Fall Kachelmann

24. Mai 2011 12:19; Akt: 24.05.2011 17:04 Print

Verteidigung fordert Freispruch

Der Kachelmann-Prozess steht vor dem Abschluss: Die Verteidiger rund um Johann Schwenn verlangen einen Freispruch für den Angeklagten. Zudem soll Kachelmann entschädigt werden.

Alice Schwarzer und Star-Anwalt Johann Schwenn zum Tag, an welchem die Verteidigung das Wort hat.
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Eine Woche nach dem Plädoyer der Staatsanwaltschaft schlug am Landgericht Mannheim heute die grosse Stunde von Jürg Kachelmanns Verteidigung in der Person von Pflichtverteidigerin Andrea Combé und Staranwalt Johann Schwenn. In ihren Plädoyers liessen sie über ihre Forderungen keinen Zweifel aufkommen: Einen vollständigen Freispruch ihres Mandanten. Folgerichtig pochte Verteidiger Schwenn am Ende seiner Rede neben dem Freispruch auch auf eine Entschädigung für die Untersuchungshaft und eine juristische Verfolgung der Nebenklägerin – Kachelmanns langjährige Geliebte Sabine W. - wegen der falschen Verdächtigung, mit der sie den ganzen Prozess ins Rollen gebracht habe. «Es gibt nicht einen Sachbeweis, auf den sich die Anklage stützen könnte», so Schwenn. Kachelmann sagte auf die Frage, ob er ein letztes Wort wünsche: «Nein danke.»

Schwenn konzentrierte sich bei seinen Ausführungen auf das in seinen Augen Grundsätzliche. In angriffiger Manier verteilte er Breitseiten gegen ziemlich alle am Prozess Beteiligten – die Nebenklägerin, das Richtergremium, die Presse und insbesondere die Staatsanwaltschaft. Diese musste sich Sätze wie «Sie hatten von Anfang an nicht den geringsten Anhaltspunkt gegen den Angeklagten» oder «Warum plädieren Sie denn schon schlecht, wenn Sie von der Schuld des Angeklagten so überzeugt sind?» anhören. Kurz: Man müsse von einem «Totalausfall der Staatsanwaltschaft» sprechen.

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Die «Zweifel»-Strategie

Ganz anders Kachelmanns Pflichverteidigerin Andrea Combé am Vormittag. Über dreieinhalb Stunden lang bemühte sie sich mit detaillierten Angaben beim Richtergremium Zweifel an der staatsanwaltschaftlichen Version des angeblichen Tatablaufs und an den Zeugenaussagen von Nebenklägerin Sabine W. aufkommen zu lassen.

Punkt für Punkt ging Combé die angeblichen Tatbeweise der Staatsanwaltschaft durch und beendete jeden einzelnen mit den Worten: «Es gibt keine objektiv bezogene Beweismittel, welche die Angaben von Sabine W. stützen.» Die vorgelegten «Beweise» seien ungenügend.

Wie wurde das Messer eingesetzt?

Als Erstes ging Combé auf die «Anordnung» von Blut und Sperma auf dem Bett ein. Solches sei sehr wohl gefunden worden, es weise aber nichts darauf hin, dass der Geschlechtsverkehr nicht einvernehmlich gewesen sei.

Der zweite Punkt - ein grosser Streitpunkt - ist das Messer. Laut der Verteidigung lassen die Gutachten und DNA-Analysen keine Schlüsse zu, wie das Messer eingesetzt wurde und vor allem nicht, dass es so eingesetzt wurde, wie Sabine W. dies geschildert hat. «Es gibt keine Spuren an dem Messer, die die Version der Nebenklägerin bestätigen», sagte Combé. Der 38-Jährigen warf die Anwältin vor, sie habe «ihre Aussage nach und nach den Ermittlungsergebnissen angepasst».

«Sabine W. log mehr als einmal»

Ein Tampon war ein weiterer Punkt, der behandelt wurde. Kachelmann habe diesen zwar «entfernt». Dies sei aber nicht gewaltsam geschehen und vor dem Fall bereits mehrere Male so gehandhabt worden.

Weiter ging Combé auf die Verletzungen am Hals von Sabine W. ein. An vieles habe sie sich nicht erinnern können, was ihre aktenkundige Version in Frage stelle. Ähnliches gelte für die Hämatome an ihren Beinen.

