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10. Dezember 2018 10:00; Akt: 13.12.2018 10:56 Print

«100 Briefe später sind wir unzertrennlich»

Jeder Brief hat eine Geschichte zu erzählen. Wir haben die schönsten und lustigsten Briefgeschichten unserer Leserschaft gesammelt.

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Manche Menschen erleben es: eine Brieffreundschaft der anderen Art, die das Leben verändert, bereichert oder gar auf den Kopf stellt. Wir haben mit einem Wettbewerb unsere Leser dazu aufgerufen, ihre Briefgeschichten zu erzählen. Es sind Storys von Ferienromanzen, Kindheitsfreundschaften, Liebschaften und Briefen in einer Flaschenpost. Storys mit echten Briefen und echten Gefühlen. Hier stellen wir fünf der schönsten Einsendungen vor.

Von Piratin zu Pirat

Als Kind wollte ich Piratin werden. Primaballerina, Astronaut und Polizist waren schliesslich schon meine Geschwister. Weil Bern aber nicht am Meer liegt und ich weder Crew noch Schiff auftreiben konnte, begann ich, flaschenweise handgeschriebene Briefe in die Aare zu werfen. Die leeren Flaschen fand ich im Keller, wo mein Papa das Altglas sammelte.

Nach der gefühlt einhundertzweiundzwanzigsten Flaschenpost bekam ich tatsächlich einen Brief mit der Post, von einem Marco aus Wangen an der Aare, der auch Pirat war. Das war mehr als blosser Zufall. Der Marco und ich - trotz  unmenschlicher, unüberbrückbarer Distanz wurden die aller, aller, allerbesten Brieffreunde  - wir haben uns jahrelang geschrieben. Er trug mich durch schwere Jugendzeiten und  oft war er mein grösstes Trostpflaster. Noch heute besitze ich jeden Fötzel seiner Worte.  Er war mehr als ein Brieffreund, er wurde mein Briefschatz, denn damals haben wir uns  schon so ein bisschen ineinander verliebt. Zumindest stand das da jeweils schwarz auf  weiss geschrieben. 

Wenn ich jetzt daran zurückdenke, dann habe ich direkt wieder Lust, eine Flaschenpost in die Aare zu werfen. (Carla H., 38 Jahre*)

Brieffreundschaften kennen kein Alter

Ich habe Albert kurz vor meinem Umzug zurück in die Schweiz an einer Bonfire Night in Oxford kennen gelernt. Albert ist 90 Jahre alt, verwitwet und lebt in einer Alterswohnung. Abgesehen davon, dass 64 Jahre zwischen uns liegen und er einmal jährlich nach Las Vegas in die Ferien fliegt, ist er ein typisch englischer Gentleman. Als wir uns verabschiedeten, wusste ich nicht, dass ich einen Monat später meine erste Postkarte in meinem Briefkasten finden würde. Die zittrige Schrift und die paar Zeilen über unsere Begegnung haben ihn aber schnell verraten. Es steckt so viel Liebe und Mühe auf ein bisschen Karton. Mir war sofort klar, dass das der Anfang einer unglaublich starken Brieffreundschaft ist. Drei Jahre, einen Besuch in der Schweiz und ungefähr 100 Briefe und Postkarten später sind wir zwei unzertrennlich und beste Freunde. Das Schreiben mit einem Stift hält uns glücklich und gesund. (Nicole L., 26 Jahre*)

Um Mitternacht nach Rom

Meine erste grosse Liebe hiess Anna. Sie stellte 1963 meine ganze Welt auf den Kopf. Nach einem Jahr gemeinsamen Glücks musste sie aber aus beruflichen Gründen nach Rom. Uns blieb nichts anderes übrig, als einander zu schreiben. Von Handys, Internet, SMS und alledem konnten wir nicht einmal träumen. Telefonanrufe zwischen Italien und der Schweiz konnten wir uns nicht leisten. Damals waren die Briefe von Zürich nach Rom ungefähr eine Woche unterwegs, und so kam es, dass wir uns in diesem Rhythmus Briefe schrieben. Jeden Mittwoch rannte ich mittags nach Hause, um den Briefkasten zu leeren und den neusten Brief von Anna zu lesen. Jeden Mittwochabend spazierte ich kurz vor Mitternacht zur Sihlpost, um dort meine Antwort einzuwerfen. Ich wusste nämlich, dass Briefe, vor Mitternacht bei der Sihlpost eingeworfen, noch in der gleichen Nacht weitergeleitet wurden, während alle anderen Briefkästen einen Tag länger warten mussten.

