Interview

22. September 2019 12:00; Akt: 22.09.2019 12:08 Print

«Das Auto ist für viele auch ein Zuhause»

von Lukas Rüttimann - Renata Jungo Brüngger ist eine der wenigen Schweizerinnen im Vorstand eines Weltkonzerns. Wir trafen sie zum Gespräch an der IAA in Frankfurt.

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Renata Jungo Brüngger arbeitet seit 2011 bei Daimler. Seit Januar 2016 ist sie Vorstandsmitglied und in dieser Funktion für das Ressort Integrität und Recht verantwortlich. (Bild: Daimler)

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Frau Jungo Brüngger, wie kommt man als Schweizerin aus dem freiburgischen Düdingen in den Vorstand von Daimler?

Ja, wie kommt das? (lacht) Zuhause hiess es immer, ich werde mal Primarlehrerin. Ich habe dann aber den Weg als Juristin eingeschlagen und bin über einen Abstecher in einer Bank bei der Zürcher Wirtschaftskanzlei Bär & Karrer, dann bei der Metro Holding AG, Emerson Electric Company und schliesslich 2011 bei Daimler gelandet. Seit Januar 2016 bin ich Vorstandsmitglied und in dieser Funktion für das Ressort Integrität und Recht verantwortlich.

Das waren Ihre beruflichen Stationen. Welche Eigenschaften muss man haben, um eine solche Karriere zu machen?

Man darf keine Angst davor haben, sich immer wieder aus der Komfortzone heraus zu bewegen. Vor meinem Wechsel zu Daimler gab es mehrere Headhunter, die mir vom Job abgeraten haben. Erstens, weil ich keine Deutsche bin, und zweitens, weil ich kein Mann bin. Eine nichtdeutsche Chefjuristin gab es noch nie bei einem Dax-Unternehmen; zudem galt Daimler als hierarchische «Car-Guy»-Firma. Doch genau das hat mich gereizt.

Inwieweit haben sich die Klischees bestätigt?

Wie Sie sehen, bin ich nach bald neun Jahren immer noch hier. Ich denke, die Unternehmenskultur hat sich generell stark verändert. Als ich hier anfing, habe ich ein Team aus elf gestanden Herren übernommen, die allesamt mit dunklem Anzug und Krawatte in Meetings kamen. Das ist schon lange nicht mehr so. Heute herrscht eine Du-Kultur, Frauen in hohen Führungsfunktionen sind alles andere als eine Seltenheit.

Sie haben an der IAA in Frankfurt eine Keynote-Speech zu den Leitsätzen gehalten, die sich Daimler für den Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) gegeben hat. Was hat KI mit Integrität und Recht zu tun?

Künstliche Intelligenz wird nicht funktionieren ohne riesige Datenmengen. Machine Learning (maschinelles Lernen) basiert auf der Auswertung von Big Data-Mustern, und deshalb wird auch autonomes Fahren nicht ohne Daten möglich sein. Der Umgang mit Daten ist eines der – wenn nicht das – zentrale Thema in der künftigen Mobilität. Künstliche Intelligenz erfordert deshalb rechtliche Leitlinien. Und da kommt mein Ressort ins Spiel.

Wussten sie bei Ihrem Antritt, wie wichtig Ihre Position werden würde?

Ich habe vor Daimler zehn Jahre bei einer US-Firma gearbeitet, dort haben Legal & Compliance schon länger eine andere Bedeutung. Juristen oder Compliance Manager sollen keine Verhinderer sein, sondern Unterstützer. Mein Credo ist, dass alle zusammenarbeiten müssen. Meine Datenschützer sind deshalb schon sehr früh in die Prozesse eingebunden. Sie sind einerseits Risikomanager, andererseits Teil der Wertschöpfung.

Legal ist doch sonst gern Spielverderber der Ingenieure...

... es ging auch nicht von Anfang an ohne Reibung. Doch die heutige Komplexität der Regularien verlangt danach, dass man sich in einem dynamischen Dickicht zurechtfindet. Dafür braucht es Juristen, die Freude an Technik und am Produkt haben. Das verbindet sie mit den Ingenieuren bei Daimler, und das ist ein guter Boden.

Wie technikaffin sind Sie selber?

Ich repariere mein Auto nicht selbst, aber ich bin fasziniert von der Technologie, ganz besonders der digitalen Technologie. Es ist beeindruckend, wie schnell auf diesem Gebiet aktuell Entwicklungen passieren.

Ist man als Juristin nicht konstant einen oder zwei Schritte zu spät, wenn es um Datensicherheit geht?

Natürlich reagieren wir auch auf Entwicklungen, aber wir müssen gleichzeitig voraus sein. Das gehört zum Job als Risikomanagerin. Gerade was Datenschutz angeht, sind wir da sehr erfolgreich. Daimler ist eines der ersten Unternehmen, das drauf und dran ist, ein Data Compliance-System zu zertifizieren. Das ist genauso proaktiv wie die vier Grundprinzipen, die wir für den Umgang mit KI definiert haben: verantwortungsvoller Einsatz, Erklärbarkeit, Schutz der Privatsphäre sowie Sicherheit und Zuverlässigkeit. Damit wollen wir die Möglichkeiten von KI verantwortungsbewusst nutzen.

