Ölpest

19. Juli 2010 06:10; Akt: 19.07.2010 18:04 Print

Neues Ölleck entdeckt

Im Golf von Mexiko sickert womöglich wieder Öl aus dem Meeresboden. Die US-Regierung ist beunruhigt, BP gibt sich unwissend.

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Borschiffe (im Hintergrund) bei der Arbeit fürs Ölleck im Golf von Mexiko (10. Julli 2010). Im Vordergrund eine Ölplattform, die überschüssiges Gas abfackelt. Die neue Auffangglocke während der Tests am 17. Juli 2010. Aufnahme vom 16. Juli. Aufnahme vom 15. Juli. Kurz nach Beginn der Tests mit dem neuen Zylinder meldet der Erdölkonzern BP, dass kein Öl mehr aus dem Leck im Golf von Mexiko austrete. (15.7.2010) Der Testlauf eines zum Ölabsauger umgebauten Riesentankers (A Whale) ist vorerst ergebnislos verlaufen. (5.7.2010) Ein Roboter versucht, einen Behälter über dem Leck in 1500 Meter Tiefe zu platzieren, um ... ... das Öl danach kontrolliert abzuleiten. Das Öl fliesst pausenlos. Bewohner der Gemeinde Grand Isle in Louisiana machen ihrem Unmut über BP Luft. Am 25. Mai fand in Jackson (Mississippi) eine Trauerfeier für die elf Arbeiter statt, die bei der Explosion der «Deepwater Horizon» ums Leben gekommen waren. Von der Transocean-Bohrinsel «Development Driller III» aus wird die Entlastungsbohrung vorgenommen. Zwei Crevetten-Fischerboote ziehen eine Ölsperre. Im Hintergrund wird Öl kontrolliert abgefackelt. Die Nationalgarde Louisianas baut einen Damm, um Teile der flachen Küste vor dem Öl zu schützen. Hier sprudelt das Öl. Dies sind die ersten Aufnahmen des Öllecks. Der Ölteppich breitet sich weiter aus: Am 9. Mai gelangten erste Teerklumpen an die Küste Alabamas. Der Versuch, eines der Bohrlöcher mit einer Stahlbetonglocke zu stopfen, scheiterte. In der riesigen Konstruktion bildeten sich Eiskristalle aus Gas und Wasser, die die Öffnungen verstopfen, durch die das Öl kontrolliert abgepumpt werden sollte. Eine Bohrinsel im ölverschmutzten Wasser. Ölverschmutzung aus der Nähe. Crevetten-Fischerboote schleppen eine Ölsperre aufs Meer hinaus. Die US-Regierung hat aufgrund der Ölverschmutzung ein Fischfangverbot verhängt und die Garnelen-Saison vorzeitig beendet. Noch ist kein Notstand für die Krebstiere ausgebrochen. Viele Fischer sind aber in ihrer Existenz bedroht. Sollte es den Einsatzkräften nicht gelingen, das Öl von der Küste fernzuhalten, dürften die Helfer an der Küste noch mehr Opfer zu beklagen haben. Die Aufnahme des Satelliten Eumetsat vom 29. April zeigt den Ölteppich, wie er auf das Mississippi-Delta zutreibt. Der Ölteppich bedroht das hochsensible Sumpfgebiet im Mississippi-Delta. Sollte das Öl das Sumpfgebiet erreichen, wäre es das Ende des Ökosystems vor Ort. Anders als von Steinküsten können die Ölverschmutzungen nicht so leicht abgetragen und gesäubert werden. Zudem könnten die Wasserarme des Deltas das Öl weiter ins Innere tragen und damit die gesamte Pflanzen- und Tierwelt gefährden. Mit schwimmenden Barrieren versuchen die Rettungskräfte, den Ölteppich aufzuhalten. Durch kontrolliertes Abfackeln versuchen die Behörden, eine noch grössere Katastrophe zu verhindern. Die Methode ist jedoch umstritten. Experten befürchten, dass täglich gegen eine Million Liter Rohöl in den Golf gelangen könnten. Das Öl stammt aus einem Bohrloch unterhalb der gesunkenen Plattform Deepwater Horizon. Die Deepwater Horizon war am 21. April 2010 in Brand geraten. Am 22. April 2010 sank die Plattform. 115 der 126 Arbeiter auf der Plattform konnten in Sicherheit gebracht werden, drei davon schwer verletzt. Elf Menschen kamen ums Leben. Die 121 Meter lange und 78 Meter breite Plattform befand sich rund 70 Kilometer vor Louisianas Küste. Die Ölplattform Deepwater Horizon gehörte dem Schweizer Unternehmen Transocean und war vom britischen Konzern BP geleast. Die Firma verfügt über rund 140 bewegliche Bohranlagen und die grösste Flotte in der Branche. Ursprünglich eine US-Firma, hat das Unternehmen seinen Sitz seit 2008 in Zug.

