Tibet

05. Juli 2008 17:34; Akt: 06.07.2009 12:51 Print

Heiliger im Exil

von Daniel Huber - Der Dalai Lama: Ein Teufel für das kommunistische Regime in Peking, spirituelles und politisches Oberhaupt für viele Tibeter, eine Art populärer Guru für manche Westler. Am 6. Juli 2009 wird «seine Heiligkeit» 74.

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Der Bauernsohn Lhamo Dhondrub, geboren am 6. Juli 1935 im nordosttibetischen Dorf Taktser, wird mit zwei Jahren als Wiedergeburt seines 1933 verstorbenen Vorgängers Thubten Gyatso entdeckt. Der Junge erkennt spontan Gegenstände, die dem 13. Dalai Lama gehört hatten. Er wird in den Potala-Palast in Lhasa gebracht und von buddhistischen Mönchen erzogen. Am 22. Februar 1940 wird er als 14. Dalai Lama (mongolisch: «Ozean des Wissens») inthronisiert. Mit seinem Mönchsnamen heisst er Tenzin Gyatso. Ein Halbgott mit Familie: Der 14. Dalai Lama (3. v. r.) mit seiner Mutter, links, und seinen Geschwistern während eines Besuchs in Neu Delhi, Indien, 1956. 1951 okkupiert China ganz Tibet. 1954 begibt sich der Dalai Lama nach Peking, um mit Mao Tse-Tung über eine friedliche Beilegung des Tibet-Konflikts zu beraten - ohne Erfolg. Der Dalai Lama mit 22 Jahren. Fast so smart wie Richard Gere: Portrait des 14. Dalai Lama in den 50er Jahren. Nach dem gescheiterten grossen Aufstand in Tibet 1959 flüchtet der Dalai Lama nach Indien ins Exil. Bild: Der Dalai Lama (6.v.l.) im Himalaya inmitten seiner Leibwächter. Am 21. März 1959, am vierten Tag seiner Flucht ins Exil nach Indien, passiert er (auf dem weissen Pferd) den Zsagola Pass im südlichen Tibet. Der Dalai Lama erreicht nach seiner Flucht Mussoorie in Indien. In Dharamsala (Himachal Pradesh) hält er sich seitdem auf. Der indische Premierminister Nehru (l.) gewährt dem Dalai Lama im April 1959 Asyl in Indien. Von Indien aus setzt sich der Dalai Lama in der Folge für die Unabhängigkeit Tibets von der Volksrepublik China ein. 1982 trifft der Dalai Lama das Oberhaupt der katholischen Kirche, Johannes Paul II. Am 10. Dezember 1989 erhält der Dalai Lama den Friedensnobelpreis. (Bild: Der Dalai Lama 2008) Der Dalai Lama 1999 mit Hollywood-Star Richard Gere. Und im Juni 2000 mit US-Präsident Bill Clinton im Weissen Haus. Seine Heiligkeit besucht im August 2005 die Schweiz. Der Einsiedler Abt Martin Werlen erhält von ihm einen Glücksschal. Im Mai 2008 erhält der Dalai Lama die Ehrendoktorwürde der London Metropolitan University. Es ist nicht die erste. Der Dalai Lama hat für Tibet eine demokratische Verfassung verkündet, die ihm selbst - sollte sie jemals in Kraft treten - hauptsächlich repräsentative Pflichten übertragen würde. Der Dalai Lama ist politisch ein Teil der tibetischen Exil-Regierung und wird von der Volksrepublik China als Separatist betrachtet. Als oft in den Medien präsente Figur wirbt der Dalai Lama stets für eine Verbesserung der Lage in seinem okkupierten Heimatland - wobei er nur friedliche Methoden akzeptiert. «Lerne die Regeln, damit du weisst, wie du sie brichst», ist eines der vielen Zitate aus seinem Mund. Sein Witz und mehr noch sein Charme haben den Dalai Lama zu einer populären Figur gemacht.

