Den Haag

03. Juni 2011 09:43; Akt: 03.06.2011 17:10 Print

«Ich will nicht, dass man mir die Anklage vorliest»

Der mutmassliche serbische Kriegsverbrecher Ratko Mladic ist erstmals dem UNO-Tribunal vorgeführt worden. Zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen wollte er nichts sagen.

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Am 16.5.2012 werden dem ehemaligen General die Anklagepunkte vorgelesen. Am erscheint Mladic das erste Mal vor dem Tribunal in Den Haag. in Serbien gefasst. Die serbische Zeitung «Politika» veröffentlichte das Bild, das ihn bei seiner Verhaftung zeigen soll. In rund 86 km nördlich der serbischen Hauptstadt Belgrad, wurde Ratko Mladic verhaftet. Nicht alle sind von der Verhaftung begeistert: Held Ratko, steht auf dem Zettel. Mladic soll in diesem Haus gewohnt haben. Es gehört Verwandten von ihm. Der serbische Präsident bestätigt vor der Presse die Identität des gesuchten Kriegsverbrechers. in Sarajevo verfolgen eine Sendung über die Festnahme von Mladic. Next Stop Eine Zelle im Straftrakt des Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien. Während des Bosnienkriegs (1991-1995) war der 1942 geborene Mladic Mladic (l.), militärischer Führer der bosnischen Serben, und Radovan Karadzic, der politische Führer, 1993 in Banja Luka. Mladic, Offizier der Jugoslawischen Volksarmee JNA, wurde im Mai 1992 Oberbefehlshaber der neu gegründeten Armee der Serbischen Republik (VRS) in Bosnien. Bild von 1992, vermutlich in Sarajevo. Nach Vertreibungen von Muslimen in Ostbosnien erklärt die Uno 1993 mehrere Orte, darunter Srebrenica und Gorazde, zu Schutzzonen. Die Aufnahme zeigt Mladic (Mitte) am 16. April 1994 im Gebiet von Gorazde. Vizepräsidentin der Serbischen Republik, Biljana Plavsic (l.), mit Karadzic und Mladic an einer Parlamentssitzung in Sanski Most am 15. April 1995. Plavsic war von 1996 bis 1998 Präsidentin der Serbischen Republik. Das Bild ging um die Welt: Mladic (l.) trinkt mit dem holländischen Kommandanten Ton Karremans (Mitte) am 12. Juli 1995 in Potocari bei Srebrenica. In Srebrenica ermordeten bosnische Serben über 7000 Muslime. Eine kleine Pause zwischen den Uno-Verhandlungen: Die Aufnahme zeigt Mladic 1995 in Mali Zvornik, Serbien. Mladic im Oktober 1995 bei Prijedor. Er trägt die Mütze des amerikanischen Generals Wesley Clark, der damals in Bosnien verhandelte. Freilassung zweier französischer Piloten (rechts) am 12. Dezember 1995. Die Piloten waren am 30. August bei einem Nato-Lufteinsatz abgeschossen und von den Serben inhaftiert worden. Erholung vom Krieg: Mladic fährt am 10. März 1996 nahe der bosnischen Hauptstadt Sarajevo Ski, nachdem der Krieg Ende 1995 zu Ende gegangen war. Mladic posiert für den Fotografen mit dem französischen Magazin L'Observateur, dessen Titelbild ihn zeigt. Am 16. März 1996 in einem Kommandoposten im serbischen Teil Bosniens. Eines der letzten Bilder von Mladic, bevor er untertauchte: Ende Juni 1996 zusammen mit seiner Frau Bosiljka in Han Pijesak, Bosnien. Der Nachfolger von Ratko Mladic: Am 9. November 1996 entlässt Plavsic den angeklagten Mladic als Armeechef. Nachfolger ist Pero Colic, hier in einer Aufnahme von Mai 1994. Die Suche wird ernsthaft: Im Jahr 2000 setzen die USA 5 Millionen Dollar Belohnung auf Mladic, Radovan Karadzic und Slobodan Milosevic aus. Die Antwort auf die 5-Millionen-Dollar-Belohnung: «Bis zum Tod werden wir Bruder Radovan beschützen», steht auf dem Zettel. Aufnahme von 2002 in der ostbosnischen Stadt Foca. Einer von drei serbischen Kriegsverbrechern vor Gericht: Ein Demonstrant am ersten Tag des Prozesses gegen Milosevic in Den Haag, 12. Februar 2002. Geburtstagskarte der Sfor für Mladic (*1942): «Ratko, wir haben es nicht vergessen». In den Handschellen steht: «Das einzige Geschenk». Darunter: «Bald». Am 12. März 2004 in Pale. Suche in Bosnien: Türkische Eufor-Soldaten kontrollieren im Rahmen einer grösseren Aktion gegen Mladic bei Han Pijesak Autos, 16. Dezember 2004. In diesem unterirdischen Atombunker der früheren jugoslawischen Armee in Han Pijesak, Bosnien, soll sich Mladic versteckt haben. Im Dezember 2004 übernimmt die internationale Schutztruppe Eufor die