Kindsmissbrauch aufgedeckt

19. Oktober 2011 23:07; Akt: 21.10.2011 16:27 Print

Dunkle Schatten über Schloss Wilhelminenberg

Missbrauchsskandal in Österreich: Über Jahre wurden Kinder auf Schloss Wilhelminenberg misshandelt, vergewaltigt und zu Tode geschlagen. Die Behörden geraten in die Kritik.

storybild

Das Schloss Wilhelminenberg diente in der Nachkriegszeit als Kinderheim. (Bild: Keystone)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Das Schloss Wilhelminenberg hat eine glorreiche Zeit hinter sich. Erbaut am Ende des 18. Jahrhundert von einem österreichischen Feldherrn, ist es idyllisch auf einem Hügel bei Wien gelegen. Im Besitz von Reichen und Adligen war es im Laufe der Zeit immer wieder Zufluchtsort für Bedürftige und Verletzte. Sein Name rührt denn auch von der ehemaligen Besitzerin Wilhelmine von Montléart, die wegen ihrem Einsatz für Arme nur «Engel vom Wilhelminenberg» genannt wurde.

Um so mehr erstaunt und erschreckt, was dieser Tage in den österreichischen Medien über die Vorkommnisse im heutigen «Gästehaus Schloss Wilhelminenberg» berichtet wird. Im Schloss, das nach dem Zweiten Weltkrieg als Waisenhaus und Kinderheim genutzt wurde, sollen hunderte Mädchen während Jahrzehnten massiv misshandelt, vergewaltigt und gar getötet worden sein. Mehrere Frauen, die dort untergebracht waren, erheben schlimme Vorwürfe.

Vergewaltigt und geschlagen

Eva L., 49 Jahre alt, und ihre Schwester Julia K., 47, waren im Alter von 8 und 6 Jahren auf Schloss Wilhelminenberg gekommen. Schon von Beginn weg haben die Erzieherinnen enormen Druck auf die Geschwister ausgeübt. Im österreichischen Fernsehen brechen die beiden ihr jahrelanges Schweigen: «Im Heim ist uns immer gesagt worden, dass Heimkinder niemand will. Heimkinder sind nichts wert.» Regelmässig seien sie vom Heimpersonal vergewaltigt worden, oft auch von fremden Männern. Diese hätten auch Geld dafür gezahlt.

Zudem wurden die Kinder brutal verprügelt und gedemütigt – auch bis zum Tod. Von der Ambulanz abgeholte Mädchen seien nie mehr zurückgekehrt. Im Interview mit der Zeitung «Kurier» erzählt Julia K.: «Linda (eine Erzieherin) hat mich an den Haaren in den Waschraum gezerrt, hat mich aufs Brutalste in die Ecke geschlagen oder mit dem Kopf ins volle Waschbecken getaucht. Sie hat ein Handtuch genommen, einen Knoten reingemacht, hat ihn nass gemacht und auf mich eingeschlagen.» Immer wieder sei dies so passiert. Viele Kinder seien ins Spital eingeliefert worden. Aber die Ärzte hätten geschwiegen.

Kein Recht zu leben

Auch Hunger und Durst mussten die kleinen Mädchen erdulden. Aus Verzweiflung hätten sie auch Wasser aus der Toilette getrunken. Zudem wurden die Kinder auch psychisch gequält. Ihnen seien Filme aus einem Konzentrationslager gezeigt worden. Die Mordszenen wurden mit den Worten «Versteht ihr jetzt, dass ihr auch dorthin gehört und nicht das Recht habt, zu leben?» kommentiert.

Neben den beiden Opfern ist auch eine heute über 70-jährige Frau in die Offensive gegangen. Sie war zwischen 1948 und 1953 im Schloss und bestätigt die Aussagen der beiden Schwestern. Ihr Anwalt sagte zur Zeitung «der Standard»: «Kinder sind zu Tode gekommen. Das Opfer hat das sehr authentisch geschildert.» Die Frau sei Zeugin geworden, wie ein Kind nach den Misshandlungen starb.

Bestritten werden die Vorwürfe von einer ehemaligen Erzieherin im Schloss. Sie arbeitete Anfang der 70er-Jahre dort. «Was die beiden erzählen, ist nicht möglich», sagt die 72-Jährige. Zu dieser Zeit hätten im Heim gar keine Männer gearbeitet.

