Interview

25. März 2011 08:42; Akt: 25.03.2011 09:29 Print

«Es sieht nach einem Patt aus»

von Kian Ramezani - Wie geht es in Libyen weiter, nachdem die Flugverbotszone durchgesetzt wurde? Mauro Mantovani von der ETH-Militärakademie schätzt die Lage eher düster ein.

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Ein libyscher Rebell am Donnerstag bei einer Pause ausserhalb der Stadt Ajdabiya südlich von Bengasi. (Bild: Keystone/AP/Anja Niedringhaus)

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Die libysche Luftwaffe ist ausgeschaltet und die Operation «Odyssey Dawn» damit vorerst gelungen. Doch Muammar Gaddafi verfügt weiterhin über Bodentruppen, Panzer sowie Artillerie und setzt diese auch gegen die Rebellen ein. Diese sind schlecht ausgerüstet und gelten als unorganisiert. Der Nato und ihren Verbündeten stehen schwierige Entscheidungen bevor, wie es in Libyen weitergehen soll.

20 Minuten Online befragte Mauro Mantovani, Dozent für strategische Studien an der Militärakademie der ETH Zürich, welche Zukunftsszenarien er in Libyen sieht, ob sich zivile Opfer tatsächlich vermeiden lassen und ob es doch noch zum Einsatz von Bodentruppen kommt.

20 Minuten Online: Die Flugverbotszone über Libyen ist durchgesetzt. Die UNO-Resolution verlangt den Schutz von Zivilisten, doch Bodentruppen sind ausgeschlossen. Wie sollen die Alliierten das machen?
Mauro Mantovani:
Die Luftschläge sollen die Regierungstruppen so weit schwächen, dass sie ihre materielle Überlegenheit an schweren Waffen verlieren und dass es zu Absetzbewegungen kommt. Parallel versuchen übergelaufene libysche zivile und militärische Kader die Rebellen so weit zu schulen, dass sie mit erbeutetem Material gegen die verbleibenden Regierungstruppen vorgehen können. Mittelfristig kann dies zu einem Erfolg führen, die Frage ist aber, ob die öffentliche Meinung in den Ländern, die interveniert haben, der laufenden Operation so lange Zeit gibt.

Wie beurteilen Sie die weitere Entwicklung in Libyen? Was passiert im besten, was im schlechtesten Fall?
Im besten Fall gerät Gaddafi innenpolitisch so unter Druck, dass er aufgeben muss und sich absetzt oder gestürzt wird. Im schlechtesten kann er sich innenpolitisch im Westen des Landes halten und mit Hilfe seiner Getreuen und seiner Geld-Reserven einen monatelangen Kleinkrieg in den Bevölkerungszentren führen, in den die Koalition aus der Luft nicht eingreifen kann.

Welches Szenario halten Sie für wahrscheinlicher?
Ich bin eher pessimistisch und glaube nicht daran, dass die Rebellen rasch die nötige Ausbildung und Ausrüstung erhalten, um koordiniert gegen die militärisch überlegenen Regierungstruppen vorzugehen. Diese haben aber auch nicht die Kraft, um das ganze Land wieder unter ihre Kontrolle zu bringen. Ich rechne damit, dass sich in der libyschen Bevölkerung bald Kriegsmüdigkeit einstellen wird. Beides spricht für ein Patt.

Laut UNO-Mandat soll das Leben von Zivilisten geschützt werden. Heisst das implizit, dass der Westen die Truppen Gaddafis so weit schwächen kann, bis die Opposition sich durchsetzt?
Juristisch nein, weil sich das Mandat gegen alle Kräfte wendet, welche die Zivilbevölkerung drangsalieren, also grundsätzlich auch gegen die Rebellen. Faktisch aber schon, weil bis jetzt nur die Regierungstruppen diesbezüglich aufgefallen sind.

Werden irgendwann doch Bodentruppen entsandt?
Ich sehe keine einzige Nation, die bereit wäre, Bodentruppen nach Libyen zu entsenden. Entsprechend wird die dafür nötige UNO-Resolution kurz- und mittelfristig auch nicht zustande kommen. Wahrscheinlicher ist da schon, dass das bestehende Waffenembargo gegen ganz Libyen aufgehoben und ersetzt wird durch ein Waffenembargo nur gegen den von Gaddafi gehaltenen Teil des Landes. Das würde Waffenlieferungen an die Rebellen ermöglichen.

