Gaddafis geistige Väter

28. August 2011 13:32; Akt: 28.08.2011 16:34 Print

Exzellent exzentrisch

von Philipp Dahm - Stellen Sie sich vor, der Januar hiesse plötzlich Adolf! Turkmenistan hats erlebt. Was durchgeknallte Ideen angeht, hatte Muammar in Albert, Benito, Tito und Co. würdige Vorgänger.

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Muammar Gaddafi alias «Exzellent exzentrisch» und seine historischen Vorbilder. «Majestät brauchen Sonne» war im Deutschen Reich bis 1918 ein gefügeltes Wort, weil Wilhelm II. nur bei «Kaiserwetter» öffentlich auftrat. Wegen des gelähmten linken Armes wurde er in der Regel nur von rechts abgelichtet. Wenn doch die linke Seite fotografiert oder gemalt wurde, ruhte der Arm zumeist auf einem Säbel. Gar nicht nett: Benito Mussolini wurde in der Kindheit nicht nur wegen eines Messerattacke auf einen Mitschüler der Schule verwiesen, ... ... sondern löschte beinahe auch seine erste Ehe nebst unehelichem Kind aus dem Gedächtnis der Historie. Direkt bevor Tito mit Liza Spuner in Wien ein Kind zeugte, das 1942 im Kampf gegen seine Partisanen fiel, hatte er in Pilsen eine Frau namens Marusa Novakova. Er verliess sie, sobald sie ihm von ihrer Schwangerschaft berichtete und ging mit Liza Spuner nach Österreich, wo haargenau dasselbe passierte. Nicolae Ceausescu liess sich gleich mehrere, teils lachhafte Beinamen geben. Conducător, zu Deutsch «Führer», ist dabei noch die langweiligste Variante, während Kosenamen wie «Grosser Kommandant», «Titan der Titanen», «glorreiche Eiche aus Scornicesti» [sein Geburtsort, d. Red.], «Sohn der Sonne», «der Auserwählte» oder «unser irdischer Gott» beinahe schon von Kreativität zeugen. Der am häufigsten für Ceausescu verwendete Begriff «Genie der Karpaten» zeigt, dass der Diktator dem Wahnsinn wohl näher war als etwaigen Geniestreichen. Als Nicolae Ceausescu mit seiner Frau, der «Liebenden Mutter der Nation», 1989 vor dem Erschiessungskommando stand, fragte Elena Ceausescu die Soldaten, ob sie nicht wüssten, dass sie auch ihre Mutter sei. Imelda Marcos vor dem Glassarg ihres Mannes Ferdinand, der ... ... öffentlich ausgestellt ist und besichtigt werden kann. In Turkmenistan ist Ex-Despot Nyyazow allegegenwärtig. Trotz breiter Armut stellte der Despot mehrere goldene Statuen von sich auf, von denen eine in der Hauptstadt Aschgabad sich elektronisch zur Sonne hinwendet.

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Egozentrik, Eitelkeit und Grössenwahn. Schamlose Bereicherung, Unbarmherzigkeit und Personenkult – Muammar Gaddafi war ein Meister seines Fachs. Der libysche Revolutionsführer schmückte sich mit fantasievollen Namen und Titeln, mit reizvollen Uniformen und Damen. Ob er wohl beim einen oder anderen der grossen Despoten der Geschichte abgeschaut hat?

Bei Friedrich Wilhelm Viktor Albert von Preussen zum Beispiel. Kaiser Wilhelm II., der bis 1918 ein Riesenreich regierte, kam mit einer Lähmung des linken Armes zur Welt, was – lapidar gesagt – seiner kirchlich-strengen Mutter Kummer mit dem Knaben (und der Welt) machte. Mit wenig Selbstvertrauen ausgestattet zum Kaiser gekrönt, gebärdete sich Majestät wie eine eiserne Paris Hilton. Auf der einen Seite durfte man ihn wegen seines Handicaps nur von rechts fotografieren, auf der anderen Seite wurde allmorgendlich der royale Bart eigens vom Coiffeur ausgehübscht. Mit Muammar Gaddafi teilt der Monarch in Punkto Eitelkeit die Vorliebe für Fantasieuniformen und pompöse Paraden. Seinen Sohn nannte er Wilhelm Eitel Friedrich Christian Karl von Preussen.


Die sehenswerte Dokumentation «Majestät brauchen Sonne» ist in 13 Teilen auf YouTube zu sehen oder im Handel erhältlich. (Teil 1 von 13).

Wer an Despoten denkt, kommt an den Schlächtern Adolf Hitler und Josef Stalin nicht vorbei. Ein exzellentes Beispiel in Sachen Härte ist aber Benito Amilcare Andrea Mussolini: Der «Duce del Fascismo» heiratete offiziell am 17. Dezember 1915 Rachele Guidi. Dass er aber 1914 auch die Italienerin Ida Dalser geehelicht hat, die 1915 einen Jungen namens Benito Albino Mussolini zur Welt brachte, weiss kaum jemand. Das mag auch an seiner Verschleierungstaktik liegen: Mussolini liess die abgelegte Frau und ihren Knaben überwachen. Später schickte er seine Ex in eine Irrenanstalt und schliesslich ins Exil auf die Venedig-Insel San Clemente, wo Ida 1937 an «Hirnblutungen» starb. Ihr Sohn war ihr schon vorher entrissen worden. Ein früherer Polizeichef adoptierte ihn, nachdem Agenten dem Knaben weisgemacht haben, seine Mutter sei tot. Am Ende landete Benito Albino ebenfalls im Exil, weil er nach wie vor behauptete, der Faschistenführer sei sein Vater. Er starb 1942 im Alter von 26 Jahren.


