Erstes Interview

19. September 2011 12:55; Akt: 19.09.2011 14:16 Print

Gebt DSK einen Oscar!

von Karin Leuthold - Im ersten Live-Interview seit seiner Freilassung wirkte Dominique Strauss-Kahn angespannt, seine Aussagen wie stundenlang eingeübt. Doch dann wechselte er das Thema. Eine Analyse.

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Nach der Gegenüberstellung mit Tristane Banon verlässt DSK das Poliziegebäude lächelnd. Banon äusserte sich später bei TF1 zur Gegenüberstellung. Unzählige Journalisten und Kameraleute hatten ihm aufgelauert. Die Gegenüberstellung dauerte 2 1/2 Stunden. Banon wirft dem Ex-IWF-Chef versuchte Vergewaltigung vor. Im Februar 2003 soll er bei einem Interview versucht haben, sie zu vergewaltigen. Banon wirkt bei dem Gespräch zwar angespannt, gelegentlich aber kommt ein Lächeln über ihre Lippen. Sie ist mit ihrem Anwalt David Koubbi im Studio. Tags zuvor hatte Dominique Strauss-Kahn in einer Live-Sendung des Fernsehsenders TF1 erstmals öffentlich Stellung zu den Vorwürfen des New Yorker Zimmermädchens Nafissatou Diallo genommen. Kurz stellte er dabei auch seine Sicht der Dinge im «Fall Banon» dar. Dabei bezeichnete der 62-Jährige seinen sexuellen Kontakt mit der Hotelangestellten als «eine unangemessene Beziehung» und einen «moralischen Fehler». Es habe aber weder «Gewalt, Zwang noch Aggression» gegeben. Das Verfahren gegen den früheren IWF-Chef wurde am 23. August 2011 eingestellt. Dem Franzosen war vorgeworfen worden, am 14. Mai 2011 eine Hotelangestellte des New Yorker Nobelhotels Sofitel vergewaltigt zu haben. Bild: Dominique Strauss-Kahn (2.v.r.) mit seiner Ehefrau Anne Sinclair auf dem Weg zum Gericht. Der Fall war Aufsehen erregend. Strauss-Kahn musste beim IWF zurücktreten und seine Kandidaturpläne für die französischen Präsidentschaftswahlen aufgeben. Grund für die Einstellung des Verfahrens war die fehlende Glaubwürdigkeit des Opfers Nafissatou Diallo (Bild). Dennoch hat der Franzose weitere Klagen am Hals: Diallo verklagte ihn am 8. August auf Schadensersatz in unbekannter Höhe. Auch die Französin Tristane Banon hat Dominique Strauss-Kahn angezeigt. Er habe sie im Jahr 2003 zu vergewaltigen versucht. Frauenorganisationen protestieren gegen den Entscheid. Die Botschaft ist deutlich.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Der frühere Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF), Dominique Strauss-Kahn, nahm am Sonntag in einer Live-Sendung des Fernsehsenders TF1 erstmals öffentlich Stellung zu den Vorwürfen des New Yorker Zimmermädchens Nafissatou Diallo. Dabei bezeichnete der 62-Jährige seinen sexuellen Kontakt mit der Hotelangestellten als «eine unangemessene Beziehung» und einen «moralischen Fehler». Es habe aber weder «Gewalt, Zwang noch Aggression» gegeben.

Wer das Interview am Fernsehen verfolgte, konnte zwei Erkenntnisse daraus ziehen. Erstens: Man weiss kein bisschen mehr über den Fall, als man bereits in den letzten vier Monaten aus amerikanischen oder französischen Medien erfahren hat. Strauss-Kahn gab keine neuen Details bekannt, und die Moderatorin Claire Chazal – eigentlich eine erfahrene Frau im französischen TV – versäumte die Chance, den ehemaligen Spitzenpolitiker mit Gegenfragen zu «grillen». DSKs Aussagen akzeptierte sie jeweils mit einem Nicken, Kritik gab es keine.

Ein eingeübtes Theaterspiel

Die zweite Schlussfolgerung lautet: Dominique Strauss-Kahn ist ein grossartiger Schauspieler. Der Mann kann mit Betonungen, Pausen und vor allem mit gesenkten Blicken umgehen wie ein Meister. Besonders beim Satz «Es war ein Versagen, ein Versagen gegenüber meiner Frau, meinen Kindern und Freunden, aber auch ein Versagen gegenüber dem französischen Volk, das seine Hoffnungen auf einen Wandel auf mich gesetzt hatte» kam der einfühlsame DSK zum Vorschein.

Seine Aussagen wirkten wie auswendig gelernt. Er selber meinte, mit der schlimmen Erfahrungen der letzten Monate habe er «die Leichtigkeit für immer verloren» – und bot paradoxerweise ein melodramatisches Schauspiel erster Klasse. Er habe «grossen Respekt vor Frauen», versicherte er. Auffallend war vor allem, dass der 62-Jährige während des knapp 23 Minuten langen Interviews mehrmals das Wort «regret» (Bedauern) benutzte, aber kein einziges Mal von «excuse», von Entschuldigung sprach. Wenn er etwas bedauere, dann sein «verpasstes Rendez-vous mit dem französischen Volk».