Diese erste grosse Liebe zu Anna hielt zwar, wie das Leben halt so spielt, nicht für alle Ewigkeit, aber sie ist ebenso unvergessen wie meine mitternächtlichen Fussmärsche zum Briefkasten der Sihlpost. Anna lebt immer noch in Rom. Heute sind wir beide bereits über 80 Jahre alt, wir haben E-Mail, Whatsapp und Skype, aber gelegentlich schreiben wir uns immer noch einen Brief. Offensichtlich halten Briefliebschaften und Brieffreundschaften ein Leben lang! (J. F., über 80 Jahre*)

Die Brieffreundin wird zur Nachbarin

Eine Brieffreundschaft kann das ganze Leben verändern! Als ich 12 Jahre alt war, durfte ich bei einem Projekt in der Schule eine Brieffreundin aussuchen. Ich wählte Cassie aus Südengland, die im gleichen Alter war wie ich. Wir verstanden uns blendend und schrieben uns immer sehr lange Briefe. Mit 17 Jahren kam Cassie in die Schweiz, um mich zu besuchen. Bis dahin kannten wir uns nur aus den Briefen, und ich war sehr aufgeregt, weil ich jetzt die echte Cassie kennen lernen würde. Es dauerte keine fünf Minuten, da war das Eis gebrochen, und wir verbrachten eine ereignisreiche Woche miteinander. Nachdem sie wieder abgereist war, schrieben wir uns weiter, und sechs Jahre später besuchte ich sie in England. Bis sie wieder in die Schweiz kam, dauerte es nochmals sechs Jahre.

Mittlerweile waren wir fast dreissig Jahre alt und hatten diese ganze Entwicklung durch unsere Briefe miteinander geteilt. Bei ihrem letzten Besuch in der Schweiz verliebte Cassie sich in den Freund meines Freundes, und kurz darauf ging unser grösster Wunsch in Erfüllung: Sie zog zu mir nach Winterthur! Heute schreiben wir einander keine Briefe mehr, denn wir sehen uns jeden Tag, da wir fast Tür an Tür leben. Ich bin unglaublich stolz, dass wir Brieffreunde waren und nun Freundinnen sind. (Michaela W., 30 Jahre*)

Das grosse Wiedersehen

Wir schreiben das Jahr 1963, ich bin 17 Jahre alt und mache Ferien mit meinen Eltern auf einem Campingplatz in Blanes an der Costa Brava. Da lerne ich einen Berner Studenten kennen, den ich als Hamburgerin eher doof und langweilig finde. Aus lauter Mitleid gebe ich ihm dann doch meine Adresse, als er danach fragt. Nach den Ferien erhalte ich jeden Monat einen vierseitigen Brief. Nicht mehr, nicht weniger. Ich antworte, schreibe aber Alltägliches, Belangloses. Erst als ich heirate, bricht der Briefkontakt ab. Mein Mann stirbt wenige Jahre später und hinterlässt eine junge Witwe mit Kind. Eines Tages krame ich alte Telefonnummern und Adressen hervor, um zu sehen, wie sich das Leben meiner Bekannten entwickelt hat, und stosse wieder auf den Kontakt meiner Ferienbekanntschaft. 15 Jahre nach den Ferien an der Costa Brava begegne ich dem Berner wieder. Aus dem optisch nicht ansprechenden Jungen ist ein Schwan geworden, ein kluger, bildschöner Chemiker in der Forschung. Ein Jahr später, am 17. August 1979, heiraten wir. Bis heute haben wir schon 38 Hochzeitstage gefeiert.

Es lohnte sich, jeden Brief zu beantworten, denn dieser Mann ist mein Glück. (Marieluise R., über 70 Jahre*)

Auch in Zeiten des Internets hat der Brief noch eine besondere Bedeutung. Jede von Hand geschriebene Nachricht ist ein Unikat, das nur der Empfänger zu Gesicht bekommt. Papier bietet Platz für Buchstaben und Zeichnungen, gibt sogar Düfte weiter und kann nicht vervielfältigt werden. Der Brief ist somit viel mehr als eine Nachricht, er ist ein Geschenk, das man aufbewahren und immer wieder lesen kann, wenn man die Geschichte aufleben lassen möchte.