Nach einer kurzen Verhandlungspause – Combé hielt ihr Plädoyer in einem atemberaubenden Tempo – ging die Pflichtverteidigerin auf die zahlreich erstellten und vom Gericht konsultierten Gutachten ein. Aufgrund dieser sei klar nicht davon auszugehen, dass Sabine W. nach der angeblichen Tat unter einer posttraumatischen Störung litt, durch welche ihre Erinnerungslücken bezüglich des genauen Ablaufs des Geschehens zu erklären seien. Die Praxis zeige, dass sich Opfer von Gewaltverbrechen gerade an den Kernablauf einer Tat äusserst präzise erinnerten – bei Sabine W. sei aber genau das Gegenteil der Fall. Sie habe die mutmassliche Tat selbst nur «detailarm» beschreiben können, an andere, unwichtige Punkte habe sie hingegen eine äusserst lebhafte Erinnerung.

«Warum kehrte Sabine W. so rasch in die Wohnung zurück?»

Auch die Aussagekonstanz von Sabine W. bemängelte Combé: Sie habe sich in den verschiedenen Einvernahmen immer wieder in Widersprüche verstrickt. Ungewöhnlich sei auch, dass Sabine W. bereits am Morgen nach der angeblichen Vergewaltigung wieder in ihre Wohnung zurückgekehrt sei. Laut Combé zeigt die Erfahrung nämlich, dass Opfer von Gewaltverbrechen lange nicht mehr an den Tatort zurückkehren können.

Nicht zuletzt entlaste Kachelmanns Verhalten nach der «Tat» den Angeklagten: Er sei «völlig normal» zum Flughafen Frankfurt gegangen und sechs Wochen später – ohne in der Zwischenzeit mit Sabine W. Kontakt gehabt zu haben – wieder dorthin zurückgekehrt. «Glauben Sie, dass er dies getan hätte, wenn er gewusst hätte, dass dort die Polizei auf ihn wartet?», fragte Combé rhetorisch in die Runde.

Schliesslich liege den schweren Vorwürfen von Sabine W. ein klares Motiv zugrunde: Rache und Hass. Sie habe nie damit gerechnet, dass Kachelmann sie verlassen würde, als sie ihn nach langem Zögern endlich auf seine Parallelbeziehungen ansprach. Aus unbändiger Wut habe sie also entschieden, nach dem Prinzip «du hast mich vernichtet, so vernichte ich auch dich» zu handeln. Kachelmann ist angeklagt, seine Ex-Geliebte Sabine W. vergewaltigt zu haben.

Vom Kachelmann-Prozess berichtet 20-Minuten-Online-Reporter Antonio Fumagalli.

(feb)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Zürcher am 24.05.2011 12:47 Report Diesen Beitrag melden

    Entschädigung

    Wieviel Entschädigung kann er verlangen? Das wird in Millionenbeiträgen ausarten... (zu erwartender Erwerbsausfall, Imageverlust, Entschädigung, Anwaltskosten...)

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  • Sandra Müller am 24.05.2011 14:12 Report Diesen Beitrag melden

    Theater

    Bei der Mühe, die sich die Verteidigung dauernd gemacht hat, um alles durcheinanderzubringen, glaube ich nicht mehr an Kachelmann's Unschuld! Ein Freispruch würde signalisieren, dass man eben mit genug Geld wirklich alles machen kann was man will! Da nützt es dann auch nichts, wenn hin und wieder einer angezeigt wird, wenn er mit genügen Trara doch freigesprochen wird!

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  • unwichtig am 24.05.2011 14:18 Report Diesen Beitrag melden

    Opfer

    Ich gehöre zu den Frauen, die damals den Mut nicht aufbrachte, die Täter anzuzeigen. Heute, wenn ich solche Meldungen lese, bin ich dankbar, es nicht getan zu haben. Ich lebe in Ruhe und konnte das Ganze alleine verarbeiten. Egal ob Täter oder Opfer, das Rechtssystem ist leider schon lange eine Frage des Geldes, der Macht und Vitamin-B.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • knowledger am 24.05.2011 16:24 Report Diesen Beitrag melden

    unwichtig....

    was dir passiert ist das ist schlimm. meine beste freundin ist das auch passiert aber leider wurde auch ein guter freund von mir unschuldig beschuldigt sowas etan zuhaben und musste fasst in das gefängniss kommen. ich hoffe du kannst einigermasen ein vernünftiges leben führen gruss

  • D. Avid am 24.05.2011 16:22 Report Diesen Beitrag melden

    Für Aussenstehender nicht zu beurteilen

    Hier zur Urteilen ist als Aussenstehender unmöglich. Es gibt viele Fälle von falschen Vergewaltigungs-Anschludigungen, aber natürlich noch mehr von echten Anschuldigungen.

