Myteriöse Erbfolge

08. Juni 2009 13:23; Akt: 08.06.2009 13:34 Print

Ältester Kim-Sohn spricht über Nachfolge

von Peter Blunschi - Kim Jong Nam, der älteste Sohn von Nordkoreas Diktator Kim Jong Il, hat indirekt bestätigt, dass sein jüngster Bruder Nachfolger des Vaters werden soll. Gleichzeitig dementierte er Gerüchte, er sei aus Nordkorea geflohen.

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Auf die Frage in einem japanischen Fernsehinterview, ob sein jüngster Bruder Kim Jong Un vom Vater als künftiger Herrscher Nordkoreas ausgewählt worden sei, sagte Kim Jong Nam: «Ich glaube schon, ich höre diese Nachricht in den Medien.» Die Auswahl eines Nachfolgers sei ganz allein Sache seines Vater, betonte der 38-Jährige, der vom Sender NTV in der chinesischen Stadt Macao aufgespürt wurde, in gutem Englisch.

Ob die nordkoreanische Regierung ihn über die Nachfolgepläne informiert habe, wollte der Interviewer weiter wissen. «Eine sehr heikle Frage, ich kann sie nicht beantworten», erwiderte Kim Jong Nam. Gerüchte in japanischen Medien, er sei aus Nordkorea geflohen, wies er jedoch als «totale Erfindung» zurück. Kim Jong Nam hat die ehemalige portugiesische Kolonie Macao, die wegen ihrer Casinos als «Monte Carlo des Ostens» bezeichnet wird, schon öfter besucht und angeblich einige Jahre dort gelebt, ehe er 2007 nach Nordkorea zurückkehrte.

Mitschüler erzählt

Der südkoreanische Abgeordnete Park Ji Won hatte kürzlich in Seoul unter Berufung auf Geheimdienstinformationen gesagt, Kim Jong Un solle künftiger Staatschef Nordkoreas werden. Als aussichtsreichster Kandidat galt lange Kim Jong Nam selbst. Er verspielte seine Chancen auf das höchste Amt im Staat aber möglicherweise, als er 2001 versuchte, mit gefälschten Papieren nach Japan einzureisen. Der mittlere Sohn Kim Jong Chol wird vom Vater angeblich als «zu weich» betrachtet.

Während Kim Jong Nam schon früher mit Journalisten sprach, weiss man über den jüngsten Bruder so gut wie nichts. Es gibt kein aktuelles Foto von Kim Jong Un. Bekannt ist nur, dass er die International School of Berne (ISB) in Gümligen besucht hat. Ein ehemaliger Mitschüler, der namentlich nicht genannt wurde, erinnerte sich in der «Welt am Sonntag», Kim sei 1993 oder 1994 unter dem Namen Chol Pak in die Schule eingetreten, zusammen mit einem anderen Nordkoreaner namens Kwang Chung.

«Er versteht Schweizerdeutsch»

«Es gab von Anfang an Gerüchte, dass Chol der Sohn des nordkoreanischen Diktators ist und Kwang sein Bodyguard», so der Mitschüler. Keiner von beiden habe sich aber je etwas anmerken lassen, und Politik sei an der Schule tabu. Kim Jong Un habe Humor gehabt und sei mit allen gut ausgekommen, auch mit Schülern aus Ländern, die mit Nordkorea verfeindet seien. So habe er viel Zeit mit einem Südkoreaner verbracht, der «extrem gut Comics zeichnen konnte». Ein Israeli habe ihm Basketball beigebracht, und er habe gemeinsam mit mehreren Amerikanern im Fussballteam gespielt.

Irgendwann seien die beiden Nordkoreaner einfach nicht mehr erschienen, vermutlich 1998. Dies entspricht den Angaben eines ehemaligen ISB-Direktors. Kim Jong Un habe ganz gut Englisch gelernt und auch Deutsch. «Ich denke, er versteht sogar Schweizerdeutsch», sagte der einstige Kommilitone. Dass der künftige Herrscher Nordkoreas Berndeutsch sprechen soll, wie Medienberichte behaupten, erscheint angesichts dieser Angaben jedoch als wenig wahrscheinlich.