Ab ins Museum

13. Oktober 2019 18:35; Akt: 13.10.2019 18:36 Print

Ich bin dann mal weg!

von Thomas Geiger - Als Marke verbannt Smart den Verbrenner vollends ins Museum. Automobil-Journalist und «SonntagsZeitung»-Mitarbeiter Thomas Geiger hat den Transfer übernommen.

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Es ist ruhig geworden im Daimler-Werk in Hambach. Und das liegt nicht nur an den verlängerten Sommerferien. Sondern 21 Jahre und 2,4 Millionen Exemplare, nachdem hier kurz hinter der französischen Grenze der erste Smart vom Band gelaufen ist, bauen die Schwaben die Fabrik gerade gründlich um und machen sie fit für die elektrische Revolution. Denn als erste Marke mustert Smart den Verbrennungsmotor komplett aus und fährt künftig nur noch mit Strom statt Sprit.

Entsprechend früh allerdings hört man den Smart Brabus, der vorlaut um die Ecke flitzt, als müsste er es noch einmal allen zeigen. Tapfer kämpft sein Dreizylinder mit dem Sportauspuff deshalb gegen die fast schon gespenstische Stille auf dem riesigen Werksgelände an und macht sich einen Spass daraus, das sonst so streng überwachte Tempolimit ein wenig grosszügiger auszulegen. Schliesslich macht auch der Werksschutz gerade halblang und drückt deshalb gerne beide Augen zu.

Aber das schwarz-gelb gescheckte Cabrio, das passenderweise an den «hello yellow» lackierten Erstling von 1998 erinnert, kämpft auf verlorenem Posten. Denn der offene Zweisitzer ist der letzte seiner Art, die Nummer 21 der Final Edition, die vom Berliner Künstler und Designer Konstantin Grcic gestaltet wurde.

Ins Werksmuseum nach Stuttgart

Und während 20 davon an eingefleischte smart-Fans verkauft worden sind, fährt dieses Auto dorthin, wo solche Raritäten hingehören: Schnurstracks ins Werksmuseum nach Stuttgart. Dort parkt er dann unter einem Dach mit dem Patent Motorwagen, mit dem Carl Benz 1886 das Auto erfunden hat, oder dem Simplex, der zur Jahrhundertwende die Abkehr vom Kutschbau hin zur modernen Automobilkonstruktion markiert.

Eine Nummer zu gross für den Bonsai-Benz? Nicht, wenn man seinen Machern glaubt. Denn die loben den Smart nach wie vor als Revolution, weil er Schluss gemacht hat mit dem Wettrüsten des immer grösser und immer stärker und trotzdem kein Verzichtsauto gewesen ist.

«Das Auto der Zukunft muss bestehende Vorstellungen hinterfragen und mit radikalen wie wegweisenden Technologieideen inspirieren», brachte es Mercedes-Benz Studio-Ingenieur und Visionär Johann Tomforde bereits 1972 auf den Punkt, als er die ersten Ideen zu dem Skizzierte, was 25 Jahre später mal der Smart werden sollte. Und als dann noch der Schweizer Uhren-Papst Nikolas Hayek seine Ideen vom Swatch-Auto mit einbrachte, war offenbar eine Antwort auf die stetig wachsende Urbanisierung gefunden: Ein Zweisitzer von damals unerreichten 2,69 Metern und mit einem Motor, der bei Mercedes sonst wahrscheinlich nicht einmal gross genug war für den Rasenmäher in der Firmenzentrale in Möhringen.

Schon damals war der Verbrenner allerdings nur eine bessere Notlösung. Denn schon Hayek hat mit dem Elektroantrieb geliebäugelt, und auch wenn es fast zehn Jahre gedauert hat und es anfangs nur für 100 Autos für London gereicht hat, wurde der Smart 2007 zum ersten elektrischen Serienauto aus Europa.

All das geht mir durch den Kopf, als ich in Hambach zur letzten Fahrt starte und die Überführung nach Stuttgart übernehme. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge winkt mir der Pförtner nach, dann verschwindet das Werk im Rückspiegel und mit ihm auch das verträumte 3000 Seelen-Städtchen, das so gar nicht als Wiege für das erste Modell taugt, das speziell für die Megacitys entwickelt wurde.

Trotzdem haben sie den Winzling hier natürlich liebgewonnen, schliesslich sichert er ihnen ein Auskommen in der strukturschwachen Region. Und als die mittlerweile abgetretene smart-Chefin Anette Winkler auch noch die Produktion des EQA an Land gezogen hat, war der Jubel entsprechend gross.

Der Smart Brabus dagegen will von all dem elektrischen Gesumme nichts wissen und brummt stattdessen tapfer bis trotzig über die Route National Richtung Strassburg. Was haben wir uns in den letzten Jahren über die knatternden Dreizylinder geärgert und vor allem über das Getriebe, das uns bei jedem Schaltvorgang ein Nicken abgenötigt hat. Aus, vorbei und vergessen.

Denn erstens ist der Antrieb über die Jahre immer besser geworden und steht zumindest seit dem letzten Generationswechsel anderen Kleinwagen in nichts mehr nach. Und zweitens werden wir so quirlige Mini-Motörchen bald vermissen, wenn sie auf dem Altar der CO2-Grenzwerte und des Klimaschutzes geopfert worden sind.

Souverän geht irgendwie anders

Bis dahin allerdings geniessen wir es noch einmal und lassend den 0,9-Liter bis ans Limit laufen. Schnell ist der Smart mit seinen 109 PS zwar noch immer nicht und souverän geht irgendwie anders. Doch dank reichlich Vitamin B von Brabus fühlt sich der Bonsai-Benz zumindest an wie ein Sportwagen, stemmt sich wacker gegen die Wellen im Asphalt und die Fugen im Beton der Autobahn und macht den Abschied umso schwerer.