Behörden wussten Bescheid

Das genaue Ausmass der Vorfälle ist derweil noch nicht bekannt. Aber offenbar haben die Wiener Behörden bereits seit dem letzten Jahr Kenntnis von zumindest einem Teil der Anschuldigungen. Eine entsprechende Anzeige und Ermittlungen wurden bestätigt. Die Untersuchung sei vom Staatsanwalt aber ohne Ergebnisse wieder beendet worden, heisst es. Für Kindesmissbrauch gelte eine Verjährung von zehn Jahren. Von Todesfällen will man bei den Behörden nichts wissen. Auch seien nie männliche Erzieher im Schloss tätig gewesen.

Die Stadt Wien zahlte laut «Kurier» im letzten Jahr trotzdem an 139 Frauen Entschädigungen aus. Diese kämpfen aber weiter und empfinden die gezahlten Beträge als zu gering. Ihr Anwalt erhebt schwere Vorwürfe an die Stadt. Dem Verdacht sei nicht genügend nachgegangen worden. «Die haben ihnen gesagt, wir wollen keine Beweise, wir wollen keine Fotos. Die sind nicht in die Tiefe gegangen und haben nicht zugehört.» Der Anwalt will nun Klarheit. Er spricht von einer vierstelligen Dunkelziffer. Für ihn ist klar: «Eine Geschichte dieser Art kann man nicht erfinden. Das ist unmöglich.» Er habe Kenntnis von zumindest drei Erziehern, die auf Schloss Wilhelminenberg tätig waren.

(aeg)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Hanspeter Moesch am 20.10.2011 03:54 Report Diesen Beitrag melden

    was alles tut der Mensch dem Menschen an

    Wenn nur die Hälfte stimmt, das angetane Leid an diesen Menschen ist nie wieder gutzumachen. Genau so wie in Belgien der Fall Dutroux; die Täter aus der Politik und "etablierten" Gesellschaft. Unmöglich, dass über solch einen langen Zeitraum niemand davon wusste, schon gar nicht die Obrigkeit und die Behörden.

  • Tomy am 20.10.2011 08:15 Report Diesen Beitrag melden

    Tragisch!

    Da unsere Bevölkerung nun endlich einmal sensibilisiert ist auf dieses Thema, muss davon ausgegangen werden, dass in den nächsten Jahren noch viele solche fürchterlichen Fälle wenigstens jetzt ans Tageslicht kommen. Was mich aber vor allem wütend macht ist, wie immer wieder festgestellt werden muss, wie ein wissendes Umfeld einfach solche menschliche Tragödien totschweigt. Auch diese Mitwisser (und auch wenn diese es nur vermutet haben) sind mitschuldig und ich hoffe, dass die sich ihre Fehler auch bewusst sind!

    einklappen einklappen
  • Rhiitaler am 21.10.2011 10:23 Report Diesen Beitrag melden

    das ist Österreich ....

    Das ist Österreich wie es leibt und lebt. Sobald einer einen Titel (Hr. Studienrat, Hr. Doktor usw) hat ist er nahezu unantastbar. Das wird sich in diesem Heim genau so abgespielt haben. Keiner wusste mit den Kinder wohin und wenns da noch eine gab, der einen entsprechenden Titel hatte war alles möglich. Wieso schreibe ich das eigentlich im Imperfekt? Beispiel: Im Voralberg gibts eine Fahrschule mit einer grosser Tafel auf dem Auto: Dipl. Ingenieur xxxx -auf die ganze Autobreite und ca. 25-30 cm hoch, unten ganz klein, nur gerade lesbar wenn das Fahrzeug steht: Fahrschule ....

Die neusten Leser-Kommentare

  • Rhiitaler am 21.10.2011 10:23 Report Diesen Beitrag melden

    das ist Österreich ....

    Das ist Österreich wie es leibt und lebt. Sobald einer einen Titel (Hr. Studienrat, Hr. Doktor usw) hat ist er nahezu unantastbar. Das wird sich in diesem Heim genau so abgespielt haben. Keiner wusste mit den Kinder wohin und wenns da noch eine gab, der einen entsprechenden Titel hatte war alles möglich. Wieso schreibe ich das eigentlich im Imperfekt? Beispiel: Im Voralberg gibts eine Fahrschule mit einer grosser Tafel auf dem Auto: Dipl. Ingenieur xxxx -auf die ganze Autobreite und ca. 25-30 cm hoch, unten ganz klein, nur gerade lesbar wenn das Fahrzeug steht: Fahrschule ....

