Mercedes-Benz 170 V

05. Oktober 2019 11:39; Akt: 05.10.2019 11:39 Print

Solid, ausgeglichen und ganz schön sympathisch

von B. v. Rotz - Mit dem 170 V nahm Mercedes-Benz nach dem Krieg die Produktion wieder auf. Und das Vorkriegsmodell schlug sich noch über Jahre wacker.

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Dass der Mercedes-Benz 170 V kein Youngtimer ist, sieht man sofort. Die herausstehenden Kotflügel und der aufrechte Kühlergrill erinnern zu Recht an die «richtigen» Oldtimer aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Allerdings wurde dieses schwarze Exemplar erst nach dem Krieg gebaut. Und dass es der 170 V auf eine Bauzeit von fast 20 Jahren brachte, zeigt, wie ausgereift und fortschrittlich die Konstruktion aus dem Jahr 1936 war.

Der 170 V wurde als einziges Vorkriegs-Modell nach dem Krieg weitergebaut und sicherte den Wiederaufbau der Mercedes-Fabriken in Sindelfingen und Untertürkheim. Schon kurz nach Kriegsende entstanden bereits wieder die ersten Fahrzeuge, zunächst für den Einsatz als Leichtlastwagen, Krankenwagen oder Polizeifahrzeuge. Doch schon bald entstanden auch wieder viertürige Limousinen.

Schritt um Schritt verbessert

1950 wurde der 170 V einer Modellpflege unterzogen, leistete nun 45 PS mit 1,8 Liter Hubraum anstatt 38 PS mit 1,7 Liter Hubraum. Die Spur wurde breiter, der Kofferraum war nun von aussen zugänglich. Damit war man für die erstarkende Konkurrenz der Nachkriegszeit gerüstet.

Mit einer Rohrrahmenkonstruktion als Chassis und Einzelradaufhängungen rundum (hinten als Pendelachse ausgeführt) war der 170 V auch Anfang der 1950er-Jahre auf der Höhe der Zeit. Der robuste Vierzylinder hatte sich bewährt, die vier Gänge waren nun alle synchronisiert. Selbst ein bisschen Luxus in Form von Tankuhr oder Heizung war an Bord.

Für Sparfüchse gab es noch eine Dieselvariante 170 D, die zwar 2000 Franken teurer (11'800 anstatt 9800 Franken) war, dafür aber auch über zwei Liter Treibstoff pro 100 km sparte. Trotzdem rechnete sich der Diesel, der notabene damals schon dieselben Fahrleistungen bot wie der Benziner, erst nach einer Fahrtstrecke von rund 80'000 km.

Fast 70 Jahre später

Wer sich heute in einen rund 70-jährigen 170 V setzt, muss schon ein wenig umlernen. Das beginnt schon mit der nach hinten öffnenden Tür, die man besser gut verschliesst, wenn man drinsitzt.

Mit dem Zündschlüssel wird das Lenkrad entriegelt (fortschrittlich!) und die Zündung eingeschaltet, gestartet aber wird mit einem Knopf oberhalb des Gaspedals. Man drückt also mit dem Fussballen auf den Knopf und regelt die Gemischzufuhr mit der Verse. Wenn das Auto flach steht, geht dies problemlos, doch wenn man im Gefälle auch noch gleichzeitig kuppeln und bremsen möchte, dann fehlt einem ein Fuss. Natürlich lässt sich dieses Dilemma durch Anziehen der Handbremse links unter dem Lenkrad oder Neutralstellung der Gangschaltung lösen.

Die Schaltwege des vollsynchronisierten Vierganggetriebes sind lang, und ab und zu haben die Finger schmerzhaften Kontakt mit den Kanten am Armaturenbrett, wenn man nicht aufpasst.

Sportlich ist man kaum unterwegs, aber ein Verkehrshindernis wird man auf der Landstrasse auch nur selten. Die 45 PS reichen für zügiges Fortkommen der rund 1,2 Tonnen schweren Limousine durchaus aus. Auch hinten kann man ganz bequem sitzen, allein das Versorgen von Gepäck im Kofferraum kann zum kraftraubenden Akt werden.

Sympathien überwiegen

Auf offener Strecke löst der 170 V spontane Sympathiekundgebungen aus. Neid jedenfalls empfindet kaum jemand. Ein richtiges rollendes Kulturgut halt. Gebaut wurde der 170 V übrigens noch bis 1953, insgesamt verliessen gegen 175'000 Exemplare in Benzin- und Dieselausführung die Fabrik.

