Selbstmordattentäter

30. Mai 2011 13:33; Akt: 30.05.2011 14:04 Print

«Geht – und tötet!»

von Rahim Faiez, ap - Sie sind jung, unschuldig und tragen eine tödliche Fracht: Die Taliban rekrutieren Kinder, die in ihrem Auftrag in Afghanistan in den Tod gehen. Die tragische Geschichte von Ghulam Farook.

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Die Anweisung des Mullahs an die Jungen war unmissverständlich: Geht nach Afghanistan, legt einen Sprengstoffgürtel an - und tötet. Der neunjährige Ghulam Farook gehorchte und verliess mit drei anderen Jungen seine Heimat Pakistan. Ihr Ziel: der Osten Afghanistans, wo sie zwei Mitglieder der Taliban am Grenzübergang Torkham in der Provinz Nangarhar in Empfang nehmen würden.

Die tödliche Mission der vier nahm jedoch ein jähes Ende, als der afghanische Geheimdienst ihnen nach einem Hinweis auf die Spur kam und sie schliesslich an der Grenze festnahm.

«Unser Mullah hat uns gesagt, wenn wir unsere Selbstmordanschläge machen, würden alle Leute um uns herum sterben, wir jedoch am Leben bleiben», sagt Farook. «Er hat uns gesagt, dass es in Kabul Ungläubige gibt und dass wir Selbstmordattentate gegen sie ausführen müssen», erklärt er. «Uns wurde in einer Moschee in Cher Abad bei Peshawar beigebracht, wie man einen Sprengstoffgürtel benutzt.» Farook hat jetzt einen Wunsch. «Ich will nach Hause. Ich vermisse meine Familie.» Sein zehnjähriger Weggefährte Fazel Rahman hat eine ähnliche Geschichte zu erzählen.

Mutmassliche Jungattentäter bei Pressekonferenz

Farook und Rahman gehören zu fünf mutmasslichen Selbstmordattentätern im Kindes- und Jugendalter, die im Mai auf Geheiss des afghanischen Geheimdienstes auf einer Pressekonferenz präsentiert wurden. Mit der Aktion hofften die Behörden, die öffentliche Stimmung gegen die radikalislamischen Taliban wenden zu können.

«Die Taliban rekrutieren Kinder und missbrauchen sie, um hier Selbstmordanschläge zu verüben», erklärte der Sprecher des afghanischen Geheimdienstes, Latifullah Maschal. «Diese unschuldigen Kinder sind betrogen und nach Afghanistan geschickt worden.» Die Taliban wendeten sich kleinen Jungen zu, da diese einfacher für ihre Sache zu gewinnen seien als Erwachsene und den extremistischen Anwerbern eher Glauben schenkten, erklärten Maschals Kollegen.

Minderjährige Selbstmordattentäter kein neues Phänomen

Die Taliban hingegen weisen die Anschuldigungen zurück. In einer vor einer Woche verbreiteten Stellungnahme erklärte ihr Sprecher Kari Jousef Ahmadi, der Verhaltenskodex der Aufständischen verbiete, dass sich junge Menschen in Militärlagern bei Kämpfern aufhielten. Stattdessen erklärte er, dass die Kinder für die afghanische Polizei und öffentliche und private Sicherheitsfirmen im Einsatz gewesen seien.

Tatsächlich ist der Missbrauch Minderjähriger als Selbstmordattentäter nach Ansicht von Behördenvertretern in dem seit fast zehn Jahren anhaltenden Konflikt am Hindukusch kein neues Phänomen. Zwar können die Leichen der Angreifer oft nicht identifiziert werden, wodurch die zweifelsfreie Bestätigung entsprechender Fälle erschwert wird. Dennoch spricht Geheimdienstler Maschal von einer wachsenden Zahl von Vollstreckern im zarten Kindesalter.

