mal wieder – ein bisschen hinten dran sind. «Wir kommen spät», räumt China-Chef Stephan Wöllmann deshalb auch ein. «Aber wir kommen gewaltig,» sagt der VW-Statthalter und verspricht eine ganze Flut elektrischer Neuheiten aus China für China: «Nächstes Jahr im Herbst geht es mit dem ersten lokalen ID los und danach folgen bis zu zehn Modelle von der Limousine bis zum SUV.»

Während Wöllmanns Rennen gegen lokale Konkurrenten wie BYD, Geely und Newcomer wie Nio oder Byton und all die vielen anderen Importeure etwas länger dauert, denkt Dumas in kleineren Zeitabschnitten. Wenn schon Yang mit seinem Bus kaum mehr als 20 Minuten braucht, müsste er die Strecke doch einem Bruchteil der Zeit schaffen. Schliesslich hat er die 19,9 Kilometer, 156 Kurven und 1500 Höhenmeter auf den Pikes Peak in 7:57 Minuten hinter sich gebracht.

Doch man darf sich nicht täuschen: «Die Herausforderung ist riesig», räumt Dumas ein, der so eine Strasse im Leben noch nicht gesehen hat. Klar, kennt er all die legendären Pässe in den Seealpen. Und natürlich ist auch die Fahrt auf den Pikes Peak kein Sonntagsausflug. «Aber 99 so scharfe Kurven auf elf Kilometern gibt es sonst wohl nirgends auf der Welt», sekundiert ihm VW-Motorsportchef Sven Smeets.

Zumal viele davon so eng sind, dass der mehr als zwei Meter breite ID.R. mit seinem vergleichsweise grossen Wendekreis in ihnen kaum ums Eck kommt. Und als wären so viele Kehren auf so einer kurzen Distanz nicht schon schwer genug, ist die Strasse auch noch extrem ruppig, hat viele Bodenwellen und einen extrem rutschigen Betonbelag, durch den sich tiefe Fugen ziehen. Viel schlimmer kann der Pikes Peak früher auch nicht gewesen sein, als Teile der Piste wie zu Walter Röhrls Zeiten noch geschottert statt geteert waren.

Tianmen Road nur mit Sondergenehmigung

Wo Rennfahrer wie Dumas sonst viele Wochen im Simulator trainieren, gibt es für die Tianmen Shan Big Gate Road natürlich keinen entsprechenden Datensatz. Selbst wenn die Niedersachsen mittlerweile zumindest ein entsprechendes Computerspiel programmiert haben, mit dem binnen weniger Tage über 100'000 Chinesen mehr als fünf Millionen Mal zum Gipfel gestürmt sind. Denn nicht nur, dass die erst 2006 nach acht Jahren Bauzeit eröffnete Steilstrecke mit ihren bis zu zehn Prozent Steigung und 1 100 Höhenmetern natürlich keine offizielle Rennstrecke ist.

Sondern ausser Männer wie Yang in ihren grünen Bussen darf sie sonst auch niemand befahren. Zumindest normalerweise. Aber genau wie VW haben natürlich auch schon andere eine Sondergenehmigung erwirkt und den Gipfel gestürmt: Mal im Drift, mal mit SUV oder Seriensportwagen und sogar mit schweren amerikanischen Motorrädern aus der Cruiser-Fraktion. Nur offizielle Zeiten sind dabei nie genommen worden, sagt Smeets. Als bislang zuverlässigste Referenz gelten deshalb die knapp 10 Minuten, die ein neuer Range Rover gebraucht hat, bevor er danach auch noch die 999 Stufen in Angriff genommen hat.

Doch gemessen am ID.R ist jeder Geländewagen ein ungelenker Gigant: Nicht nur von den beiden zusammen 680 PS und 650 Nm starken Motoren an den beiden Achsen andere nur träumen. Sondern auch das Gewicht von weniger als 1100 Kilo ist unterreicht. Daraus resultiert eine Beschleunigung, die jenseits von gut und böse ist: Während der ID R faucht wie ein Raumschiff in Lichtgeschwindigkeit, schiesst der Monoposto in 2,2 Sekunden auf Tempo 100 und nimmt damit einem Formel 1-Auto etwa vier und einem FormelE-Renner etwa sieben Zehntel ab.

Auf der Geraden schon mal über 200 km/h

Kein Wunder, dass er schon in der ersten Sekunde das offizielle Tempolimit von 40 km/h knackt, an das sich Yang und seine Kollegen sklavisch halten. Und selbst wenn die 273 km/h, die er damals auf der Nordschleife erreicht hat, nie und nimmer greifbar sind, prügelt er das Flügelmonster auf den wenigen Geraden zwischen den Turns immerhin mal über 200 km/h.

