Ausländische Medien

30. November 2009 11:40; Akt: 30.11.2009 15:53 Print

«Ein Land hat gesagt: ‹Wir wollen euch nicht.›»

Mit teils heftiger Kritik reagieren ausländische Medien auf den Minarett-Entscheid. Von einem «krachenden Tritt gegen Vernunft und Wissen» ist die Rede und von einem «destruktiven und schädlichen Ergebnis». Kritisiert werden auch die Plakate «in den Nazi-Farben rot, schwarz und weiss».

Zum Thema
Fehler gesehen?

Von einem «schockierend deutlichen Erfolg» spricht der Kommentator von «Spiegel Online». Es sei eine «virtuelle Debatte» gewesen, die von der Realität der Schweiz weitgehend losgelöst war. Es gehe um eine tiefsitzende Furcht vor dem Islam - «eine Angst davor, dass die Werte der Gesellschaft in Gefahr sein könnten». Das Ergebnis zeige aber auch das Versagen der politischen Eliten. Sie seien unfähig, sich dieser Furcht anzunehmen und Lösungen für «die realen und die wahrgenommenen Probleme im Umgang mit muslimischen Einwanderern zu finden».

«Ein Rückfall hinter die Errungenschaft der Aufklärung, ein Rückschritt in eine Zeit der Ideologien, Glaubensdogmen und Vorurteile, ein krachender Tritt gegen Vernunft und Wissen.»: Der Berliner «Tagesspiegel» wählt drastische Worte. Denn das Abstimmungsergebnis richte sich nur vordergründig gegen Minarette, «tatsächlich nicht einmal nur gegen den Islam, sondern im Kern gegen alles Fremde». Die Schweiz sei jahrzehntelang mit ausländischen Arbeitskräften wie mit anderen Produktionsmitteln umgegangen – genutzt, wenn man sie brauchte, gemieden, wenn sie überflüssig waren –, die Schweiz wolle nicht zur EU gehören, doch von ihr profitieren, die Schweiz wolle mit der arabischen Welt Milliardengeschäfte machen, aber den Islam aus dem Land halten – das werde nicht funktionieren: «Die Schweiz ist keine Insel. Der Versuch, das Land dazu zu machen, wird fatale Folgen haben.»

«Volksentscheide bergen offensichtlich Risiken»

Ein Hohelied auf die mittelbare Demokratie, wie sie in Deutschland «nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgreich entwickelt wurde», singt der Kommentator der «Stuttgarter Zeitung». Das Ergebnis der Abstimmung sei eine Katastrophe für alle Verfechter der direkten Demokratie: «Denn Volksentscheide bergen offensichtlich Risiken, die der einzelne Abstimmende nicht einschätzen kann.» Er bezeichnet den Volksentscheid denn auch als «Skandal»: «Denn hier hat ein Land mitten in Europa zu den Muslimen gesagt: ‹Wir wollen euch hier nicht.› Dabei hat man sie selbst geholt - in den kurzen Jahren, in denen Arbeitskräfte knapp waren.»

In dieselbe Kerbe schlägt auch die «Süddeutsche Zeitung»: Das Ergebnis sei eine Art Kollateralschaden der direkten Demokratie. So könne es kommen, wenn das Volk nicht nur über Turnhallen oder Transrapidbahnen abstimme, sondern über alles. Die «Süddeutsche» legt Herr und Frau Schweizer dann noch auf die Couch: Das Abstimmungsresultat habe auch mit dem annus horribilis zu tun, das die Schweiz hinter sich habe. Es sei ein «Wut-und-Frust-Votum». Das Ende des Bankgeheimnisses empfanden viele Eidgenossen als demütigend. Und noch immer werde ihr Land in der Geiselaffäre von Gaddafi an der Nase herumgeführt. «Das Ausland» stehe nicht hoch im Kurs in der Schweiz. Und weil die Berner Regierung in den genannten Fällen keine gute Figur mache, könnte das Votum auch ein Denkzettel für sie sein.

