Irak-Krieg

16. Februar 2011 12:36; Akt: 16.02.2011 13:02 Print

Iraker gesteht Biowaffen-Lüge

von Peter Blunschi - Ein in Deutschland lebender Überläufer war der wichtigste Informant über Saddam Husseins angebliche Massenvernichtungswaffen. Jetzt gab er zu, gelogen zu haben.

Rafid Ahmed Alwan al Dschanabi alias «Curveball» spricht mit dem «Guardian» (auf deutsch).
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Am 5. Februar 2003 informierte US-Aussenminister Colin Powell den UNO-Sicherheitsrat über die Existenz von chemischen und biologischen Waffen im Irak. Dabei berief er sich unter anderem auf die Aussagen eines «irakischen Chemieingenieurs», der die Produktion von Biowaffen überwacht haben soll. Bei dieser Person handelte sich um Rafid Ahmed Alwan al Dschanabi, der 1995 nach Deutschland geflüchtet war.

Saddam Husseins angebliche Massenvernichtungswaffen waren ein Hauptgrund für die US-Invasion im Irak im März 2003. Bald stellte sich heraus, dass sie nicht existierten und die USA sich auf unzuverlässige Informanten verlassen hatten, darunter ein libysches Al-Kaida-Mitglied, das vom ägyptischen Geheimdienst gefoltert worden war. Wichtigste Quelle aber war Dschanabi, der dem deutschen Bundesnachrichtendienst (BND) unter dem Codenamen «Curveball» ab 1999 Informationen über «rollende Biowaffenlabors» geliefert hatte.

«Ich habe es für mein Land getan»

Die Identität von «Curveball» wurde bereits vor einigen Jahren enttarnt, ein US-Journalist schrieb sogar ein Buch über ihn. Im letzten Dezember zeigte die ARD einen Dokumentarfilm unter dem Titel «Die Lügen vom Dienst» über die Verwicklung des BND und seines dubiosen Informanten in den Irak-Krieg. Rafid Ahmed Alwan al Dschanabi selber bestritt bislang, falsche Informationen geliefert zu haben. Nun gestand er der britischen Zeitung «The Guardian» erstmals, dass er gelogen hatte.

«Ich hatte die Chance, etwas zu fabrizieren, um das Regime zu stürzen», sagte er in einem Videointerview. «Ich musste etwas für mein Land tun, also habe ich das gemacht und ich bin zufrieden, denn jetzt gibt es im Irak keinen Diktator mehr.» Der BND habe seinen Ausführungen auch weiterhin geglaubt, als sein ehemaliger Chef diese Angaben dementierte. Tatsächlich hatten deutsche Agenten diesen bereits im Jahr 2000 in Dubai befragt. Dennoch hielt der BND an Dschanabi fest und teilte seine Erkenntnisse mit den Kollegen vom CIA.

Keine schlaflosen Nächte

Was genau ablief, ist unklar. Die deutsche Seite behauptet laut dem ARD-Film, sie habe «Curveball» lange vor dem Krieg nicht mehr geglaubt und dies den Amerikanern klar gesagt, was diese bestreiten. Der Fall wirft ein schiefes Licht auf die Rolle Deutschlands: Während sich Bundeskanzler Gerhard Schröder lautstark gegen den Irak-Krieg aussprach und sich damit unter anderem die Wiederwahl im Herbst 2002 sicherte, lieferten die Geheimdienstler die zur Rechtfertigung des Krieges benötigten Informationen.

Im Irak-Krieg wurden mehr als 100 000 Zivilisten getötet. Dschanabi hat deswegen offenbar keine schlaflosen Nächte. «Glauben Sie mir, es gab keinen anderen Weg, um dem Irak zur Freiheit zu verhelfen. Es gab keine andere Möglichkeit», sagte er dem «Guardian». Er wohnt in Karlsruhe, gemäss ARD erhielt er bis Ende 2008 monatlich 3000 Euro vom BND. Dieser soll ihm auch zum deutschen Pass verholfen haben. Heute lebt Rafid al Dschanabi laut deutschen Medien von der Sozialhilfe.