Gaddafi

25. Juli 2008 16:18; Akt: 07.04.2009 21:02 Print

Die wüsten Söhne des Diktators

von Daniel Huber - Es war die Festnahme von Hannibal Gaddafi, die zur diplomatischen Krise mit Libyen geführt hat. Aber auch die anderen Söhne des Diktators sind für die eine oder andere Überraschung gut.

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Der spätere libysche Diktator Muammar al-Gaddafi wurde im in oder nahe der Stadt Sirte geboren. Schon früh legte er einen ausgeprägten Machtinstinkt an den Tag. putschte der ehrgeizige junge Offizier mit einer Gruppe von Gesinnungsgenossen den libyschen König Idris I. vom Thron. Am Radio verkündete der 27-jährige Oberst am den unblutig verlaufenen Machtwechsel und rief die Arabische Republik Libyen aus. Gaddafi wurde Revolutionsführer und unumschränkter Herrscher über die junge libysche Republik. Gaddafi (l.) mit arabischen Führern: PLO-Chef Arafat, der sudanesische Präsident Numeiri, der ägyptische Präsident Nasser, der saudische König Faisal und der Scheich von Kuwait, Al Sabah (v.l.). Gaddafi hätte gern eine panarabische Union geschmiedet, doch seine Anstrengungen scheiterten. Auch der ägyptische Präsident Sadat (l.) und dessen syrischer Amtskollege Assad konnten nicht für das Vorhaben gewonnen werden. Im Westen verfolgte man die Entwicklung im ölreichen Libyen mit Interesse. schaffte es Gaddafi erstmals auf das Cover des amerikanischen Magazins «Time». Die Verstaatlichung von Banken und Ölindustrie entsprach sowohl den arabisch-nationalistischen wie auch den sozialistischen Elementen der «Grünen Revolution» Gaddafis. Bild: Der Revolutionsführer 1975 mit dem jugoslawischen Präsidenten, Marschall Tito. Aber die libysche Spielart der Revolution war auch islamisch inspiriert: Im ab 1973 publizierten «Grünen Buch» formulierte Gaddafi einen dritten Weg neben Kapitalismus und Kommunismus. gab Gaddafi sein Amt als Generalsekretärs des Allgemeinen Volkskongresses ab, blieb als Revolutionsführer aber de facto der allmächtige Herrscher über Libyen. Gaddafi war stets ein Feind Israels. Er liess jüdischen Besitz enteignen und verfügte, dass alle Schulden, die Nichtjuden bei Juden hätten, hinfällig seien. Nahezu die gesamte jüdische Bevölkerung verliess Libyen trotz eines Ausreiseverbots. Neben anderen militanten Gruppen unterstützte Gaddafi auch die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO). Am besuchte er den bei einer Notlandung in der libyschen Wüste verletzten PLO-Führer Arafat an dessen Krankenbett. Der Diktator hat seine Macht mit den üblichen Mitteln gefestigt: Verbot der Opposition, repressive Polizei und Aufbau eines Personenkults. Genoss Gaddafi anfänglich im Westen noch Respekt wegen seiner anscheinend selbstlosen Lebensweise, wurde er mit seiner Unterstützung des Terrorismus ab Anfang der 1980er-Jahre bald zum Ausgestossenen. Der Bombenanschlag auf die bei Amerikanern beliebte Berliner Diskothek «La Belle» 1986 ... ... war einer der Gründe für die amerikanische Bombardierung libyscher Städte im April 1986. Rund hundert