«Falsche Antwort auf eine richtige Frage»

«Welt Online» meint, das Abstimmungsergebnis gebe eine falsche Antwort auf eine richtige Frage. Die Frage, die inzwischen alle europäischen Gesellschaften umtreibe, sei die nach dem richtigen Umgang mit einer wachsenden muslimischen Minderheit, nach den Grenzen der Toleranz gegenüber zuweilen rückschrittlicher Sitten. Die Volksabstimmung zeige, wie tief die Ängste vor dem Islam in Europa gehen, «Ängste, die man sicher auch in der Politik ernster nehmen sollte». Einen Weg zur Lösung der drängenden Integrationsprobleme in Europa zeige dieses Resultat aber gerade nicht auf.

Einen Altbekannten als Wahlsieger ausgemacht hat die «Zeit»: Osama bin Laden. Dieser arbeite auf eine Wahrnehmung der Auseinandersetzung hin, die sich in den Schlagworten «wir gegen sie, der Kampf der Kulturen, der Krieg der Religionen» fassen lasse. Mit dem Schweizer Votum sei er diesem Ziel einen weiter Schritt näher gekommen. Die Schweiz habe am Wochenende offenbar mehrheitlich die Idee der Freiheit und das Prinzip der Menschenrechte mit Füssen getreten. Sie habe die Weltsicht Osama bin Ladens übernommen. «Es ist ein schwarzer Tag für Europa, für den Westen und die Freiheit.»

Für das schwedische «Svenska Dagbladet» können Menschenrechte gar «nicht Gegenstand von Mehrheitsbeschlüssen» sein. «Das Recht, seine Religion auszuüben kann man nicht wegstimmen. Die Abstimmung verstösst gegen die Prinzipien der Demokratie.»

«Es ist Rufmord»

Schweres Geschütz fährt die konservative Londoner «Times» auf: «Die weltoffene und kultivierte Schweizer Wählerschaft hat gestern dafür gestimmt, die Spannungen anzuheizen und die religiöse Freiheit zu verletzen.» Der Kommentar spricht von einem «destruktiven und schädlichen Ergebnis». In der Absicht, die Prinzipien der konstitutionellen Gesellschaft gegen die religiöse Intoleranz zu verteidigen, hätten sich die Schweizer Wähler für die Intoleranz entschieden. «Das ist mehr als ein Paradox: Es ist Rufmord.»

Ebenso deutlich äussert sich der liberale «Guardian»: Das Resultat sollte «die Schweiz beschämen und Europa ängstigen». Kritisiert werden nicht zuletzt die Plakate der Minarettgegner: Niemand sollte im Kontext der äussersten Rechten die Natur einer Kampagne missverstehen, «die in den Nazi-Farben rot, schwarz und weiss ausgefochten wird». Es sei aber zu einfach, die Schweiz allein zu kritisieren, meint der «Guardian» und verweist auf ähnliche Entwicklungen in anderen europäischen Ländern. «Der Hass liegt direkt unter der Harmonie. Politiker, die ihn hervorrufen, könnten schrecklichen Schaden anrichten.»

In den US-Medien wird der Volksentscheid kaum kommentiert: Der Entscheid «verdeutliche eine weit verbreitete Angst vor dem Islam und untergrabe den religiös toleranten Ruf des Landes», schreibt die «New York Times» in ihrem Bericht zur Abstimmung. Die «Washington Post» konstatiert ein «unerwartetes Ausmass von Feindseligkeit gegenüber muslimischen Einwanderern in einem Land, das lange bekannt war für Diskretion und Toleranz». Und für die «Los Angeles Times» ist das Resultat ein «Indiz für latente Ängste vor islamischem Einfluss in der Schweiz».

«Kopf-in-den-Sand-Haltung»

Einen Kontrapunkt setzt das konservative «Wall Street Journal», das als einzige grosse US-Zeitung die Abstimmung ausführlich kommentiert. Es handle sich bei aller Aufregung um einen «relativ milden Protest». Ein Minarett-Verbot trage allerdings nichts dazu bei, die Ängste vor dem Islam anzugehen. Es handle sich vielmehr um eine «Kopf-in-den-Sand-Haltung» gegenüber den 5 Prozent muslimischen Schweizern. Das Verbot trage nicht zur Assimilierung der Muslime in der Schweiz oder in Europa bei, ebenso wenig zur wirtschaftlichen Chancengleichheit oder zum demographischen Problem in Westeuropa.