2005 thematisierte der italienische Film «Vincere» Mussolinis erste Ehe. Quelle: YouTube

1892, neun Jahre nach Mussolini Senior, wurde Josip Broz Tito geboren, der einstige Machthaber Jugoslawiens. Während heute die Jüngeren weder mit dem Namen des Potentaten noch mit der Landesbezeichnung etwas anfangen können, erinnert sich der Diktatoren-Fan an das Liebesleben des Kommunisten. Das funktionierte wie die Sowjet-Ideologie: Die Produktionsmittel mussten mit allen geteilt werden. Eine seiner vielen Mätressen hiess Liza Spuner. Tito lebte eine Weile mit ihr in Wien zusammen. Als sie ihm 1914 beichtete, dass sie schwanger war, verliess sie der Liebessozialist. Sohn Hans wuchs ohne Papa auf, geht zur Wehrmacht und stirbt 1942 – ausgerechnet im bosnischen Kozara-Gebirge, im Kampf gegen Titos Partisanen.


On diese Hurra-Video über Tito von einem weiblichen Fan stammt, wissen wir nicht. Quelle: YouTube

In Sachen Grössenwahn waren Mussolini oder Tito Chorknaben – verglichen mit Nicolae Ceausescu. Rumäniens Kommunistenführer erliess 1966 das «Dekret 770», mit dem die Bevölkerung vermehrt werden sollte. Aufklärungsunterricht wurde zurückgefahren, Verhütung und Abtreibung untersagt. Letzteres Verbot führte zu einem Anstieg illegaler Schwangerschaftsabbrüche, die für Frauen ein hohes Risiko bargen. Als Nebeneffekt gab es Massen elternloser Halbwüchsiger, die in Kinder-Gulags untergebracht wurden. 1972 rief der Rumäne dann das «Systematisierungsprogramm» ins Leben, das selbst Mao Tse-Tung stolz gemacht hätte: Kleinere Dörfer wurden zwangsumgesiedelt, um aus bürgerlichen Stadtvierteln verdichtete sozialistische Arbeiterviertel zu machen.


Nur das pentagon ist grösser: Ein CNN-Bericht über Ceausescus Präsidentenpalast. Quelle: YouTube

Der philippinische Machthaber Ferdinand Marcos hingegen hat zusammen mit seiner Ehefrau Imelda von 1965 bis 1986 sein Land in Grund und Boden gewirtschaftet, während sich das Paar selbst die Taschen füllte. Ein Extrembeispiel für Bereicherung: Die Rede ist von fünf Milliarden Dollar gestohlenem Volkseigentum. Militärhistoriker Alfred McCoy schätzt, dass in Marcos’ Regenten-Zeit 3257 Oppositionelle ermordet, 35000 Menschen gefoltert und 70000 Philippinos inhaftiert wurden. 1986 mussten das Duo in die USA ins Exil fliehen. Im Präsidentenpalast fand das geprellte Volk nicht weniger als 1200 Schuhe der früheren First Lady.


Juli 2011: Imelda Marcos über das Altern und ihre Sehnsucht nach mehr Schuhen. Quelle: YouTube

Turkmenistans verstorbener Ex-Regent setzte dem Personenkult die Krone auf: Saparmyrat Atayexic Nyyazow wurde Anfang der 90-er Jahre mit erstaunlichen 99,5 Prozent der Stimmen zum Präsidenten gewählt – und liess sein Mandat 1999 auf Lebenszeit verlängern. Der Despot liess sich selbst «Türkmenbashi» – Kopf der Turkmenen – nennen. Und dieser Kopf war furchtbar krank: Nyyazow musste nach einer Herzoperation das Rauchen aufgeben – und verbot es grad im ganzen Land. 2005 schaffte er die Renten ab und zwang Bauern, die keine entsprechenden Papiere beibringen konnten, bisherige «unrechtmässige» Subventionszahlungen zurückzugeben. Im selben Jahr liess er auch alle öffentlichen Bibliotheken schliessen. Kino, Oper, Ballet und Zirkus waren da bereits illegal. Weil der Diktator keine Goldfüllungen in den Zähnen hatte, mussten Studenten nach einem Treffen mit ihm ihre Kronen rausnehmen lassen. Diese Verordnung wurde bald auf Staatsbeamte ausgedehnt. Den Monat Januar benannte er in «Türkmenbashi» um, der April bekam den Namen seiner Mutter. Die Änderungen wurden 2008 zwei Jahre nach seinem Tod aufgehoben. Uff!


Ein Ferienvideo aus Turkmenistan: Der britische Tourist schreibt dazu «Das merkwürdigste Land, das ich je beducht habe». Quelle: YouTube

Was bleibt? Ceausescus Geisteszustand und Grössenwahn schuf das grösste Gebäude Europas: Es hat 5100 Zimmer und soll 3,3 Milliarden Euro gekostet haben. Ferdinand Marcos starb 1989 im US-Exil; seither liegt er in einem gekühlten Glassarg, mit dem Imelda 1993 auf die Philippinen zurückkehrte. Er soll nur unter die Erde gebracht werden, wenn der er auf Manilas «Nationalhelden-Friedhof» beigesetzt werden darf. Der gemeine Turkmene wird seinen «Türkmenbashi» nie vergessen: Der Diktator hat nicht nur der Hafenstadt Krasnowodsk seinem Übernamen verpasst – er ist auch als Goldstatue im ganzen Land präsent. Und: «Kaiserwetter»! Ihro Gnaden Friedrich Wilhelm Viktor Albert von Preussen zeigte sich der Öffentlichkeit nur, wenn das Wetter strahlend war.

Und was wird von Gaddafi bleiben? Die Erinnerung an jenen Mann, der die Feminisierung des Despotismus eingeleitet hat — an einen Irren, bei dem eine weibliche Leibgarde ihren Mann stand.