Golf von Mexiko

06. Januar 2011 07:48; Akt: 06.01.2011 17:56 Print

Profitwahn führt zur Ölpest

BP, Halliburton und Transocean seien an der verheerenden Ölkatastrophe schuld. Aus Zeit- und Geldgründen hätten sie riskante Entscheidungen getroffen, meint eine US-Kommission.

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Ölkatastrophe im Golf von Mexiko: Elf Menschen starben, tausende von Vögeln und Fischen sind verendet, über 700 Millionen Liter Öl sind ins Meer geflossen. 20. April 2010: Die Ölplattform Deepwater im Golf von Mexiko explodiert. Elf von 126 Arbeitern sterben, die andern werden evakuiert, drei von ihnen schwer verletzt. 21. April 2010: Die Bohrinsel steht in Flammen. Löschversuche verlaufen erfolglos. 22. April 2010: Deepwater sinkt. Die Ölplattform gehört der Schweizer Transocean mit Sitz im schweizerischen Zug, der britische Konzern BP hat sie von Transocean geleast. 28. April 2010: Ölarbeiter versuchen, eine Sperre um das auslaufende Öl zu errichten. Erfolglos. 30. April 2010: Das Öl erreicht die Küste. Die Pelikane «verölen». 3. Mai 2010: US-Präsident Barack Obama erklärt die Katastrophe zum Ereignis von nationaler Bedeutung. 3. Mai 2010: BP kündigt an, alle Kosten der Katastrophe zu übernehmen. 7. Mai 2010: Eine Stahlbetonglocke wird über das Leck gestülpt. Ohne Erfolg. Mai 2010: Das Sterben geht weiter. Mai 2010: Ölschwaden auf dem Wasser. Mai 2010: Die US-Navy versucht, das Öl kontrolliert abzubrennen. Erfolglos. Mai 2010: Pelikan im mexikanischen Golf. 11. Mai 2010: Protest im US-Senat während eines BP-Hearings. 12. Mai 2010: BP versucht, eine kleinere Glocke über das Loch zu stülpen. Ohne Erfolg. 15. Mai 2010: Protest am Firmensitz der Plattformbesitzerin Transocean in Zug. 26. Mai 2010: Die Aktion «Top Kill» soll das Leck mit Schlamm versiegeln. Erfolglos. 2. Juni 2010: Die US-Behörden leiten strafrechtliche Schritte gegen BP ein. 3. Juni 2010: Das Öl erreicht die Traumstrände Floridas. 17. Juni 2010: BP-Chef Tony Hayward redet von einer «beispiellosen Serie von Fehlern». 29. Juni 2010: BP gibt zu, dass die Schäden eventuell unbezahlbar sind. 2. Juli 2010: Serie von Fehlern geht weiter: Augenzeugen berichten, BP schütte an gewissen Stränden einfach Sand über das Öl. 3. Juli 2010: Der Supertanker «A Whale» wird als Öl-Sauger eingesetzt. Erfolglos. 10. Juli 2010: Ein am 4. Juni installierter Trichter wird entfernt. Das Öl fliesst wieder völlig ungehindert ins Meer. 12. Juli 2010: Eine neue Glocke wird über das Leck gestülpt. 18. Juli 2010: Serie von Fehlern geht weiter: BP veröffentlicht auf ihrer Website ein manipuliertes Foto, das Geschäftigkeit im BP-Katastrophenzentrum vortäuscht. Im Original war der Bildschirm im unteren Bild weiss. Ab 15. Juli 2010: Die neu installierte Absaugglocke schliesst das Leck. Erstmals seit Beginn der Katastrophe fliesst kein Öl mehr ins Meer. Die Verseuchung ist aber nach wie vor omnipräsent. 19.9.2010: Die defekte Ölquelle im Golf von Mexiko ist endgültig versiegelt. Fünf Monate nach Beginn der Ölpest gelang es BP-Experten, die Quelle mehrere Tausend Meter unter dem Meeresboden mit Zement zu verschliessen.