Menschen kamen dabei ums Leben, Gaddafi selber wurde verletzt. Auch die Residenz des Diktators wurde getroffen; in den Trümmern starb Hanna, die Adoptivtochter Gaddafis (nach anderen Quellen soll er das Kind erst postum adoptiert haben). Ein Mahnmal vor der Ruine erinnert an den Angriff. wurden bei einem Anschlag auf Pan-Am-Flug 103 über dem schottischen Lockerbie 270 Menschen getötet. Der Verdacht fiel schnell auf Mitarbeiter des libyschen Geheimdienstes. Das Land geriet international zunehmend in die Isolation. Nach dem Lockerbie-Anschlag verhängte die UNO erfolgreich Sanktionen gegen Libyen. 1999 schwörte Gaddafi dem Terrorismus ab und lieferte die beiden Verdächtigen aus. 2003 übernahm Libyen die volle Verantwortung für den Lockerbie-Anschlag. Gaddafi zahlte hohe Abfindungen an die Hinterbliebenen. Offener Protest gegen das Regime war lange Zeit nur im Ausland möglich. Im Bild eine Demonstration in Paris anlässlich von Gaddafis Staatsbesuch im Als Gaddafi der Entwicklung von Massenvernichtungswaffen abgeschworen hatte, war er auf dem diplomatischen Parkett kurzfristig wieder willkommen. Besonders mit dem italienischen Premier Silvio Berlusconi (r.) verband ihn eine tiefe Freundschaft. Allerdings gab es auch nach der internationalen «Rehabilitierung» immer wieder Misstöne, wenn der Wüstensohn im Westen zu Besuch war. Beispielsweise im Jahr in Frankreich, als Präsident Nicolas Sarkozy für seinen unkritischen Empfang des Diktators harsch kritisert wurde. Den Höhepunkt seiner Rehabilitierung erlebte der Revolutionsführer am G-8-Gipfel im im italienischen L'Aquila, als es zum Handschlag mit US-Präsident Barack Obama kam. Trotz der Normalisierung der Beziehungen blieb Gaddafi unberechenbar und stiess das Ausland immer wieder vor den Kopf. So auch im , als er nach der Verhaftung seines Sohns Hannibal in Genf die beiden Schweizer Max Göldi (r.) und Rachid Hamdani in Tripolis als Geiseln nahm. Die Geiselaffäre zog sich über zwei Jahre hin. Verschiedene diplomatische Initiativen der Schweiz, aber auch der EU blieben erfolglos, und Gaddafi liess Max Göldi erst frei, nachdem Bundesrätin Micheline Calmy-Rey sich am persönlich bei ihm für die Behandlung Hannibals in Genf entschuldigt hatte. Rachid Hamdani konnte Libyen bereits fünf Monate zuvor verlassen. Im erreichte der Arabische Frühling Libyen: Wie in anderen Ländern der arabischen Welt gingen Demonstranten mit Forderungen nach politischen Reformen auf die Strasse. Gaddafi liess die Proteste brutal unterdrücken. Am verabschiedete der UNO-Sicherheitsrat eine Resolution zur Einrichtung einer Flugverbotszone über Libyen. In der Folge unterstützten Nato-Jets die Rebellen mit Tausenden Luftangriffen auf die Gaddafi-Truppen. Mit dem Einmarsch der Rebellen in die Hauptstadt Tripolis schienen die Tage von Gaddafis Herrschaft über Libyen gezählt zu sein. Am gaben die Truppen des Nationalen Übergangsrats bekannt, dass sie Muammar Gaddafi gefasst und seine Geburtsstadt Sirte eingenommen haben. Die Bilder des getöteten Diktators gingen um die Welt.