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Auch nach drei Monaten Ölkatastrophe am Golf von Mexiko reisst die Pannenserie nicht ab. Die Einsatzleitung der Regierung teilte in der Nacht zum Montag mit, dass in der Nähe des verschlossenen Bohrlochs Erdöl aus dem Meeresboden entweiche.

Experten der US-Regierung und BP-Verantwortliche trafen sich am Sonntagabend, um über die entdeckten Blasen zu beraten. Möglicherweise wurden sie durch Methangas verursacht, die auf austretendes Öl schliessen lassen könnten. Nach dem Treffen erklärte Krisenkoordinator Thad Allen, die Belastungstests dürften 24 Stunden fortgesetzt werden.

Die Erlaubnis für die Fortführung des Tests sei aber an die Bedingung geknüpft, dass BP «rigoros» überwache, dass der Test die Gesamtlage nicht verschlechtere, sagte Allen. Zudem müsse BP einen Plan für die schnellstmögliche Öffnung der Abdichtkappe vorlegen, sollte sich der Ölaustritt am Meeresboden bestätigen.

BP-Einsatzmanager Doug Suttles räumte ein, an zwei Stellen seien «einige wenige Blasen» ausgemacht worden. Dies sei nicht ungewöhnlich, würde aber beobachtet. Sollte sich bestätigen, dass das Öl aus dem Bohrloch stamme, werde die Kappe umgehend geöffnet und das Öl abgepumpt, sagte BP-Sprecher Robert Wine in London.

BP und Regierung uneins über Vorgehen

BP hatte erst am Sonntag einen entscheidenden Durchbruch verkündet: Seit gut drei Tagen fliesse kein Öl mehr aus dem Bohrloch, der neue Zylinder habe das Leck in 1500 Meter Tiefe geschlossen. Es war der erste echte Fortschritt nach diversen Fehlschlägen seit dem Unfall auf der Bohrinsel «Deepwater Horizon» am 20. April.

Angesichts der positiven Drucktests hatte BP angekündigt, das Bohrloch bis Mitte August geschlossen halten zu wollen. Dann sollte über Entlastungsbohrungen die defekte Pipeline endgültig mit Schlamm und Beton versiegelt werden.

Dagegen fürchtet die Einsatzleitung, die Steigleitung könne der Belastung des Drucks nicht standhalten und befürwortet eher, die Ventile des Zylinders wieder zu öffnen und das ausströmende Öl wie zuvor auf bereitstehende Schiffe abzupumpen. Krisenkoordinator Allen hat das letzte Wort in der Sache.

BP bezahlt bislang knapp 4 Milliarden

Die BP-Bohrinsel «Deepwater Horizon» war im April nach einer Explosion gesunken. Es handelt sich um die schwerste Ölpest der US- Geschichte.

Bislang strömten Schätzungen der Internationalen Energieagentur zufolge zwischen 2,3 und 4,5 Millionen Barrel Öl ins Meer. Das entspricht in etwa der neun- bis 17-fachen Menge dessen, was 1989 bei der Ölkatastrophe der Exxon Valdez in Alaska ausgelaufen war.

BP musste nach eigenen Angaben für die Folgen der Ölkatastrophe bislang 3,95 Milliarden Dollar aufbringen. Die Zahl umfasst die Kosten für Eindämm- und Reparaturarbeiten, die Beseitigung der Umweltschäden wie auch die Zahlungen an die betroffenen US- Bundesstaaten und die US-Regierung.

Ebenfalls enthalten sind rund 67'500 Entschädigungszahlungen an Betroffene, für die der Konzern 207 Millionen Dollar ausgab. BP hat eingewilligt, 20 Milliarden Dollar in einen Treuhandfonds zur Begleichung von Schadenersatzforderungen zu zahlen.

(sda/ap)