Breiviks Pamphlet

28. Juli 2011 10:51; Akt: 28.07.2011 11:17 Print

«Sie würden denken, ich sei Terrorist :o)»

von Philipp Dahm - Die Schriften des Massenmörders Anders Breivik sind mehr Machwerk als «Manifest». Sie offenbaren nicht nur erstaunliche Ignoranz, sondern auch erschreckende Kaltblütigkeit.

Bildstrecke im Grossformat »
Der norwegische Justizminister Knut Storberget trägt sich in einem Kondolenzbuch ein. Viele seiner Mitarbeiter werden seit der Explosion des Justizgebäudes noch immer vermisst. Die Suche nach Vermissten, die auf der Flucht vor dem Attentäter erschossen wurden oder ertrunken sind, wird mit Unterwasserkameras fortgesetzt. Überall in der Stadt erinnern Kerzen und Blumen an die Opfer. Mit einem Blumenmarsch gedenken 150 000 Menschen der Opfer der Anschläge. Sie setzen den Gräueln des Terrors Liebe entgegen. Die Polizei korrigiert die Zahl der Opfer nach unten. Bei der Schiesserei Anders Behring Breivik nach seinem Termin beim Haftrichter. Er plädierte auf gehalten. Sicherheitskräfte vor der , in dem die erste richterliche Anhörung des mutmasslichen Attentäters stattfand. , Königin Sonja, Kronprinz Haakon und Ministerpräsident Stoltenberg (von links) tragen sich in das Kondolenzbuch für die Opfer ein. Ein kleines Schild vor der Kirche im Zentrum von Olso. Norwegens Gesundheitsministerin Anne-Grete Stroem-Eriksen (7. von links) und Sven Mollekleiv, Präsident des Norwegischen Roten Kreuzes (4. von links) gedenken mit der Opfer. Tausende stehen während einer in ganz Norwegen still und gedenken der Opfer. Blumen und Kerzen an das Attentat. Im Hintergrund die kleine Insel Utøya. Polizisten bei auf der Insel Utøya. Tauchroboter suchen im in der Nähe der Insel Utøya nach weiteren Opfern. Die französische Polizei dursucht das von Anders Behring Breivik in Südfrankreich. Französische Polizeibeamten befragen den Vater (Mitte sitzend) des mutmasslichen Attentäters. Nach Medienberichten hatte er jedoch jahrlang zu seinem Sohn. ist nach dem schrecklichen Attentat in Norwegen unendlich gross. Premierminister Jens Stoltenberg, Überlebende der Anschläge und Angehörige feiern einen . Hunderte Menschen haben sich ausserhalb der Kathedrale versammelt. Eine Frau trägt sich auf einer ein. Am Samstag nach der Attacke wehen in Norwegen die Fahnen auf Halbmast. Im Regierungsviertel von Oslo kommt es am Freitag um 15.20 Uhr zu einer gewaltigen Explosion. Die Detonation ereignet sich doch Jens Stoltenberg befindet sich zum Zeitpunkt des Anschlags nicht in seinem Büro. unzählige Fensterscherben bersten, Möbel und Mauerstücke werden durch die Luft geschleudert. Schon bald steht für die Polizei fest, dass es sich um einen Bombenanschlag handelt. Am Tag des Anschlags sterben Wie viele Personen verletzt sind, steht zunächst nicht fest. Nach und nach die Polizei das komplette Viertel. Wie heftig die Detonation war, zeigt dieses das von der Explosion offenbar durch die Luft geschleudert wurde. Ob es sich um das mit Sprengstoff bestückte Fahrzeug handelt, ist unklar. Ein Augenzeuge hält im Video fest, wie Rauchschwaden über dem Regierungsviertel aufsteigen. Die Betroffenen stehen unter begreifen nicht, was sich soeben zugetragen hat. Derweil hat der Täter bereits ein neues Anschlagsziel angesteuert: Ein nahe bei Oslo. Dort gibt sich der Attentäter als Polizist aus und will angeblich Kontrollen durchführen. schiesst wild um sich. Rund eine Stunde lang feuert er auf die Jugendlichen. Erst heisst es, er habe Die Zahl wird am Montag, 25. Juli nach unten auf 68 korrigiert werden. Viele Jugendliche versuchen, Der Schütze stellt ihnen nach und richtet sie gezielt hin. Etliche Jugendliche werden Erst rund eine Stunde nach dem ersten Notruf trifft die auf der Insel ein. Innerhalb kurzer Zeit kann die den Täter stellen und verhaften. Beim Amokläufer handelt es sich um den Er ist norwischer Staatsbürger, Single und betreibt laut bisherigen Polizeiangaben einen Gemüseanbau. In letzter Zeit hat der Verhaftete beschafft. Es wird angenommen, dass er diesen zum Bau von Bomben verwendet hat. (in der Mitte, hier mit einem Arzt des Ullevaal Hospitals) sowie die Polizei haben am 23. Juli noch keine Informationen über die Motive des Amokläufers. Der Festgenommene vertritt gemäss Polizeiangaben Sein einziger und letzter Eintrag auf Twitter: «Eine Person mit Glauben ist gleich stark wie 100 000, die nur Interessen haben.»