Über die libysche Opposition ist wenig bekannt. Besteht nicht die Gefahr, durch die Intervention einer Gruppierung zur Macht zu verhelfen, die gar nicht so viel besser als Gaddafi ist?
Diese Gefahr besteht tatsächlich. Immerhin hat sich die Opposition zu offenen und transparenten Wahlen bekannt. Dass diese nach der Machtergreifung dann auch durchgeführt werden, darauf würde die Staatengemeinschaft mit Sicherheit bestehen.

Wie realistisch ist es, zivile Todesopfer zu vermeiden?
Das ist äusserst schwer, zumal auch viel militärisches Material wie Panzer und Artillerie inzwischen von zivilen Rebellen bedient wird. Durch genaue Aufklärung und Informanten vor Ort versucht man, zivile Opfer so weit wie möglich zu vermeiden. Solange sich die Luftschläge noch auf klare militärische Ziele ausserhalb bewohnter Gebiete konzentrieren können, war die Gefahr ziviler Opfer beschränkt. Sollte Gaddafi seine Angriffe stärker mit Infanterie und leichten Waffen in die Städte hineintragen, wird die Aufgabe fast unlösbar.

Sehen Sie Parallelen zum Afghanistan-Einsatz der Amerikaner und Briten, die mit der oppositionellen Nordallianz kooperierten? Sollte die NATO ihre Angriffe mit der libyschen Opposition koordinieren?
Nur Waffenlieferungen sind durch die UNO-Sanktionen rechtlich ausgeschlossen. Kontakte zu den Rebellen sind aber ebenso möglich wie die Lieferung von Informationen über die Regierungstruppen. Ich gehe davon aus, dass informelle Kontakte bestehen.

Besteht die Gefahr, dass der Westen hier einen Präzedenzfall schafft? Aufgrund welcher Kriterien wird entschieden, wo interveniert wird und wo nicht? Müsste nicht auch in Bahrain interveniert werden?
Interveniert wird weiterhin nach Massgabe der nationalen, in diesem Fall vor allem europäischen Sicherheitsinteressen, also höchst selektiv. Aus amerikanischer Sicht wären Bahrain oder Jemen aber wohl Fälle, wo nationale Sicherheitsinteressen in deutlich höherem Masse gegeben sind als in Libyen. Man würde aber auch dort ein UNO-Mandat anstreben und nur im äussersten Fall auf eigene Faust intervenieren.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Bruno Hochuli am 26.03.2011 16:13 Report Diesen Beitrag melden

    Das ist doch keine Lösung

    Wenn die Nato Libyen verlässt, wird Ghadhafi das Ruder wieder übernehmen, weil die Rebellen viel zu schwach und zu wenig ausgebildt sind. Dann heisst es, ausser Spesen nichts gewesen. Schade um die Libyer die Freiheit wollen.

  • Christian am 25.03.2011 10:24 Report Diesen Beitrag melden

    Massenbasis

    Das mögliche Patt zwischen Gaddafi und den Aufständischen kann so lange dauern, bis die autoritären und auf Loyalität bauenden Strukturen von Gaddafis Gewaltsystem zersetzt sind. Jede Diktatur - auch Gaddafi - hat eine Massenbasis. Diese zu zerschlagen, geht nur, wenn Gaddafi weg ist.

  • Theo am 25.03.2011 13:17 Report Diesen Beitrag melden

    Waffenlieferung nötig.

    Damit die Aufständischen eine Chance haben, sollte man ihnen Waffen und Ausbildner schicken, dann könnten sie ihre Revolution mit wenig Eingriff des Westens führen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • B. Kerzenmacher am 26.03.2011 21:47 Report Diesen Beitrag melden

    Ideologischer Kampf

    Der grosse Kampf um die Freiheit dürfte erst noch beginnen. Dann nämlich wenn es heisst die Islamisten davon abzuhalten in die Machtlücke zu springen oder davon abzuhalten den Kurs des Landes zu beeinflussen. Das dürfte noch einige Auseinandersetzungen nach sich ziehen. Denn die Islamisten verfügen über erhebliche Finanzen mit denen sie gerade junge Arbeitslose locken können. Der grosse Kampf um Freiheit und Demokratie kommt anscheinen erst noch und da muss der Westen für die demokratischen Kräfte unbedingt Partei ergreifen.