Fehler gesehen?

Die Ehe von Oberst Gaddafi und seiner Gattin Safiya ist mit zahlreichen Kindern gesegnet. Sieben der acht Kinder sind Söhne; die einzige Tochter heisst Aischa. Sie ist Rechtsanwältin und sie gehörte zum Anwaltsteam, das den irakischen Diktator Saddam Hussein — erfolglos — verteidigte.

Der älteste Sohn Muhammad, der oft als möglicher Nachfolger Gaddafis gesehen wird, leitet das Libysche Olympische Komitee. Zudem besitzt er sämtliche Telekommunikationsunternehmen im Land. Schlagzeilen machen aber vor allem drei der Gaddafi-Sprösslinge:

Der Schläger

Sohn Hannibal hat nicht nur in Genf für Ärger gesorgt: Der fünftälteste Sohn Gaddafis raste im September 2004 in seinem Porsche mit 140 km/h über die Champs Elysées in Paris. Seine Leibwächter prügelten sich danach mit der Polizei.

Im nächsten Jahr schlug er in Dänemark zu — im Wortsinn: Ein dänisches Gericht verurteilte ihn zu einer Bewährungsstrafe von vier Monaten und einer Geldbusse, weil er seine im siebten Monat schwangere Freundin Alin Skaf geschlagen hatte. Bei diesem Palmarès sollte es nicht erstaunen, dass die beiden Bediensteten des libyschen Rabauken, die in Genf die Polizei riefen, nun um ihr Leben fürchten: «Gaddafi wird jemanden finden, der uns tötet», sollen sie gesagt haben.

Der Fussballer

Sohn Nummer drei ist Al-Saadi, der mit einer Offizierstochter verheiratet ist. Er ist Filmproduzent, präsidiert den Libyschen Fussballverband und spielt selber Fussball, zeitweise in der italienischen Serie A. Wenn er denn spielt — meistens muss Al-Saadi zuschauen. 2003 kam er zu Perugia und spielte dort nur gerade eine einzige Partie, gegen Juventus Turin. Danach fiel er bei einem Dopingtest durch.
Bei Udinese Calcio, der nächsten Station, war er während der gesamten Saison 2005/06 nur zehn Minuten auf dem Rasen, und bei U.C. Sampdoria (2006/07) spielte er keinen einzigen Match.

Für das libysche Nationalteam spielte Al-Saadi natürlich auch. Als der damalige Nationaltrainer, ein Italiener, aber die Stirn hatte, den Gaddafi-Sohn auf der Bank zu lassen, kostete ihn das den Job.

Al-Saadi gilt als bedeutend liberaler als sein Vater. 2002 verkündete er öffentlich, Israel stelle für Libyen keine Gefahr dar. Er plädierte sogar für mehr Demokratie in den arabischen Ländern, die dann auch nichts mehr von Amerika zu fürchten hätten.
Freilich wird Al-Saadi kaum Gelegenheit haben, sein Demokratieverständnis in Libyen in die Praxis umzusetzen. Gerüchte, er werde seinem Vater nachfolgen, dementierte er umgehend: «Viele arabische Länder halten sich gegenwärtig an die Regel, die Führung zu vererben. Aber es gibt hunderte von Libyern, die besser geeignet sind als ich.»

Der Maler

Gaddafis Zweitältester heisst Saif al-Islam. Der 1972 geborene Maler, der für seine Landschafts- und Wüstengemälde bekannt ist, studierte Wirtschaft in Wien und knüpfte dort auch Kontakte zu dem österreichischen Politiker Jörg Haider.
Auch in Wien wollte Saif al-Islam nicht auf die Gesellschaft seiner beiden weissen Tiger Freddo und Barny verzichten. Die Raubtiere mussten schliesslich nach einigem diplomatischem Hin und Her im Schönbrunner Zoo einquartiert werden.

Über die von ihm geführte «Gaddafi International Foundation for Charity Associations» schaltete sich Saif al-Islam in die Verhandlungen ein,
die im Juli 2007 zur Freilassung der bulgarischen Krankenschwestern führte, die jahrelang wie Geiseln in Libyen festgehalten worden waren. Die Bulgarinnen waren zum Tod verurteilt worden, weil sie angeblich Kinder mit dem HI-Virus infiziert hätten.
Saif al-Islam, der sich auch sonst oft in heiklen diplomatischen Fällen um Vermittlung bemüht, gilt als möglicher Nachfolger seines Vaters, auch wenn er dies geflissentlich dementiert.

Einige Verärgerung erregte Saif al-Islam im Dezember 2004 in Kanada, als er in einem Interview eine offizielle Entschuldigung der kanadischen Regierung verlangte — dafür, dass Kanada die wegen des Terroranschlags von Lockerbie gegen Libyen verhängten Uno-Sanktionen mitgetragen hatte. Und dafür, dass ihm das Land ein Visum verweigert hatte. Die kanadische Regierung lehnte freilich jede Entschuldigung ab.

Quelle: Wikipedia.org / FAZ.net