Hungersnot in Afrika

14. August 2011 11:42; Akt: 15.08.2011 10:21 Print

Das grausame Dilemma der leidenden Eltern

Auf der Flucht vor Afrikas Hungersnot müssen geschwächte Eltern über das Schicksal ihrer sterbenden Kinder entscheiden. Viele drohen daran zu zerbrechen.

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Hungersnot in Ostafrika: Das Sterben der somalischen Kinder.

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Hinter der Hungersnot in Ostafrika steckt unglaubliches Leid. Oft werden ganze Familien zerstört, weil die Kinder sterben. Familien zerbrechen, weil als Folge der Dürre die Töchter früher zwangsverheiratet werden. Eine Verzweiflungstat für die Eltern, weil sie ihre Sprösslinge nicht mehr ernähren können.

Wie schwer muss es für eine Mutter oder einen Vater sein, in der Not darüber zu entscheiden, welchen ihrer an Hunger leidenden Kinder sie eine Überlebenschance geben und welchen nicht, wenn das Wasser für alle zu knapp wird.

Wardo Mohamud Yusuf aus Somalia musste genau dies erfahren, wie ein Reporter der Nachrichtenagentur AP schreibt. Mit ihrer einjährigen Tochter auf dem Rücken und ihrem vierjährigem Sohn an der Hand floh sie aus dem Kriegsgebiet von Somalia. Als ihr Sohn in der Hitze plötzlich kollabierte, kühlte die Mutter seinen Kopf mit dem wenigen Rest Wasser, das ihnen noch blieb. Doch er blieb bewusstlos. Niemand stoppte, um ihnen zu helfen. Was hat Wardo getan? Sie musste eine Wahl treffen, die Eltern eigentlich niemals treffen müssen. «Ich musste ihn mit Allah ziehen lassen,» sagte Wardo später im Flüchtlingslager Dadaab in Kenia. «Ich bin sicher, er war noch am Leben, und das hat mein Herz gebrochen.» Sie sei noch nie in ihrem Leben mit so einem Dilemma konfrontiert gewesen. Sie sei traumatisiert, wache in der Nacht auf und sehe in jedem Vierjährigen ihren Sohn wieder.

Hilfe kommt oft zu spät

Das sei eine normale Reaktion von Eltern auf eine extreme Stresssituation, meint ein Arzt gegenüber dem AP-Reporter. Der Arzt beschäftigt sich im kenianischen Flüchtlingslager mit genau solchen Fällen. Eine Mutter könne nicht sitzen bleiben und warten, bis sterbende Kinder tot sind. Sie muss weitergehen und das Leben der anderen retten. Doch es dauere lange, bis dieses traumatische Erlebnis verdaut werden könne.

Mehr als 12 Millionen Menschen in Ostafrika leiden an Hunger. Davon brauchen laut UNO 2,8 Millionen Flüchtlinge Soforthilfe. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt vor der Verbreitung von Krankheiten wie Masern und Cholera unter den somalischen Flüchtlingen. Viele von diesen seien zu geschwächt, um die Erkrankungen zu überleben. Das Welternährungsprogramm (WFP) kündigte die Lieferung von mehreren hunderttausend Tonnen energiereicher Kekse nach Ostafrika an. Damit sollen 1,6 Millionen Menschen am Tag versorgt werden, wie die Nachrichtenagentur vor drei Tagen mitteilte. Doch die Massenflucht aus Somalia scheint sich nicht abzuschwächen. Die UNO befürchtet, dass die internationalen Hilfsbemühungen mit der Hungersnot nicht Schritt halten können.

Auch für die 29-jährige somalische Witwe Faduma Sakow Abdullahi kam die Hilfe zu spät. Sie wollte mit ihren fünf Kindern ins Lager Dadaab flüchten. Eines Morgens wachten zwei ihrer Kinder nicht mehr auf. Abdullahi sagte später, dass sie das wenige Wasser nicht ihren sterbenden Kindern geben wollte. Sie sei dann weggegangen, wiedergekommen, wieder gegangen, in der Hoffnung, ihre Kinder seien wieder lebendig. Am Ende musste sie weggehen, um ihre anderen Kinder zu retten.

Erschöpfung in der Wüste

Für Ahmed Jafar Nur war es die schlimmste Entscheidung in seinem Leben. In der Wüste musste er zwei seiner sieben Kinder zurücklassen. Der 14-jährige Sohn und die 13-jährige Tochter waren zu schwach um weiterzuziehen. Nur dachte an seine fünf weiteren Kinder zu Hause, an seine Frau, die er in Somalia zurücklassen musste. «Ich sagte mir, rette dein Leben im Interesse der fünf anderen. Die Sterbenden haben Allah.» Doch dann wars wie ein biblisches Wunder. Die Kinder wurden von Nomaden gerettet und zu ihrer Mutter nach Somalia zurückgebracht.

(kub)