28. April 2008 16:31; Akt: 06.05.2008 14:44 Print

Inzest-Opfer für ihr Leben gezeichnet

Sie sind für ihr Leben gezeichnet: Die insgesamt sieben Opfer des Inzest-Täters Josef Fritzl. Ihre Schäden sind sowohl seelischer wie körperlicher Natur.

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Mehr als 20 Jahre sperrte Josef Fritzl seine heute 42-jährige Tochter Elisabeth in einem Kellerverlies ein und missbrauchte sie sexuell. Sieben Kinder zeugte er auf diese Weise, eins starb. Von den übrigen wuchsen drei bei und seiner Frau auf, drei mussten mit ihrer Mutter in dem hinter einer schweren Stahltür verborgenen Verlies hausen.

«Es ist schwer zu sagen, ob die Opfer jemals ein normales Leben führen können», sagt der Wiesbadener Kriminologe Rudolf Egg. Elisabeth Fritzl und ihre Kinder seien wahrscheinlich massiv traumatisiert. Da es keine vergleichbaren Fälle gebe, seien Prognosen nur schwer zu treffen. Die Opfer müssten therapiert werden, was «lange, lange Zeit» in Anspruch nehmen werde.

Einziger kleiner Lichtblick: Sie waren nicht alleine in den Kellerräumen, von denen laut Medienberichten keiner höher als 1,70 Meter war. «So hatten die Opfer Kontaktpersonen und teilten ein gemeinsames Los», sagt Egg. Dennoch sei fraglich, ob sie jemals eine gewisse Form von Normalität erleben und Bindungen zu anderen Menschen aufbauen könnten. Zunächst müssten sie ohnehin den «Schock der Befreiung» verkraften, den sie als Einbruch in ihr gewohntes Leben erlebten.

Vorsicht bei Vergleichen mit Kaspar Hauser

Bei Vergleichen mit Kaspar Hauser, dem im 19. Jahrhundert aufgetauchten und angeblich unter gänzlicher Isolation aufgewachsenen jungen Mann, und dem nach ihm benannten Kaspar-Hauser-Syndrom, rät der Berliner Psychologe Rainer Balloff allerdings zu Vorsicht: Die österreichischen Inzest-Opfer waren nicht alleine und hätten sich gegenseitig Halt geben können, Hauser nicht.

Dennoch hätten alle Opfer eine enorm belastende Situation durchleben müssen und mutmasslich Traumata erlitten, sagte Balloff. Vergessen würden sie ihr Martyrium wohl niemals. Nötig sei nun jahrelange, intensive Betreuung. Ob die Opfer allerdings jemals fähig sein werden, Beziehungen einzugehen oder etwa zu arbeiten, sei unklar.

Eine zurückgebliebene Sprachentwicklung und mangelnde intellektuelle Fähigkeiten seien häufig die Folge von Isolation, wie der Berliner Pädiatrie-Professor Gerhard Gaedicke erklärt. Das Fernsehgerät, das die Opfer in dem Verlies benutzen durften, sei kein Ersatz für soziale Kontakte: «Kinder brauchen Freunde und Austausch mit anderen Menschen.»

Körperliche Schäden wegen Lichtmangels

Neben den seelischen seien auch körperliche Schäden zu befürchten: Der Lichtmangel in dem dunklen Keller könne zu einem Mangel an Vitamin D und damit zu teilweise irreparablen Wachstums- und Haltungsschäden geführt haben. Auch die laut Berichten niedrige Deckenhöhe von maximal 1,70 Meter könne dazu beigetragen haben, sagt Gaedicke.

Dazu kommen mögliche Erbkrankheiten, die die Kinder wegen der Inzest-Beziehung zu ihrem Vater haben können. Da Eltern und Kinder über sehr viele ähnliche Gene verfügen, ist die Gefahr, dass der Nachwuchs unter Erbkrankheiten leidet, sehr viel grösser als bei nicht miteinander verwandten Elternteilen.

Dass die selbst als zehnjähriges Mädchen entführte und mehr als acht Jahre gefangen gehaltene Natascha Kampusch den Opfern helfen kann, hält die Berliner Psychiaterin Isabella Heuser für ausgeschlossen: «Die Opfer sollten professionelle Hilfe bekommen von Leuten, die Distanz haben», sagt die Professorin. Kampusch, die den Opfern am Montag ihre Unterstützung anbot, sei aber selbst traumatisiert.

Dem Täter bescheinigte die Gerichtspsychiaterin Sigrun Rossmanith eine schwere Persönlichkeitsstörung und ein herabgesetztes Selbstwertgefühl, wie die österreichische Nachrichtenagentur APA berichtet. Der Vater habe sich seine Tochter «als Partnerin herangezogen», sagte Rossmanith am Montag der APA: «Er hat sich letztlich eine jederzeit verfügbare Sklavin gehalten.»

Täter lebte in zwei Bereichen

Dass der Mann daneben zumindest nach aussen hin ein «normales» Leben als Familienvater zu führen vermochte, erklärt sich Rossmanith mit seiner Persönlichkeit, die «zwei Bereiche gelebt hat, nämlich den unterirdischen und den oben».

Die Psychiaterin hält es zudem für vorstellbar, dass die Ehefrau des 73-Jährigen sowie die drei Kinder, die nicht im Verlies eingesperrt wurden, nichts von den Vorgängen mitbekommen haben: «Er war offenbar ein Herrscher. Wenn der Keller für die Ehefrau und die Kinder tabu war und sie es gewohnt waren, auf seine Anordnungen zu hören, dann hat man dort nicht nachgeschaut.»

(ap)