ÖV im Wandel

22. Juli 2011 08:54; Akt: 23.07.2011 20:26 Print

«Der Unterschied der Klassen ist zu gering»

von A. Hirschberg - Die 1. Klasse ist Opfer ihres eigenen Erfolges: Trotz überfüllten Abteilen ist sie wenig rentabel. Verkehrsexperte Christian Laesser rät zu mehr Komfort und teureren Abos.

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Während der Stosszeit wird der Platz knapp: Die 1. Klasse muss neu ausgerichtet werden. (Bild: Keystone)

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Noch nie hatte die 1. Klasse einen so hohen Zulauf wie heute. Verkommt sie langsam zu einer besseren zweiten?
Christian Laesser: Derzeit ist die 1. Klasse im Vergleich zur 2. relativ günstig. Sprich: Der Preisunterschied ist eher gering. Das führt dazu, dass die 1. Klasse einen prozentual sehr hohen Zulauf hat. In Zukunft sollte die Preisschere zwischen den beiden Klassen stärker auseinander gehen. Die erste Klasse soll an Wert gewinnen, mit dem Risiko, dass ein Teil der bisherigen Kunden abspringt.

Wird das 1.-Klasse-GA also jedes Jahr 200 Franken teurer?
Die Tendenz sollte wohl eher in Richtung Teil-Abo-System gehen. Das Generalabo schafft den falschen Anreiz, möglichst viel Zug zu fahren. Es findet eine Übernutzung statt durch Personen, die jeden Tag Langstrecken pendeln. Darum sollten die Bestrebungen dahin gehen, Abos zu schaffen, die nur an einem Teil der Tage im Jahr im ganzen Netz gültig sind. Während der restlichen Zeit würden sie beispielsweise nur auf regionalen Strecken gelten.

Wie lässt sich das kontrollieren?
Das ist noch Zukunftsmusik. Mit so genannten Smart Cards, die beim Einsteigen abbuchen, könnte das in sechs bis zehn Jahren möglich sein.

Das heisst, man will nicht besonders viele, sondern lieber gut zahlende 1.-Klasse-Reisende?
Es macht sicher mehr Sinn, das Preisspektrum auszureizen und die Leistungen der Komfortklasse vermehrt zu differenzieren. Beim Fliegen wird das ja schon sehr stark gemacht. Hier kosten die Tickets der teureren Klassen sieben bis zehn mal mehr.

Aber dort ist auch der Service besser.
Die Leistungen der 1. Klasse wird man künftig klarer positionieren müssen. Das heisst, es muss Mehrwert geschaffen werden. Für Leute unterwegs ist alles wichtig, was Stress wegnimmt. In der Umsetzung könnten dies Loungezugang, Zeitersparnis, Extraschalter oder separate Telefonnummern für die Reservierung oder den Billetkauf oder auch ein Kaffee und ein Gipfeli am Morgen und ein Wasser am Nachmittag sein.

Das klingt nach Premiumklasse, wie es sie im Ausland auf längeren Strecken gibt.
In der kleinräumigen Schweiz ist so etwas wohl nicht machbar. Die Strecken sind zu kurz und der Aufwand wäre zu gross. Man muss bedenken, dass für so einen Premium-Wagen, etwa an der Spitze des Zuges, ein anderer Wagen fehlt. Ausserdem verkompliziert ein Spezialgefäss das gesamte Handling der Zugsklassen und -angebote.

Und wo bleibt die 2. Klasse, lässt man die einfach links liegen?
Die 2. Klasse profitiert von den deutlich günstigeren Preisen. Dafür wird in den 2.-Klass-Abteilen die grosse Masse transportiert. Diesen Nachteil müssen die Reisenden in Kauf nehmen. Bisher war der Preis-Unterschied vielleicht zu wenig deutlich, was 2.-Klass-Passagiere verärgerte. Das wird sich wohl ändern müssen.

Heisst das, in Zukunft wird noch öfter der Zugang zur 1. Klasse versperrt?
Die 2.-Klass-Reisenden sollten sich nicht in der 1. Klasse aufhalten, das besagen die Tarifbestimmungen der schweizerischen Transportunternehmen. Einstiegsflächen, Gänge und Sitze der 1. Klasse sind ausschliesslich den Reisenden dieser Klasse vorbehalten. Halten sich die Passagiere nicht daran, sollte das Zugspersonal Massnahmen ergreifen.

