Geschichten vom Gotthard

13. Oktober 2010 14:44; Akt: 18.10.2010 16:27 Print

1875 schossen die Urner auf die Italiener

von Jean-Claude Gerber - 1875 trieben die Bedingungen beim Bau des Gotthard-Tunnels die Mineure in den Streik. Die Behörden liessen die Gewehre sprechen – vier Menschen starben.

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Offiziell verloren beim Bau des Gotthardtunnels 117 Menschen ihr Leben, Schätzungen gehen aber von gegen 500 Toten aus. (Bild: wikipedia.org)

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Acht Menschen sind bis dato beim Bau des 57 Kilometer langen Gotthard-Basistunnels gestorben. Einen ungleich höheren Blutzoll forderte der 15 Kilometer lange Gotthard-Tunnel im 19. Jahrhundert. 177 Menschen verloren nach offiziellen Zahlen bei Arbeitsunfällen ihr Leben. Unbestätigte Schätzungen gehen sogar von bis zu 500 Toten aus. Eine schier unvorstellbare Zahl, wenn man bedenkt, dass während der gesamten Bauzeit des Gotthardtunnels insgesamt rund 3300 Arbeiter beschäftigt wurden.

Diese Mineure, von denen über 90 Prozent aus Norditalien stammten, arbeiteten unter kaum vorstellbaren Bedingungen. Im Stollen herrschten Temperaturen von gegen 33 Grad bei fast 100 Prozent Luftfeuchtigkeit. Zeitgenössischen Berichten zufolge arbeiteten einige Mineure bis auf die schweren Schuhe nackt am Vortrieb im Innern des Berges. Erschwerend dazu kam die katastrophale Luftqualität. Ohne adäquate Lüftung war die Luft angereichert mit Verbrennungsgasen der Öllampen, welche die Arbeiter mit sich führten und Dynamit-Dämpfen. Viele Bergleute dürften sich dabei eine Staublunge (Silikose) eingefangen haben, wodurch ihre Gesundheit bleibend geschädigt wurde.

Katastrophale hygienische Bedingungen

Der Luftqualität weiter abträglich war die Tatsache, dass es im Stollen keine sanitären Einrichtungen gab. Mensch und Tier verrichteten ihre Notdurft direkt am Arbeitsplatz. Hier wurde auch gegessen, weshalb Krankheiten aller Art einen idealen Nährboden fanden. Besonders gefürchtet war die Mineurskrankheit, hervorgerufen durch einen Hakenwurm, der sich im menschlichen Körper einnistet und Übelkeit und Blutarmut auslöst. Die unzumutbaren hygienischen Zuständen setzten sich auch in den Unterkünften der Mineure fort. Die Bauherrschaft stellte bei den Tunnelportalen in Göschenen und Airolo viel zu wenig Schlafplätze für die Arbeiter bereit. Im 300-Seelendorf Göschenen lebten zeitweise gegen 1700 Gastarbeiter, zum Teil mit ihren Familien.

Viele Arbeiter mussten auf private Unterkünfte ausweichen, die von den Vermietern und Spekulanten bis auf den letzten Quadratmeter mit Menschen vollgestopft wurden. Zum Teil mussten sich drei Arbeiter im Schichtbetrieb ein einziges dreckiges Bett teilen. WC-Anlagen gab es keine. So wurde meist der Fussboden als Abort genutzt, mit entsprechenden Folgen für das Raumklima. Ein St. Galler Arzt, der Göschenen im Jahr 1876 besucht hatte, verglich den Gestank mit der Luft «schlechter Hühnerställe oder aufgerührter Jauchekästen».

Streik für einen Franken mehr Lohn

All diese Strapazen mussten die Mineure für 100 bis 150 Franken Lohn im Monat in Kauf nehmen. Ein Teil des Lohnes wurde in Form von Gutscheinen ausbezahlt, die in firmeneigenen Magazinen gegen Lebensmittel eingetauscht werden mussten. Vom restlichen Lohn mussten die Arbeiter zudem ihre Kleidung, Versicherungen, die Miete für die Öllampe und das Lampenöl bezahlen. Dazu kamen 50 Rappen pro Nacht für die Unterkunft. So wuchs der Ärger der Arbeiter über die katastrophalen Arbeits- und Lebensverhältnisse sowie die ihrer Meinung nach zu tiefen Löhne.

Die ganze angestaute Wut der Mineure entlud sich schliesslich am 27. Juli 1875 in Göschenen. Ein Trupp von Schutteren verweigerte nach einer Sprengung den Abtransport des Gerölls mit der Begründung, es hänge noch zu viel Dynamitgas in der Luft. Wütend verliessen sie den Stollen, während sich ihnen immer mehr Arbeiter von anderen Baustellen anschlossen. Die Bergleute verlangten von der Baufirma einen Franken mehr Lohn pro Schicht, worauf diese aber nicht einging. Sie liess die Arbeiter wissen, dass sie jederzeit kündigen könnten, denn es gebe genügend andere, die den Job machen würden. Das liessen die abgewiesenen Arbeiter nicht auf sich sitzen und beschlossen zu streiken. Sie verbarrikadierten den Tunnelzugang und hinderten die Spätschicht am Arbeitsbeginn.
Die Tunnelbau-Gesellschaft und die Gemeinde Göschenen forderten daraufhin unverzüglich polizeiliche Hilfe in Altdorf an. Die Urner Regierung schickte am nächsten Tag gut zwei Dutzend bewaffnete Milizionäre in Richtung Göschenen los. Dort hatten sich am Nachmittag die Streikenden vor der Post versammelt, von deren Balkon aus der Gemeindepräsident auf Italienisch zu ihnen sprach. Seine Aufforderung an die Arbeit zurückzukehren wurde mit Pfiffen quittiert.

Schüsse fallen

Mitten in diese aufgeheizte Stimmung platzte gegen Abend die Urner Miliz mit aufgepflanzten Bajonetten. Bald schleuderten die Arbeiter Steine gegen die Bewaffneten, die sich ein Stück zurückgezogen hatten. Steine flogen auch gegen eine Bürgerwehr aus Göschenen, die sich just in diesem Augenblick dem Geschehen näherte. Aus dieser Gruppe fielen die ersten Schüsse. Im folgenden Durcheinander machten auch die Milizionäre von ihren Schusswaffen Gebrauch. Damit war der Widerstand der Streikenden gebrochen. Sie zogen von dannen und kehrten schliesslich an ihre Arbeit zurück. Bilanz der behördlichen Intervention: Vier tote Italiener.

Der Tod der vier Männer war umsonst: Nach dem Streik änderte sich nichts an den Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiter. Zwar verlangte der Bundesrat, nicht zuletzt auch auf Druck Italiens und der öffentlichen Meinung in Europa, Verbesserungen für die Mineure. Doch weder die Tunnelbau-Gesellschaft, die wegen Kostenüberschreitungen unter chronischem Geldmangel litt, noch die Kantone Uri und Tessin krümmten einen Finger, um das Los der Arbeiter zu verbessern. Zwar wurde die Bauherrschaft vom Bundesrat gezwungen, eine Tunnelbelüftung zu bauen, in Betrieb nahm sie diese jedoch nie. Und so schufteten die Gastarbeiter bis zur feierlichen Eröffnung des Gotthardtunnels 1881 weiter unter menschenunwürdigen Bedingungen an der Vollendung des technischen Meisterwerks.