Dafür müssen sie vor allem Ängste abbauen. Wie macht man das?

Kommunikation ist ganz wichtig. Trainings sind auch eine Möglichkeit. Ein Vertrieb oder ein Händler muss Knowhow vermitteln können. Und dann ist es letztlich auch eine Generationsfrage. Ich erinnere mich daran, wie skeptisch einige unserer Aufsichtsratsmitglieder waren, als wir die A-Klasse erstmals mit dem lernfähigen Multimediasystem MBUX vorgestellt haben. Als ich mit meinem Gotti-Kind später damit eine kleine Tour machte, hatte sie schon alles installiert ohne sich je einen Gedanken über ihre Daten zu machen.

Wie kommuniziert man, dass einem die Leute vertrauen?

Gute Frage. Nur kommunizieren reicht sicher nicht. Man muss das, was man kommuniziert, auch umsetzen und danach leben. Ich bin überzeugt, dass Datenschutz und Datenqualität enorm wichtig sind für das Kundenvertrauen. Daten im Auto sind auch deshalb eine Diskussion, weil das Auto für viele auch ein Zuhause ist. Das ist ein sensibles Feld, und da dürfen wir uns keine Fehler erlauben.

Um im Autonomen Fahren voran zu kommen, arbeiten Sie unter anderem mit BMW zusammen – einem direkten Konkurrenten.

Für Autonomes Fahren braucht man enorme Investitionen. Man muss Knowhow zusammenbringen. Deshalb arbeiten wir nicht nur mit BMW, sondern in einem anderen Bereich auch mit Bosch zusammen. Man kann einen solchen Schritt nicht alleine schaffen; Kooperationen werden in Zukunft sicher eher zu- als abnehmen.

Welchen Tipp würden Sie jungen Frauen geben, die eine ähnliche Karriere verfolgen wie Sie?

Man muss etwas dafür tun. Chancen sollte man packen, und gute Dinge kommen nicht auf einen zugeflogen. Selber die Initiative ergreifen ist etwas enorm Wichtiges.

Von Frauenquoten halten Sie wohl nicht allzu viel.

So würde ich das nicht sagen. Als Instrument zum Anschub kann eine Quote durchaus richtig sein. Wenn ein Gremium gezwungen ist, nicht automatisch den nächstbesten Kollegen in den Verwaltungsrat zu hieven, sondern geschlechterunabhängig und international über den Zaun zu schauen, finde ich das sehr begrüssenswert.

Wenn man Sie so reden hört – reizt Sie die Schweizer Politik? Die CVP könnte eine starke Frau sicher gut gebrauchen.

(lacht) Ich habe als CVP-Mitglied tatsächlich bereits Politik gemacht und bin in Schlieren beinahe im Stadtparlament gelandet. Im Moment habe ich aber keine politischen Ambitionen. Ich fühle mich bei Daimler sehr beschäftigt – und sehr wohl.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Autoexperte am 22.09.2019 19:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    so ist es

    als 18 jähriger war das mein erster privater Freiraum

  • Martial2 am 22.09.2019 21:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sehr Clever und sympathisch...

    Es ist immer erfreulich von intelligenten Menschen guten Kommentaren zu lesen... Was bei 20' öfters nicht der Fall ist...Leider!

  • Herr Max Bünzli am Autosalon Genf am 22.09.2019 13:23 Report Diesen Beitrag melden

    genau

    liebe Renata Jungo Brüngger zuhause ist man dort wo man gerade ist!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Brennpunktberater am 25.09.2019 12:58 Report Diesen Beitrag melden

    Wo sonst...

    kann man in Trainerhosen sich so richtig gehen lassen zumal man zu Hause eh nichts mehr zu sagen hat?Verdichtetes Wohnen wird diesen Trend noch verstärken.

  • Urs, Kreuzlingen am 24.09.2019 12:50 Report Diesen Beitrag melden

    Ich fahre, nein, ich sitze

    oft stundenlang in meiner 500er S-Klasse (Langversion, Baureihe W221, lese auf der Rückbank, schaue fern, telefoniere, erledige Korrespondenz). Und, ja, ich geniess es sehr.

  • mark am 24.09.2019 09:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    echt?

    das auto soll ein zuhause sein? so schön und angenehm kann ein auto nie sein!

    • SQ2 am 24.09.2019 19:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @mark

      Doch Mark, das geht schon. Wenn man sich seinen Autotraum erfüllen kann... :-)

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  • 1234 am 23.09.2019 16:06 Report Diesen Beitrag melden

    Von A nach B

    und nicht noch rumstehen mit laufendem Motor und einfach so in der gegend rumfahren. Wir haben keinen Platz mehr auf den Strassen. Und nein ich sag nichts von CO2. Aber auch mit weniger Autofahren kann man Naturschutz betreiben.

  • NITRAMNEKLOV am 23.09.2019 10:06 Report Diesen Beitrag melden

    Verlassener Ehemann

    Richtig Das Auto ist mein Zuhause weil ich Miete nicht mehr bezahlen konnte.

    • Brennpunktberater am 25.09.2019 13:06 Report Diesen Beitrag melden

      Wo liegen Ihre Prioritäten?

      Dann war wohl das Auto zu teuer für Sie.

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