Der letzte Vorfall liegt nicht lange zurück. Am 1. Mai sprengte sich ein 12-Jähriger laut Polizei auf einem Basar in der östlichen Provinz Paktika in die Luft und riss vier Zivilpersonen mit in den Tod, zwölf weitere wurden verwundet.

Nur wenige Wochen zuvor hatte ein 13-jähriger Selbstmordattentäter seinen Sprengstoffgürtel in der östlichen Provinz Asmar zur Detonation gebracht. 10 Menschen starben, darunter fünf Schulkinder und ein einflussreicher Stammesältester.

«Ich steige aus»

Auch der 14-jährige Noor Mohammad legte sich in der Provinz Ghasni unter Anleitung eines Mullahs einen Sprengstoffgürtel an. Sein Ziel: ein Nato-Militärstützpunkt im Bezirk Andar. Am Ende liess er seinen Plan jedoch fallen. «Die Taliban zeigten mir, wie man eine Pistole benutzt, den Auslöser eines Sprengstoffgürtels drückt und wie man Motorrad fährt,» sagte er vor Journalisten auf der Pressekonferenz in Kabul. «Als der Tag des Selbstmordanschlags gekommen war, entschied ich mich auszusteigen. Ich schloss mich den Regierungstruppen an und führte den Anschlag nicht aus.» Was ihn letztlich zu seinem Sinneswandel bewogen hat, lässt Mohammad offen.

Anklagen oder Freilassen?

Farook und die anderen Jungen sitzen derzeit in einer Jugendhaftanstalt in Kabul ein, die eher an ein Berufsbildungszentrum erinnert. Es gibt keine Wärter, dafür aber Klassenzimmer und Spielplätze. Farook lächelt. Er gehe zur Schule. Hier hätten sie die Möglichkeit, ein Handwerk wie Teppichweben oder Tischlern zu lernen, erklärt er.

Die afghanischen Behörden beraten noch darüber, ob die Jungen angeklagt oder freigelassen werden sollen.

(Rahim Faiez ist Korrespondent der AP)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Richard Pressler am 30.05.2011 14:16 Report Diesen Beitrag melden

    Was für eine Perversion der Religion...

    Darum bin ich Atheist geworden!

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  • Dagobert am 30.05.2011 14:33 Report Diesen Beitrag melden

    Ich bin Fassungslos

    Unfassbar, welches Unheil Religion und Machtbesessenheit anzurichten vermögen. Und das noch immer, im Jahre 2011 - eine Schande!

  • Danny am 30.05.2011 17:29 Report Diesen Beitrag melden

    Widerlich

    Die islamistischen Terroristen machen noch nicht mal halt vor Kindern mit Down Syndrom. Im Gegenteil. Es ist widerlich. Aber wer daran glaubt und sich gar darüber freut, dass er ins Paradies kommt, weil er viele Ungläubige tötet, töten lässt und vielleicht irgendwann selbst zum "Märtyrer" wird, wenn ihn die Kugel der Gegenseite trifft, ist wohl dermassen verblendet, dass ihm alles scheisspiepegal ist. Hauptsache Ungläubige töten. Das "wie" spielt dann keine Rolle mehr. Solche Dinge legalisieren geradezu den Todesschuss, wie er bei Bin Laden - zurecht- angewandt wurde.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Danny am 03.06.2011 15:51 Report Diesen Beitrag melden

    Krieg und Generation doof

    Generation doof. Das sind wir wohl alle. Weil wir uns immer noch darüber aufregen, dass Menschen Kriege gegeneinander führen. Im Kleinen (Schlägerei in der Bar, Fussballstadion), oder im Grossen (mit Waffen). Die Gründe sind immer für 50% der Menschen unverständlich. Ob Religion, Territorium, Macht, Geld, Öl - egal. Wir tun es seit Kain den Abel erschlug und wir werden es immer tun. Leider. Alles andere ist Illusion, Träumerei, Wunschdenken. Und wenn wir's doch mal schaffen sollten, wird es einen geben, der nicht zufrieden ist, der Anhänger um sich scharrt und von vorne beginnt mit dem Mist.

