Afghanistan

29. Mai 2011 14:42; Akt: 29.05.2011 14:55 Print

Taliban mit neuer Strategie

Der CIA registrieren am Hindukusch eine neue Strategie der Taliban. «Sie wollen ganz offensichtlich jetzt gezielt die militärischen Spitzen der ISAF-Truppen angreifen».

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Die Taliban haben eine neue Strategie: jetzt attackieren sie hochrangige Militärs der ISAF-Truppe - wie am Samstag. (Bild: Keystone)

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Nach jüngsten CIA-Informationen habe der Anschlag dem Kommandeur der Internationalen Schutztruppe (ISAF) in Nordafghanistan, dem deutschen General Markus Kneip, gegolten. Er wurde bei dem Attentat im Gouverneurssitz in Talokan in der nördlichen Provinz Tachar am Samstag verletzt, ebenso wie vier weitere deutsche Soldaten. Neben mehreren Afghanen starben zwei Soldaten der Bundeswehr.

Es war das erste Mal, dass ein so hoher Offizier der Bundeswehr von den Taliban angegriffen wurde. Der Attentäter in Polizeiuniform sei von den Aufständischen in die Reihen der afghanischen Bewacher der Zusammenkunft «eingeschleust» worden, war aus dem afghanischen Geheimdienst NDS zu erfahren.

Machtlose Militärs

«Gegen diese neue Bedrohung sind wir so gut wie machtlos», sagte ein NDS-Angehöriger der Nachrichtenagentur dapd in Kabul. In der letzten Zeit hatten Attentäter in Uniformen der afghanischen Armee und der Polizei häufiger Anschläge auf ISAF-Soldaten verübt. Der Anführer der Taliban, Mullah Omar, habe an seine Kämpfer die Devise ausgegeben, «verdeckt jetzt an die Köpfe der ausländischen Besatzer heranzugehen», berichtete ein NDS-Angehöriger. Omar wolle offensichtlich mit dieser neuen Vorgehensweise die Alliierten weiter verunsichern.

In militärischen Kreisen in Berlin und im Brüsseler Hauptquartier der NATO wurde die Befürchtung geäussert, dass die neue Anordnung von Omar schnell um sich greifen könnte. «Wir müssen rasch über Sicherheitsmassnahmen nachdenken, um solche hinterlistigen Angriffe auf Generäle der ISAF zu verhindern», sagten hohe Offiziere übereinstimmend in Berlin und Brüssel. Es habe sich herausgestellt, dass die Taliban über ein immer «intensiveres Nachrichtennetz verfügen, um auch über geheime Treffen wie in Talokan genau Bescheid zu wissen», unterstrichen westliche Geheimdienstler.

Die Taliban im Vorteil

Bei dieser neuen gefährlichen Entwicklung kommt nach Angaben von Offizieren in Kabul auch das von der NATO propagierte «Schlüsselprinzip» für den angestrebten Erfolg am Hindukusch, das «Partnering», in Gefahr. Es handelt sich dabei um die «verzahnte Zusammenarbeit» der alliierten Truppen mit den afghanischen Einheiten. Letztere sollen 2014 die Verantwortung für ihr eigenes Land übernehmen. ISAF-Kommandeure sehen das «Partnering» als die einzige und letzte Möglichkeit, die Mission der NATO in Afghanistan erfolgreich zu beenden.

«Wenn es den Taliban immer mehr gelingt, ihre Kämpfer verkleidet in die Reihen der afghanischen Armee und Polizei zu schleusen, ist es mit unserer Sicherheit dahin. Die Taliban können alles zu ihrem Vorteil umdrehen und sind zum Schluss die Gewinner», sagte nachdenklich ein US-Offizier in Kabul. Das Beispiel von Talokan habe eine «sehr schlechte Entwicklung» für Afghanistan aufgezeigt.

Stimmungsmache gegen ISAF-Truppen

Als eine der neuen Strategien der Taliban wurde von Vertretern westlicher Geheimdienste auch die Massendemonstration von Afghanen bezeichnet, die sie vor kurzem in der Provinzhauptstadt Talokan veranstaltet hatten. Besonders vom afghanischen Geheimdienst NDS wurde darauf hingewiesen, dass die Taliban diese Grossdemonstration «initiiert» hatten, um die ISAF-Truppen zu provozieren. Als ihr Stützpunkt mit Brandsätzen angegriffen wurde, schossen auch Bundeswehrsoldaten auf die Demonstranten.

«Wir haben Hinweise, dass in allen Landesteilen von Afghanistan solche Demonstrationen stattfinden sollen, damit die Stimmung bei der afghanischen Bevölkerung mehr und mehr gegen die ISAF kippt», erläuterte ein NDS-Angehöriger. Die Taliban würden versuchen, auch auf diese Weise die Macht in Afghanistan an sich zu reissen.

(ap)