Missbrauchsskandal

12. April 2010 11:39; Akt: 12.04.2010 12:25 Print

Atheisten wollen Papst verhaften lassen

Der britische Wissenschaftler und Atheist Richard Dawkins verlangt die Festnahme von Papst Benedikt XVI. – wegen «Verbrechen gegen die Menschlichkeit».

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Papst Benedikt XVI. will im September London, Glasgow und Coventry besuchen. (Bild: Reuters)

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Seit seinem Bestseller «Der Gotteswahn» ist der Evolutionsbiologe Richard Dawkins der wohl prominenteste Atheist der Gegenwart. Zusammen mit dem Autor Christopher Hitchens, Verfasser von «Der Herr ist kein Hirte. Wie Religion die Welt vergiftet», lässt er von zwei Menschenrechtsanwälten prüfen, ob Benedikt XVI. bei seinem für September geplanten Besuch in Grossbritannien verhaftet werden kann.

Die beiden Religionsgegner werfen dem Papst vor, den Missbrauch von Kindern innerhalb der katholischen Kirche vertuscht zu haben, sie sehen darin ein «Verbrechen gegen die Menschlichkeit». Neue Munition lieferte ihnen ein am Wochenende publik gewordener Brief von 1985, in dem sich der damalige Kardinal Joseph Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation gegen die Entlassung eines pädophilen Priesters in den USA aussprach. Der Vatikan wehrte sich: Ratzinger habe «einzig darum gebeten, die Sache gründlicher zu untersuchen zum Wohle aller Beteiligten», sagte ein Pressesprecher.

Papst steht «nicht über dem Gesetz»

Für Richard Dawkins aber steht fest: «Wenn ein Priester mit heruntergelassenen Hosen erwischt wird, versucht dieser Mann instinktiv, den Skandal zu vertuschen und die jungen Opfer zum Schweigen zu verdammen.» Und Christopher Hitchens erklärte, der Papst stehe «nicht über dem Gesetz». Das organisierte Vertuschen von Kindsmissbrauch sei «ein Verbrechen gemäss jeglichem Gesetz», das nicht mit privaten Reuebekenntnissen oder Entschädigungen, sondern mit «Gerechtigkeit und Bestrafung» vergolten werden müsse.

Benedikt XVI. reist vom 16. bis 19. September nach Grossbritannien und besucht London, Glasgow und Coventry. Die beiden Atheisten wollen laut britischen Medien die gleichen Grundsätze anwenden, die 1998 zur Verhaftung des ehemaligen chilenischen Diktators Augusto Pinochet geführt hatten. Die Anwälte Geoffrey Robertson und Mark Stephens zeigten sich überzeugt, dass sich der Papst nicht auf diplomatische Immunität berufen kann, weil er «nicht das Oberhaupt eines von der UNO anerkannten Staates ist».

«Kein Staat nach internationalem Recht»

«Geoffrey und ich kamen zum Schluss, dass der Vatikan kein Staat nach internationalem Recht ist. Er ist von der UNO nicht anerkannt, hat keine polizeilich bewachten Grenzen und unterhält keine vollwertigen diplomatischen Beziehungen», sagte Stephens. Der Vatikan ist tatsächlich ein kompliziertes Konstrukt. Er unterhält selber keine diplomatischen Beziehungen, sondern überlässt dies dem Heiligen Stuhl als Organ der Kirche. Er ist als einer von wenigen Staaten auch nicht Mitglied der Vereinten Nationen, geniesst jedoch Beobachterstatus.

Die Folgen für den Papst sind unklar. Die frühere israelische Aussenministerin Tzipi Livni allerdings sagte Ende 2009 eine Reise nach Grossbritannien kurzfristig ab, nachdem ein Londoner Gericht auf Antrag von Palästinensern einen Haftbefehl wegen möglicher Kriegsverbrechen im Gaza-Streifen erlassen hatte. Die britische Regierung verurteilte den Haftbefehl und kündigte eine Gesetzesänderung an.

(pbl)