Spezielle Beziehung

23. Februar 2011 13:44; Akt: 21.03.2011 17:21 Print

Muammar und Silvio – bitte nicht stören

von Peter Blunschi - Silvio Berlusconi und Muammar Gaddafi verbindet eine fatale Männerfreundschaft. Es geht um lukrative Geschäfte – und Eigeninteressen.

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Muammar al Gaddafi und Silvio Berlusconi bei einem Treffen im November 2009 in Rom. (Bild: Keystone)

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Lange hat er sich geziert. Erst am Montag rang sich der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi dazu durch, den «inakzeptablen Einsatz von Gewalt» gegen die libysche Zivilbevölkerung zu verurteilen. Zwei Tage zuvor, als die Lage bereits eskaliert war, hatte Berlusconi noch erklärt, er wolle Muammar al Gaddafi «nicht stören». Am Dienstag dann telefonierte er mit seinem «Freund» und forderte ihn zu einer friedlichen Lösung auf.

Damit dürfte Berlusconi bei Gaddafi auf taube Ohren stossen, doch das Telefonat hat seine Logik. Kein westlicher Staatsmann hat einen besseren Draht zum libyschen Diktator. Beide verbindet ein Hang zu bizarren Auftritten, beide kämpfen verbissen gegen das Älterwerden, beide haben eine Schwäche für das weibliche Geschlecht. Gaddafis Frauen-Leibgarde und die durch Wikileaks bekannte «vollbusige ukrainische Krankenschwester» stehen gleichwertig neben Ruby und anderen Gespielinnen in Berlusconis Lotterbett.

Küss die Hand

Im letzten August veranstaltete Gaddafi bei einem Besuch in Rom eine Koran-Lesung vor mehreren hundert jungen Frauen, die er von den Vorzügen des Islams zu überzeugen versuchte. Allerdings waren die «Hostessen» von Berlusconi für ihre Teilnahme bezahlt worden. Seit 2008 haben sich die «Männerfreunde» bereits achtmal getroffen. Im letzten April küsste der Premier bei einem Besuch in Libyen seinem Gastgeber sogar die Hand. Kaum ein italienischer Regierungschef habe sich derart beschämend beim libyschen Revolutionsführer angebiedert wie Berlusconi, kommentierte der «Corriere della Sera».

Allerdings basiert die spezielle Beziehung nicht nur auf Seelenverwandtschaft, sondern auf handfesten Interessen. Den Hintergrund bildet die unselige Kolonialzeit: Von 1911 bis 1943 herrschte Italien über das nordafrikanische Land, mehrfach wurden Aufstände blutig niedergeschlagen. Seither sind die beiden Länder auf fatale Weise miteinander verbandelt. In einem Freundschaftsabkommen verpflichtete sich Silvio Berlusconi im August 2008, Libyen für die Kolonialherrschaft mit fünf Milliarden Dollar zu entschädigen.

Gegenseitige Investitionen

Gleichzeitig wurden die wirtschaftlichen Beziehungen stark ausgeweitet. Italien ist einer der grössten ausländischen Investoren in Libyen, etwa 125 Firmen sind laut der «Süddeutschen Zeitung» dort präsent. Sie bauen unter anderem eine 1700 Kilometer lange Autobahn nach Ägypten und andere Infrastrukturanlagen. Der halbstaatliche Energieriese Eni ist der grösste ausländische Öl- und Gasförderer im Wüstenstaat. Umgekehrt hat Libyen in zahlreiche italienische Firmen investiert, etwa in Unicredit, die grösste Bank des Landes, oder Fiat. Der Gaddafi-Clan hält zudem 7,5 Prozent der Aktien des Fussballklubs Juventus Turin.

Auch Silvio Berlusconis eigene Geschäftsinteressen, die er bekanntlich noch nie von jenen des Staates getrennt hat, kommen ins Spiel. Seine Holding Fininvest ist ebenso wie ein Gaddafi-Unternehmen an einer Produktionsgesellschaft beteiligt, die wiederum Anteile am Satellitensender Nessma TV hält. Dieser hat seinen Sitz in Tunesien und war bekannt für seine unterwürfige Haltung gegenüber dem inzwischen verjagten Präsidenten Ben Ali – eine weitere Diktatoren-Connection, die Berlusconi unvorteilhaft aussehen lässt.

Gaddafi stoppt Flüchtlingsstrom

Ein weiterer Grund, warum der Premier den Sturz seines Freundes Gaddafi fürchtet, sind die Bootsflüchtlinge aus Afrika. In einem umstrittenen Abkommen hat sich Muammar al Gaddafi dazu verpflichtet, die Migranten abzufangen. Dass diese in Libyen auf menschenunwürdige Weise behandelt werden, hat Italien – und die EU – nie gestört. Nun hat Gaddafi gedroht, die Schleuse wieder zu öffnen, zum Entsetzen Roms. Aussenminister Franco Frattini war beim Treffen mit seinen EU-Amtskollegen am Montag der grösste Bremser, als über eine Verurteilung oder Sanktionen gegen das Regime in Tripolis beraten wurde.

Am Dienstag kam es deshalb zu Demonstrationen, unter anderem vor der italienischen Botschaft in Bern. Auch in Rom gab es Kritik: «Wir haben wirtschaftliche Interessen mit Kooperation verwechselt und die Kontrolle der illegalen Einwanderung mit einer verantwortungslosen Beschwichtigungspolitik», sagte der Oppositionspolitiker Francesco Rutelli dem Radiosender RAI. Die fatale Männerfreundschaft könnte Silvio Berlusconi teuer zu stehen kommen. Dabei hat er eigentlich schon genug Probleme.