Kontrolle. Verehrung der als Helden gefeierten Kriegsverbrecher: Mladic und Karadzic auf Schlüsselanhängern in Belgrad, 2005. «Verhaftet?», titelt diese serbische Zeitung am 21. Februar 2006: Eine Meldung von Mladics Verhaftung dementierte die Regierung. Danach gab es Gerüchte, dass die Regierung mit ihm verhandle. Andere Gerüchte sagten, der verhaftete Mladic sei nach Bosnien in die Sfor-Base von Tuzla gebracht worden, um serbische Proteste zu vermindern. Aufnahme des Militärstützpunkts vom 22. Februar 2006. Das Grab von Mladics Tochter Ana in Belgrad Ende Februar 2006. Ana brachte sich 1994 im Alter von 23 Jahren um. Mladic soll ihr Grab bis Mitte 2004 regelmässig besucht haben. Die serbischen Behörden suchen Mladic — zumindest vordergründig: Polizisten riegeln am 5. Mai 2006 das Gebiet um das Haus von Mladics Sohn Darko in Belgrad ab, während sie es durchsuchen. Unterstützer von Mladic (rechts) streiten sich mit einem Demonstranten um ein Mladic-kritisches Transparent in Belgrad, 8. Mail 2006. «Ich suche Mladic»: Studenten machen sich in Belgrad über die Bemühungen der serbischen Regierung, Mladic zu finden, lustig, 8. Mai 2006. Kriegshelden für die Serben: Bilder von Mladic (r.) und Radovan Karadzic während einer Demonstration in Belgrad 2006. Unter den Bildern steht «Gott beschütze die Serben». Protest gegen die Festnahme von Karadzic: Einige hundert bosnische Serben demonstrieren am 26. Juli 2008 in Pale, der Hauptstadt des serbischen Teils Bosniens während des Krieges. Das untere Bild zeigt Mladic. Im Herbst 2008 intensivieren die serbischen Behörden die Suche nach Mladic. Am 10. November durchsucht die Polizei die Fensterfabrik Vujic in Valjevo, dessen Besitzer als Vertrauter Mladics gilt. Suche auch in Bosnien: Italienische und amerikanische Soldaten am 2. Dezember vor dem Haus des verhafteten Radovan Karadzics in Pale, wo sie Hinweise auf Mladic suchen. Im Tor steht Karadzics Frau Ljiljana. Die Medien sind bei den Durchsuchungen immer anwesend. Am 4. Dezember ist das Haus von Mladics Sohn in Belgrad Ziel der serbischen Polizei auf der Suche nach Hinweisen. Spezialeinheiten in der serbischen Provinz: Am 12. Dezember 2008 durchsuchen Polizisten das Haus von Mladics Schulfreund Ljubinko Zlatic (l.) in Arandjelovac, 70 Kilometer südlich von Belgrad. Belohnungen nützen nichts: Ein Plakat bei einer Polizeistation in Belgrad verspricht eine Million Euro für Hinweise auf Mladic und eine Viertelmillion Euro für Goran Hadzic, Januar 2009. Eufor-Soldaten suchen in Bosnien: Portugiesen durchsuchen am 10. Februar 2009 zwei Privathäuser in Vojkovici, nahe Sarajevo. In der Hauptstadt der bosnischen Republika Srpska, Banja Luka, durchsuchen Eufor-Soldaten das Haus von Dusan Todic, einem früheren Mitarbeiter Mladics bei der bosnisch-serbischen Armee. 12. März 2009. Ein Held der Serben: Anlässlich des 10. Jahrestages der Nato-Bombardierungen am 24. März 2009 halten zwei Frauen in der serbischen Hauptstadt Belgrad eine lebensgrosse Abbildung von Ratko Mladic. Er war der Falsche: Ende März 2009 verhaftet die kenianische Polizei den Kroaten Igor Mejaski, den sie aufgrund eines Hinweises für Ratko Mladic hielt. Mladic feiert: Am 11. Juni 2009 sorgen Video-Aufnahmen des bosnischen Fernsehens FTV, die den gesuchten Ratko Mladic in den letzten Jahren zeigen sollen, für Aufsehen. Laut dem bosnischen Sender FTV sollen die letzten Aufnahmen von 2008 stammen. Serbische Behörden in Belgrad dementierten dies: Die jüngsten Aufnahmen stammten von 2001, als Mladic sich noch öffentlich zeigte. Ein Opfer Mladics schaut sich die Amateuraufnahmen am 11. Juni 2009 an: Die bosnische Muslimin Kada Hotic, Überlebende des Massakers von Srebrenica, für das Mladic verantwortlich gemacht wird. Die Begeisterung für Mladic ist in Serbien ungebrochen: Ein Graffiti in Belgrad bezeichnet Mladic als «serbischen Helden», aufgenommen im Februar 2010. Empörung in Den Haag am 13. April 2010: Demonstranten vor dem Gerichtshof für Kriegsverbrechen erheben auf dem Plakat den Vorwurf, dass Serbien Mladic verstecke. Vor dem Gericht begannen die Zeugenaussagen im Prozess gegen den früheren politischen Führer der bosnischen Serben Radovan Karadzic.