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Der kleine Junge war erst zwei Jahre alt, als zwei Mönche in ihm die 14. Reinkarnation des Dalai Lama erkannten — ein Ereignis, das sein Leben endgültig und radikal ändern sollte. Danach «waren wir keine gewöhnliche Familie mehr, in der sich die Geschwister gegenseitig necken, in der die Kinder gemeinsam herumrennen und miteinander spielen», sagte seine Schwester Jetsun Pema dem deutschen Magazin «Gala». «Es war ihm nicht erlaubt herumzutollen.»

Inthronisierung mit viereinhalb Jahren

Aus dem Bauernjungen Lhamo Dhondrub wurde der Mönch Tenzin Gyatso; mit vier Jahren verliess er sein Heimatdorf Takster in der nordosttibetischen Provinz Amdo und zog in die Hauptstadt Lhasa, wo er fortan im Potala wohnte, dem Palast mit den 1000 Zimmern.

Hier übernahmen buddhistische Mönche seine Erziehung und Ausbildung. Am 22. Februar 1940 wurde er feierlich als 14. Dalai Lama, Nachfolger des 1933 verstorbenen Thubten Gyatso, inthronisiert.

«Ozean der Weisheit»

Der Dalai Lama (mongol. «Ozean der Weisheit») ist in spiritueller Hinsicht eine Inkarnation von Avalokiteshvara, dem Bodhisattva (Erleuchtungswesen) des Mitgefühls und Schutzpatron Tibets.
In politischer Hinsicht obliegt dem Dalai Lama die Führung des tibetischen Staatswesens. Dem gegenwärtigen Dalai Lama wurde die weltliche Herrschaft am 17. November 1950 übertragen — früher als sonst üblich, denn in dieser Zeit erfolgte die Besetzung Tibets durch die chinesische Volksbefreiungsarmee.

Flucht ins Exil

Mit den ganz und gar nicht spirituellen chinesischen Machthabern, die von nun an in Tibet das Sagen hatten, versuchte sich der Dalai Lama vergeblich zu arrangieren. 1954 reiste er zu Mao Zedong nach Peking, um die dort die Sache Tibets zu vertreten.

1959 entlud sich schliesslich die tibetische Wut über die chinesische Fremdherrschaft in einem blutigen Aufstand. Der Dalai Lama floh über den Himalaya ins Exil — seither beschränkt sich seine weltliche Macht auf die Führung der tibetischen Exilregierung im indischen Dharamsala, dem «kleinen Lhasa».

Nobelpreis

1963 verkündete der Dalai Lama schliesslich eine Verfassung, die auf demokratischen Prinzipien fusst und ihm als Staatsoberhaupt vornehmlich repräsentative Funktionen zuweist — sollte sie denn jemals in Tibet in Kraft treten.

Sein unablässiges Eintreten für eine gewaltfreie Veränderung der Lage Tibets — nicht immer zur Freude der militanteren Fraktion der tibetischen Patrioten — wurde 1989 mit dem Friedensnobelpreis honoriert. In diesem Jahr kam es in Tibet zu blutigen Protesten gegen die chinesische Zentralmacht, die umgehend das Kriegsrecht verhängte.

Im Dienste Tibets

Mittlerweile ist der Dalai Lama über 70 Jahre alt. Aber immer noch stellt er seine Kräfte unablässig in den Dienst der tibetischen Sache. Als Kopf einer nahezu machtlosen Exilregierung hat er sich darauf verlegt, die öffentliche Meinung für die Belange Tibets zu mobilisieren. Dabei weiss sich seine Heiligkeit geschickt der Medien zu bedienen, und seine Popularität zumal im Westen ist enorm.

Der lange Arm Pekings aber sorgt dafür, dass dem Dalai Lama manche Tür verschlossen bleibt. Obwohl er für Tibet lediglich eine Autonomie innerhalb Chinas anstrebt, und nicht eine völlige Lösung des Landes aus dem chinesischen Staatsverband, wird er von der chinesischen Führung als «separatistischer Teufel» gebrandmarkt. Und da das wirtschaftliche und politische Gewicht Chinas immer mehr zunimmt, sind nur wenige westliche Regierungen bereit, mehr als Lippenbekenntnisse für die Freiheit Tibets zu leisten.

Quelle: Wikipedia.org