  • Daniel Neuhaus am 20.10.2011 22:24 Report Diesen Beitrag melden

    Auch Frauen sind Täterinnen

    Die Doktrin über häusliche Gewalt besagt, dass Männer Täter und Frauen Opfer sind. Das dies nie stimmte zeigt ein Skandal über ein Kinderheim in Wien zumindest, was Täterinnen angeht. Wer hätte gedacht, dass Frauen die Hauptrolle als Täterinnen bei einem Kinderschänderskandal einnehmen! Als Verfechter für die Rechte der Opfer musste ich Stellung gegen eine täterinnenfreundliche Politik nehmen. Mein Mitgefühl und Solidarität gilt den Opfern des Kinderheimes. Die Opfer brauchen kein Mitleid, sondern den Respekt und die Anerkennung über ihr erfahrenes Leid.

    • Ehemaliges Opfer am 21.10.2011 12:26 Report Diesen Beitrag melden

      Die Machos sind los

      99% aller Täter in Missbrauchfällen und bei Sexualdelikten sind Männer. Gehts dir irgendwie besser, wenn du bei jeder Gelegenheit mit erhobenen Finger darauf verweisen kannst, dass auch Frauen mal Täter sind? Bezweifelt das irgendwer? Nein! Aber Männer wie du müssen ständig drauf rumreiten. Was ja eigentlich psychologisch auch sehr aufschlussreich ist.

    einklappen einklappen
  • Aleksandar Milenkovic am 20.10.2011 18:56 Report Diesen Beitrag melden

    Schande über sie, Schande

    Gesetzt anpassen und wenigstens unsere Kinder in Zukunft schützen. Die Täter evaluieren und, meines Erachtens, verbrennen, erhängen, erschiessen. Solche seelenlosen Individuen haben kein Recht auf Leben. Doch da das in Österreich undenkabr ist, hoffe ich, dass Gott diese Kreaturen möglichst qualvoll in die Hölle schickt. Wie kann man nur auf schwache und hilflose Kinder losgehen, wie nur?

  • Stella M. am 20.10.2011 14:34 Report Diesen Beitrag melden

    Unfair!

    Meiner Meinung nach, wird den Waisenkindern viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Ich habe letztes Jahr in der Schule eine Arbeit betreffend Waisenkinder geschrieben. Ich erhoffe mir, dass unseren Mitmenschen die Augen geöffnet werden, indem sie sich Zeit nehmen, solche Zeilen zu lesen und ein bisschen Anregung zum Nachdenken bekommen. Es tut mir unglaublich weh zu wissen, dass es Kindern in brutalster Art nicht gut geht.

    • Optimistin am 21.10.2011 14:02 Report Diesen Beitrag melden

      Dann lebt doch alle die Veränderung!!

      Waisenkinder kosten halt Geld und man kann sie nicht als Vorzeigemuster brauchen. Aber die Wirtschaft hat damit selbstverständlich nichts zu tun. Der kausale Zusammenhang fehlt da völlig. Wann beginnt die sogenannt entwickelte Welt endlich zu erkennen, dass alles zusammen hängt? Wir rennen dem Geld nach, schimpfen über die Politiker und überhaupt alle. Was tun wir in der Lokalpolitik? In der engsten Umgebung? Im Verein? In der Schule unserer Kinder? Veränderung wächst von unten nach oben....

    einklappen einklappen
  • Tanja Naegelin am 20.10.2011 13:42 Report Diesen Beitrag melden

    Bin froh heute zu leben

    Hier sieht man wieder einmal das früher nicht immer alles besser war. Heute kommen solche Sachen an die Öffentlichkeit und es gibt Anlaufstellen für die Betroffenen. Sicher gibt's heute auch noch eine Dunkelziffer. Die Opfer tun mir leid!

    • Sugusli am 20.10.2011 22:52 Report Diesen Beitrag melden

      Nachbaländer

      Es gibt viel Kinderheime in abgeschotteten Gebieten. z.B. Bulgarien, Rumänien,... diese werden nicht beachtet und den Kindern geht es erbärmlich...

    • Rene am 21.10.2011 12:27 Report Diesen Beitrag melden

      Pädos werden geschützt

      Ja und die Pädos fahren dann für Urlaub in diese Länder. Weiss man ja. Aber die Behörden juckts nicht. Die kommen immer erst grosskotzig angefahren, wenn ein Bürger etwas in die Medien gebracht hat.

    einklappen einklappen