Golf von Mexiko

19. Oktober 2010 14:04; Akt: 19.10.2010 20:15 Print

«Das wird alle dicken Fische anziehen»

von Curt Anderson, AP - Nach der Ölpest kommen die Haie: Mehr als 100 Top-Anwälte streiten sich zurzeit darum, Fischer und Anwohner in den Prozessen gegen BP zu vertreten.

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Die Ölpest im Golf von Mexiko hatte ihren Ursprung in der Explosion der Ölplattform Deepwater Horizon. (Bild: Reuters/U.S. Coast Guard/Handout)

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Wer wird Wortführer in den Prozessen wegen der verheerenden Umweltkatastrophe im Golf von Mexiko werden? Und wer wird damit ein ausgesprochen sattes Honorar einfahren? Zwischen zwölf und 15 Juristen sollen letztlich den Klagen von tausenden Fischern, Restaurant- und Hotelbesitzern sowie Anwohnern gegen den Ölkonzern BP und weitere Unternehmen vorstehen.

Bescheidenheit ist in diesem Wettbewerb fehl am Platz. «Das ist eine sehr lukrative Position», sagt der Rechtswissenschaftler Brian Fitzpatrick von der Vanderbilt University. «Das wird alle dicken Fische anziehen.»

Im Rennen sind unter anderem der Anwalt, der Al Gore nach der Präsidentenwahl vor knapp zehn Jahren bei der Nachzählung der Stimmen vertreten hat, eine prominente Kanzlei aus South Carolina und erfahrene Juristen, die beispielsweise im Fall Vioxx beteiligt waren. Die Entscheidung, wer die Klageführung leitet, trifft Bezirksrichter Carl Barbier in den kommenden Wochen.

Es geht um den Prozentsatz

Das Elite-Team kann sich als Honorar auf bis zu 15 Prozent der Einigungssumme in Höhe von mehreren Milliarden Dollar freuen – zusätzlich zu den üblicherweise 30 Prozent, die Anwälte ohnehin von ihren jeweiligen Mandanten fordern. Anreiz für die Rechtsvertreter sei daher nicht nur die Aussicht darauf, die Verhandlungsführung entscheidend mitzugestalten, sondern «ein grosser Prozentsatz oben drauf», sagt Fitzpatrick.

Hoffnungen auf das lukrative Honorar macht sich unter anderem der Anwalt Ronald Motley aus South Carolina, dessen Kanzlei sich bereits um Fälle von A wie Asbest-Opfer bis Z wie Zinkvergiftung gekümmert hat. Damit und weil er sich während seiner ganzen Karriere immer wieder mit «mächtigen gegnerischen Interessen» angelegt habe, sei er für die Prozesse wegen der Ölpest geradezu prädestiniert, heisst es in Motleys Bewerbung um einen Posten in dem Team. Zu seinen Konkurrenten gehören fünf Kollegen, die BP bereits wegen einer Explosion in einer Raffinerie in Texas 2005 verklagt haben, und zwei vietnamesisch-amerikanische Juristen, die sich für Fischer vietnamesischer Abstammung einsetzen wollen.

Gigantische Honorare von bis zu 55 Prozent

Notwendig ist das «Elite-Team», um die Klageführung von Hunderten beteiligten Anwälten effizient zu koordinieren. Seine Mitglieder werden so gut wie jede strategische Entscheidung im Namen aller Kläger gegen BP treffen, die übrigen Anwälte spielen dann fast keine Rolle mehr.

Die Handvoll Auserwählter seien wie der Kapitän, der das Schiff steuere, sie seien nicht nur für ihre eigenen Mandanten, sondern für alle Kläger zuständig – und hätten damit das üppige Extra-Honorar verdient, sagt der New Yorker Anwalt Hunter Shkolnick, der an dem Verfahren selbst nicht beteiligt ist. Experten und Ermittler zu beauftragen, «kann sich der Anwalt, der einen oder zwei Fischer vertritt, einfach nicht leisten», erklärt Shkolnick.

In früheren Verfahren, darunter dem Vioxx-Prozess, haben Richter die Anwaltshonorare allerdings gedeckelt. Einige Juristen hatten sich Honorare in Höhe von 55 Prozent gesichert.

«Eine interessante Dynamik»

Shokolnicks Kollege Richard Arsenault, der es in die «Führungsriege» schaffen will, bringt einen edelmütigeren Vergleich ins Spiel: Die Klage gleiche angesichts der Macht von Konzernen wie BP dem Kampf Davids gegen Goliath. Ein «notdürftiges Team» trete «gegen olympische Athleten an», sagte Arsenault: «Das ist eine interessante Dynamik.»

Und nicht jeder seiner Kollegen bewirbt sich mit Angeberpose und Verweis auf die Aufnahme in jährliche «Top-Anwalt»-Listen um einen Platz in der Verhandlungsführung. Robert Cunningham aus Alabama betonte freimütig, er habe auch schon Prozesse verloren. «Ich glaube, wenn man nicht hin und wieder einen Fall verliert, versucht man sich nicht an genügend vielen», erklärte der Jurist.