Sexueller Missbrauch

25. März 2010 06:43; Akt: 25.03.2010 12:53 Print

Vergangenheit holt den Papst ein

Die Luft für Papst Benedikt XVI. wird dünner. Gleich mehrere Bischöfe hätten vor einem Skandal in den USA gewarnt, doch der damalige Kardinal Joseph Ratzinger habe nicht reagiert.

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Priester Lawrence Murphy arbeitete von 1950 bis 1974 in einer bekannten Schule für gehörlose Kinder. (Bildausriss: New York Times)

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Der Vatikan hat nach Angaben der «New York Times» nichts gegen einen amerikanischen Priester unternommen, der bis zu 200 gehörlose Jungen sexuell missbraucht haben soll. Auch der damalige Kardinal Joseph Ratzinger und heutige Papst Benedikt XVI. sei untätig geblieben. Dies, obwohl gleich mehrere US-Bischöfe gewarnt hätten, dass die Angelegenheit die Kirche in eine peinliche Lage bringen könne, berichtetet die Zeitung am Mittwochabend im Internet.

Die «New York Times» berief sich dabei auf Dokumente, die sie nach eigenen Angaben von Anwälten erhalten hat, die Kläger gegen das Erzbistum von Milwaukee (US-Staat Wisconsin) vertreten. Daraus gehe hervor, dass sich Kirchenvertreter zwar mit der Frage auseinandergesetzt hätten, ob der Priester aus seinem Amt entfernt werden solle. Aber der Schutz der Kirche vor einem Skandal habe die höchste Priorität gehabt.

Keine Antwort von Ratzinger

Der Fall dreht sich laut «New York Times» um einen 1998 verstorbenen Priester, der von 1950 bis 1974 in einer bekannten Schule für gehörlose Kinder arbeitete. 1996 habe der damalige Kardinal Ratzinger auf zwei Briefe des damaligen Erzbischofs von Milwaukee zu dem Fall nicht geantwortet, so die Zeitung.

Acht Monate später wurde ein geheimes kircheninternes Verfahren eingeleitet, das zur Entfernung des fehlbaren Priesters aus dem Amt hätte führen können. Die Prozedur wurde aber gestoppt, nachdem der Priester beim deutschen Kardinal Ratzinger schriftlich dagegen protestiert habe. Er argumentierte demnach, er habe bereut, sei krank und der Fall ausserdem gemäss der Kirchenregeln bereits verjährt. In den ihr vorliegenden Unterlagen finde sich keine Antwort Ratzingers, heisst es in der «New York Times».

Insgesamt wurden nach dem Bericht der Zeitung drei hintereinander amtierende Erzbischöfe in Wisconsin über den mutmasslichen sexuellen Missbrauch in Kenntnis gesetzt, jedoch informierte keiner von ihnen die Behörden.

In aller Stille versetzt

Der Priester sei 1974 in aller Stille in eine Diözese im nördlichen Wisconsin versetzt worden. Dort habe er bis zu seinem Tod weiter in Gemeinden, Schulen und - laut einer Klageschrift - im Jugendstrafvollzug Umgang mit Kindern und Jugendlichen gehabt.

Vatikansprecher Federico Lombardi nannte es in der Zeitung einen «tragischen Fall». Der Vatikan habe erst 1996 von den Vorfällen Kenntnis erhalten. Die US-Behörden hätten den Fall untersucht und nicht weiterverfolgt.

(sda)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • HB am 25.03.2010 08:45 Report Diesen Beitrag melden

    Die Firma belangen

    Man sollte die Kirche für ihre jahrhunderte alte Tradition in Gottes Namen zu meucheln, schänden, brandschatzen und lügen endlich einmal zur Rechenschaft ziehen. Letztendlich ist es ihre Aufgabe Verfehlungen ihrer Angestellten im Dienst zu verhindern und eine Unterlassung der zu tragenden Verantwortung wenn dies doch geschieht, nicht zuletzt hätte sie zumindest irgendwann etwas dagegen tun sollen anstatt zu verschleiern, vertuschen und lügen und damit weitere Verfehlungen zu begünstigen.

  • Simona am 25.03.2010 09:28 Report Diesen Beitrag melden

    Halleluja

    Krieg, Misshandlungen, Kindmissbrauch =RELIGION. Oder habe ich da was falsch verstanden?

  • Martin am 26.03.2010 11:52 Report Diesen Beitrag melden

    Bleiben wir sachlich?

    Ist wirklich die Kirche schuld? Nicht eher die Täter? Wenn ein Mechaniker, Schreiner, Bäcker so etwas tut, verurteilen sie dann auch die Firma, in welcher er arbeitet?

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Martha Rüttimann am 26.03.2010 20:50 Report Diesen Beitrag melden

    Wer ist schuld?

    Warum haben die US-Behörden den Fall untersucht und nicht weiter verfolgt?Dann sind Sie doch die Schuldigen.

  • Liza K am 26.03.2010 18:40 Report Diesen Beitrag melden

    Führungspersonen???

    ich habe auf eines der mails eine antwort bekommen mit der feststellung, dass kath. priester führungspersonen seien und deshalb speziell beurteilt werden müssen! ist das tatsächlich so? sind alle anderen erzieher keine führungspersonen? haben wir es hier mit ZWEIKLASSEN MISSBRAUCH zu tun? MISSBRAUCH BLEIBT MISSBRAUCH ob von religiösen religiösen od. weltlichen personen. jeder einzelnen fall ist menschenverachtend. hört auf einzelne gruppen anzugreifen, das thema ist umfassend zu diskutieren alles andere ist falsch gegenüber den opfern unangebracht und verletzend. ICH VERTEIDIGE DEN KLERUS NICH

  • neue Genaration am 26.03.2010 16:59 Report Diesen Beitrag melden

    auswechseln

    ja ja es ist so. Nix brauchbar, sofort auswechseln. Bundesrat auswechseln, Polizei auswechseln, Chef auswechseln, alles auswechseln. Nämlich die neue Generation.

  • Paul Buchegger am 26.03.2010 14:07 Report Diesen Beitrag melden

    Rücktritt des Papstes fällig

    Ob die Deutschen wohl immer noch stolz sind auf "ihren" Papst? Eigentlich müsste Ratzinger jetzt merken, dass er als langjäriger ex-Chef der Glaubenskongregation und damit oberster Vertuscher der vielen Pädo-Skandale zurücktreten müsste, um einem glaubwürdigen Reformator an Haupt und Gliedern der kath. Kirche Platz zu machen. Wenigstens steht er nun als Papst für das am Pranger, was er selbst als Kurienkardinal verbrochen hat.

  • Vivana Compte am 26.03.2010 13:35 Report Diesen Beitrag melden

    Sündenbock

    Wie einfach wäre das Leben, wenn man den Sündenbock für das Unrecht in dieser Welt so einfach auf eine Institution schieben könnte. Damit will ich die Spitze der katholische Kirche keinenfalls aus Ihrer Verantwortung entheben. Die patriarchale Hirarchie ist längst überholt und das Frauenbild der katholischen Kirche schreit immer noch zum Himmel. Da ist viel zu tun und ich kann nur hoffen, das die Kirche den Mut hat, ihre Verantwortung in allen Belangen, nicht nur bei den sexuellen Uebergriffen, zu tragen. Wenn sie das schaft, würde sie zumindest ein Zeichen in die richtige Richtung setzen.