  • Daniel Münger am 03.06.2011 11:59 Report Diesen Beitrag melden

    Generation doof

    Einfach mal googlen.

  • Che Guevara am 03.06.2011 07:07 Report Diesen Beitrag melden

    Ball flach halten!

    Wer in solchen Ländern gewesen wäre, ja sogar dort geboren bzw. leben müsste; würde hier anders kommentieren ... und sich für die 1. Reihe freiwillig melden.

  • Lukas am 02.06.2011 20:27 Report Diesen Beitrag melden

    Amerika unterdrückt Ölländer

    Wenn die Amis das Geld anstatt in die Kriege in die Entwicklung des nahen Ostens gesteckt hätten, gäbe es nun keine Taliban und keine toten Soldaten und Zivilisten. Ausserdem ginge es den Leuten dort viel besser. Allerdings hätten sie diese Länder dann nicht mehr unter Kontrolle und könnten die Bodenschätze nicht mehr ausbeuten.

    • Reto am 03.06.2011 11:21 Report Diesen Beitrag melden

      Fakten sind anders.

      Osama Bin Laden kam aus sehr reichem Elternhaus. Deine Theorie tönt sehr gut, ist aber leider total falsch.

    • Mafalda am 03.06.2011 14:59 Report Diesen Beitrag melden

      Wissenschaft

      Stellt Euch mal vor, alle hören auf zu Kriegen. Wir konzentrieren uns nur noch auf die Wissenschaft. Wo wären wir heute? Wir würden bereits das halbe Sonnensystem bewohnen...

    • Marco am 21.06.2011 09:15 Report Diesen Beitrag melden

      Was für Bodenschätze denn?

      was genau hat Afghanistan denn für Bodenschätze? Das einzige Produkt aus Afghanistan ist wohl der Mohn... Die Taliban gabs übrigens bereits vor dem einmarsch der usa...

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  • hana am 01.06.2011 22:25 Report Diesen Beitrag melden

    Quatsch

    Diese Menschen leben noch in einer anderen Zeit und denken es sei besser, doch ist es nicht. Ich bin selbst eine gläubige Muslimin doch meine Familie verachtet diese Menschen auch. Ich finde das nicht gut. Man sollte aber den Menschen, der so etwas tut verachten und nicht den Glauben. Denn ich finde, jeder Mensch, egal welchen Glauben er hat, hat eine Chance verdient, ihn so zu beurteilen wie er ist. Nicht nach dem Glauben. Ausserdem finde ich, dass Afganistan und diese Länder dort nur Krieg gegen einander führen, wegen den Unterschieden zwischen diesen zwei Ländern nicht wegen dem Glauben

    • sadi am 03.06.2011 09:36 Report Diesen Beitrag melden

      USA und Israel

      Ich bin selbst ein Afghaner und auch Moslem. Ich bin in Afghanistan geboren und hab auch die Taliban zeit erlebt. Taliban-Gruppe kommt nicht aus Afghanistan sondern aus Pakistan somit ist es kein Krieg gegen einander... Sie sind zu 99 % Analphabeten. Sie können zwar Quran lesen aber verstehen nicht was dort steht und bedeutet. Sie leben nicht nach Islam sonder sie verschmutzen nur den Islam Name!

    • hana am 03.06.2011 20:57 Report Diesen Beitrag melden

      @ Sadi

      völlig Richtig Sadi. Das habe ich gemeint. Deshalb finde ich, sollte man nicht immer sagen " ja der Islam, der Islam, der Islam" ==> hat nichts damit zu tun.

    • Marco am 21.06.2011 09:17 Report Diesen Beitrag melden

      und doch...

      und doch berufen alle extremisten sich darauf... und haben oft auch einen grossen rückhalt in der bevölkerung.

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