Interview

08. Dezember 2019 12:00; Akt: 08.12.2019 12:12 Print

«Verzicht ist keine Lösung»

von Thomas Borowski - SUV und Plug-In-Hybride boomen, stehen aber auch in der Kritik. Wir wollten von SUV-Entwicklungschef Andreas Zygan wissen, wie Mercedes-Benz diese Kritik kontern.

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«Hybrid-Fahrzeuge, wie der neue GLE, mit realen Reichweiten im Elektrobetrieb motivieren Kunden zum Laden. So leisten sie einen Beitrag für die Umwelt, ohne Verzicht zu üben. Denn Verzicht ist keine Lösung.» Andreas Zygan, SUV-Entwicklungschef Mercedes-Benz. (Bild: Mercedes-Benz)

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Andreas Zygan, noch nie war die Autowelt derart im Umbruch, und noch nie war der Druck auf die Autoindustrie so gross. Wie halten Sie das aus?

«Indem wir als Ingenieure primär neue Techniken entwickeln und verfolgen. Denn diese bieten auch neue Chancen und Veränderungen.»

Die Kunden scheinen mehrheitlich noch anderer Meinung zu sein, das Kaufverhalten ist eher konservativ.

«Immer wenn sich etwas verändert, tut sich der Mensch an sich schwer, damit umzugehen und die Veränderung anzunehmen. Deshalb glaube ich, dass wir den Menschen mehr Zeit geben und sie auf dem Weg der Veränderung begleiten müssen. Zudem braucht es gerade in einem derartigen Transformationsprozess viel Zeit, um sich an Neues zu gewöhnen.»

Woran denken Sie dabei konkret?

«Zum Beispiel an den Plug-In-Hybridantrieb. Der wird sich weiter durchsetzen, wenn die Autofahrer erkannt haben, dass der Ladevorgang ganz einfach funktioniert.»

Aber Plug-In-Hybridfahrzeuge werden oft kritisiert, weil sie schwere Batterien spazieren fahren, die einen Mehrverbrauch verursachen.

«Natürlich ist das Gewicht der Batterien auf den ersten Blick ein Nachteil. Aber ich bin überzeugt, dass wir mit unseren neusten Modellen wie dem GLE (siehe unten) mit einer rein elektrischen Reichweite von über 100 Kilometern in Bereiche vorstossen, in denen die Vorteile des Plug-In-Hybridantriebes klar überwiegen.»

Wieso?

«Weil wir einerseits Reichweiten bieten, welche die Vorteile des elektrischen Fahrens unmittelbar erlebbar machen. Und andererseits verbinden wir im GLE die zwei derzeit effizientesten Technologien – den auf Autobahnstrecken quasi lautlosen Vierzylinder-Diesel und den Elektroantrieb, mit dem man in der City rein elektrisch unterwegs ist. So machen wir elektrisches Fahren ohne Kompromisse erlebbar, und damit steigt auch die Bereitschaft, ein Auto zu laden.»

Leider passiert oft das Gegenteil und viele Plug-in-Fahrzeuge sind im Verbrennermodus unterwegs. Wie kann man das ändern?

«Mit realen Reichweiten im Elektrobetrieb (übrigens auch im Winter) auf Normalstrecken von 80 bis 100 Kilometern – das motiviert Kunden zum Laden. Und so leistet der Autofahrer einen Beitrag im Verkehr für die Umwelt, ohne Verzicht zu üben. Denn, das ist ein ganz wichtiger Punkt: Mit Verzichtsprodukten hat man keinen Erfolg, Verzicht ist keine Lösung.»

Noch viel stärker im Fokus der Kritik sind die grossen SUV. Was erwidern Sie den SUV-Gegnern?

«Ich verweise da in erster Linie auf den Nutzwert bei einem SUV, denn der ist in der Regel klar höher als bei anderen Fahrzeugen. Viele Kunden loben beispielsweise das bequeme Ein- und Aussteigen, die grosszügigen Lademöglichkeiten und das Kofferraumvolumen sowie den Allradantrieb. Zudem fühlen sich die Menschen in einem SUV auch durch die höhere Sitzposition und die Übersicht sicherer.»

Und der Verbrauch?

«Die Behauptung, ein SUV sei mit Mehrverbrauch gleichzustellen, ist veraltet und entspricht nicht mehr den Tatsachen. Heute bieten wir Plug-In-Hybride mit vollem Nutzwert und wirklich vernünftiger E-Reichweite bei einem Realverbrauch von vier bis sechs Litern. Damit wirken wir dem schlechten SUV-Image entgegen.»

Wo führt die Entwicklung im SUV-Bereich bei Mercedes-Benz hin, werden die Autos immer grösser oder auch mal wieder kleiner?

«Unsere Strategie ist ja ganz klar: Elektrifizierung. Und wenn wir heute über hohe Reichweiten sprechen, dann reden wir auch über hohe Batteriekapazitäten von über 100 kWh. Und diese Batterien bringen derzeit ein hohes Gewicht mit sich und benötigen zudem viel Platz. Trotzdem vernachlässigen wir das Kompakt- und Mittelklassesegment nicht, denn als Premiummarke müssen wir die ganze Bandbreite liefern können.»

Toyota ist Hybrid-Pionier, Tesla die Nummer 1 bei den Elektroautos. Haben Sie und die anderen deutschen Hersteller diese Trends verpasst?