  • Eidgenoss am 26.03.2011 21:37 Report Diesen Beitrag melden

    Das ist die Lösung

    Die einzige Möglichkeit diesen Krieg möglichst unblutig zu beenden, ist die vollständige Einbeziehung von arabischen Militäreinheiten. Präzise Luftschläge sollen weiterhin im Aufgabenbereich der Nato liegen. Jegliche weitere Interaktionen müssen zwingend von Arabischen Truppen ausgeführt werden. Ja, eine Truppeninvasion ist unumgänglich. Schlussendlich geht es um das Wohlergehen der Zivilbevölkerung. Und ein zweites Afghanistan und ein zweites Irak sind zwingend zu vermeiden. Gadaffi darf nie mehr zurückkommen! Das gilt es mit allen Mitteln zu ereichen. Ich möchte nicht im Traum daran denken, was er wohl mit den Rebellen anstellen will. Das erste Opfer ist die Wahrheit. Das Letzte die Freiheit!

  • Bruno Hochuli am 26.03.2011 16:13 Report Diesen Beitrag melden

    Das ist doch keine Lösung

    Wenn die Nato Libyen verlässt, wird Ghadhafi das Ruder wieder übernehmen, weil die Rebellen viel zu schwach und zu wenig ausgebildt sind. Dann heisst es, ausser Spesen nichts gewesen. Schade um die Libyer die Freiheit wollen.

  • Papa Razzi am 26.03.2011 10:35 Report Diesen Beitrag melden

    Europäische Gewalt!

    Es ist absolut unhaltbar, dass sich die Nato durch Libyen bombt, um einer Partei Vorteile zu verschaffen. Einzige Aufgabe könnte sein, die Kontrahenten zu trennen. Was da geschieht ist eine Posse, die unverzüglich vor den Internationalen Gerichtshof gehört. Europa und Obama mischen sich selbstherrlich ein und merken dann wieder einmal zu spät, dass die gehätschelten 'Rebellen' aus dem genau gleichen faulen Holz geschnitzt sind, wie der gegenwärtige Machthaber. Es handelt sich hier um kriminelle Einsätze europäischer und amerikanischer Despoten!

    • Martin Vogler am 26.03.2011 15:02 Report Diesen Beitrag melden

      IGH?

      Warum genau sollte sich der IGH denn damit beschäftigen. Die Vorgehensweise der Koalition ist auf einer UN SR -Res. abgestützt. Zudem: Wer soll hier gegen wen klagen? Oder soll bloss ein Gutachten erstellt werdem? Dies kann sowieso nur die UN anfordern und niemals ein Staat selbst.

    • Tobias Schmid am 26.03.2011 16:24 Report Diesen Beitrag melden

      Papa Razzi

      Wer nicht zu seiner Meinung stehen kann, hat keine eigene Meinung. Ausser Sie heissen wirklich Papa Razzi, was nur schwer vorstellbar ist.

    • ContraUno am 26.03.2011 20:42 Report Diesen Beitrag melden

      @Martin Vogler

      Die UNO ich bitte Sie... Gaddafi hatte absolut recht mit seiner Aussage, dass der "UNO-Sicherheitsrat" ein "Terror-Rat" darstellt. Sie beweisen sein Statement gegenwärtig. Und nochmals: Es geht und ging dem Westen nie darum anderen zu helfen. Er verstand es aber bis heute sehr gut, dies den eigenen Leuten zu verkaufen.

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  • Kai A. am 25.03.2011 23:39 Report Diesen Beitrag melden

    Bodentruppen

    Nach der peinlichen Aktion der UN die über 3 Wochen zu spät erst militärisch in den Konflikt eingegriffen hat. Nun ist es meiner Meinung nach Zeit Bodentruppen zu entsenden, um dem Abschlachten ein Ende zu bereiten. Die Vereinten Nationen haben schon zu lange diesem Despoten zu gesehen, wie er freiheitliche und demokratische Bestrebungen mit allen mitteln unterdrück hat. Es ist an der Zeit dem lybischen Volke das zu ermöglichen, was wir schon lange haben.