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Der frühere serbische General und mutmassliche Kriegsverbrecher Ratko Mladic ist erstmals vor seine Richter in Den Haag getreten. Die gegen ihm erhobenen Vorwürfe bezeichnete er als «abscheulich» und «monströs».

«Ich bin General Ratko Mladic», stellte er sich dem Vorsitzenden Richter, dem Niederländer Alphons Orie, am Freitag vor. 16 Jahre lang war er untergetaucht, erst vergangene Woche war er gefasst und danach von Belgrad an das UNO-Tribunal in Den Haag überstellt worden.

«Ich will nicht, dass man mir die Anklage vorliest», sagte der frühere Militärchef der bosnischen Serben im Bürgerkrieg (1992- 1995). Dennoch bestand Orie darauf, wenigstens eine Zusammenfassung der elf Anklagepunkte vorzulesen. Dem Angeklagten werden «Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Verstösse gegen die Gesetze und Regeln der Kriegsführung» vorgeworfen.

«Land verteidigt»

«Ich muss das gut durchlesen», reagierte Mladic auf die Vorwürfe. Es seien «monströse Worte» gefallen, «von denen ich noch nie gehört habe». «Ich habe mein Volk und mein Land verteidigt», beschrieb er seine Position. «Ich habe keine Muslime und keine Kroaten umgebracht.»

Der nach eigenen Angaben 68 Jahre alte Mladic wird vor allem für das Massaker von Srebrenica verantwortlich gemacht. Dabei wurden im Juli 1995 bis zu 8000 muslimische Männer und Jungen getötet. Auch beim dreijährigen Beschuss der bosnischen Hauptstadt Sarajevo kamen Tausende ums Leben.

Während die serbische Regierung die Finanzierung der Mladic- Verteidigung ablehnt, hat die Regierung der bosnischen Serbenrepublik 50 000 Euro als Soforthilfe bereitgestellt. Als Pflichtverteidiger wurde ihm zunächst der Anwalt Aleksandar Aleksic zugewiesen, bis Mladic sein eigenes Verteidigerteam zusammengestellt hat.

Aleksic hatte vor dem Tribunal schon zwei andere serbische Angeklagte vertreten. Mladic zeigte sich überzeugt, seine Unschuld beweisen zu können: «Ich will noch meine Freiheit erleben», sagte er. Die Verhandlung wurde auf den 4. Juli vertagt.

Gesundheitszustand umstritten

«Ich bin ein schwer kranker Mann», berichtete der Ex-General zu Beginn des Prozesses mit schwerer Stimme. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit berichtete Mladic dem dreiköpfigen Richtergremium über seinen Gesundheitszustand.

Sein Belgrader Anwalt hatte behauptet, Mladic leide an Lymphdrüsenkrebs und könne die Verhandlung nicht überleben. Das Tribunal bestritt diese Angaben.

Mladic verlangte vom Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien mehr als die vorgesehenen 30 Tage, um seine Verteidigung vorzubereiten. «Ich habe noch nichts gelesen», begründete er seine Forderung.

Live-Übertragung im serbischen Fernsehen

Die erste Anhörung in Den Haag wurde von einem grossen Medieninteresse begleitet. Bereits am Donnerstag hatten Journalisten aus aller Welt Stellung vor dem Gericht bezogen. Um zudem einen Andrang von Besuchern zu bewältigen, mietete das Gericht einen Raum in einem benachbarten Kongresszentrum und stellte dort Videoleinwände auf.

Vor dem Gericht stand ein Mann mit einem weissen Plakat, auf dem in roten Buchstaben «Mladic, Schlächter von Srebrenica» geschrieben stand. Unter den zahlreichen Menschen auf der Galerie waren Mütter und Witwen aus Srebrenica. Die Vorsitzender der Vereinigung Mütter von Srebrenica, Munira Subasic, erklärte, einerseits freue sie sich darüber, Mladic endlich vor Gericht zu sehen.

Andererseits sei sie traurig, weil viele Mütter diesen Moment nicht mehr erlebten, «Mütter, die Knochen ihrer Kinder fanden und sie beerdigten, ohne Köpfe und Hände und das einzige, was sie sich wünschten, war seine Festnahme.» Aber sie haben das nicht mehr erlebt.»

(sda)