Zum Thema
Fehler gesehen?

Lesen Sie nicht weiter! Denn die Medien, die verschweigen ohnehin, was wirklich wahr ist. Sie wagen nicht auszusprechen, was mal gesagt werden müsste. Wider all die politische Korrektheit, die uns diejenigen auferlegen, die unsere Werte und unsere Volksgemeinschaft zersetzen wollen. Mit Sex, Einwanderung und Islam. Die Medien schauen nicht hin: Sie stecken mit den Verschwörern unter einer Decke.

Das Kreuz mit dem Kreuzfahrer

Anders Breivik inszeniert sich. Durch einen grausamen Massenmord, aber auch durch dessen Vor- und Nachbereitung. Dazu gehört das Machwerk «2083. Eine europäische Unabhängigkeitserklärung», in dem der 32-Jährige nicht nur Theorien wie die obigen zum Schlechtesten gibt, sondern sich auch eitel ins Licht des treuen Tempelritters rückt. Seine gesellschaftlichen Ideen sind zusammengesetzt nach dem Motto: Ich mach mir die Welt, widdewidde wie sie mir (nicht) gefällt.

Seine Schrift ist seine Legitimation für die ungeheuerliche Tat, deren Vorspiel ausdrücklich so genau ausgebreitet wird, um Trittbrettfahrern eine Anleitung zu geben. Der Norweger stilisiert sich zum Vorreiter einer Bewegung, die er selber angestossen haben will. Das ruft das Hacker-Kollektiv Anonymus auf den Plan. Die Gruppe fordert dazu auf, das Pamphlet herunterzuladen, zu verändern und wieder online zu stellen, um die wirren Gedanken des Rampenlicht suchenden Mannes zu verwässern: «Macht Anders zum Witz, damit ihn niemand mehr ernst nehmen kann.»

Wer hat Angst vorm Bart-Mann?

Die Anweisungen zum Bombenbau und zum Mord-Training sowie der unverhohlene Aufruf zur Gewalt rechtfertigen diese Reaktion auf der einen Seite. Doch andererseits sollte man sich mit dem gedanklichen Fundament eines Massenmörders auseinandersetzen, der so viele Menschen auf dem Gewissen hat. Fehler sollten beim Namen genannt werden: Der Verfasser sieht sich in der Tradition der Kreuzzüge, deren christliche Ritter allerdings erst mordend und marodierend durch Europa zogen, bis sie den ersten islamischen Feind vorm Helmvisier hatten. Nun stehen die Muselmanen wieder wie 1683 vor Wien und damit vor den Toren des Abendlandes, wie «2083» impliziert.

