Schweinegrippe in der Schweiz

30. April 2009 10:46; Akt: 30.04.2009 15:12 Print

Der Patient fühlt sich gesund, ist aber verärgert

Der erste Schweinegrippe-Patient in der Schweiz wurde gestern versehentlich aus dem Spital Baden entlassen, weil die Testergebnisse falsch gelesen wurden. Auf weitere Massnahmen gegen die Ausbreitung der Schweinegrippe verzichtet das BAG vorläufig.

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Inzwischen gibt es in der Schweiz 29 Verdachtsfälle und einen bestätigten Schweinegrippe-Fall. Damit sei zu rechnen gewesen, sagt Thomas Zeltner, Direktor des Bundesamtes für Gesundheit (BAG). Der Patient ist ein junger Mann, der in Mexiko in den Ferien war. Bei den Verdachtsfällen werden laufend die virologischen Abklärungen gemacht. Alle Verdachtsfälle seien Rückkehrer aus Mexiko, es gebe keine Fälle von Übertragungen in der Schweiz.

Ein Flugzeug aus Mexiko ist heute morgen gelandet und wurde vom grenzärztlichen Dienst betreut. Niemand fühlte sich krank. Sämtliche Passagiere wurden als gesund entlassen, sagt Zeltner. Sie erhielten ein Informationsblatt des BAG und mussten ihre Kontaktdaten hinterlassen. Man müsse jetzt die Entwicklung beobachten, sagt Zeltner.

Anzahl Schweizer in Mexiko unbekannt

Das Bundesamt für Gesundheit wisse nicht, wie viele Schweizer Touristen sich in Mexiko befinden oder in den letzten Tagen zurückgekommen seien. Jeder rückkehrende Reisende müsse die Verantwortung selbst übernehmen, bei Grippesymptomen einen Arzt aufzusuchen, betonte Partick Mathys vom BAG. Die Situation in Mexiko sei weiterhin nicht überblickbar. Man wisse auch nicht genau, wann die Übertragungen in Mexiko begonnen haben. Es sei jedoch davon auszugehen, dass weitere Fälle in die Schweiz eingeschleppt werden. Aber ansteckend seien nur Personen, die sich in den letzten sieben Tagen angesteckt hätten.

Patient ist verärgert

Der Chefarzt des Spitals Baden, Jürg Beer, bedauert die Panne der vorzeitigen Entlassung. Dem Patienten gehe es sehr gut. Er fühle sich gesund. Er sei einfach «ein bisschen verärgert», so Beer. Am Freitag hätten sich bereits in Mexiko die ersten Symptome gezeigt, am Samstag sei er nach Hause geflogen. Am Montag ging der 19-Jährige zum Hausarzt, der das Kantonsspital Baden informierte. Dort wurde er eingeliefert. Der junge Mann erhält nun am vierten Tag Tamiflu.

Das Tracing der Kontaktpersonen wurde gemacht. Elf Personen des Spitals wurden nach Hause geschickt. Ihnen wurde empfohlen, Tamiflu prophylaktisch einzunehmen. Die Personen, die ausserhalb des Spitals Kontakt mit dem Infizierten hatten, werden ebenfalls gesucht. Bisher seien 13 solche Personen eruiert worden. Sie werden ebenfalls zu Hause unter Quarantäne gestellt und erhalten Tamiflu, so Beer.

Internationales Tracing der Kontaktpersonen läuft

Der Hausarzt habe sehr gut reagiert, sagt auch der Aargauer Kantonsarzt, Martin Roth. Der Hausarzt habe den kantonsärztlichen Dienst am Montag informiert. Gestern Nachmittag habe er als Kantonsarzt telefonisch die Meldung über das negative Resultat bekommen. Daraufhin wurde der Patient entlassen.

Laut Zeltner ist der junge Mann über Philadelphia nach Zürich geflogen. Jetzt müssen die Personen, die sich mit ihm im Flugzeug befanden, gesucht und informiert werden. Bei ihnen werden ebenfalls die Massnahmen Isolation und Tamiflu ergriffen. Dieses Tracing sei heute Morgen gestartet worden. «Ende gut, alles gut», meint Zeltner.

Gestern teilte der Kanton Aargau noch mit, dass sich bei einem Patienten im Spital Baden der Verdacht auf Schweinegrippe nicht bestätigt habe. Inzwischen ist der junge Mann wieder im Isolationszimmer. Das Spital hatte den Laborbefund aus Genf falsch interpretiert und den Mann zu früh entlassen.

Eine erfahrene Infektiologin habe die Entlassung angeordnet. Sie habe nicht gewusst, dass noch ein Test ausstehe, so Beer. Es habe einen negativen Influenza-Test gegeben. Die Umgebung sei zu 99,9 Prozent nicht gefährdet gewesen. Der Test an sich sei nicht neu, nur die virale Gen-Information, so Beer.

Test in Entwicklung

Laut Mathys vom BAG liege seit gestern nun ein Test vor, der erlaube zu sagen, ein positiver Test sei tatsächlich positiv, und ein negativer Test wirklich negativ. In einigen Tagen erreiche der Test eine Genauigkeit von 99 Prozent. Eine hundertprozentige Sicherheit sei nicht möglich.

Das Labor habe dem BAG gesagt, dass es bis zu 15 Tage brauche, um einen solchen Test zu entwickeln und zu validieren. Bei der Reanalyse der ersten Ergebnisse des Patienten in Baden sei es zu einem positiven Resultat gekommen, so Mathys. Das Spital Baden habe gar nicht wissen können, dass noch am gleichen Tag ein zweiter Test vorliegen würde.

Schweiz ergreift keine weiteren Massnahmen

Der Grund für die Erhöhung der Pandemie-Stufe auf 5 durch die WHO ist laut Zeltner damit begründet, dass auch in den USA Mensch-zu-Mensch-Übertragungen stattgefunden haben. Damit haben in einer Region zwei Länder Infektionsherde. Wenn auf anderen Kontinenten ebenfalls solche Infektionsherde auftreten würden, müsste man von einer Pandemie, sprich Stufe 6, sprechen.

Wenn die WHO Stufe 5 ausrufe, gelte das für alle Länder. Gestern habe der Bund mit der Stufe 4 zwei Massnahmen getroffen: Einen Sonderstab eingesetzt und dem Departement des Innern (EDI) die Federführung übergeben. Heute Morgen habe die erste Sitzung des Sonderstabs Pandemie stattgefunden, so Zeltner. Dabei sei es um den Informationsaustausch gegangen. Alle Departemente ausser dem Finanzdepartement seien vertreten gewesen. Zudem waren zwei Vertreter der Kantone anwesend. Weitere Massnahmen seien durch die Änderung der Stufe durch die WHO in der Schweiz jetzt nicht nötig.

Grund für unterschiedliche Sterblichkeit noch nicht klar

Es sei besorgniserregend, wie schnell sich die Krankheit ausbreitet, so Zeltner. Die WHO wolle sich noch nicht festlegen, wie die länderspezifischen Unterschiede in der Sterblichkeit zu erklären seien. Es sei zu früh zu sagen, dass die Sterblichkeit der Schweinegrippe geringer sei als bei der Vogelgrippe, sagte Zeltner.

Derzeit sei die Schweinegrippe nicht aggressiver als eine saisonale Grippe, so Zeltner. Deshalb würden auch die üblichen Hygienemassnahmen wie Händewaschen ausreichen. Die zusätzlichen Vorsichtsmassnahmen ergeben sich daraus, dass man verhindern will, dass sich neue Personen infizieren.

(mdr)