(mlu/pbl)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Eddy Keller am 16.12.2009 18:21 Report Diesen Beitrag melden

    Islam und Barbaren

    Wieviel mal haben die im namen des Islams die letzten 1000 Jhr. Europa überfallen?? Heute wird einfach unter dem Decknamen EU, Religionsfreiheit und Menschenrechte dieser Kontinent überfallen!

    einklappen einklappen
  • David Neuhaus am 06.12.2009 00:59 Report Diesen Beitrag melden

    Gegen Islam?

    Ist den noch wirklich niemand darauf gekommen, dass eigentlich nicht gegen den Islam oder Minarete gestimmt wurde sondern gegen unsere Regierung? Denke die Mehrheit der Leute haben es langsam satt, dass den Minderheiten immer mehr Rechte eingeräumt und mehr Beachtung geschenkt wird als der Mehrheit der Bevölkerung.

    einklappen einklappen
  • BW am 29.11.2009 21:39 Report Diesen Beitrag melden

    Islam ist nicht tolerant

    Ich weiss dass der Islam nichts von Religionsfreiheit versteht. Nach der Koran sollen alle personen die sich nicht konvertieren umgebracht werden. Die UNO schweigt zu diese Tatsache. In Islamische Länder werden christen und anders gläubige Verfolgt. Bei uns intergrieren wir diese intolerante Religion. Es ist Zeit dass der Islam kritisch und ohne Angst entgegen getretten wird.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Eddy Keller am 16.12.2009 18:21 Report Diesen Beitrag melden

    Islam und Barbaren

    Wieviel mal haben die im namen des Islams die letzten 1000 Jhr. Europa überfallen?? Heute wird einfach unter dem Decknamen EU, Religionsfreiheit und Menschenrechte dieser Kontinent überfallen!

    • Deutscher Muslim am 25.12.2009 11:56 Report Diesen Beitrag melden

      Islam und Barbaren meine Antwort

      Ich weiss nicht genau in welchen Geschichtsbüchern Sie etwas von Muslimen gelesen haben die Europa überfallen haben. Es waren keine Muslime die im Zuge der Kreuzzüge und der Kolonialisierung mehr als 50000000 Menschen ermordet haben und ausgebeutete Länder zurück liessen. Es waren keine Muslime die 1. und auch 2. Weltkrieg angezettelt haben. Es waren ebenfalls keine Muslime die mehr als 6000000 Juden in Konzentrationslager schickten und ermordet haben. Es waren auch keine Muslime die Vietnam überfallen haben. Und es waren keine Muslime die 1.bzw 2. Golfkrieg angezettelt haben.

    • Eddy, Keller am 16.04.2012 18:05 Report Diesen Beitrag melden

      Steht nicht in Koran

      @deutscher Muslim: ich weiss nicht was für Bücher ihnen in der Schule vorgesetzt wurde. Überfall von Muslime in Europa zwischen 642 und 1453. Niederlagen und Vertreibungen ab 1609-14 in Spanienen usw.

    einklappen einklappen
  • "Schweizer" am 08.12.2009 05:29 Report Diesen Beitrag melden

    Islam oder Islam?

    Ich gebe offen zu ich habe bei der Initiative ein "Ja" in die Urne geworfen. Ein umstrittenes Ja weil, ich gerne weiterhin in der "Schweiz" leben möchte. und doch tolerant wäre um alle Religionen zu akzeptieren! Aber das Ja, das ich in die Urne gelegt habe ist aus dem Grund weil ich bedenken habe ob da der "richtige Islam" audgeübt würde?! Was heisst richtig,ja das ist die Frage! Kein Fanatismus und Extremismus!! Im Islam ist Mord und Selbst mord doch auch eine Todsünde? Oder liege ich da falsch? Sekten gibt es in jeder Glaubensrichtung.Ich gehe nie in die Kirche! Mein glaube ist im Herz.

  • David Neuhaus am 06.12.2009 00:59 Report Diesen Beitrag melden

    Gegen Islam?

    Ist den noch wirklich niemand darauf gekommen, dass eigentlich nicht gegen den Islam oder Minarete gestimmt wurde sondern gegen unsere Regierung? Denke die Mehrheit der Leute haben es langsam satt, dass den Minderheiten immer mehr Rechte eingeräumt und mehr Beachtung geschenkt wird als der Mehrheit der Bevölkerung.