Denn so sauber das Elektroauto – grünen Strom und einen CO2-neutrale Produktion vorausgesetzt – irgendwann einmal sein mag, ist es doch irgendwie kühl und nüchtern: Wenn Otto mal nur noch ein Name und Zylinder nicht mehr sind als ein altmodischer Hut, dann werden wir selbst den Smart-Motor vermissen.

Abschiedsfahrt des Smart

Also freuen wir uns an ihm, solange wir noch können. Und der Stau auf der Strecke hilft uns dabei. Erst gibt’s eine kleine Extratour über die Grenze und die #21 nimmt den Rhein nicht auf der lieblosen B500, sondern ein paar Kilometer weiter im Norden auf der alten Brücke zwischen Beinheim und Wintersdorf, und dann zwingt uns eine Vollsperrung auf der A8, noch auf die Bertha-Benz-Route, die an die erste Fernfahrt der Autogeschichte erinnert. Viel passender könnte man die Route für die Abschiedsfahrt des Smart kaum wählen.

Dort kommt dann unter der Sonne des Spätherbsts im offenen Cabrio tatsächlich so etwas wie Fahrfreude auf und die Wehmut wird mit jedem Kilometer grösser. Denn jeder Meter führt näher ans Museum und im dichten Feierabendverkehr auf dem Weg nach Untertürkheim zeigt der Bonsai-Benz noch einmal, wie grossartig sich dieses kleine Auto in der Stadt schlägt.

Wendig wie kein Zweiter und so wunderbar knapp geschnitten, surft er eher durch die Rushhour, als das er fährt. Und auch der längste Stau verliert seinen Schrecken. Schade nur, dass damit auch das Museum immer näherkommt und mit ihm das Ende der Fahrt. Denn bis auf den letzten Tropfen leergefahren, hält ihm einer der Mitarbeiter die Tür auf und er rollt seine letzten Meter in die grosse Halle.

Der Smart fährt weiter – einfach elektrisch

Aber bevor jetzt alle traurig werden, das hier ist kein Nachruf. Zumindest kein echter. Denn der Smart fährt weiter – selbst wenn die Nummer #21 nun im Museum parkt. Denn in Hambach werden sie künftig nicht nur den Mercedes-Benz EQA bauen, sondern auch weitere elektrische Smarts produzieren.

Und bis die aktuelle Generation ausläuft, arbeitet Daimler zusammen mit dem Grossaktionär Geely an einer Neuauflage. Mit dem Knowhow der Chinesen soll er so zu einem bezahlbaren Elektroauto werden – der Verbrenner mag deshalb zwar Geschichte sein, aber die Zukunft des Smart hat gerade erst begonnen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Po_Litiker am 13.10.2019 21:22 Report Diesen Beitrag melden

    Wir warten jetzt ab bis alle ein E-Auto

    gekauft haben, dann schalten wir nach und nach die AKW's ab. Dann könnt ihr wieder fürs neue Auto sparen, wir lassen uns immer wieder was neues, für uns lukratives einfallen denn wir wissen ja jetzt, dass ihr nicht gerade die hellsten Kerzen seid.

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  • Greta Tuborg am 14.10.2019 01:32 Report Diesen Beitrag melden

    Die neue Batteriengeneration der E-Autos

    Die neue Batteriengeneration der E-Autos ist jetzt völlig umweltneutral, diese Batterien kann man sogar essen, denn sie enthalten wichtige Vitamine und werden in speziellen Treibhäuser gezüchtet. Zusammen mit etwas Russ vom Braunkohlekraftwerk gibt das eine moderne, gesund Mahlzeit. Also Leute, kauft ein E-Auto, es gibt nichts besseres. Gruss Greta.

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  • joshua soc am 13.10.2019 18:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    juhuuu

    dann ist die welt jetzt ja gerettet!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Clyde Barrow am 22.10.2019 16:31 Report Diesen Beitrag melden

    Ideen muss man haben

    Am 23.12.2019 geht das KKW Mühleberg vom Netz. Im Früjahr 2020 gibt es die ersten Brennstäbe im Angebot. "Und er läuft und läuft und läuft".

  • Shredder X am 16.10.2019 16:13 Report Diesen Beitrag melden

    Macht Sinn

    den Smart künftig nur noch als Stromer herzustellen. Die meisten Smart-Fahrer werden überwiegend wenige Kilometer um ihren Wohnsitz herum fahren und den Smart im Nahbereich nutzen. Reichweite wird daher weniger gefragt sein. Die ersten E-Smart gibt es ja schon, die allerdings sehr sehr wenig Reichweite haben, was auch im Nahbereich dürftig ist. Hoffen wir doch, das die neuen E-Smart deutlich mehr Reichweite mit einer Akku-Ladung schaffen.

  • Shredder X am 16.10.2019 16:07 Report Diesen Beitrag melden
    Giphy Giphy
  • A B am 15.10.2019 08:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nur eine Zwischenlösung

    Der Elektromotor ist ja schon gut, jedoch die Speicherung der Energie im Akku ist mit Sicherheit nur eine Zwischenlösung. Da muss noch etwas Praxistauglicheres entwickelt werden.

  • V Z am 15.10.2019 07:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das ist kein Auto

    Das fahrende ToiToi gibts nur noch mit Elektrospühlung. So was hätte ich vorher nie gefahren und werde es auch in Zukunft niemals fahren.