G-8-Gipfel

15. Juli 2009 12:41; Akt: 15.07.2009 13:26 Print

Gaddafi will uns aufteilen

von Daniel Huber - Der libysche Revolutionsführer ist nicht gut auf die Schweiz zu sprechen. Am Rande des G-8-Gipfels hat Gaddafi einen originellen Vorschlag gemacht, wie die Schweiz daran gehindert werden könnte, weiterhin den «internationalen Terrorismus» zu finanzieren.

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Der spätere libysche Diktator Muammar al-Gaddafi wurde im in oder nahe der Stadt Sirte geboren. Schon früh legte er einen ausgeprägten Machtinstinkt an den Tag. putschte der ehrgeizige junge Offizier mit einer Gruppe von Gesinnungsgenossen den libyschen König Idris I. vom Thron. Am Radio verkündete der 27-jährige Oberst am den unblutig verlaufenen Machtwechsel und rief die Arabische Republik Libyen aus. Gaddafi wurde Revolutionsführer und unumschränkter Herrscher über die junge libysche Republik. Gaddafi (l.) mit arabischen Führern: PLO-Chef Arafat, der sudanesische Präsident Numeiri, der ägyptische Präsident Nasser, der saudische König Faisal und der Scheich von Kuwait, Al Sabah (v.l.). Gaddafi hätte gern eine panarabische Union geschmiedet, doch seine Anstrengungen scheiterten. Auch der ägyptische Präsident Sadat (l.) und dessen syrischer Amtskollege Assad konnten nicht für das Vorhaben gewonnen werden. Im Westen verfolgte man die Entwicklung im ölreichen Libyen mit Interesse. schaffte es Gaddafi erstmals auf das Cover des amerikanischen Magazins «Time». Die Verstaatlichung von Banken und Ölindustrie entsprach sowohl den arabisch-nationalistischen wie auch den sozialistischen Elementen der «Grünen Revolution» Gaddafis. Bild: Der Revolutionsführer 1975 mit dem jugoslawischen Präsidenten, Marschall Tito. Aber die libysche Spielart der Revolution war auch islamisch inspiriert: Im ab 1973 publizierten «Grünen Buch» formulierte Gaddafi einen dritten Weg neben Kapitalismus und Kommunismus. gab Gaddafi sein Amt als Generalsekretärs des Allgemeinen Volkskongresses ab, blieb als Revolutionsführer aber de facto der allmächtige Herrscher über Libyen. Gaddafi war stets ein Feind Israels. Er liess jüdischen Besitz enteignen und verfügte, dass alle Schulden, die Nichtjuden bei Juden hätten, hinfällig seien. Nahezu die gesamte jüdische Bevölkerung verliess Libyen trotz eines Ausreiseverbots. Neben anderen militanten Gruppen unterstützte Gaddafi auch die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO). Am besuchte er den bei einer Notlandung in der libyschen Wüste verletzten PLO-Führer Arafat an dessen Krankenbett. Der Diktator hat seine Macht mit den üblichen Mitteln gefestigt: Verbot der Opposition, repressive Polizei und Aufbau eines Personenkults. Genoss Gaddafi anfänglich im Westen noch Respekt wegen seiner anscheinend selbstlosen Lebensweise, wurde er mit seiner Unterstützung des Terrorismus ab Anfang der 1980er-Jahre bald zum Ausgestossenen. Der Bombenanschlag auf die bei Amerikanern beliebte Berliner Diskothek «La Belle» 1986 ... ... war einer der Gründe für die amerikanische Bombardierung libyscher Städte im April 1986. Rund hundert Menschen kamen dabei ums Leben, Gaddafi selber wurde verletzt. Auch die Residenz des Diktators wurde getroffen; in den Trümmern starb Hanna, die Adoptivtochter Gaddafis (nach anderen Quellen soll er das Kind erst postum adoptiert haben). Ein Mahnmal vor der Ruine erinnert an den Angriff. wurden bei einem Anschlag auf Pan-Am-Flug 103 über dem schottischen Lockerbie 270 Menschen getötet. Der Verdacht fiel schnell auf Mitarbeiter des libyschen Geheimdienstes. Das Land geriet international zunehmend in die Isolation. Nach dem Lockerbie-Anschlag verhängte die UNO erfolgreich Sanktionen gegen Libyen. 1999 schwörte Gaddafi dem Terrorismus ab und lieferte die beiden Verdächtigen aus. 2003 übernahm Libyen die volle Verantwortung für den Lockerbie-Anschlag. Gaddafi zahlte hohe Abfindungen an die Hinterbliebenen. Offener Protest gegen das Regime war lange Zeit nur im Ausland möglich. Im Bild eine Demonstration in Paris anlässlich von Gaddafis Staatsbesuch im Als Gaddafi der Entwicklung von Massenvernichtungswaffen abgeschworen hatte, war er auf dem diplomatischen Parkett kurzfristig wieder willkommen. Besonders mit dem italienischen Premier Silvio Berlusconi (r.) verband ihn eine tiefe Freundschaft. Allerdings gab es auch nach der internationalen «Rehabilitierung» immer wieder Misstöne, wenn der Wüstensohn im Westen zu Besuch war. Beispielsweise im Jahr in Frankreich, als Präsident Nicolas Sarkozy für seinen unkritischen Empfang des Diktators harsch kritisert wurde. Den Höhepunkt seiner Rehabilitierung erlebte der Revolutionsführer am G-8-Gipfel im im italienischen L'Aquila, als es zum Handschlag mit US-Präsident Barack Obama kam. Trotz der Normalisierung der Beziehungen blieb Gaddafi unberechenbar und stiess das Ausland immer wieder vor den Kopf. So auch im , als er nach der Verhaftung seines Sohns Hannibal in Genf die beiden Schweizer Max Göldi (r.) und Rachid Hamdani in Tripolis als Geiseln nahm. Die Geiselaffäre zog sich über zwei Jahre hin. Verschiedene diplomatische Initiativen der Schweiz, aber auch der EU blieben erfolglos, und Gaddafi liess Max Göldi erst frei, nachdem Bundesrätin Micheline Calmy-Rey sich am persönlich bei ihm für die Behandlung Hannibals in Genf entschuldigt hatte. Rachid Hamdani konnte Libyen bereits fünf Monate zuvor verlassen. Im erreichte der Arabische Frühling Libyen: Wie in anderen Ländern der arabischen Welt gingen Demonstranten mit Forderungen nach politischen Reformen auf die Strasse. Gaddafi liess die Proteste brutal unterdrücken. Am verabschiedete der UNO-Sicherheitsrat eine Resolution zur Einrichtung einer Flugverbotszone über Libyen. In der Folge unterstützten Nato-Jets die Rebellen mit Tausenden Luftangriffen auf die Gaddafi-Truppen. Mit dem Einmarsch der Rebellen in die Hauptstadt Tripolis schienen die Tage von Gaddafis Herrschaft über Libyen gezählt zu sein. Am gaben die Truppen des Nationalen Übergangsrats bekannt, dass sie Muammar Gaddafi gefasst und seine Geburtsstadt Sirte eingenommen haben. Die Bilder des getöteten Diktators gingen um die Welt.