Viel mehr als ein halbes Dutzend Probeläufe hat Dumas nicht, schliesslich geht der normale Touristenverkehr munter weiter und Busfahrer Yang und seine Kollegen räumen für den ID R immer nur für ein paar Minuten die Strasse. Doch selbst wenn er sich dabei nur die gefährlichsten Passagen einprägen kann und sich für den Rest der Strecke auf Intuition und Erfahrung verlässt, steigert er sich von Gipfelsturm zu Gipfelsturm. Und als am Nachmittag dann auch noch eine Gewitterfront naht, hat er auch den Nervenkitzel, der ihm ohne Rennen sonst vielleicht gefehlt hätte. Denn genau wie damals am Pikes Peak muss alles wieder ganz schnell gehen – auch im Fahrerlager am Fuss des Berges.

Einmal noch hängen sie den Akku des ID.R deshalb an den mit umweltfreundlichem Glycrein betriebenen Generator und pressen nochmal ein bisschen Strom in die Zellen, dann stöpseln sie ihn ab, Dumas klettert durch die Dachluke ins Auto, während ihn die Mechaniker festzurren in der Karbonkabine versteinerst sein Blick und seine über die Tage schwer gewordenen Arme reissen noch einmal die 99 Kurven ab, von der jede im Bizeps brennt. 7 Minuten, 38 Sekunden und 585 Tausendstel – dann hat er es geschafft, der ID R steht einmal mehr auf dem Gipfel und hat eine weitere Höchstleistung errungen.

Während Dumas zusammen mit Chinachef Wöllenstein im Champagner duscht und auch ohne echten Gegner den strahlenden Sieger gibt, zerreisst Yangs Diesel die elektrische Stille und der Busfahrer kann erwarten, bis die Strecke wieder frei gegeben wird. Fünf Touren hat er noch an diesem Tag. Und wenn sie ihm nur einmal den IDR geben würden, dann hätte er endlich mal pünktlich Feierabend.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Illumination am 02.09.2019 14:33 Report Diesen Beitrag melden

    schon wieder...

    Wieso gibt es hier eigentlich fast ausnahmslos VW/Audi Werbung? Ist das nicht etwas gar einseitig?

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  • Alfred A. am 02.09.2019 15:45 Report Diesen Beitrag melden

    VW will gewaltig kommen

    Schön. Leider ist das bis jetzt erst eine Ansage und ihr gewaltiges Kommen ist doch noch recht überschaubar. Wann kann VW in ausreichenden Stückzahlen liefern? Ich meine Autos, welche hier und heute die Bedürfnisse der Menschen befriedigen kann und auch bezahlbar sind?

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  • Dä Röne am 02.09.2019 15:52 Report Diesen Beitrag melden

    was soll das?

    Und was genau soll das bringen? VW sollte doch besser endlich mal einen bezahlbaren e-Volkswagen auf den Markt bringen! Sie scheinen dazu nicht fähig zu sein...Da sieht es zappenduster aus...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • egne am 04.09.2019 13:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht weit gedacht.

    Elektro ja, aber nicht so wie es aktuell ist. Wasserstoff gehört die Zukunft. Da wird Abends nicht Strom von der Dose gezapft um die Mühle zu laden, sondern die Karre kann angeschlossen werden und liefert Strom. Hyundai ist da schon verdammt weit, aber wie so immer gehts um den Profit und nicht um die Verbesserung an sich.

  • Das Original am 04.09.2019 12:54 Report Diesen Beitrag melden

    Das ist Watt ihr Volt...

    Der Dieselskandal hat den Ruf der Automobilbranche ramponiert. "Die Dieselaffäre hat die alte Ordnung wie eine Schlammlawine in den Abgrund gerissen." Und: "Die Autohersteller haben ihr Mitspracherecht im EU-Parlament verwirkt, weil sie gelogen haben" , stellt Bernard Jullen fest. Für einen besseren Ruf setzen die Autobauer jetzt auf die Elektrotechnologie...

  • E-Guru am 03.09.2019 22:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das Watt wendet sich

    +++ + Luftverschmutzung, Lärmbelastung, Klimaerwärmung, finanzielle Anreize und diverse staatliche Zwangsmassnahmen, alles spricht fur den Umstieg auf Elektromobilität. ++

  • Polizei am 03.09.2019 21:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Polizei

    Nachdem die Polizei Basel-Stadt zu Beginn dieses Jahres total sieben Tesla ModelX als Patrouillefahrzeuge einsetzte, interessiert sich nun auch die Stadtpolizei Zürich für die lautlosen Jäger.

  • Dr.Ehrlich am 03.09.2019 16:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Einmal betrügen....

    Warum sollte es VW mit den E-Gurken anders machen als mit den Verbrennern: Grosse Klappe und nichts dahinter. Das einzig top funktionierende bei VW ist das Marketing und der Verkauf der Betrügerkisten. Viele andere Hersteller hätten nach einem solchen üblen Betrug ziemlich mühe überhaupt noch Autos abzusetzen.