Für die Schweizer kommt es doppelt dick: Sie werden einer neuen Kulturgemeinschaft zugeschlagen. Die Eidgenossen gehören für den Verfasser zur nordisch-germanischen Rasse. Gleichzeitig wachse die Bedrohung durch Mufti-Multiplikation im Inneren: Aus sechs bis sieben Prozent Muslime im Jahr 2009 würden flugs 28 Prozent im Jahr 2050 und 46 Prozent im Jahr 2070. Woher will Breivik wissen, wie konstant Geburtsraten bleiben? Woher weiss er, welche Religionen die Kinder oder Kindeskinder von Muslimen annehmen? Werden auch Nationalitäten vererbt? Ist Christoph Blocher eigentlich ein Deutscher, weil seine Grosseltern Deutsche waren?

Recherche unter Facebook-Freunden

Dass der Islam per se aggressiv ist, belegt das Konvolut auch mit Schriften von Hassan al-Bana: 1928 hat der Gründer der Muslimbrüderschaft radikale Missionierungsgedanken zu Papier gebracht. Was sagt die über 80 Jahre alte Schrift eines sunnitischen Fanatikers über die rund 1,5 Milliarden Menschen mit diesem Glauben aus? Wieso hält der Norweger das Szenario für «wahrscheinlich», dass die Muselmanen anno 2030 die Schweiz, England, Griechenland und die Skandinavier dazu auffordern, das christliche Kreuz von ihren Flaggen zu entfernen?

Die Erhebung der Daten des Pamphlets grenzt an blanke Erfindung. «Ich habe über Facebook ein Netzwerk von Gleichgesinnten aufgebaut», erklärt der Autor sein Vorgehen. Je nachdem, wie deutlich sich rechte Facebook-Gruppen in verschiedenen Ländern positionieren, bewertet der Mörder die einzelnen Staaten und erstellt eine Skala, die das Level der «marxistisch/multi-kulturellen Gehirnwäsche» zeigt.

Breivik attestiert sich «Aussehen, Status, Ressourcen und Charme»

Die Schweiz teilt sich mit sechs weiteren Staaten Rang vier: Norwegen, Schweden und Deutschland sind in den Augen des Verfassers noch schlechter dran. Durch die Beobachtung eines sozialen Netzwerks stellt er nicht nur Thesen auf, sondern belegt sie auch so. «Meine zweijährige Facebook-Studie beweist, dass die obenstehenden Angaben korrekt sind», schreibt der Autor.

Obwohl er niemand sei, der Intimes ausplaudere, zwinge ihn die Situation genau dazu. Sein Umfeld sei «die Manifestationen des kompletten Zusammenbruchs der sexuellen Moral» und hätte Hunderte Sexpartner. «Ich hätte locker denselben Weg wählen können, wenn ich gewollt hätte», heisst es, «angesichts meines Aussehens, meines Status, meiner Ressourcen und meines Charmes.» Und «basierend auf Erfahrungen meines Netzwerks männlicher Freunde» legt der Verfasser sogar eine Tabelle an, die angeblich ausweist, wie viele Sexualpartner einzelne Nationalitäten durchschnittlich im Leben haben und wie viel Anstand es dort noch gibt. Herr und Frau Schweizer sollen acht verschiedene Bettgespielen haben und moralisch im unteren Drittel rangieren.

«Ich glaube, das wird mein letzter Eintrag»

Die Argumente Breiviks sind oft erschreckend einfach, doch mit Blick auf seine Kaltblütigkeit, die er bewiesen hat, deutlich schrecklicher. Er zeigt Hohn, als er die finale «Tagebuch-Einträge» vornimmt. Seine letzten Sätze:

«[…] Die erste Kostümparty des Herbstes steht an, ziehe mich an wie ein Polizist. Komme mit Rangabzeichen :-) Wird stark, denn die Leute werden sehr erstaunt sein :-)

Randnotiz : Stellt euch vor, Sicherheitskräfte würden mich in den nächsten Tagen aufsuchen. Sie würden vielleicht auf die falsche Idee kommen und denken, ich sei ein Terrorist, lol :o)

[…] Ich glaube, das wird mein letzter Eintrag. Es ist jetzt Freitag, 22. Juli, 12.51 Uhr.»


Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Kevin am 25.07.2011 14:07 Report Diesen Beitrag melden

    Spiele...

    Hört doch auf das Ganze mit den Games in Verbindung zu bringen. Wer sein Tagebuch gelesen hat weiss, dass er erst mit Spielen begonnen hat, als er die Operation am vorbereiten war. Alles was er in Spielen lernte, hätte er gerade so gut in Filmen oder im Internet erfahren können.

  • gelöscht am 25.07.2011 13:20 Report Diesen Beitrag melden

    gelöscht

    einklappen einklappen
  • Petra am 25.07.2011 16:45 Report Diesen Beitrag melden

    Mein tiefstes Mitgefühl

    Auch von meiner Seite mein tiefempfundenes Mitgefühl für alle Betroffenen!!!

Die neusten Leser-Kommentare

  • P. Baumann am 29.07.2011 17:24 Report Diesen Beitrag melden

    Er ist kein Monster...

    Leider ist es ein Mensch wie du und ich.

  • Ziegenpeter am 28.07.2011 19:56 Report Diesen Beitrag melden

    Danke

    Danke an alle Medien die das Manifest des Attentäters auch noch detailliert analysieren. War ja sicher nicht seine Absicht so viel Medienrummel zu erzeugen..

  • Erika Nydegger am 26.07.2011 09:00 Report Diesen Beitrag melden

    Suche nach Erklärung

    Ich bete für die Opfer damit sie ihren Weg ins Licht finden und die Hinterbliebenen für Kraft um den riesigen Verlustschmerz tragen zu können. Die Verantwortung für diese Schreckenstat trägt der Täter ganz alleine, weder die Möglichkeit des freien Waffenbesitzes, noch Computerspiele, religiöse und politische Gesinnung verantworten die masslose Gewissenenlosigkeit dieses Mannes, die Entscheidung abzudrücken hat er ganz allein getroffen. Nicht mal die norwegische Geheimpolizei hätte es verhindern können, obwohl der Täter durch Chemikalieneinkäufen schon vor monaten auffällig geworden war.

    • i,me&myself am 29.07.2011 17:14 Report Diesen Beitrag melden

      strange

      was haben denn bitte nun computerspiele damit zu tun?

    • Susanne Reich am 03.08.2011 12:44 Report Diesen Beitrag melden

      @strange

      @i,me&myself: Computerspiele fördern anscheinend die Aggressivität und scheinen die Gefühlswelt zu beeinträchtigen, so dass evtl. nicht mehr zwischen Wirklichkeit und virtueller Welt unterschieden werden kann und das Töten verharmlost wird. Ob's stimmt, weiss ich nicht.

    einklappen einklappen
  • mikael am 25.07.2011 20:26 Report Diesen Beitrag melden

    es läuft falsch

    bitte gibt diesem monster nicht noch mehr aufmerksamkeit.das hier ist genau das was solche täter suchen!!!

    • Sven am 02.08.2011 17:19 Report Diesen Beitrag melden

      ... wo bleibt Ihre Eigenverantwortung?

      Warum lesen Sie diesen Artikel wenn Sie ihm keine Aufmerksamkeit schenken wollen? Seine Schrift kann im Netz heruntergeladen werden und es ist gesünder diese in der Öffentlichkeit zu analysieren (und v.a. zu kritisieren) als dies anderen Extremisten und Nachahmern zu überlassen.

    einklappen einklappen
  • Muggler Robin am 25.07.2011 17:52 Report Diesen Beitrag melden

    Mein Mitgefühl

    Normalerweise gehen Katastrophen und schlimme Bilder bei mir mehr oder weniger "einfach" durch. Bei dieser Tragödie allerdings stockt mir der Atem wenn ich daran denke dass dieser "Mensch" einfach auf Jugendliche geschossen hat. Es beschäftig mich sehr und ich kann nichts empfinden ausser tiefe ernste Trauer und Mitgefühl!