Brisantes Material

09. November 2009 10:11; Akt: 07.04.2011 12:32 Print

Polizei beschlagnahmt Kampusch-Bilder

Drei Jahre nachdem die Wiener Justiz ihre Suche nach Mittätern im Fall Kampusch offenbar verfrüht eingestellt hat, wird nun offiziell gegen einen Freund des Entführers Wolfgang Priklopil ermittelt. Inzwischen weiss man: Eine neue Spur führt nach Deutschland.

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Die Ausweitung der Ermittlungen auf einen möglichen zweiten Täter oder Mitwisser stützt sich auch auf Behauptungen zweier deutschen Zeugen. Der Erste Oberstaatsanwalt in Graz, Thomas Mühlbacher, hatte angekündigt, das angebliche Beweismaterial prüfen zu lassen. Er ermittelt jetzt gegen einen Freund des Kidnappers Wolfgang Priklopil.

«Es besteht der Verdacht, dass er an der Entführung beteiligt war», sagte der Erste Oberstaatsanwalt Thomas Mühlbacher am Wochenende der Deutschen Presse-Agentur dpa und bestätigte damit einen Bericht der Zeitung «Die Presse am Sonntag». Gegen den Verdächtigen werde wegen «Freiheitsentziehung» ermittelt.

«Es haben sich Verdachtsmomente ergeben», sagte Mühlbacher. Aus der «besonderen Nahbeziehung» der beiden Männer seien noch Fragen offen, die nicht zufriedenstellend geklärt sind.» Bis Jahresende will Mühlbacher über eine eventuelle Anklage entscheiden.

«Für mich ist es die beste Variante, gar nichts mehr zu sagen», sagte der Verdächtige der Wiener Zeitung «Kurier», da jede seiner Aussagen negativ interpretiert würden.

Kurz nach Kampuschs Befreiung hatte er an einer Pressekonferenz gesagt, er habe das Mädchen nur ein Mal gesehen, als sie und Priklopil in seine Firma gekommen seien, um einen Lastwagen-Anhänger auszuleihen. Es sei ihm nicht bewusst gewesen, dass es sich um die entführte Natascha Kampusch handelte.

Zeugenaussage

Einer der beiden Zeugen, der deutsche Grafiker Thomas Vogel, verrät in einem Interview mit der Zeitung «Österreich», er habe in einem Internet-Forum Videos entdeckt, auf denen Natascha Kampusch und ein Mann zu sehen sind. Bei seinen weiteren Recherchen sei er dann auf einen Freund Priklopils gestossen.

Vogel ist in den Medien kein Unbekannter: Bereits im April 2007 behauptete der ehemalige Krankenpfleger, dass er mit einem pädophilen Freund Wolfgang Priklopils in Kontakt stehe. Damals trat der Deutsche in der Öffentlichkeit als «Domainhändler» auf (20 Minuten Online berichtete) und wollte im Prozess, den der pensionierte Richter und Politiker Martin Wabl gegen Brigitta Sirny, Kampuschs Mutter, führte, als «Kronzeuge» auftreten. Wabl wollte beweisen, dass Sirny in die Entführung ihrer Tochter einbezogen gewesen war.

Ein Testament und viele Bilder

«Am 9. September 2006 (Anm. der Red.: knapp zwei Wochen nach der erfolgreichen Flucht Natascha Kampuschs) hat sich per Mail ein Mann gemeldet, der sich als Freund Priklopils ausgab. Er wollte die Dinge ins rechte Licht rücken. Als er Vertrauen gefasst hatte, hat er mir per Post eine Art Vermächtnis Priklopils geschickt – handgeschrieben mit vielen Details, aber auch mit Fotos», erzählt Vogel im Gespräch.

Das Material sei ausserordentlich brisant, so Vogel. «Die Notizen zeigen, dass Priklopil Natascha vergöttert hat.» Diese hätte Priklopil versprochen, «bis zu ihrem 18. Geburtstag zu bleiben», sei aus dem Dokument zu entnehmen. Die beigelegten Bilder würden Priklopils Freund, Ernst H., «schwer als Mitwisser belasten».

Der Zeuge habe nach eigenen Aussagen die österreichischen Ermittler schon 2006 über das Material informiert, sei aber auf kein Interesse gestossen. Am 29. Oktober dieses Jahres wurde das Material von der Polizei beschlagnahmt. «Dabei hätte ich es auch freiwillig rausgerückt, wenn die früher nicht so barsch mit mir umgegangen wären», behauptet Vogel.

(kle)