    • Eddy Keller am 05.01.2010 18:46 Report Diesen Beitrag melden

      Abstimmungen

      Ist immer wieder schön was die alles anhand einer Abstimmung sehen. Ich habe ja gestimmt und meinte damit nein zum Islam samt Bauten. Die kommen ja alle in die Schweiz weil Sie zuhause unterdrückt werden. Im übrigen, wenn in den Urlaub gehe lauf ich auch nicht einer Sennenkutte herum. Es heisst immer das Volk hat abgstimmt, aber der Durchschnitt von 15% Stimmbeteiligung in den letzten 50 Jhr. ist gigantisch.Dabei könnten wir wirklich bestimmen was laufen sollte. Aber wir haben ja laut Statistik welweit am meisten Analphabeten!

    einklappen einklappen
  • Hallo am 05.12.2009 02:32 Report Diesen Beitrag melden

    Die Anpassung und mehr

    Es geht doch gar nicht um die Anpassung denn die Leute fliehen meistens aus ihren Ländern weil sie dazu geneigt werden, entweder durch Krieg oder durch Armut. In ganz Europa gibt es doch die Religionsfreiheit und mit einem verbot von einem Bau von Minetten bricht man dieses Gesetzt welches die Religionsfreiheit erlaubt. Denn Moschen sind ein sehr wichtiger bestand teil des Islams. In Islamischen Ländern ist es den Christen doch erlaubt ihre Religion ohne ängste auszuüben ist den die Schweiz so rückständig das sie Angst aufzeigt weil sie keine willens stärke besitzt und dieses gesetzt einführt.

  • Ibrahim Kosova am 03.12.2009 01:15 Report Diesen Beitrag melden

    Bravo

    Ich komme aus sud Kosovo in meine stadt leben ca. 0,8 christen und da sind 13 Kirchen mit Turm!!! Wir haben keine problem mit anderem religionen aber Schweizer?!!! wer ist Tolerant? Schweizer?

    • habib jugo am 03.12.2009 15:07 Report Diesen Beitrag melden

      Deutschkurs @ bravo

      0.8 Christen auf 13 Kirchen verteilt? Ja dann muss man sicher nicht anstehen. ;-)

    • Ralf Maier am 03.12.2009 16:41 Report Diesen Beitrag melden

      Christenverfolgung

      Und wieso leben dort nur 0,8 % Christen.....schon mal darüber nachgedacht?

    • Claudia am 05.12.2009 14:14 Report Diesen Beitrag melden

      Benützt eure eigenen Hirnzellen!

      Recht hat er! Ausserdem hat auch der Bundesrat Recht, natürlich muss er sich gegen aussen erklären. Schliesslich wurden hier gerade Rechte untergraben, für die grosse Denker und Macher hunderte von Jahren gekämpft haben. Schon mal von Hobbes usw. gehört? Die SVP hat wieder eine psychologisch gut durchdachte Kampagne (Gehirnwäsche) geführt und dieses mal sind ein bisschen mehr Leute als sonst hereingefallen. Liebe JA-Stimmer, wieso wurde die Initiative in Zürich und Genf denn so klar verworfen? Und ihr, die noch nie ein Minarett gesehen habt stört euch so daran? Absolut unverständlich!

    • "schweizer" am 06.12.2009 19:18 Report Diesen Beitrag melden

      Toleranz?!

      Lieber Herr Kosova, 1. wenn Sie kein Problem haben mit Toleranz und Religionen usw. und so fort. warum bleiben sie bei uns in der Schweiz, wenn wir doch so UNTOLERANT UND RASSISTISCH sind? 2. Mit dieser Initiative werden die Muslimen nicht an der Ausübung Ihrer Religion gehindert! Moscheen dürft Ihr ja erbauen, oder nicht?! Und wenn ich alle diese Länder anschaue wo die Schweiz als rassistisch bezeichnen, in deren Länder herrscht doch UNTOLERANZ! Jedes Land hat seine Bräuche und Religionen. Und darum wenn man in die Schweiz kommt kann man sich doch anpassen, oder nicht?

    • Sidi Bari am 11.12.2009 11:58 Report Diesen Beitrag melden

      Das ist wohl ein schlechter Witz!

      Die Balkanvölker sind so tolerant, dass sie sich gegenseitig abschlachten. Wenn ich an den Kosovo denke graut mir. Aber die Schweizer sind aufgewacht!

    einklappen einklappen