Ist Einsteigen bei der 1. Klasse auch bei Zeitmangel verboten?
Wahrscheinlich schon, aber vielleicht sollte man da eine Ausnahme machen. Schliesslich haben die Leistungsträger im öffentlichen Verkehr eine Beförderungspflicht.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Willhelm Tell am 25.07.2011 17:26 Report Diesen Beitrag melden

    Mehr Luxus

    GA 1. Klasse «premium» einführen, 50% teurer, dafür gratis Getränke, feine Häppchen usw.. In der zweiten Klasse Stehplätze! Ach, ich liebe Luxus!

  • Nubo am 26.07.2011 08:33 Report Diesen Beitrag melden

    3-Klassen-System

    Luxus der 1. Klasse ausbauen? Und die 2. Klasse noch mehr vollstopfen? Warum nicht gleich ein 3-Klassen-System? Ich fände es keine Tragödie, wenn ich auf kurzen Strecken stehen müsste, WENN ich dafür auch weniger bezahlen muss.

  • Urs Schneider am 24.07.2011 07:26 Report Diesen Beitrag melden

    In die andere Richtung denken

    Ok, der Preisunterschied ist zu gering. Dann könnte man ja auch die 2. Klasse verbilligen. Warum nur immer in Richtung verteuern denken?

Die neusten Leser-Kommentare

  • Kritiker am 26.07.2011 13:24 Report Diesen Beitrag melden

    das Problem liegt im System

    Alles reine Geldverschwendung. Ist doch toll, dass die Bahn mit Geld finanziert wird, welches sie nicht einmal selbst auftreiben kann. Dazu noch einen unnötigen Experten bezahlen, der mit seinem Lohn ja den Pendleralltag mit. Die SBB ist einfach etwas, dass in 10 Jahren nicht mehr funktionieren wird. Man kann nicht immer von den Autofahren das Geld abzapfen, denn eines Tages wird dort das Geld fehlen, während der Service der SBB immer schlechter wird. lächerliches System. Zum Glück ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis es weltweit zusammenbricht.

  • robin "the bear" hood am 26.07.2011 13:14 Report Diesen Beitrag melden

    3 klassen statt kundengängelei

    wieso nicht wie beim fliegen first class, business class und economy class? oder für kurze strecken einen gesonderten wagon für stehplätze am ende des zuges. was die sbb zurzeit plant ist eine optimierung auf kosten der umwelt und der bahnreisenden - will heissen, dass einige wieder auf's auto umsteigen. familien können nicht einfach zum wohnungswechsel genötigt werden, weil ein familienmitglied pendelt. ebensowenig kann dieses zum arbeitsplatzwechsel genötigt werden. nicht zu vergessen: die sbb ist ein teil des service public, das mit steuergeldern subventioniert wird!

  • Peter Steiner am 26.07.2011 13:14 Report Diesen Beitrag melden

    Nach ÖV wieder Autopendler

    Das Hauptproblem der SBB bringen sie mit jeglicher Änderung der 1. Klasse nicht weg: Die Unpünktlichkeit der Züge. Zwei Minuten Verspätung klingt nach nicht viel, aber wenn man in einem grossen Bahnhof ankommt, vier Minuten für den Umstieg gemäss SBB-Fahrplan geplant sind und davon fehlen bereits bei der Einfahrt zwei, verpasst man Anschlüsse und statt Zeit gespart hat man Zeit verloren. Was nützt es, wenn ich von Bern nach Zürich keine Stunde mehr habe, aber in Zürich nochmals gleich lange mit dem Tram unterwegs bin. Deshalb bin ich wieder auf's Auto umgestiegen.

  • Luzi Fehr am 26.07.2011 12:30 Report Diesen Beitrag melden

    1. Klasse fragwürdig

    Wenn man bedenkt, dass die Einnahmen aus den Fahrkarten nur ein geringer Teil darstellt und der grösste Teil der Kosten mit Steuergeldern subventioniert wird, muss man sich schon die Frage stellen, ob eine Subventionierung von Luxus für Wenige auf Kosten aller Steuerzahler sinnvoll ist. Die 1. Klasse müsste selbsttragend sein, würde aber wohl so horrend teuer, dass es sich die wenigsten leisten könnten.

  • Eron Thiersen am 26.07.2011 11:40 Report Diesen Beitrag melden

    Premiumklasse?

    Über Jahre hinweg förderte man den ÖV und verlangte von jedem Arbeitnehmer Flexibilität in Bezug auf Arbeitsweg, Arbeitszeit und Arbeitsort. Dazu die unkontrollierte Zuwanderung. Das sind die Gründe für überfüllte Züge und nun will man eine Premiumklasse schaffen? Schafft sie ganz ab und benützt den Platz für uns alle!