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Ohne wesentliche Reformen könne sich ein solcher Zwischenfall wie die Ölpest im Golf von Mexiko wiederholen. BP, Halliburton und Transocean hätten es versäumt, sicherzustellen, dass ihre Handlungen keine Gefahr darstellten, hiess es im Schlussbericht der Untersuchungskommission der US-Regierung am Mittwoch. Hätten sie dies getan, hätte die Explosion der Bohrinsel «Deepwater Horizon» verhindert werden können, erklärte die siebenköpfige Kommission.

Die Katastrophe am 20. April 2009 sei «das Ergebnis verschiedener individueller Fehltritte und Versehen durch BP, Halliburton und Transocean», heisst es im Abschlussbericht der von US-Präsident Barack Obama eingesetzten Kommission, der am Donnerstag in Auszügen veröffentlicht wurde.

Viele der von den beteiligten Unternehmen getroffenen Entscheidungen hätten, «ob beabsichtigt oder nicht», den Firmen bedeutende Zeit- und Kostenvorteile verschafft, heisst es darin.

Sicherheitsdenken fehlte

Im Bericht werden neun einzelne Aktionen aufgelistet, die den Firmen halfen, Geld und Zeit zu sparen - ungeachtet dessen, dass weniger riskante Alternativen zur Verfügung standen. So seien etwa nicht genügend Vorrichtungen zur Stabilisierung des Bohrlochs installiert worden.

Auch hätten Verantwortliche nicht auf die Ergebnisse von Tests des Materials zur Verschliessung des Bohrlochs gewartet und Resultate von Drucktests kurz vor der Katastrophe ignoriert.

Schwache Behörden

Die Behörden wiederum seien aufgrund fehlender Autorität sowie wegen des Fehlens der nötigen Mittel und der technischen Expertise nicht in der Lage gewesen, die Katastrophe zu verhindern. Der Ko-Vorsitzende der Kommission, Floridas Ex-Senator Bob Graham sagte, die Untersuchung habe gezeigt, dass die Katastrophe vermeidbar gewesen wäre.

«Diese Katastrophe wäre wahrscheinlich nicht passiert, wenn die verantwortlichen Unternehmen vom eindeutigen Bekenntnis zu 'Sicherheit geht vor' geleitet worden wären», sagte Graham. «Und es wäre wahrscheinlich nicht passiert, wenn die zuständigen Regierungsstellen die Fähigkeit und den Willen gehabt hätten, Weltklasse-Sicherheitsstandars einzufordern.»

Versagen des Managements

«Doch die meisten der Fehler und Versehen sind auf eines zurückzuführen: einen Fehler im Management», schlussfolgert die siebenköpfige Kommission. Mit einem besseren Management bei BP, Halliburton und Transocean hätte demnach mit ziemlicher Sicherheit die Explosion verhindert werden können.

Die Kommission will ihren ganzen Untersuchungsbericht kommende Woche veröffentlichen.

Erster Bericht schonte Unternehmen

Der Schlussbericht steht im Widerspruch zu einem ersten Zwischenbericht von Anfang November. Damals hatte die Kommission BP Rückendeckung gegeben und keine Hinweise ausmachen können, dass der Konzern und seine Partner Kosten sparten und so die Sicherheitsvorkehrungen vernachlässigten.

Grösste Ölpest der Geschichte

Der britische Ölkonzern BP war der Betreiber der zu Transocean mit Sitz in Zug gehörenden Ölplattform. Der US-Konzern Halliburton war für das Versiegeln des Bohrlochs verantwortlich. Halliburton hat zugegeben, einen notwendigen Test der Zementeinfassung des Bohrlochs nicht vorgenommen zu haben. Das Unternehmen machte allerdings BP verantwortlich, die nötigen Tests nicht veranlasst zu haben.

BP erklärte zum Kommissionsbericht, es habe sich herausgestellt, dass die Katastrophe durch viele Ursachen ausgelöst worden sei und dass verschiedene Unternehmen beteiligt gewesen seien.

Bei der Explosion der Bohrinsel «Deepwater Horizon» waren elf Arbeiter ums Leben gekommen. Über Wochen flossen rund 780 Millionen Liter Öl ins Meer. Erst nach drei Monaten konnte das Leck in 1500 Metern Tiefe versiegelt werde. Es handelt sich um die grösste Ölpest in den USA. Die US-Regierung hat BP auf Schadenersatz in Milliardenhöhe verklagt.

(sda)