Hast auch du einmal eine besondere oder gar merkwürdige Briefgeschichte erlebt? Erzähl uns davon in der Kommentarspalte!

* Angaben der Redaktion bekannt.

(CP)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • angela, Bern am 07.12.2018 10:06 Report Diesen Beitrag melden

    jööööö

    aaach, wie schön :), da möchte ich auch gleich wieder eine/n BriefreundIn

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  • Daniela am 09.12.2018 12:38 Report Diesen Beitrag melden

    Liebesbrieflein

    Mein mann hat frühdienst. Arbeitsbeginn 5.00 uhr. Abfahrt zu hause 4.30 uhr. Ich kann noch bis 6.00 uhr liegen bleiben. Später beim morgenkaffee finde ich auf dem tisch immer eine liebesbotschaft. Und dies jeden tag, solange der frühdienst ist (1 woche, danach 3 wochen normaldienst). Das hat sich so eingebürgert und ist jedes mal schön, wenn der frühdienst beginnt. Seine worte machen mich glücklich. Danke mein schatz

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  • ElDorado23 am 07.12.2018 10:10 Report Diesen Beitrag melden

    Eine feine Sache

    Eine Brieffreundschaft ist etwas Feines. Ist im Zeitalter der Smartphones eher in Vergessenheit geraten und gilt als wenig "cool".

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Neumann am 12.12.2018 10:50 Report Diesen Beitrag melden

    Was ist denn daran toll?

    Ein mühsamer Versuch der Post, das Rad der Zeit zurückzudrehen. Find nichts Tolles dran.

    • Christel von der Post am 12.12.2018 21:57 Report Diesen Beitrag melden

      @Neumann

      Lassen Sie sich fallen, in die Zeit der Romantik! Die Post macht bei uns keine Versuche. Bei uns hat die Poststelle vor einem halben Jahr zugemacht. Ich bringe meine Briefe selbst vorbei.

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  • Sämou, Thurgau am 10.12.2018 12:58 Report Diesen Beitrag melden

    Bin dabei

    Wo findet man heute noch Brieffreundschraften?

    • Mia am 10.12.2018 14:39 Report Diesen Beitrag melden

      Brieffreundschaft

      Ach, das ist nicht so schwer- über Jodel habe ich mal eine gefunden und über Insta... oder via Inserat, zuerst über Mail, dann per Post :)

    • Lena am 12.12.2018 11:40 Report Diesen Beitrag melden

      Saemou

      ...,das einfachste ist: Schriib aen Briaef, so chunt aen Briaef!

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  • Leser am 10.12.2018 12:18 Report Diesen Beitrag melden

    Das waren noch Zeiten

    Das waren noch Zeiten, als das Schreiben von (Liebes)briefen noch die Norm und nicht die Ausnahme war. Aber trotz allen Briefen, waren "wir zwei" damals nach 100 Beiefen getrennt. Trotzdem vermisse ich manchmal die Zeiten ohne unpersönlicher sms

  • J.Hug. am 10.12.2018 11:34 Report Diesen Beitrag melden

    schon erstaunlich?

    Bei so vielen positiven Kommentaren macht es mich schon ein bisschen nachdenklich. Wie heißt es doch:" sag`s mit Worten, Musik, Blumen, Edelsteinen usw. aber sag`s nie mit Tinte"!

  • Realist am 10.12.2018 09:04 Report Diesen Beitrag melden

    Sammelwut

    Schon auffallend, wie viele Daten von den Medien wie auch Post etc. gesammelt werden. "Zeig uns dein schönster Ausflugsort, zeig uns dein lustigstes Foto". Und, und, und. Fast kein Tag, wo man nicht bei den Lesern Fotos zusammensucht. Warum wohl? Bestimmt nur zur Unterhaltung.

    • ÜberdenTellerrandgucker am 12.12.2018 21:08 Report Diesen Beitrag melden

      @Realist

      Könnte es sein, dass das Teilen auch die Menschlichkeit fördert?

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