    • Philippe Latscha am 24.05.2011 17:58 Report Diesen Beitrag melden

      Unverständlich

      Wenn es für Aussenstehende nicht beurteilen ist, wozu dann Ihre Beurteilung? Unverständlich.

    • caz------ am 24.05.2011 18:49 Report Diesen Beitrag melden

      Aussenstehende?

      Und wo ist der Unterschied zwischen Aussenstehende und Richter? Was denken Sie denn, was wir noch nicht wissen, Beweise, von denen nicht der letzte Beobachter auch erfahren hätte? Das ist der einzige Vorteil des Medienspektakels, wir sind dabei, und wissen alles...

    • Tomi Lobo am 25.05.2011 03:31 Report Diesen Beitrag melden

      Stimmt.

      Wofür brauchen wir diese Richter und das ganze Drumherum? Machen wir doch einfach eine Handy-Abstimmung oder eine Facebook-Jury. Der elektronische Volksgerichtshof. JeKaRi: Jede(r) kann richten.

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  • Harleykin am 24.05.2011 15:43 Report Diesen Beitrag melden

    Medien und Wirkung

    Leider zeigt dieser Fall die Grenzen des Rechtssystems auf, doch gibt es über den rein juristischen Aspekt auch eine weitere Dimension: Jeder Mann, der eine solche Tat begangen hat, gehört vor dem Richter - das finde ich als Mann! Frauen, stellt diese Verbrecher an den Pranger. Wenn schon keine Verurteilung erreicht wird, so sind potentielle "Nachfolgerinnen" wenigstens gewarnt.

    • waswärewenn am 24.05.2011 16:30 Report Diesen Beitrag melden

      Und wenn er nicht schuldig ist?

      uuuuund wenn er jetzt unschuldig ist? Was solle Ihrer Meinung nach mit dem "Opfer" passieren? Gefängnis? Riesenbusse? Oder wie sieht da Ihr Pranger-Szenario aus?

    • Kurt Kunz am 24.05.2011 17:23 Report Diesen Beitrag melden

      Und wenn es Sie trifft ?

      Damit ist einer Rache Tür und Tor geöffnet, wenn eine Ex sich beleidigt fühlt. Hoffentlich trifft es Sie nie

    • advocatus dei am 24.05.2011 17:37 Report Diesen Beitrag melden

      Nicht so eindeutig...

      Damit sind aber trotz allem diejenigen nicht geschützt, die zu unrecht beschuldigt werden! Eine solche Beschuldigung hat schon manches Leben zerstört, selbst wenn letztendlich klar eine Falschanschuldigung bewiesen wurde. Etwas bleibt eben immer haften... Ansonsten gebe ich Ihnen aber recht...

    • monika am 24.05.2011 18:06 Report Diesen Beitrag melden

      unglaubwürdig

      Warum wollte sie bei der Anzeige angeblich den Namen verschweigen? Dafür braucht es wohl keine Anzeige. Warum hat sie nachweislich gelogen? Ist denn eine Vergewaltigung nicht genug? Diese Frau schein mit sehr unglaubwürdig und hat zukünftigen Vergewaltigungsopfern keinen Gefallen getan.

    • CAZ---- am 24.05.2011 18:46 Report Diesen Beitrag melden

      Verlierer

      Das Problem ist, dass es eigentlich nur Verlierer geben kann, ausser der Fall ist eindeutig. Was bedeutet, dass es nur mit handfesten Beweisen (die zu 90% dann auch zu einer Veruteilung führen) zur Anklage kommen dürfte. Im Gegensatz zum Fall Kachelmann, wo nie Anlage erhoben hätte werden dürfen. Es geht eben nicht um die Wahrheit alleine, sondern in einem St.-Verfahren vielmehr und die Beweiskraft dessen...

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  • Bianca am 24.05.2011 15:00 Report Diesen Beitrag melden

    Wer ist das Opfer?

    Wir wissen nicht, wer von den beiden lügt. Es ist grausam, wenn einem Vergewaltigungsopfer nicht geglaubt wird und es ist ebenso grausam, jemanden fälschlicherweise einer solchen Tat zu beschuldigen. Ich hoffe sehr, dass die Wahrheit irgendwann ans Licht kommt.