«Im Nachhinein ist es immer einfach zu sagen, der eine hat es verschlafen und der andere ist bei der Entwicklung nicht mehr mitgekommen. Tatsache aber ist: Wir waren bei Mercedes-Benz die Ersten, die sich dem Thema Hybridisierung widmeten – schon 2002 gab es unsere S-Klasse als Mildhybriden mit 48-Volt-Technologie. Und auch wenn sich das Umfeld in den vergangenen Jahren dramatisch verändert hat, verfolgen wir das gleiche Ziel: das beste Angebot auf die Strasse zu bringen, egal mit welchen Mitteln.»

Produktionsverbund

Daimler investiert mehr als eine Milliarde Euro in einen globalen Batterie-Produktionsverbund innerhalb des weltweiten Produktionsnetzwerks von Mercedes-Benz. Insgesamt besteht der Batterie-Produktionsverbund aus neun Fabriken an sieben Standorten, auf drei Kontinenten in fünf Ländern (Deutschland, Polen, USA, China und Thailand). «Die lokale Fertigung von Batterien ist ein wichtiger Erfolgsfaktor in unserer Elektrooffensive und der entscheidende Baustein, um die weltweite Nachfrage nach Elektrofahrzeugen flexibel und effizient zu bedienen», schreiben die Stuttgarter. In den Batteriefabriken werden die Batteriesysteme von Mercedes-Benz montiert und getestet. Die Batterie-Zellen kauft Mercedes-Benz auf dem Weltmarkt zu und sichert sich damit den Zugang zu den neuesten Technologien am Markt.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Cheerio am 08.12.2019 15:08 Report Diesen Beitrag melden

    Hassobjekt SUV

    Immer dieselbe leidige Diskussion. Ein VW T5 ist 4.90 lang, 1.90 breit und wiegt knapp 2.3 t. Ein Mercedes Vito knapp 5.40 lang, 1.93 breit und wiegt 2 t. Ein Tesla S kommt auf 4.98, 1.96 und +2 t. Ein 7er BMW auf bis zu 5.26, 190 und 2 t. Dagegen ist mein Q3 mit 4.50, 1.85 und knapp 1.6 t ein unscheinbares Leichtgewicht. Aber weil er ein SUV ist, wird er verteufelt. Dass ich nur 5 tkm im Jahr fahre und doppelt so viel mit Velo und ÖV zurücklege, ist ja auch egal. Hauptsache, man hat ein Feindbild.

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  • Joe am 08.12.2019 12:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verzicht wäre ein Anfang

    Zitat: " ... Verzicht ist keine Lösung" ... vom Wem stammt wohl dieses Zitat? Verzicht ist nicht die Lösung aber es kann ein Anfang sein! Selbst ich als eingefleischter Autofahrer verzichte immer mehr auf Autofahrten, nehme das Velo oder die ÖV ... und beim fliegen oder den Urlaubsschiffen? Da wäre doch ein Verzicht durchaus angebracht, oder nicht?

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  • Reto am 08.12.2019 16:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht ernst zu nehmen

    Wir waren bei Mercedes-Benz die Ersten, die sich dem Thema Hybridisierung widmeten.... Ist der Typ nicht ganz dicht? Und wenn ich mir dieses sogenannte SUV Coupé (der Begriff schmerzt) anschaue, frage ich mich ernsthaft wie man drauf sein muss, soviel Kohle rauszuschmeissen, und dann mit soviel Hässlichkeit rumzufahren....

Die neusten Leser-Kommentare

  • Ganjaflash am 22.12.2019 22:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden
    Giphy Giphy
  • pessimist am 20.12.2019 10:10 Report Diesen Beitrag melden

    vision

    es gibt leute die fliegen zur arbeit. normalos quetschen sich in die billigklasse. fliegen teuer und für die reichen. mit dem auto wird es ebenso kommen. per app am morgen ein platz in der in china gefertigten, selbstfahrende kiste bestellen. ab und zu heisst es halt: service unavailable pls try later. wer geld hat leistet sich ein privates, sauteures selbstfahrendes gerät, welches sich in das vorgegebene verkehrsleitsystem eingliedern kann. europäische fahrzeuge nur noch in büchern.

  • STI am 12.12.2019 19:09 Report Diesen Beitrag melden

    Beste man

    Naja, also schön ist der schon aber ich könnte mit dem Geld 5 STIs kaufen... Also 5 mal Nein!

  • John Benz am 12.12.2019 09:24 Report Diesen Beitrag melden

    Egoismus

    "Zudem fühlen sich die Menschen in einem SUV auch durch die höhere Sitzposition und die Übersicht sicherer." Und genau das ist die Problematik: jeder andere sieht dann nichts mehr. Aber wichtig das der SUV Fahrer die Übersicht hat und sich sicher fühlt. Ich nenn das schlicht Egoismus. Aber passt ja zum heutigen Zeitgeist: "Ich komme zuerst, egal ob es noch Mitmenschen auf dem Planet gibt"

  • Gotovina Marko am 10.12.2019 09:12 Report Diesen Beitrag melden

    SUVler

    Also ich freue mich auf die Auslieferung von meinem neuen X5M 3 V8 mit humanem Verbrauch, dass ist die Zukunft die ich mir wünsche.