Weitere Informationen, viele Bilder, Prospekte und ein Tonmuster zum Mercedes-Benz 170 V gibt es auf Zwischengas.com.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Sachverständiger am 05.10.2019 12:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schwarz hat einen Grund

    Schwarz wurde damals oft verwendet, weil es in der Massenproduktion am schnellsten trocknete, nicht weil es die beliebteste Farbe war.

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  • Bill am 05.10.2019 12:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Echter Benz

    Sehr guter Wagen! Damals war ein Mercedes noch ein Mercedes und nicht eine Schwarte. Würde ich heute noch lieber als einen neuen Benz fahren.

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  • S. Berger am 05.10.2019 12:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Pendelachse

    Sorry, aber die viel kritsierte Starrachse konnte damals vieles besser als die Pendelachse von Mercedes. Spur und Sturz blieben bei jeder Fahrsituation und Beladung konstant. Erst mit der Schräglenkerachse war ein Vorteil beim Fahrkomfort spürbar.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Autoeskapaden am 06.10.2019 22:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Vernunftauto?

    Na siehe da. Einst reichten 45 Perde sogar für einen Merz. Heute müssen es ja immer gleich 450 davon sein. Ist das nun ein Fortschritt?

  • Candyman am 06.10.2019 17:59 Report Diesen Beitrag melden

    Autobau aus alten Kisten

    Heute wirkt der Wagen vielleicht sympathisch und nostalgisch, damals jedoch demonstrierte er, dass die Deutschen gestalterisch und technisch der US-Autoindustrie um Jahrzehnte hinterherhinkten. In den 1950ern muss der 170V wie ein Andenken an die NS-Zeit empfunden worden sein; ein wehmütiges Andenken für viele Deutsche und ein grausiges im Ausland. Sogar der ältere Traction Avant war weniger bieder. Der 170V steht für erzwungene Bescheidenheit und für einen Neustart von ganz unten.

  • Mirjam G. am 06.10.2019 11:58 Report Diesen Beitrag melden

    Mercedes nicht mein Ding

    Diese uralten Fahrzeugtypen von Mercede waren zwar für die Ewigkeit gebaut, aber schwerfällige, lahme Kisten waren es trotzdem. Ich bin weiblicher Oldtimer-Fan und kann damit nichts anfangen. Ich restaurierte weitgehend eigenhändig ( Ich lernte dafür sogar schweissen und Blech bearbeiten, mit Motoren kenne ich mich schon aus ) meinen rassigen'Fiat 500', liebevoll 'Krawallkugel' genannt.

    • Siegried am 06.10.2019 16:17 Report Diesen Beitrag melden

      @Mirjam G.

      Und wieso soll es für die Leserschaft hier von Interesse sein, ob Sie weitgehend selbstständig sind und Ihren Fiat 500 liebevoll "Krawallkugel" nennen?

    • Mirjam G. am 06.10.2019 18:39 Report Diesen Beitrag melden

      @Siegried

      Sie mussten ja meinen Beitrag nicht lesen, wenn sie nicht wollten. Offensichtlich konnten sie es trotzdem nicht lassen. Meine Zeilen waren nicht so tierisch ernst gemeint, wie sie offenbar alles betrachten. Sie tun mir leid.

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  • Typhoeus am 06.10.2019 10:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Einsame zuverlässige Klasse,

    Mercedes 170 V , es war einmal.

    • OldieKenner am 06.10.2019 15:01 Report Diesen Beitrag melden

      @Typhoeus

      Schon gut ihr Mercedes-Jünger. Es gabt wohl noch dutzende wenn nicht hunderte bessere, zuverlässigere und schönere Autos zu dieser Zeit. Die kamen vor allem aus den USA, GB, Frankreich und Italien.

    • Bürger am 07.10.2019 00:21 Report Diesen Beitrag melden

      Gangster Limo

      Der Citroen Traction Avant ist die Ikone " Ganga Limo " Dieser Merz ist auch keine Innovation Sogar mein Vauxhall Velox aus dem Jahr 1948 sieht besser aus und hat 6 Zyl.

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  • M.Benz am 06.10.2019 08:03 Report Diesen Beitrag melden

    Sternenkunde

    Fragte der Taxigast den Chauffeur, wozu denn der Stern sei. das ist eine Ziehlvorrichtung, damit könne man die Fußgänger besser anvisieren. Als Beweis nahm er beim nächsten Fussgängestreiffen einen auffs Korn, gab Vollgasund erst im letzten Moment riss er den Wagen rum. Ganz bleich wurde der Chauffeur, als er im Rückspiegel den Fußgänger am Boden liegen sah. Ja meinte der Fahrgast, hätte ich im letzten Moment nicht noch die Türe aufgemacht, hätten wir ihn nicht erwischt...