Zum Abschied die Augen zu

Doch dann verliessen ihn die Emotionen, und DSK steigerte sich in die Rolle des Politikers hinein. Ab dem Augenblick, an dem Chazal über seine Chancen als Kandidat der Linken und die Wirtschaftskrise zu sprechen kam, nahm Strauss-Kahn eine andere Haltung ein. Er glaube nicht, dass «der Euro in Schwierigkeiten» sei, er rate jedoch, «jetzt sofort etwas zu unternehmen», um die europäische Krise zu bekämpfen.

Zum Schluss nutzte Strauss-Kahn die letzten Sekunden erneut, um die Rolle des Buben einzunehmen, der bei einem Streich erwischt worden war. Er liess sekundenlang seine Augen zufallen, während die Kamera das erbärmliche Bild langsam ausblendete.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Bruno am 19.09.2011 13:24 Report Diesen Beitrag melden

    Erwischt!

    Jetzt hat es ihn einmal bei etwas, dass bei ihm bestimmt wöchentlich mehrfach passiert, unschön erwischt und schon macht er auf "moralischen Fehler", etc. Hätte es ihn nicht erwischt, würde er genau gleich weitermachen wie vorher. Nämlich rummachen bis zum abwinken, so wie sehr, sehr, sehr viele Männer. Nun wartet er eine Weile ab, zügelt sich ein wenig und macht dann, wenn Gras über die Geschichte gewachsen ist, genau gleich weiter und hofft, dass es ihn nicht mehr erwischt.

  • Wilbur am 19.09.2011 13:06 Report Diesen Beitrag melden

    naja

    der beitrag klingt so als wäre die schreiberin von schuld dsk's überzeugt. entsprechend eintönig und undifferenziert liest sich das ganze. ich meine aus welchem grund sollte er sich dafür entschuldigen? er wurde doch freigesprochen. man sollte nicht vergessen, dass es durchaus vorkommt, dass einem mann eine vergewaltigung untergeschoben wird.

  • G. Utso am 19.09.2011 13:55 Report Diesen Beitrag melden

    Schauspieler - Kampf um seine Rechte!

    Unglaublich wie man so einen Mann einfach einsperren kann. Wem glaubt man den eher? Einem Zimmermädchen in einem Hotel, oder einem mächtigen Mann? Vorallem, Schauspieler? Wohl eher ein Mann, der für seine Rechte einsteht! Hier riechts sehr, sehr, sehr, sehr nach in die Schuhe schieben!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Peter Frei am 19.09.2011 16:59 Report Diesen Beitrag melden

    Antwort an Nina

    "Extrem interessiert" wären Sie, wenn Sie die wissenschaftliche Literatur zu dem Thema studiert hätten. Von dort stammt die von mir genannte Zahl. Das Web ist voll von entsprechenden Beiträgen; suchen müssen Sie diese allerdings schon selber.

  • Peter Frei am 19.09.2011 15:39 Report Diesen Beitrag melden

    Ein Umdenken bahnt sich an

    Toll, dass DSK zur besten Sendezeit von TF1 genug Raum gelassen wurde, zu diesem heiklen Thema Stellung zu beziehen! Der "Missbrauch mit dem Missbrauch", um den es sich hier handelte, wird leider immer noch von den hiesigen Medien unter den Tisch gewischt, resp. wird ständig ohne das nötige Fachwissen lamentiert. Denn die Fakten sind klar: 97 % der Missbrauchs-Vorwürfe stellen sich als nicht haltbar heraus. Namen wie Strauss-Kahn oder Kachelmann bürgen dafür, dass sich langsam aber sicher ein Umdenken in die richtige Richtung anbahnt.

    • Nina am 19.09.2011 16:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      97%???

      Es würde mich ja extrem interessieren, woher Sie diese Prozentzahl nehmen, Herr Frei..

    einklappen einklappen
  • Lorenzo am 19.09.2011 14:15 Report Diesen Beitrag melden

    Polemik à la 20min

    Lieber Redakteur/in, warum sollte er sich entschuldigen? Das Verfahren wurde eingestellt, er nicht als schuldig befunden. Bei einer Anklage ist der Mann auch sofort schuldig, ganz egal wie das Gericht schlussendlich entscheidet. Der Ruf und die Karriere dieses Mannes wurden zerstört. Diese, womöglich verzweifelten Rettungsversuche sind verständlich, und stellen keineswegs ein Schuldgeständnis dar.

  • G. Utso am 19.09.2011 13:55 Report Diesen Beitrag melden

    Schauspieler - Kampf um seine Rechte!

    Unglaublich wie man so einen Mann einfach einsperren kann. Wem glaubt man den eher? Einem Zimmermädchen in einem Hotel, oder einem mächtigen Mann? Vorallem, Schauspieler? Wohl eher ein Mann, der für seine Rechte einsteht! Hier riechts sehr, sehr, sehr, sehr nach in die Schuhe schieben!

  • Bruno am 19.09.2011 13:24 Report Diesen Beitrag melden

    Erwischt!

    Jetzt hat es ihn einmal bei etwas, dass bei ihm bestimmt wöchentlich mehrfach passiert, unschön erwischt und schon macht er auf "moralischen Fehler", etc. Hätte es ihn nicht erwischt, würde er genau gleich weitermachen wie vorher. Nämlich rummachen bis zum abwinken, so wie sehr, sehr, sehr viele Männer. Nun wartet er eine Weile ab, zügelt sich ein wenig und macht dann, wenn Gras über die Geschichte gewachsen ist, genau gleich weiter und hofft, dass es ihn nicht mehr erwischt.