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Seit es sein Sohn Hannibal mit der Genfer Justiz zu tun bekam (20 Minuten berichtete), ergiesst sich der Zorn des libyschen Diktators über die Schweiz. Und Gaddafi erweist sich als ausdauernd: Auch ein Jahr nach dem diplomatischen Eklat hat er der Schweiz nicht verziehen. Im Gegenteil: Am G-8-Gipfel im italienischen L'Aquila hat Gaddafi, der als Präsident der Afrikanischen Union geladen war, letzte Woche eine wahre Brandrede gegen unser Land gehalten. Die Nachricht wurde zuerst von der libyschen Nachrichtenagentur Jana verbreitet und danach von zahlreichen arabischen Medien aufgenommen, wie Radio Suisse Romande berichtet.

Nichts für Österreich und Liechtenstein

In seiner Philippika sprach Gaddafi von der Schweiz nicht als Staat, sondern als «Mafia», die den «internationalen Terrorismus» finanziere. Möglicherweise hat der Revolutionsführer hier Vorwürfe aufgenommen, die in seinen Ohren noch ziemlich vertraut klingen. Gaddafi beschränkte sich indes nicht auf die Anklage, sondern machte auch einen konstruktiven – wenn auch unorthodoxen – Vorschlag an die Adresse der UNO, wie mit der Schweiz zu verfahren sei, um sie an ihrem verwerflichen Tun zu hindern: Das Land solle aufgelöst werden. Die Romandie möchte Gaddafi Frankreich zuweisen, die Deutschschweiz soll an Deutschland gehen und das Tessin an Italien. Liechtenstein und Österreich hingegen gehen im Plan des Libyers leer aus.

Wir finden: Wenn die Schweiz schon aufgeteilt werden soll, dann möchten wir dabei ganz demokratisch ein Wörtchen mitreden. Welchem Staatswesen würden Sie am liebsten angeschlossen? Zeigen Sie es uns im RATING!