Gaza-Flotte

02. Juni 2010 12:43; Akt: 02.06.2010 13:46 Print

Die «zweite Welle» ist unterwegs

von Peter Blunschi - Eine neue Konfrontation zeichnet sich ab: Das irische Schiff «MV Rachel Corrie» hat Kurs auf den Gaza-Streifen genommen, die israelische Armee will es stoppen.

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Ein Bild aus einem Video einer türkischen Hilfsgruppe zeigt israelische Soldaten am auf einem Schiff der Solidaritätsflotte. Die Soldaten stürmten die Hilfsflotte von einem israelischen Militärschiff aus. Bei der Erstürmung verletzte Personen werden in ein Spital in Tel Aviv gebracht. Unklar ist, ob es sich dabei um Mitglieder der Solidaritätsflotte oder um israelische Soldaten handelt. Zehn Menschen starben beim Angriff. Undatierte Aufnahme von einem der türkischen Schiffe, die Teil der «Solidaritätsflotte» von 2010 sind. Aus Protest gegen die Erstürmung des türkischen Schiffes hatten am 31. Mai dutzende Demonstranten versucht, das israelische Konsulat zu stürmen. Sie wurden aber von Polizeikräften zurückgedrängt. Dabei kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Steine werfenden Demonstranten und den Polizisten. Demonstranten mit palästinensischen und türkischen Fahnen vor dem israelischen Konsulat in Istanbul. Demonstranten, umringt von Sicherheitskräften vor der Residenz des israelischen Botschafters Die pro-palästinensische Organisation «Free Gaza» wollte gegen die Abriegelung des Gazastreifens protestieren: Am lief ein Konvoi mit sechs Schiffen aus dem Istanbuler Hafen aus. Sie sollten rund 10'000 Tonnen Hilfsgüter direkt in den Gazastreifen liefern. An Bord hatten sie unter anderem hundert Fertighäuser, 500 Rollstühle und medizinische Ausrüstung. Zwei Tage später wurde eines der Schiffe durch ein israelisches Elitekommando gewaltsam übernommen. Dabei sind der Kapitän verletzt und zehn Menschen an Bord des Schiffes getötet worden.

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Der 40 Jahre alte Frachter war vor zwei Monaten vom irischen Zweig des «Free Gaza Movement» gekauft und nach Rachel Corrie benannt worden, einer 23-jährigen Amerikanerin, die 2003 im Gazastreifen beim Versuch getötet wurde, die Zerstörung eines palästinensischen Hauses durch einen israelischen Bulldozer zu verhindern. Ursprünglich sollte er mit der «Solidaritätsflotte» nach Gaza fahren, doch wegen Reparaturarbeiten wurde das Schiff in Malta 48 Stunden aufgehalten.

Nach dem israelischen Militäreinsatz lag die «Rachel Corrie» vorerst in den Gewässern vor Libyen. Schliesslich entschieden die 19 Aktivisten – darunter fünf Iren – und acht Besatzungsmitglieder, als «zweite Welle» Kurs auf Gaza zu nehmen, wie Organisatorin Niamh Moloughney via Satellitentelefon dem «Guardian» erklärte. Die Stimmung an Bord sei «entschlossen und standhaft», erklärte sie. Man habe mit einer Konfrontation gerechnet, «aber nicht mit diesem Ausgang». Im Fall einer Enterung werde man nicht zurückschlagen.

Irland warnt Israel

Damit ist zu rechnen, denn Israel scheint gewillt, auch dieses Schiff zu stoppen. «Wir werden bereit sein für die Rachel Corrie», erklärte ein Marineleutnant im israelischen Armeeradio. Die Ankunft des Frachters wird gegen Ende Woche erwartet. Die irische Regierung warnte Israel davor, Gewalt anzuwenden. «Wenn einem unserer Staatsbürger etwas geschieht, wird dies schwerwiegendste Konsequenzen haben», sagte Premierminister Brian Cowen. Aussenminister Micheál Martin forderte den israelischen Botschafter auf, das Schiff passieren zu lassen.

In Israel wird derweil weiter über die Frage debattiert, wie es zum Fiasko bei der Erstürmung des türkischen Schiffs «Mavi Marmara» kommen konnte. Gegen aussen gibt man sich unbeugsam. Verteidigungsminister Ehud Barak und Generalstabschef Gabi Ashkenazi trafen sich am Dienstag mit den an der Aktion beteiligten Soldaten der Eliteeinheit Shayetet 13 (Flotte 13) und dankten ihnen für ihren Einsatz: «Ihr habt eure Mission ordnungsgemäss ausgeführt», sagte Barak.

Auf Widerstand nicht vorbereitet

Hinter vorgehaltener Hand aber bestätigen immer mehr Stimmen, dass die Operation miserabel vorbereit war. Ein Marinekommandant sagte der «Times», die Einheit sei vom Ausmass des Widerstands «überrascht, ja schockiert» gewesen. Ein weiterer Marinevertreter sagte, man habe verschiedene Szenarien geübt, doch auf diese Art von Widerstand seien die Soldaten nicht vorbereitet gewesen. Als Konsequenz will Israel offenbar noch aggressiver vorgehen, wie ein Offizier der «Jerusalem Post» erklärte: Man sei wie in einem Krieg angegriffen worden, «also werden wir in Zukunft auf einen Krieg vorbereitet sein».