Fritzl-Interview

11. November 2010 09:49; Akt: 11.11.2010 13:06 Print

Illegaler Besuch beim Inzest-Vater

Vor zehn Tagen druckte «Bild» ein Interview mit dem Amstettener Inzest-Vater Josef Fritzl. Nun gibt es für den Reporter ein übles Nachspiel.

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Josef Fritzl wurde am 9. April 1935 in Amstetten geboren. Nach der Pflichtschule besuchte er eine Höhere Technische Lehranstalt (HTL) mit dem Schwerpunkt Elektrotechnik. 1969 wurde er bei einer führenden Stahlfirma eingestellt, obwohl er wegen versuchter Vergewaltigung vorbestraft war. 1956 heiratet der 21-jährige Fritzl die 17-jährige Rosemarie. 2006 feiern sie gemeinsam Goldene Hochzeit. Fritzl hat insgesamt 14 Kinder: Sieben mit seiner Ehefrau Rosemarie (sechs Frauen und einen Mann im Alter zwischen 37 und 51 Jahren) und sieben mit seiner 42-jährigen Tochter Elisabeth (vier Söhne und drei Töchter). Immer braungebrannt, seinen Schnurrbart sorgfältig geschnitten, gilt er als Frauenschwarm. Auch nach seiner Festnahme wurde er von der Polizei als «Mann in guter Form» beschrieben, der trotz seines Alters «besonders sexuell aktiv» sei. In Amstetten gilt Fritzl als der nette Nachbar, der gerne am Samstagmorgen zum Supermarkt einkaufen fährt. Fritzl ist auch am Stammtisch ein beliebter Gast - er soll immer Witze erzählt haben und bei Problemen mit technischen Geräten gerne hilfsbereit und freundlich gewesen sein. Von 1973 bis 1996 betrieb er zusammen mit seiner Ehefrau Rosemarie ein gepachtetes oder im Besitz der Ehefrau befindliches Gasthaus mit Fremdenzimmern und Campingplatz in Unterach am Attersee. In den 80er-Jahren kam es dort zu einer versuchten und wenig später zu einer erfolgreichen Brandlegung. Josef Fritzl soll über sechs Jahre lang Stammgast des Bordells «Villa Ostende» gewesen sein. Ein ehemaliger Kellner beschreibt den Rentner als «geizig und pervers». Im eigenen Haus und im Keller ist Josef Fritzl ein Tyrann: Herrisch und autoritär regierte er seine Familie wie ein Feldweibel. Schwägerin Christine R. hat nie etwas von den Vorgängen im Keller des Hauses geahnt. Hinweise zum sexuellen Missbrauch habe es nicht gegeben, und auch Elisabeth habe nie um Hilfe gebeten. «Er war zu ihr genauso streng wie zu jedem anderen Kind.» Josef Fritzl soll hochintelligent sein -nur so lässt sich erklären, dass er über 24 Jahre eine Tochter im Verlies halten konnte und drei Kinder mit einer plausiblen Erklärung auftauchen liess. Schizophren soll Fritzl hingegen nicht gewesen sein: Schizophrene Menschen sind labil und könnten eine solche Situation über eine so lange Zeit nicht durchziehen, behaupten die Gutachter. Fitzl hat über sich nach Angaben im Gutachten gesagt, dass er selbst «eine bösartige Ader» bei sich feststellen musste. In dem Gutachten heisst es weiterhin er habe sich «zum Vergewaltigen geboren» gefühlt.

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Das österreichische Justizministerium reagierte sofort: Am gleichen Tag, an dem die «Bild»-Zeitung das Interview mit Josef Fritzl veröffentlichte, gab es in einem Communiqué bekannt, dass das Gespräch nicht bewilligt worden war: «Zu heutigen Berichten über ein Interview mit dem Inhaftierten Josef Fritzl hält das Bundesministerium für Justiz fest, dass dieses Interview von der Vollzugsdirektion als zuständige Behörde im Bundesministerium für Justiz nicht genehmigt war.»

Wie österreichische Medien berichten, soll sich ein Reporter der deutschen Boulevard-Zeitung für einen Gehilfen von Fritzls Anwalt ausgegeben haben. Die gesetzlich nötige Bewilligung für das Interview habe es jedoch nie gegeben. Der Reporter habe mit Fritzl in der so genannten Verhörzone gesprochen – ein Bereich der Justizanstalt, der nur für Behördenvertreter und Rechtsanwälte zugänglich ist.

Ein guter Coup

Für den Journalisten hat die Aktion nun unangenehme Konsequenzen: Das Bundesministerium für Justiz hat Anzeige gegen den Reporter und Fritzls Anwalt erstattet. Die Nutzung der Verhörzone für das geheime Zustandekommen des
Interviews komme einem Missbrauch gleich, behauptet die Behörde.

Der Axel-Springer-Verlag, zu dem die «Bild»-Zeitung gehört, behauptet in einer ersten Stellungsnahmen, die Behauptungen der Österreicher seien nicht wahr. «Unser Journalist hat sich nie als Mitarbeiter des Anwalts ausgegeben. Er hat sich mit einem österreichischen Pass ausgewiesen, weil er österreichischer Staatsbürger ist», erklärte ein Pressesprecher. Vor einem Prozess fürchtet sich der Verlag offenbar nicht. Der würde ihm als PR-Coup auch noch gerade recht kommen.

(kle)