Mannheim

15. September 2010 09:52; Akt: 15.09.2010 21:14 Print

Kachelmann-Prozess wieder unterbrochen

von Amir Mustedanagic, Mannheim - Das Verfahren gegen Jörg Kachelmann pausiert: Seine Verteidigung will eigene Gutachten einreichen. Das Gericht sollte noch am Vormittag entscheiden.

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Der dritte Verhandlungstag im Vergewaltigungsprozess gegen Jörg Kachelmann ist am Mittwoch kurz nach Beginn unterbrochen worden. Die Verhandlung soll aber noch am Vormittag fortgesetzt werden.

Kachelmanns Verteidiger hatten beantragt, dass von ihnen benannte Sachverständige Gutachten über die Glaubwürdigkeit und die Verletzungen des mutmasslichen Opfers erstellen sollten.

Die Staatsanwaltschaft lehnt dies ab. Sie hält die Gutachter der Verteidigung für befangen, da sie bereits vor Prozessbeginn Stellungnahmen zugunsten Kachelmanns abgegeben hätten.

Stolpert er über seine Zeugungsunfähigkeit?

Jörg Kachelmann begründete seinen Hang zu Affären mit seiner Zeugungsunfähigkeit: Das Geständnis sorgt vor dem heutigen Prozesstag für Fragen.

Viel Neues gab es von Jörg Kachelmann am letzen Montag, dem zweiten Prozesstag, nicht zu hören: Fünf, vielleicht sechs Sätze hat der Wettermoderator während der Aufnahme der Personalien gesprochen. Den Rest des Tages blieb er stumm. Im grauen Anzug mit grauer Krawatte sass er zwischen seinen Anwälten. Einmal machte er sich sogar Notizen, doch dabei blieb es. Selbst als Richter Joachim Bock das Protokoll der einzigen Einvernahme von Jörg Kachelmann vorlas, kam nicht viel Neues heraus – der «Spiegel» hatte längst die Version des 52-Jährigen publik gemacht. Mit einer Ausnahme: der Zeugungsunfähigkeit von Kachelmann.

«Ich habe zwei Kinder in Kanada», zitierte Richter Bock das Protokoll am Montag. «Ich dachte immer, es seien meine, aber ich erfuhr später, dass sie nicht von mir sind. Seither habe ich grosses Misstrauen in neue Bindungen.» Wegen dieses Misstrauens sei er auf die Suche nach Bestätigung gegangen. «Die Suche gestaltete sich etwas ausführlicher», so Kachelmann laut Protokoll weiter. Von seiner Zeugungsunfähigkeit soll er 1998 erfahren haben, als er ein Spermatogramm gemacht habe. «Frau W. wusste von meiner Zeugungsunfähigkeit, deshalb fand der Geschlechtsverkehr stets ohne Kondom statt.»

Beziehung fing an, bevor er von der Zeugungunfähigkeit wusste

Die Aussage ist deshalb spannend, weil der Wettermoderator damit während der Einvernahme begründete, dass er einerseits keine feste Beziehung eingehen wollte und andererseits so viele Frauengeschichten parallel laufen hatte.

Nun tauchen genau dabei aber Ungereimtheiten auf, auf welche der Richter am Amtsgericht während der Einvernahme zwar nicht weiter einging, welche aber wohl im Verlaufe des Prozesses noch zur Sprache kommen werden. «Meine Kinder sind sechs und zehn Jahre alt», sagte er dem Haftrichter am 24. März 2010. Rechnet man zurück, wusste Jörg Kachelmann bereits vor der Geburt seiner Kinder, dass er zeugungsunfähig ist. Stellt sich die Frage, wieso er dachte, sie seien von ihm. Oder vielmehr: Warum sagte er das in der Einvernahme?

Zudem begründete er sein «starkes Misstrauen in feste Beziehungen» damit und sagte, er habe Simone W. «nie eine Perspektive für die Beziehung aufgezeigt». Bei der Geburt seines zweiten Sohnes kannten sich aber Simone W. und Jörg Kachelmann nach übereinstimmender Aussage bereits seit mindestens fünf Jahren. Wieso sollte er also damals bereits misstrauisch gegenüber festen Beziehungen gewesen sein? Würde man wollen, könnte man die Aussage auch in Bezug zum «Spiegel»-Interview nach seiner Freilassung stellen.

Für Kachelmann ist Schweigen Gold

«Im Verfahren ist von jahrelangen Beziehungen zu mehreren Frauen gleichzeitig die Rede, von ungewöhnlichen Vorlieben, Lügen und vielem mehr», schreiben die «Spiegel»-Journalisten und fragen Jörg Kachelmann: «Was sagt das über Ihre Glaubwürdigkeit aus?» Kachelmann antwortet darauf: «Erotische Vorlieben diskutiere ich nicht öffentlich. Alles, was geschah, geschah einvernehmlich. Allerdings: Das belastet mich psychisch. Ich hätte keiner Frau vorgaukeln dürfen, dass sie die einzige ist.» Womit er eigentlich zugibt, Frauen durchaus das Gefühl vermittelt zu haben, die einzigen zu sein.

Es ist kein Beweis für irgendetwas, aber es zeigt, dass auch bei der Aussage von Jörg Kachelmann durchaus Fragen offen bleiben und nicht alles stimmig ist. Vor allem ist es aber ein wichtiger Punkt, um zu verstehen, warum Jörg Kachelmann nichts mehr zur mutmasslichen Tatnacht sagen will. Jedes Wort von ihm könnte neue Widersprüche generieren. Vertraut man auf die Berichte der gut unterrichteten Medien im Vorfeld, ist es nicht die einzige Ungereimtheit in der Tatnacht-Darstellung von Jörg Kachelmann. Man darf gespannt sein, was die Staatsanwaltschaft im Laufe des Verfahrens noch aufdecken wird.