Weltwirtschaft

19. September 2008 12:18; Akt: 19.09.2008 14:29 Print

Wer zahlen kann, darf befehlen

von Daniel Huber - Das Britische Empire musste nach den gewonnenen Weltkriegen hochverschuldet seinem Gläubiger USA als Weltmacht Nummer 1 Platz machen. Steht den USA angesichts der gigantischen Verschuldung beim kommunistischen China eine ähnliche Ablösung bevor?

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Am 15. September 2008 erlebte Wall Street einen «schwarzen Montag»: Die viertgrösste Investmentbank der USA, Lehman Brothers, musste Insolvenz anmelden; Konkurrent Merrill Lynch, die Nummer drei der Branche, wurde von der Bank of America aufgekauft. Der US-Leitindex Dow Jones erlitt den stärksten Tagesverlust seit den Terrorattacken vom 11. September 2001.

Symptome der Krise

Fallende Aktienkurse und bankrotte Banken sind nicht die einzigen Krisensymptome: Der Dollar schwächelt, ehemalige Aushängeschilder der US-Industrie wie der Autohersteller General Motors bleiben mit leeren Auftragsbüchern quasi auf der Strecke. Vor allem aber steigt die amerikanische Staatsverschuldung in immer neue, erschreckende Höhen: Zur Zeit beläuft sie sich auf über neun Billionen Dollar (siehe Grafik unten). Und die Bekanntmachung des Notenbankchefs, notfalls sämtliche faulen Kredite der Banken zu übernehmen, dürfte laut Schätzungen die Schulden um bis zu weitere 1,5 Billionen Dollar erhöhen.

Wie kam es zu diesem gigantischen Schuldenberg? Dazu beigetragen haben die enormen Verteidigungsausgaben. Die US-Streitkräfte verschlingen mehr Geld als die nächsten 14 Armeen zusammen. Amerikanische Soldaten stehen in Deutschland und Südkorea, in Afghanistan und im Irak. Die Verwicklung in langwierige Operationen in den beiden letztgenannten Ländern macht es — allen verbalen Drohgebärden zum Trotz — eher unwahrscheinlich, dass US-Truppen auch noch im Iran intervenieren könnten; Beobachter sehen darin ein klares Anzeichen für imperiale Überdehnung.

Britanniens Niedergang

Das letzte Weltreich vor dem amerikanischen hatte mit ähnlichen Problemen zu kämpfen: das Britische Empire, das auf dem Zenit seiner Macht ein Viertel der Landfläche und der Einwohner des Planeten umfasste. Schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts aber überholte die Industrieproduktion der USA jene des Empires, und bald darauf taten es die Deutschen den Amerikanern gleich.

Doch erst der Erste Weltkrieg war Britanniens Ruin. Er kostete das Empire mehr als 40 Milliarden Dollar, eine damals unvorstellbar hohe Summe. Das ehemals grösste Gläubigerland hatte nun Schulden in einer Höhe, dass allein die Zinslast die Hälfte des Regierungsbudgets verschlang.
Endgültig den Todesstoss versetzte dem Empire der gewonnene Zweite Weltkrieg: 1945 war Britannien nahezu bankrott. Die Folge: Der Dollar löste das Pfund als Leitwährung ab.

Die USA hatten das Britische Empire im Weltkrieg militärisch gerettet und vor allem jahrelang finanziert. Nach dem Krieg verlangten die reichen Amerikaner Gegenleistungen von ihrem verarmten Schuldner in Form von neuen Märkten. Die Briten wurden gezwungen, sich aus den Kolonien wie etwa Indien zurückzuziehen und so die Handelszugänge zu öffnen. Ausserdem übernahm die US-Navy Dutzende britische Stützpunkte rund um die Welt.

Borgen für den Konsum

Heute sind es die USA selber, die sich das Geld borgen. Sie profitieren dabei immer noch von der Tatsache, dass der Dollar die Leitwährung ist: Um an Dollars zu kommen, um ihre Devisenreserven aufzustocken, müssen andere Länder Waren und Dienstleistungen hergeben. Die Schulden, die sich die US-Volkswirtschaft damit einhandelte, konnten die US-Amerikaner regelmässig mit Dollarabwertungen vermindern.

Im Februar 2006 sagte der republikanische Kongressabgeordnete Ron Paul: «Wir leihen uns jährlich 700 Milliarden Dollar von unseren 'grosszügigen Wohltätern', die dafür hart arbeiten und unsere Dollarnoten für ihre Produkte annehmen. Ferner borgen wir uns all die Gelder aus, die wir für die Sicherung des Empires brauchen und noch mehr.» Paul spielt damit auf die Tatsache an, dass die Amerikaner enorme Mengen der weltweit verfügbaren Spargelder leihen und für Konsum ausgeben.

Kommunisten als Gläubiger

Zu Beginn waren es Europäer und Japaner, die im grossen Stil amerikanische Staatsanleihen aufkauften. Mittlerweile ist es die aufstrebende Weltmacht China, die US-Währungsreserven im Wert von 1,7 Billionen Dollar hält. Die Kommunisten in Peking stehen für die Schulden der USA gerade.

Sollte China seine amerikanischen Staatsanleihen massenweise auf den Markt werfen, wäre dies der ökonomische Supergau für die Supermacht USA. Allerdings ist in dieser vernetzten Welt Chinas Wirtschaft abhängig von den Absatzmärkten in den USA.

Noch ist es nicht soweit, dass die Hegemonialmacht USA durch die Hegemonialmacht China auf Weltebene abgelöst wird. Die amerikanische Volkswirtschaft ist immer noch bei weitem die grösste der Welt. Sie produziert mehr als ein Viertel des globalen Outputs; China wird bis 2025 nur etwa die Hälfte des BIPs der USA erreichen — obwohl es viel mehr Einwohner hat.
Doch China hat immer weniger Grund, einen Schuldner zu stützen, der sich, wenn es ums Zurückzahlen geht, mit Abwertungen des Dollars bedankt. Es dürfte deshalb interessant sein, was die KP-Chefs aus China für ihre Finanz-Dienste inskünftig fordern. Erleichterten Zugang zu neuen Märkten? Verrringerten Patentschutz? Flottenstützpunkte? Freie Hand in Taiwan? Billiger werden die Schuldendienste für die USA in Zukunft jedenfalls nicht.


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