    • Sarah am 24.05.2011 16:35 Report Diesen Beitrag melden

      Stimmt,

      Sie bringen es auf den Punkt.

    • Noro am 24.05.2011 17:05 Report Diesen Beitrag melden

      Tragisch

      Ich stimme dir zu. Für uns ist es schwierig das ganze zu beurteilen, denn wir waren nicht dabei. Im schlimmsten Fall, gibt es ein Opfer, dem nicht geglaubt wurde oder einen Unschuldigen, der zu Unrecht verurteilt wird.

    • Sandra Müller am 24.05.2011 18:28 Report Diesen Beitrag melden

      Genau

      Und ich bin überzeugt, der Prozess wäre ohne Medienrummel fairer gewesen!

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  • unwichtig am 24.05.2011 14:18 Report Diesen Beitrag melden

    Opfer

    Ich gehöre zu den Frauen, die damals den Mut nicht aufbrachte, die Täter anzuzeigen. Heute, wenn ich solche Meldungen lese, bin ich dankbar, es nicht getan zu haben. Ich lebe in Ruhe und konnte das Ganze alleine verarbeiten. Egal ob Täter oder Opfer, das Rechtssystem ist leider schon lange eine Frage des Geldes, der Macht und Vitamin-B.

    • doch wichtig am 24.05.2011 15:00 Report Diesen Beitrag melden

      ?????

      woher weisst du wer in diesem Fall das Opfer ist?

    • oscar biedermann am 24.05.2011 15:09 Report Diesen Beitrag melden

      schade

      es ist traurig was dir passiert istund schade ,das du ihn nicht angezeigt hast.in den meisten angezeigten fällen wird der täter bestraft.aber die verhandlung muss dem angeklagten beweisen ,dass die angeklagte tat geschehen ist. das ist gut so ,sonst würden der willkür tür und tor geöffnet.

    • rosalie am 24.05.2011 15:11 Report Diesen Beitrag melden

      Stimmt nicht

      das ist ja wohl Blödsinn. Es sind vor allem Frauen, die falsche Anschuldigungen machen, welche es den wahren Opfern so schwierig machen.

    • Harleykin am 24.05.2011 15:45 Report Diesen Beitrag melden

      Schade

      Ich freue mich für Dich, dass Du diese traumatische Situation überwinden konntest. Aber hast Du Dich auch schon einmal gefragt, wieviele weitere Frauen dieser Mann nach Dir vergewaltigen konnte? Vielleicht hättest Du das ja verhindern können...

    • monika am 24.05.2011 18:09 Report Diesen Beitrag melden

      unbedingt anzeigen, aber ohne Lügen

      Da kann ich Harleykin nur recht geben. Vielleicht wäre es auch dir nicht passiert, wenn deine "Vorgängerin" diesen Kerl angezeigt hat.

    • unwichtig am 24.05.2011 19:47 Report Diesen Beitrag melden

      nachdenken!

      an Harleykin: Ich bin nicht für andere verantwortlich! Ich brauchte damals die Kraft für mich! Abgesehen davon hinter einem Täter ist auch eine Familie, genau wie bei mir. Wieviele Menschen hätten darunter gelitten, wieviele hätten deswegen gestritten? Ich weiss, was geschehen ist und der Täter auch. Er muss mit seinem Gewissen leben! Ich kann ihm die Schuld für die Tat geben aber nicht für das was danach war. Da musste ich alleine durch. Man kann einem Täter nicht für alles die Schuld geben und dabei ganze Familien zestören!

    • M. Schild am 25.05.2011 08:57 Report Diesen Beitrag melden

      @ Opfer

      Vermutlich (ich weiss es natürlich nicht) wäre ihr Prozess kaum so medienwirksam gewesen wie Kachelmanns. Keine Anzeige zu erstattten ist Ihre eigene, persönliche Entscheidung. Um die Familie eines Täters würde ich mir zuallerletzt Sorgen machen, bzw. gar keine. Es ist für alle Beteiligten besser, zu wissen, dass ein Vergewaltiger unter ihnen weilt. Sogar für den Täter selbst. Die meisten dafür ausgeprochenen Haftstrafen dauern kürzer als der Verarbeitungsprozess, den Opfer wie Sie zu leisten haben. Alles Gute! M. Schild

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